Werk der Woche – Wilfried Hiller: Der Sternenverkäufer
- By Christopher Peter
- 27.04.2026
Es gibt Momente in der Kunst, in denen sich die Schwere der Welt in ein zartes Leuchten auflöst. Wilfried Hiller, dessen Schaffen seit Jahrzehnten ein Fixstern der zeitgenössischen Musik ist, schenkt dem Publikum genau einen solchen Augenblick. Am 30. April 2026 findet im Münchener Orff-Zentrum das Festkonzert zu Hillers 85. Geburtstag statt, den er im März dieses Jahres feierte. Im Zentrum der Veranstaltung steht die Uraufführung von Der Sternenverkäufer. Es ist ein Werk, das die Essenz von Hillers Ästhetik atmet: die Verbindung von tiefer Humanität, literarischem Feingefühl und einer Klangsprache, die das Herz erreicht, ohne den Verstand zu unterfordern.
Das 35-minütige Melodram basiert auf einem Text von Alexander Kostinskij und entführt in das jüdische Stetl Beleopol. Es ist ein Ort, an dem die Angst das Gesetz diktiert, bis ein Mann namens Abraham auftaucht. Er verkauft keine Waren, sondern Sterne – für eine einzige Kopeke. Was wie ein absurder Handel klingt, entpuppt sich als Akt der Aufrichtung. Wer einen Stern am Himmel sucht, muss den Blick heben, den Rücken strecken und die Demütigung hinter sich lassen. Hiller vertont diese Parabel über die menschliche Würde mit einer Besetzung, die kammermusikalische Intimität und klangfarbliche Brillanz vereint: Erzählerin, Koloratursopran, Violine, Klavier und zwei Schlagzeuger lassen eine labyrinthische, fast magische Klangwelt entstehen.
Ein kosmisches Heilmittel: Der Sternenverkäufer von Wilfried Hiller
Gewidmet ist das Werk zwei Weggefährten, die Hillers Leben und Werk eng begleiteten: der Primaballerina Maya Plissetskaya und dem Komponisten Rodion Shchedrin. Dass Shchedrin im vergangenen Sommer verstarb, verleiht der Uraufführung eine zusätzliche Ebene des Gedenkens. Es passt in das Bild eines Künstlers, dessen Karriere von intensiven Partnerschaften geprägt war. Ob die legendäre Zusammenarbeit mit Carl Orff, die Impulse seiner Ehefrau Elisabeth Woska oder die Welterfolge mit Michael Ende wie Der Goggolori und Das Traumfresserchen – Hiller war nie ein einsamer Schöpfer am Schreibtisch, sondern immer ein Sucher im Dialog. In den letzten Jahren fand dieser Dialog oft in der bildenden Kunst bei Antje Tesche-Mentzen oder in großen kirchengeschichtlichen Stoffen wie seiner Apokalypse (2023) eine Fortsetzung.
Für die Uraufführung von Der Sternenverkäufer in München konnte ein Ensemble gewonnen werden, das Hillers Musik seit langem verbunden ist. Die unvergleichliche Salome Kammer übernimmt den Part der Erzählerin, flankiert von der Sopranistin Anna-Lena Elbert. Die instrumentale Ausdeutung liegt in den Händen von Franziska Strohmayr (Violine), Tanja Huppert (Klavier) sowie Claudio Estay und Carlos Vera Larrucea am Schlagzeug. Als besonderer Ausklang des Abends steht zudem Hillers Ophelia für Solovioline auf dem Programm – ein Stück, das die zerbrechliche Poesie dieses besonderen Geburtstagsfestes perfekt abrundet.
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Foto von Wilfried Hiller: Astrid Ackermann