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Werk der Woche – Gregory Spears: Sleepers Awake

Ein stilisiertes Porträt des Komponisten Gregory Spears. Er steht mit verschränkten Armen vor einem unscharfen Hintergrund, der ein klassisches Theater mit Vorhängen und Logen zeigt. Das Bild hat eine sanfte grünliche Farbgebung.

Man stelle sich vor, der erlösende Kuss erfolgt, das ganze Schloss erwacht aus einem jahrhundertelangen Schlummer – und die Reaktion ist nicht etwa grenzenlose Dankbarkeit, sondern schiere Verärgerung. In seiner neuesten Oper Sleepers Awake, die am 22. April 2026 in Philadelphia aus der Taufe gehoben wird, widmet sich Gregory Spears genau diesem unbequemen Moment. Als Vorlage dient ihm dabei kein klassisches Märchenbuch, sondern das subversive „Dornröschen“-Märchenspiel des Schweizer Schriftstellers Robert Walser. Hier ist das Erwachen keine Befreiung, sondern eine Störung der seligen Ruhe.

Gregory Spears hat sich in den letzten Jahren als einer der spannendsten Erneuerer der zeitgenössischen Oper etabliert. Wer sein Werk Fellow Travelers kennt, weiß um seine Fähigkeit, barocke Formstrenge mit minimalistischer Sogwirkung und großer emotionaler Unmittelbarkeit zu verbinden. In Sleepers Awake scheint dieser Stil eine neue Ebene zu erreichen. Die Musik entführt in eine labyrinthische Klanglandschaft, die den Stillstand des Schlafes ebenso hörbar macht wie das zyklische Kreisen der Gedanken. Es ist eine zerbrochene Welt, in der die Stimmen und Instrumente immer wieder in vertraute Muster zurückgleiten, so wie die Hofgesellschaft bei Walser immer wieder in den Schlaf sinkt.

Dornröschen, aber ganz anders: Sleepers Awake von Gregory Spears

Die Uraufführung bei der Opera Philadelphia verspricht ein Ereignis von besonderer Strahlkraft zu werden. Mit Corrado Rovaris am Pult steht ein musikalischer Leiter zur Verfügung, der sowohl im Belcanto als auch in der Moderne zu Hause ist – eine ideale Kombination für Spears’ vielschichtige Partitur. Für die Inszenierung zeichnet Jenny Koons verantwortlich, die für ihre innovativen und visuell starken Ansätze bekannt ist. Gemeinsam dürften sie die existenzielle Ironie Walsers und die schwebende Melancholie von Spears in Bilder und Klänge fassen, die weit über die Grenzen Philadelphias hinaus wirken.

Dass der Titel "Sleepers Awake" ("Wachet auf") unweigerlich an Bachs berühmte Kantate erinnert, ist sicher kein Zufall, sondern ein bewusstes Spiel mit der Tradition. Doch während bei Bach der Ruf zum Wachsein führt, bleibt bei Spears und Walser alles im Ungefähren, im Dazwischen. Es ist eine Oper über die Sehnsucht nach dem Vergessen und die Schwierigkeit, in einer lauten Welt wirklich wach zu sein.

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