Werk der Woche – Atsuhiko Gondai: ZEN
- 22.06.2026
Mit ZEN legt Atsuhiko Gondai eine Oper vor, die sich bewusst der Erzählbarkeit entzieht. Anlass ist die Uraufführung am 26. Juni 2026 im Chofu City Cultural Center Tazukuri in Tokio, im Rahmen des Chofu International Music Festival. Unter der musikalischen Leitung von Masato Suzuki musizieren Chor und Orchester des Bach Collegium Japan, die Inszenierung übernimmt Tetsu Taoshita. Schon diese Konstellation verweist auf eine Arbeit, die historische Tiefe, geistige Reflexion und klangliche Konzentration miteinander verschränkt.
Der Ausgangspunkt des Librettos liegt im Leben und Denken des buddhistischen Gelehrten Daisetsu Teitaro Suzuki, der Zen-Buddhismus im 20. Jahrhundert international bekannt machte, sowie in der Philosophie seines Weggefährten Kitarō Nishida, dessen Auseinandersetzung mit dem „Konzept des Guten“ die moderne japanische Philosophie nachhaltig geprägt hat. Gondai bindet diese Figuren an den historischen Horizont des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit – nicht als dramatische Chronik, sondern als geistigen Resonanzraum. Auch die jungen Menschen, die mit diesen Ideen lebten und starben, sind Teil dieses Bezugs, ohne dass ihre Geschichten konkret ausgespielt würden.
Klang statt Handlung
Entscheidend ist, dass ZEN keine narrative Oper sein will. Gondai formuliert ausdrücklich das Prinzip der „Unabhängigkeit von Worten“. Sprache erscheint nicht als Träger von Handlung, sondern als Material, als Impuls, als Schwelle. Die Musik versucht, die Ebene des diskursiven Verstehens zu überschreiten und einen Raum zu öffnen, in dem Klang selbst Bedeutung trägt. Damit knüpft Gondai an zentrale Gedanken des Zen an: Erkenntnis ereignet sich nicht durch Erklärung, sondern durch Erfahrung.
Diese Haltung prägt die musikalische Anlage des Werks. Der Gesang von Sutren, die Reduktion auf elementare klangliche Gesten und die bewusste Vermeidung opernhafter Dramatisierung führen zu einer Ästhetik der Konzentration. Im letzten Kapitel kulminiert diese Bewegung in einem einzelnen, symbolischen Ton der Shakuhachi. Dieser Moment wirkt weniger wie ein Schluss als wie ein Innehalten: ein klangliches Ereignis, das nicht auflöst, sondern öffnet.
Im Œuvre Atsuhiko Gondais nimmt ZEN eine zentrale Stellung ein. Der Komponist, der sich immer wieder mit spirituellen, philosophischen und existenziellen Fragen auseinandersetzt, radikalisiert hier seine Suche nach einer Musik jenseits narrativer Logik. Die Zusammenarbeit mit dem Bach Collegium Japan ist dabei mehr als ein praktisches Detail: Sie verbindet eine historisch informierte Klangkultur mit zeitgenössischem Denken und unterstreicht den transkulturellen Anspruch des Werks.
Heute, in einer Zeit permanenter sprachlicher Überproduktion, gewinnt ZEN besondere Relevanz. Die Oper stellt keine Thesen auf und bietet keine Deutungen an. Sie lädt dazu ein, sich dem Klang auszusetzen und im Hören eine andere Form von Aufmerksamkeit zu erproben. ZEN ist damit weniger ein Musiktheater über Zen als ein musikalischer Versuch, dem Wesen des Zen nahe zu kommen.
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- Werkseite ZEN mit Online-Partitur
- Komponistenprofil Atsuhiko Gondai
- Chofu International Music Festival – Veranstaltungsseite
Illustration: Michiharu Okubo (Porträt Atsuhiko Gondai), Hintergrund erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz