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Werk der Woche – Jörg Widmann: Zeitensprünge

Auf eine stolze Geschichte von 450 Jahren blickt die Staatskapelle Berlin zurück. 1570 wurde sie als “Kurfürstliche Hofkapelle” erstmals urkundlich erwähnt. Für den Festakt am 11. September 2020 hat das Orchester Jörg Widmann mit der Komposition eines neuen Werks beauftragt. Zeitensprünge heißt die neue Komposition, die nun unter der Leitung von Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt wird. 

Auf musikalische Zeitreisen und auf stilistische Seitensprünge verweist Widmann mit seinem vielsagenden Titel. Denn in Zeitensprünge nimmt er immer wieder die Ästhetik verschiedener Epochen in der Geschichte des Orchesters in den Blick: Gleich am Anfang spielt ein Ensemble hinter der Bühne einen Renaissance-Tanz, etwa im Stil von Tilman Susato. Erst nach dem die Musizierenden nach und nach die Bühne betreten, wird das Dirigieren “erfunden” und ein Konzert nach heutigem Verständnis entspinnt sich.

Jörg Widmann – Zeitensprünge: ein Konzert für Orchester en miniature


Auf 450 Takte, symbolisch für das Alter des Orchesters, und damit 10 Minuten Spielzeit beschränkt sich Widmann. Doch darin verbirgt sich ein vielgestaltiges und vollgültiges Konzert für Orchester. Alle Instrumentengruppen erhalten Solopassagen, es gibt Teilensembles wie Fanfaren, mittelalterliche Bläsermusik und Gamben-Consorts sowie eine Fülle musikalischer Formen bis hin zum Kanon, der wie keine andere den Einklang der Vielen symbolisiert. 
Wenn ich vor dem Notenblatt sitze, denke ich nicht unaufhörlich: Du musst etwas Neues erfinden. Überhaupt nicht. Ich habe viele Harmonien im Kopf, die es noch nicht gab, Zusammenklänge, Kombinationen. Mein Problem ist es, dafür eine Form zu finden. Ich bin in einer Phase, wo ich mir neue Formen erkämpfe. - Jörg Widmann


Fotos: Marco Borggrve, Adobe Stock / spuno

Werk der Woche – Christian Jost: Concerto noir redux

Das Konzerthaus Berlin feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass hat Christian Jost ein neues Violinkonzert geschrieben. Beim Musikfest Berlin wird das Concerto noir redux nun uraufgeführt. Solist am 6. September ist Christian Tetzlaff. Das Konzerthausorchester Berlin begleitet ihn unter der Leitung von Christoph Eschenbach.

Ursprünglich sollte Josts zweites Violinkonzert den gleichen Titel tragen wie seine Oper “Reise der Hoffnung - Voyage vers l'espoir”. Nachdem die Proben zu ihrer Uraufführung in Genf im März abgebrochen werden mussten, orientierte sich Jost bei der Komposition um. Nun sollte das Konzert der neuen Situation, dem Shutdown und der Corona-Krise Rechnung tragen.

Christian Jost – Concerto noir redux: Violinkonzert aus dem Shutdown


Nicht nur der Grundcharakter wurde ein anderer, auch die Orchesterbesetzung musste verkleinert werden. So gibt es nun ein Concerto noir und die reduzierte Fassung Concerto noir redux

Normalerweise komponiere ich mit einer klaren Vorstellung der Form und des Klanges, also des kompletten strukturellen Verlaufs der Komposition. Nicht so bei diesem Werk. Die Idee des unmittelbaren Anfangs, dass sich aus dem Unisono der ersten Violinen mit der Solostimme, diese herauslöst, war meine einzige Vorgabe. Von dort ausgehend sollte das Werk quasi übernehmen und die Komposition leiten. So entstand eine einsätzige organische Struktur, die von drängenden rhythmischen Zellen geprägt und mit nur einer Tempoangabe versehen ist: Viertel 76 espressivo. Die Komposition vollendete ich quasi mit dem Ende des Shutdowns und da diese in Farbe und Ton eher ein dunkel gefärbtes Werk entstehen ließ, schien mir der Titel “Concerto noir“ perfekt.  Christian Jost

Illustration: Adobe Stock / lakkot, Joe Quiao

Werk der Woche – György Ligeti: Kammerkonzert

Bei allen stilistischen Wandlungen, die György Ligeti als Komponist von den 1940er bis in die 2000er Jahre durchlebt hat, ist die konzentrierte Form doch stets sein Erkennungszeichen. Den Prototyp dafür finden wir mit dem Kammerkonzert in der Mitte seines Schaffens. Vor genau 50 Jahren, am 5. April 1970 brachten Friedrich Cerha und sein Ensemble “die reihe” die ersten beiden Sätze in Baltimore zur Uraufführung. Satz III folgte im Mai in Wien, Satz IV im Oktober desselben Jahres in Berlin. 

Das Kammerkonzert steht mit seiner Besetzung für 13 Instrumentalisten zwischen solistischer Kammermusik und sinfonischer Klangfülle. Mal gelingt es Ligeti Klangfelder von orchestraler Dichte zu komponieren, mal treten die einzelnen Instrumente solistisch hervor: mit exponierten Melodielinien, die an Schönbergs und Bergs melodisch-expressive Zwölftontechnik erinnern, oder auch mit quasi kadenzierenden Soloepisoden als Ausbruch aus dem metrischen Gefüge des Ensemblespiels, wobei die einzelnen Instrumentalisten als virtuos aufspielende Solisten hervortreten.

György Ligeti – Kammerkonzert: vom Misserfolg zum Standardstück


Das viersätzige Werk ist insofern ein Konzert, als alle 13 Spieler gleichberechtigt sind und virtuose solistische Aufgaben haben. Es handelt sich also nicht um ein Wechselspiel von Soli und Tutti, sondern um ein konzertantes Miteinander aller. Die Stimmen verlaufen stets gleichzeitig, doch in verschiedenen rhythmischen Konfigurationen und meist in verschiedenen Geschwindigkeiten. [...] Das Kammerkonzert, das komplett 1970 uraufgeführt wurde, war ein totaler Misserfolg. Kritiker haben geschrieben, nach dem 2. Streichquartett sei dieses Werk ein großer Rückschritt. Im Laufe der Zeit wurde das Kammerkonzert von verschiedenen Ensembles mehrfach gespielt. Jetzt ist es wahrscheinlich ein Standardstück, weil die Besetzung günstig für solche Formationen wie zum Beispiel das Asko-Ensemble ist. Alle diese Dinge weiß der Komponist nicht im Voraus. - György Ligeti

Ligetis 100. Geburtstag am 28. Mai 2023 mag noch weit entfernt scheinen, dennoch möchten wir Sie dazu einladen, seine Musik im Hinblick darauf näher kennenzulernen. Dazu haben wir eine ausführlich kommentierte Playlist für Sie erstellt, die Sie über den unten stehenden Link erkunden können.

Werk der Woche – Hans Werner Henze: The Bassarids (Die Bassariden)

Da zurzeit nahezu alle Opern- und Konzerthäuser der Welt geschlossen sind, richten wir in dieser Woche den Blick auf eine aktuelle Inszenierung von Hans Werner Henzes The Bassarids – Die Bassariden. Die Produktion der Komischen Oper Berlin ist als kostenloses Video on Demand bei OperaVision zu sehen. Die Kritiken zur Inszenierung von Barry Kosky und musikalischen Umsetzung durch Vladimir Jurowski waren herausragend; es ist also eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Tiefen dieses epochalen Meisterwerks ausgiebig zu erkunden.  Das Video finden Sie am Ende dieser Seite. 

Die Handlung orientiert sich an den Bakchen des Euripides. Das Libretto entstammt der Feder von W. H. Auden und Chester Kallman. Bei seinem Antritt der Herrschaft über Theben spricht Pentheus zuallererst ein Verbot des Dionysos-Kultes aus. Wie sich später herausstellt, hat Pentheus diese Rechnung jedoch ohne Dionysos gemacht. Dieser kommt nämlich in Gestalt eines Fremden nach Theben und stiftet Pentheus zur heimlichen Beobachtung der nächtlichen Riten an. Dabei wird der Herrscher Thebens in Frauenkleidung durch seine eigene Mutter, Agaue, erschlagen, die ihn für ein wildes Tier hält. Das grausame Erwachen folgt am nächsten Morgen: Erst jetzt realisiert Agaue ihre Tat. Dionysos zeigt seine wahre Identität, enthüllt den vollzogenen Plan als Racheakt an Pentheus und verlangt die bedingungslose Verehrung durch das Volk von Theben.

[caption id="attachment_70475" align="aligncenter" width="600"] Hans Werner Henze (rechts) mit Regisseur Gustav Rudolf Sellner (links) und den Librettisten Chester Kallman und W. H. Auden bei der Uraufführung von "Die Bassariden" 1966 in Salzburg [Foto: Heinz Köster][/caption]

Hans Werner Henze: The Bassarids – Pole der menschlichen Existenz


Der Einakter besteht aus zwei Teilen und ist formal an eine viersätzige Symphonie angelehnt. Die große Besetzung, Komplexität des Librettos und vielschichtige musikalische Faktur machen die Aufführung von The Bassarids zu einem ambitionierten Projekt. Mit Dionysos und Pentheus stehen sich zwei Pole der menschlichen Existenz gegenüber, die auf der Grundlage des antiken Stoffes zahlreiche Bezüge zur Gegenwart zulassen.
Die Bassariden, die ich heute viel besser verstehe und die ich viel mehr liebe als damals, als ich sie schrieb, für mich bedeuten sie heute mein wichtigstes Theaterwerk. Interessant und modern und uns angehend und eigentlich auch die Jahre um 1968 angehend sind eben die Fragen: Was ist Freiheit, was ist Unfreiheit? Was ist Repression, was ist Revolte, was ist Revolution? All das wird eigentlich bei Euripides gezeigt, angedeutet, angeregt. Die Vielzahl, der Reichtum der Beziehungen, der greifbar-sensuellen Beziehungen zwischen dieser Antike, dieser Archais, und uns wird durch den Auden’schen Text hergestellt, und Euripides wird herangezogen in unsere Zeit, und zwar in einer Weise, wie es auch die brillanteste Regie mit dem griechischen Original nicht machen könnte, bei dem eben immer die Distanz zu einer anderen und lang zurückliegenden Zivilisation sich manifestiert. – Hans Werner Henze

Das Video on Demand ist noch bis zum 13. April zu sehen, eine letzte Aufführung der Produktion an der Komischen Oper Berlin ist für den 26. Juni geplant.     

Foto: © Komische Oper Berlin / Monika Rittershaus

Werk der Woche – Kurt Weill: Die sieben Todsünden

Die sieben Todsünden ist eines der bekanntesten Werke von Kurt Weill. Am 21. September ist das gemeinsam mit Bertolt Brecht verfasste "Ballet Chanté" erstmals in einer neuen Fassung mit einem kleinen, 15 Instrumente umfassenden Ensemble zu hören. Sarah Maria Sun in der Rolle der Anna steht an der Seite des Ensemble Modern unter der Leitung von HK Gruber auf der Bühne beim Beethovenfest Bonn. Gruber hat die neue Instrumentierung gemeinsam mit Christian Muthspiel in Zusammenarbeit mit der Kurt Weill Foundation und Schott Music verfasst.


Brechts Text ist nicht in seiner Zeit gefangen, sondern sehr aktuell. Heute sind "Die sieben Todsünden" als Manifest gegen den entfesselten, männerdominierten Kapitalismus zu verstehen und sie sind ein gefährliches Stück – für die Kapitalisten. Denn hier offenbart sich die Funktionsweise unserer Welt. Das Werk sagt uns heute noch viel mehr als vor 20 oder 30 Jahren. (HK Gruber)

Die sieben Todsünden: Ein ikonisches Werk in neuer Instrumentierung


Auf Anregung der Kurt Weill Foundation for Music stellt die neue Gruber/Muthspiel-Fassung bietet eine Möglichkeit für kleine Ensembles, Theater und Tanzcompagnien dar, Die sieben Todsünden auf die Bühne zu bringen. Das Stück ist nun auch für singende Schauspielerinnen in den Hauptrollen zu bewältigen. So eröffnen sich neue Möglichkeiten, diesen modernen Klassiker in kreativen Produktionen und an neuen Spielorten zu entdecken. Anna I und Anna II (eine oder zwei Sopranistinnen) der neuen Fassung werden von einem Männer-Vokalquartett und einem wie folgt besetzten Ensemble begleitet:

1 (auch Picc.) · 0 · 2 · 1 - 1 · 1 · 1 · 0 - S. (P. · Beck. · Tamt. · 3 Tomt. · gr. Tr. mit Beck.) (1 Spieler) - Klav. · Banjo (auch Git.) - Str. (1 · 1 · 1 · 1 · 1)

Spätestens seit seinem weltweit erfolgreichen Dreigroschenoper-Album mit dem Ensemble Modern vor 20 Jahren ist HK Gruber einer der prominentesten Weill-Interpreten. Die neue Fassung zeigt sein tiefes Verständnis von Weills Kompositionsweise und bleibt der Originalversion treu. Unter Beibehaltung der Tonarten bewahren die Bearbeiter die charakteristischen Klangfarben und den dramatischen Zugriff der Version mit großem Orchester.

Im Oktober gehen Ute Lemper und die Kammerakademie Potsdam mit der Originalfassung von Die sieben Todsünden auf Tournee. Unter anderem gastieren sie in der Tonhalle Düsseldorf, der Elbphilharmonie Hamburg, der Alten Oper Frankfurt, in Nikolaisaal Potsdam und in der Berliner Philharmonie.
Die vielbeachtete Stuttgarter Produktion aus der vergangenen Spielzeit (Foto) ist ab März 2020 wieder zu sehen. Sie stellte die erste Zusammenarbeit sämtlicher Sparten der Staatstheater nach über zehn Jahren dar. Darin tritt die Elektroclash-Ikone Peaches als Anna auf und ergänzt den Abend mit einer Performance ihrer größten Hits unter dem Motto "Seven Heavenly Sins".

 

Foto: Staatstheater Stuttgart / Bernhard Weis

Werk der Woche - Jörg Widmann: Babylon

Im Rahmen des Festival Présences wird am 16. Februar 2019 die Babylon-Suite von Jörg Widmann im Grand Auditorium de Radio France in Paris aufgeführt. Das Orchestre National de France spielt unter der Leitung von Nicholas Collon. Die Aufführung wird begleitet von Videoinstallationen von Studierenden der École Estienne.

Die Babylon-Suite ist an Widmanns Oper Babylon angelehnt. Sie extrahiert die Essenz der monumentalen und groß besetzten Oper in ein etwa 30-minütiges Werk. Widmann verlegte dabei die Singstimmen nicht einfach in einzelne Instrumentalstimmen, vielmehr ging es ihm darum, den Stimmklang möglichst gut in die Orchestersprache einzupassen, selbst wenn dafür Veränderungen bis hin zur Neukomposition nötig waren. Die Suite ist von einem vielfältigen und großen Schlagwerkapparat geprägt und verbindet ganz verschiedene musikalische Elemente wie lyrische Melodien, majestätische Hymnen und volkstümliche Marschmusik.

Jörg Widmann – Babylon-Suite: Schwesterwerk der Oper


Die Oper Babylon basiert auf einem Libretto des Kulturwissenschaftlers und Philosophen Peter Sloterdijk. Zusammen mit Widmanns Musik entsteht eine ganz eigene Interpretation des biblischen Mythos über die Stadt Babylon, die den Fokus nicht auf den Turmbau und die göttliche Strafe dafür legt. Stattdessen setzt sie sich mit dem Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in der Stadt und deren gesellschaftlicher Ordnung auseinander.

Protagonist der Oper ist Tammu, ein Jude im babylonischen Exil, der sich in der Fremde aber gut eingelebt hat. Er ist gefangen zwischen zwei unterschiedlichen Frauen: Die Seele, seine jüdische Gefährtin, liebt er wie eine Schwester, von der babylonischen Priesterin Inanna hingegen fühlt er sich sexuell angezogen. Als Tammu als Menschenopfer für die Götter hingerichtet wird, sind beide Frauen in ihrer Trauer verbunden. Inanna gelingt es jedoch, ihren Geliebten Tammu aus dem Totenreich zu retten und dadurch die Grundlage für eine neue gesellschaftliche Ordnung in Babylon zu legen. Denn die Rettung Tammus hat die Sinnlosigkeit von Menschenopfern aufgezeigt.

In den beiden Frauenfiguren spiegeln sich ihre verschiedenen Kulturen wider: die monotheistische und monogame Kultur der jüdischen Bevölkerung, die auch im Exil erhalten bleibt, und die multikulturelle babylonische Kultur, die vielen Göttern und der freien Liebe huldigt. Das zeigt sich besonders stark im fünften Bild, in der die jüdische Bevölkerung einen Klagepsalm anstimmt ("An den Wassern von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten."), während die Babylonier in einer ausgelassenen Zeremonie ihren Göttern huldigen. Widmann vertont diese Stelle als fulminante Steigerung, für die er einen 17-stimmigen Kontrapunkt verwendet und das Orchester in bis zu 70 Stimmen aufteilt.
„Meine Aufgabe als Komponist war es, die widerstreitenden Energien so drastisch wie möglich in ihrer Unterschiedlichkeit zu formulieren und trotzdem eine Möglichkeit zu finden, dass die Szenen ein Ganzes ergeben. Das Bauprinzip der Oper gleicht, beginnend mit einem riesigen Fundament und sich nach oben verjüngend, dem Babel-Turm.“
(Jörg Widmann)

Am 9. März 2019 kommt in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin eine neu überarbeitete Fassung der Oper zur Uraufführung. In der Inszenierung von Andreas Kriegenburg sind dort Mojca Erdmann als Die Seele, Susanne Elmark als Inanna und Charles Workman als Tammu zu sehen, es dirigiert Christopher Ward. Schon einige Tage vorher, am 25. und 26. Februar 2019, stimmt Generalmusikdirektor Daniel Barenboim das Berliner Publikum mit der Babylon-Suite auf die neue Opernproduktion ein. Ob als Oper oder als Suite - der Babylon-Mythos ist in Widmanns Kompositionen lebendig und vermag es, uns zu einem anderen Blick auf unsere heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu verhelfen.

 

 

Foto: Bayerische Staatsoper München / Wilfried Hösl

Werk der Woche: Aribert Reimann – Die schönen Augen der Frühlingsnacht

In die jetzige Winterzeit zaubert der neue Liederzyklus von Aribert Reimann blumige Frühlingsgefühle. Die schönen Augen der Frühlingsnacht wird am 14. Dezember 2017 im Muziekgebouw aan’t IJ in Amsterdam uraufgeführt.

Die schönen Augen der Frühlingsnacht  ist ein Kompositionsauftrag des Muziekgebouw Amsterdam und von Musik 21 Niedersachsen. Es ist speziell für die Sopranistin Mojca Erdmann und das Kuss Quartett geschrieben. Der Zyklus fußt auf Liedern des romantischen Komponisten Theodor Kirchner nach sechs Gedichten von Heinrich Heine. In ihnen dienen Bilder von keimenden und treibenden Pflanzen im Frühling als idealer lyrischer Ausdruck von Liebesgefühlen. Einen Gegensatz zu den sonnigen Gedanken bilden zwei Gedichte, die an einsame winterliche und kalte Momente in der Schneelandschaft erinnern.

Aribert Reimann – Die schönen Augen der Frühlingsnacht: Verbindung von Romantik und Gegenwart


Die Lieder von Theodor Kirchner wurden nie verlegt und sind deswegen so gut wie unbekannt. Reimann verbindet seine Bearbeitung für Singstimme und Streichquartett mit sieben instrumentalen Zwischen-, Vor- und Nachspielen. Dieses Vorgehen ist für Reimann kein Novum: Bei dem Zyklus „…oder soll es Tod bedeuten“ hatte er zuvor Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy für Stimme und Streichquartett bearbeitet und mit sechs eigenen Intermezzi verbunden. Auch dieser Zyklus wird von Mojca Erdmann und dem Kuss Quartett bei dem Konzert der Uraufführung aufgeführt. Zukünftig werden die instrumentalen Teile aus Die schönen Augen der Frühlingsnacht unter dem Titel 7 Bagatellen auch einen eigenständigen Quartettzyklus bilden.
Beim Komponieren habe ich eine Klangvorstellung im Kopf, die ich in Worten nicht ausdrücken kann, einfach weil es keine Worte dafür gibt. Ich kann natürlich einen Klang beschreiben, aber das ist nicht dasselbe. Für mich ist es das Komplizierteste und Allerwichtigste, diesen Klang, den ich in mir höre, dann zu sortieren und zu organisieren.- Aribert Reimann

Im Rahmen der Konzertreihe Musik 21 im NDR  erlebt der Zyklus Die schönen Augen der Frühlingsnacht am 16. Dezember in Hannover seine deutsche Erstaufführung. Weitere Konzerte mit Mojca Erdmann und dem Kuss Quartett folgen am 18. Dezember in Berlin und am 13. Mai 2018 in Zürich.

 

 

Werk der Woche – Enjott Schneider: "Ein feste Burg"

Anlässlich zum 500. Jahrestag der Reformation präsentiert das Bundesjugendballett sein Projekt "Gipfeltreffen – Reformation". Teil davon ist die Choreografie von Zhang Disha auf die symphonische Dichtung Ein feste Burg von Enjott Schneider. Es spielt das Bundesjugendorchester unter der Leitung von Alexander Shelley.



Ein feste Burg aus dem Jahr 2010 basiert auf dem gleichnamigen Choral von Martin Luther. Es ist unklar, ob Luther neben dem Text auch die Melodie dazu geschrieben hat. Doch unbestritten ist es das Lied, dass den Protestantismus verkörpert wie kein anderes. In Schneiders Komposition stellt sich der Beginn düster dar. Nach und nach bildet sich der Cantus firmus heraus. Dieser wird inmitten des zunehmend stürmischeren Orchestersatzes mit Gegenthemen verwoben, bis man schließlich Anklänge an ein Kampflied vernimmt, das historisch gesehen mit dem Kirchenlied verbunden war. Ein friedlicher Epilog mit unschuldig zwitschernden Vogelstimmen bildet den Abschluss des Werkes.

Enjott Schneiders "Ein feste Burg" – ein Kampflied?


Am 31. Oktober 2017 jährt sich Martin Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Er soll 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben, die damals gewissermaßen das Schwarze Brett der Universität Wittenberg war. Darin wies Luther auf die Missstände in der Kirche hin, die unter anderem den Ablasshandel und die Entfernung vom Wort Gottes betrafen.

Im Laufe der Geschichte spielte das Kirchenlied Ein feste Burg ist unser Gott immer in Zeiten der Bedrängnis eine wichtige Rolle: Sie wurde als die "Marseillaise der Bauernkriege" bezeichnet, im Ersten Weltkrieg auf Ansichtskarten gedruckt und evangelische Vertriebene sangen es im Zweiten Weltkrieg, als ihnen Zuflucht in einer katholischen Kirche gewährt wurde. So stand das Lied für das Selbstbild von Deutschland, das im Vertrauen auf Gott alle Nöte überstehen würde. Auch Schneider formuliert mit dem Epilog seiner Komposition eine Hoffnung:
Gottes Schöpfung, die wir zunehmend mit Füßen treten, zerstören, verschmutzen und verwüsten, ist der wahre Ort eines tiefen Glaubens und der Erscheinung Gottes. Eine Schöpfung, die allen Religionen gemeinsam ist und allen gleichermaßen gehört, ob protestantisch, katholisch, jüdisch oder muslimisch. – Enjott Schneider

Im Rahmen des Reformationsjubiläums zeigen das Bundesjugendorchester und das Bundesjugendballett mit ihrem zweiten Kooperationsprojekt, wie die Reformation bis heute junge Künstler inspirieren kann: Beide Ensembles sind in einer deutschlandweiten Tournee seit einigen Tagen zu sehen. In dieser Woche gastieren sie in folgenden Städten: Berlin (16.01.), Dresden (18.01.), Marburg (19.01.; konzertant), Ludwigsburg (20.01.) und in Schweinfurt (21.01.; konzertant).

 

Foto: Silvano Ballone

Werk der Woche – Julian Anderson: Incantesimi

Unter der Leitung von Sir Simon Rattle finden diese Woche in gleich zwei Ländern Erstaufführungen von Julian Andersons Incantesimi statt: Am Mittwoch, den 31. August, spielen die Berliner Philharmoniker beim Lucerne Festival das erst kürzlich in Berlin uraufgeführte Orchesterwerk. Drei Tage später präsentieren sie es in der Royal Albert Hall in London im Rahmen der BBC Proms.



In dem von den Berliner Philharmonikern in Auftrag gegebenen Werk gelingt es Anderson in bloß acht Minuten fünf musikalische Gedanken, die sich in unterschiedlichen Konstellationen umkreisen, unterzubringen. Er komponierte Incantesimi ganz im Sinne der besonderen Fähigkeit dieses Orchesters, langsame Musik farbenreich zu gestalten.

Julian Andersons Incantesimi – Ein Zauber in acht Minuten


Die fünf musikalischen Gedanken in Incantesimi erscheinen zunächst im Hintergrund und gewinnen im nächsten Moment an Präsenz. Mit seinen wiederkehrenden Soli spielt vor allem das Englischhorn eine besondere Rolle in dem Stück. Streicher in langen Bögen und tiefe Akkorde kombiniert mit Glockendreiklängen im Mittelteil und Flöten in hohen Lagen versetzen in einen „fast hypnotischen Zustand“, so der Komponist. Auch der Titel Incantesimi, was übersetzt "die Zauber" oder "Zaubersprüche" bedeutet, lehnt daran an. Zum Ende des Orchesterwerks zieht das Tempo rapide an und mündet in einen dramatischen Klangausbruch - nur um schließlich wieder in die Ruhe des Beginns zurückzukehren.
Als Sir Simon Rattle mich um eine neue Komposition für die Berliner Philharmoniker bat, entschied ich mich für ein Werk mit sich langsam entfaltenden Klangfarben. Ich bewunderte stets die Fähigkeit Rattles und der Berliner Philharmoniker, lange fließende musikalische Linien in einmaliger Klangschönheit darzubieten. – Julian Anderson

Mit der Erstaufführung in den USA setzt Incantesimi seine Reise durch die Konzertsäle der Welt fort: Das Orchesterwerk, das gemeinsam von den Berliner Philharmonikern mit der Royal Philharmonic Society und dem Boston Symphony Orchestra in Auftrag gegeben wurde, wird vom 26. bis 28. Januar 2017 vom Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Christoph von Dohnányi in Boston aufgeführt.

Werk der Woche - Alexander Glasunow: Kantate

Die Kantate für Mezzosopran, Tenor, gemischten Chor und Orchester des russischen Komponisten Alexander Glasunow ist auch unter dem Namen "Gedenkkantate" bekannt. Sie wurde am 6. Juni 1899 zur Feier des 100. Geburtstags des russischen Nationaldichters Alexander Pushkin uraufgeführt.  Am 3. Mai 2016 wird diese Kantate nun unter der Leitung von Juraj Valèuha in Rom mit dem nationalen Orchester und Chor der Akademie im Sala Santa Cecilia zu hören sein. Der slowakische Dirigent gilt als Experte für die Musik Osteuropas, weswegen er bei diesem Konzertabend osteuropäische Kompositionen zum Thema macht.

Zur Entstehungszeit der Kantate war Glasunow als Professor für Instrumentation am Konservatorium in St. Petersburg angestellt. Den Text für seine Komposition übernahm er von Großherzog Konstantin Romanow, der als Dichter unter dem Pseudonym „K.R.“ bekannt war und dessen Werke im 19. Jahrhundert entstanden. Romanow war zeitlebens ein Förderer der russischen Kunst und auch selbst ein talentierter Pianist, der eine innige Freundschaft zu Peter Iljitsch Tschaikowsky pflegte.

Der Jubiläumscharakter der Kantate von Alexander Glasunow


Die Kantate besteht aus fünf Sätzen und besitzt eine Aufführungsdauer von etwa 20 Minuten. Der erste Satz ist mit Chorus überschrieben und führt den Zuhörer mit seinem feierlichen Charakter direkt in das Gefühl eines Jubiläums. Auch die Charakteristik der russischen Musik ist von Beginn an deutlich zu hören und so präsentiert sich der erste Satz als jubilierender, feierlicher, russischer Chor der Dankbarkeit. Der Festcharakter zieht sich durch die gesamte Komposition und mündet in eine Hymne, bei der die Soli die vom Chor entwickelte Grundstimmung aufnehmen und zu ihrem glänzenden Finale führen.

Der englische Musikjournalist Ivan March beschreibt die Kantate so:
Das Stück ist weit mehr als nur ein Gelegenheitswerk, es ist voll von warmen, lyrischen Ideen. Durch Glasunows inspirierten, erfinderischen Fluss, gelang es hervorragend die holperigen Verse des ‚unschlagbaren‘ Großherzogs Konstantin Romanov auszugleichen. Es ist eines seiner fröhlichen Stücke, voll von Melodien, die uns glücklich machen, am Leben zu sein. – Ivan March (Gramophone Magazine)

Glasunow ist ein Klassiker der Russischen Musiktradition und nicht nur mit seinen eigenen Werken, sondern auch mit Bearbeitungen und Instrumentierungen von Werken seiner Zeitgenossen auf den Bühnen der Welt präsent: Die zusammen mit Nikolaj Rimskij-Korsakow bearbeitete Oper Ein Leben für den Zaren von Michail Glinka wird am 8. Mai im Metropolitan Theatre in Tokio zu hören sein und die von Glasunow neuinstrumentierte Oper Fürst Igor von Alexander Borodin wird am 25. Mai in der Philharmonie Berlin aufgeführt.

Foto: Orchester und Chor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia
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