Sebastian Hilli – Musik von innen heraus
- By Mateja Sustersic
- 29.05.2026
Sebastian Hilli formt Musik mit kraftvollen Gesten und lebendigen Details – und erschafft Klangwelten, die zugleich intim und weitläufig sind. Was in persönlicher Erfahrung seinen Anfang nimmt, öffnet sich zu etwas universell Menschlichem: einem Raum, in dem Stärke und Verletzlichkeit, Dunkelheit und Freude, Kampf und Feier nebeneinander bestehen und das gesamte emotionale Spektrum unseres Menschseins erfahrbar wird. Indem Hilli vielfältige stilistische Einflüsse zu einer eigenen, intuitiven musikalischen Sprache verbindet, erreicht seine Musik die Zuhörer:innen über Stimmungen und unmittelbare emotionale Direktheit.
Als Komponist kann man „etwas Neues ausdrücken und erschaffen … Geschichten erzählen, die in einem selbst liegen, und Menschen auf vielen Ebenen erreichen.“
Löwenzahn und ein Jahr in Musik – Hillis neueste Werke
Im Gespräch wirkt Hilli eher zurückhaltend – doch seine innere Welt sprüht vor Ausdruckskraft. Seine Musik wird zur Stimme dieser verborgenen Extrovertiertheit: furchtlos, dramatisch, getragen von einer starken inneren Strömung. Den Moment, in dem ein Werk vollendet ist, beschreibt Hilli als einen Augenblick der Klarheit. Darauf folgt die Euphorie, wenn Monate innerer Arbeit endlich im Raum eines Konzertsaals Gestalt annehmen.
Zwei bemerkenswert originelle neue Werke markieren ein spannendes Kapitel in Hillis kompositorischem Schaffen: 1977 – A Violin Concerto sowie das Streichquartett Lion’s Teeth. Wir sprachen mit ihm über die Geschichten und Inspirationen hinter diesen Kompositionen.
EIN DURCHSCHLAGENDER ERFOLG
1977 – a Violin Concerto: Eine Reise durch Überleben, Widerstandskraft und Liebe
1977 – a Violin Concerto wurde vom Finnischen Rundfunk Yle, BBC Radio 3 und dem National Arts Centre Orchestra (Kanada) in Auftrag gegeben und am 21. Mai 2025 im Helsinki Music Centre von Pekka Kuusisto und dem Finnish Radio Symphony Orchestra unter der Leitung von Nicholas Collon uraufgeführt. Mit einer Dauer von rund 37 Minuten verbinden sich die cineastische Weite, die episodische Architektur und der leuchtende Violinsolopart zu einer musikalischen Erzählung über Überleben, Resilienz und den Willen weiterzugehen.
Das Werk ist in zwölf ineinander übergehende Abschnitte gegliedert – jeder steht für einen Monat des Jahres 1977. Diese Monate entfalten sich in drei großen dramatischen Bögen: Winter und Frühling, Sommer sowie der Übergang vom Herbst zurück in den Winter. Auf dieser Reise fungiert die Solovioline als Erzählerin und führt das Publikum durch wechselnde Erinnerungen, Erfahrungen und emotionale Zustände.
„Es ist ein Werk voller Emotionen – von dunklen Momenten des Verlusts und der Trauer bis hin zu den Freuden des Lebens, der Liebe und des Glücks.“
Die eröffnenden Abschnitte fangen die Turbulenzen von Winter und Frühling ein: plötzliche Kontraste, die Spuren von Melancholie, Sehnsucht und Verlust hinterlassen. Der Sommer hingegen strahlt Hoffnung und Erneuerung aus – Liebe, Leidenschaft, Freude und Neubeginn. Ein markanter Wendepunkt setzt zu Beginn des abschließenden Abschnitts ein: eine einsame Kadenz, die Unschuld und Verspieltheit heraufbeschwört, bevor Funken aus dem Orchester in eine kraftvolle, fließende Klangbewegung übergehen.
Hier können Sie die Aufführung des Violinkonzerts ansehen und weitere Musik von Sebastian Hilli entdecken.
✧ ✧ ✧
JETZT ERHÄLTLICH
Streichquartett Nr. 2 – Lion’s Teeth: Eine Geschichte von Zartheit, die Widrigkeiten trotzt
Das Streichquartett Lion’s Teeth verdankt seinen Titel dem Löwenzahn – einer Pflanze, deren Name sich vom lateinischen dens leonis über das französische dent-de-lion ins Englische entwickelte und deren doppelte Natur widerspiegelt: weich im Erscheinungsbild, doch unbeugsam in ihrer Widerstandskraft. Wie der Löwenzahn selbst – zunächst eine leuchtend gelbe Blüte, später eine fragile Samenkugel bereit zum Davonfliegen – ist auch dieses Werk stark genug, selbst durch härtesten Boden zu brechen, und bleibt dabei zart und anmutig. Dieses Bild berührte Hilli so sehr, dass er das Quartett seinem Sohn widmete – und dessen bemerkenswerter Stärke angesichts eines schwierigen Starts ins Leben.
Scharfe Klangimpulse, dann schimmernde Ruhe und lange, sich entfaltende Linien – die Musik bewegt sich, zittert, wird. Rhythmen tragen uns vorwärts, stets hin zu dem, was als Nächstes entstehen könnte. Eine Klangwelt, die zugleich dringlich ist und voller Erwartung.
Das rund 20-minütige Quartett wurde von Our Festival in Auftrag gegeben und am 28. Juli 2024 in Järvenpää (Finnland) vom Kamus Quartet uraufgeführt. Mit seiner lebendigen Energie und seinem spannungsvollen musikalischen Verlauf eignet es sich hervorragend als Eröffnungswerk für Kammermusikprogramme. Die Partitur und Stimmen sind ab sofort im Schott Online-Shop erhältlich.