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Werk der Woche – Nino Rota: Aladino e la lampada magica

Am 16. Oktober feiert Nino Rotas Aladino e la lampada magica im französischen Saint Etienne Premiere. Unter der Leitung von Laurent Touche spielt das Orchestre Symphonique Saint-Etienne Loire. Die Inszenierung stammt von Julien Ostini. Das Stück wird in der französischen Sprachfassung aufgeführt. In Frankreich war die Märchenoper zum ersten Mal 2009 am Théâtre municipal in Colmar zu erleben.

Seine erste Kinderoper Il principe porcaro („Der Schweinehirt") komponierte Rota, auch „der italienische Mozart" genannt, schon als Kind im Alter von 13 Jahren. Auch im späteren Verlauf seiner Karriere behielt er eine kindlich verträumte Einstellung zur Musik bei. Dies attestiert der Filmemacher Federico Fellini, mit dem Rota heute hauptsächlich assoziiert wird. Die Auseinandersetzung mit Märchenstoffen empfand der Komponist nie als banal oder unzeitgemäß – im Gegenteil: Seit er die Geschichte von Aladin als Kind von seiner Großmutter gehört hatte, sah er in ihr mehr als nur fantastische Unterhaltung. Für ihn verwies sie auf eine tiefere Bedeutung.

Aladino e la lampada magica von Nino Rota – Eine Oper für die ganze Familie


Aladino e la lampada magica ist eine Erzählung aus der orientalischen Märchensammlung „Geschichten aus 1001 Nacht". Sie handelt von dem Jungen Aladin, der arm und auch ein wenig faul ist, aber vom Reichtum träumt. Als sich eines Tages ein böser Zauberer sein Vertrauen erschleicht, um an eine Wunderlampe in einer Höhle voller Schätze zu gelangen, beginnt ein aufregendes und gefährliches Abenteuer, an dessen glücklichem Ende Aladin die schöne Prinzessin Badr-al-Budúr heiratet.

Rota illustriert in seiner 1968 uraufgeführten Kinderoper die bekannte Handlung mit abwechslungsreicher und farbenfroher Musik, die den Zuschauer in eine geheimnisvolle orientalische Welt voller bunter Basare, verschleierter Prinzessinnen und böser Zauberer entführt.
Wenn ich am Klavier sitze und komponiere, versuche ich, glücklich zu sein. Aber wie können wir glücklich sein, wenn andere unglücklich sind? Ich würde alles tun, um jedem Menschen einen Augenblick des Glücks zu schenken – das ist das Wesen meiner Musik. – Nino Rota

In diesem Sinne ist Rotas Aladino e la lampada magica das perfekte Werk, um Kinder ab sechs Jahren mit ihrem ersten Opernerlebnis zu beglücken. Auch erfahrene Musikliebhaber erfreuen sich an der erfrischend tonalen Musiksprache. Sie ist auf eine moderne und ehrliche Art und Weise traditionsgebunden.

Am 28. und 31. Oktober nimmt auch die Oper Leipzig das Stück wieder auf, jedoch in einer Fassung mit reduziertem Orchester von Rainer Schottstädt, mit der die Kinderoper seit der deutschen Erstaufführung in Köln 2002 große Erfolge feiert. Diese Version bewahrt den an Puccini orientierten Orchesterklang und ermöglicht es, das Werk auch in kleineren Spielstätten aufzuführen.

Werk der Woche - Harry Partch: Delusion of the Fury

Bei der Ruhrtriennale 2013 war Harry Partchs Schlüssel- und Spätwerk Delusion of the Fury von 1965/66 als europäische Erstaufführung in einer Inszenierung von Heiner Goebbels zu entdecken. Die Produktion mit dem Ensemble Musikfabrik wurde seither in Oslo, Genf, Amsterdam, Edinburgh, New York City und Paris gezeigt. Am 7. Oktober 2016 gelangt sie im taiwanesischen Taichung auf die Bühne und stellt gleichzeitig die asiatische Erstaufführung dar.


Harry Partch: Der Don Quixote der Musik?


Von zeitgenössischen Kritikern wurde Partch als "Don Quixote" der Musik bezeichnet. Nach heutigem Verständnis war er ein hochinspirierter Musikphilosoph und Pionier, der sich als einer der ersten Komponisten fast ausschließlich mit Mikrotonalität befasste. Er erfand sein eigenes Tonsystem basierend auf 43 eng gestaffelten, reinen Mikrotönen pro Oktave. Dazu entwickelte er einen Kosmos eigener, meist perkussiver Instrumente von ungewöhnlicher Gestalt und ungewohntem Klang.

Mit traditioneller Oper hat Partchs Musiktheaterentwurf Delusion of the Fury nichts gemein. Ausgehend von japanischen und afrikanischen Mythen entwickelte er ein Stück zwischen Traum und Wahn, das alle theatralen Mittel wie Licht, Bewegung, Gesang sowie die außerordentliche Präsenz seiner Instrumente integriert. Ein Theater ohne präzisen Ort entsteht, bei dem sich die Zeitebenen überlagern. Es gewährt einen Blick auf eine Kultur, die uns gleichsam fremd und vertraut erscheint. Partch spannt in zwei Akten ein rituelles Netz, das das Leben und die Versöhnung der Lebenden mit dem Tod feiert.

Delusion of the Fury: Oper auf Glühbirnen und Schnapsflaschen


Viele der rund 25 Klangskulpturen aus Partchs exotischem Instrumentarium sind Verwandte der Marimba – allerdings recht entfernte: Die "Marimba Eroica" etwa besteht aus vier riesigen Klangstäben nebst Resonanzkörpern. Bei der "Mazda Marimba" klingen Glühbirnen; beim "Zymo-Xyi" sind es Schnaps- und Likörflaschen. Die "Cloud Chamber Bowls" wirken von ferne wie aus einem Lampenladen. Aber was da in einem hölzernen Rahmen hängt, sind keine Lampen, sondern abgeschnittene und durch Beschleifen gestimmte Oberteile riesiger Labor-Glasgefäße. Mit filzgedämpften Schlägeln gespielt, klingen sie wie ein tiefes Glockenspiel.
Nun, ich denke, meine Musik ist wirklich körperlich. Sie besitzt ein körperliches Feeling. Es ist mir wichtig, wie die Instrumente aussehen. Sie sind Objekte im Raum und sie sind räumliche Produkte. Und da sie räumlich sind, müssen sie toll aussehen, sie müssen ganz von sich aus inspirierend sein. Als nächstes derjenige, der das Instrument spielt, ist ein Teil des Instruments. Es ist eine Einheit, eine Gesamtheit. Und, mein Gott, wenn ich etwas darüber sagen sollte: Er wird nicht wie ein kalifornischer Amateur-Pflaumenpflücker aussehen! – Harry Partch

Eine weitere Vorstellung der erfolgreichen Produktion ist am 8. Oktober 2016 in Taichung zu sehen. Inspiriert durch die Aufführungsserie der Ruhrtriennale und das Ensemble Musikfabrik hat Schott begonnen, eine neue Publikationsreihe zu veröffentlichen: Partchs unnachahmliches Notenbild wird seitdem als Studienpartituren in Faksimile-Edition im Druck und als Download verfügbar gemacht. Delusion of the Fury können Sie über den unten stehenden Link bei Notafina gratis als Vorschau lesen.

Werk der Woche - Peter Eötvös: The Sirens Cycle

Homer, James Joyce und Franz Kafka - Texte dieser so unterschiedlichen Autoren vertont Peter Eötvös in seinem neuen Werk The Sirens Cycle. Am 1. Oktober 2016 ist das Streichquartett mit Koloratursopran zum ersten Mal zu hören. Piia Komsi und das Calder Quartet bringen es in der Wigmore Hall London zur Uraufführung.



Als Arnold Schönberg in seinem 2. Streichquartett erstmals eine Sopranstimme notierte, entstand eine folgenreiche Besetzungsvariante des modernen Streichquartetts. Alban Bergs Lyrische Suite und Egon Welesz' Sonnets for Elizabeth Barrett Browining trugen zur ihrer Etablierung bei, jüngere Beiträge stammen unter anderem von Brett Dean (String Quartet No. 2) und Jörg Widmann (Versuch über die Fuge).

The Sirens Cycle: Das Schweigen der Sirenen


Eötvös wählt drei literarische Versionen des mythologischen Odysseus und dessen Begegnung mit den Sirenen. Jede lässt er in der originalen Sprache von der Sopranistin in einem eigenen Abschnitt singen. Der erste Teil, "Joyce", nimmt mit seinen sieben Sätzen den größten Raum ein. Aus dem ohnehin lose zusammenhängenden Stream-of-consciousness-Roman Ulisses wählt Eötvös einzelne Gedanken, Phrasen, Worte. Aus Homers Odýsseia folgt hingegen ein zusammenhängender Abschnitt, ebenso aus Kafkas Das Schweigen der Sirenen. Musikalisch verleiht Eötvös dem Joyce-Teil einen arios-expressiven Charakter, während er bei Homer zu einem liedhaften und bei Kafka zu einem rezitativischen Gestus greift.

The Sirens Cycle existiert auch in einer Fassung mit Zwischenspielen aus elektronischen Klängen. Dabei wurden vom Pariser IRCAM/Centre Pompidou, Mitauftraggeber des Stücks, die Texte mit Spektralanalysen in Tonhöhen, -dauern und -farben übersetzt.
Die Negation des Gesanges in Franz Kafkas Das Schweigen der Sirenen inspirierte mich, ein Stück zu schreiben, das über das Singen an sich reflektiert. Ich sah mich in der Musikliteratur nach Beispielen für die Verbindung von Sopran und Streichquartett um und fand, dass sowohl Arnold Schönberg als auch Jörg Widmann überzeugende Lösungen gefunden haben. Peter Eötvös

Nach der Uraufführung in London begibt sich das Calder Quartet mit der Sopranistin Audrey Luna auf Tour mit The Sirens Cycle. Es folgen Erstaufführung in der Schweiz (2. Oktober, Zürich), Spanien (3. Oktober, Madrid) und Deutschland (5. Oktober, Frankfurt am Main). Die Fassung mit Elektronik ist erstmals am 12. Oktober in Paris zu hören und ist am 15. Oktober Teil des Programms der Donaueschinger Musiktagen.

Werk der Woche - György Ligeti: Ramifications

Am 22. September wird György Ligetis Ramifications vom Norwegian Chamber Orchestra unter der Leitung von Per Kristian Skalstad in Oslo zu hören sein. Auch drei Tage später kommt es zu einer Aufführung des Streichorchester-Werks: Pascal Gallois dirigiert das Orchester der Musicales de Quiberon im Palais des congrès Louison Bobet im französischen Quiberon.



Der 1923 als Sohn ungarisch-jüdischer Eltern geborene Ligeti komponierte Anfang der 1960er Jahre Musik mit dichten, fast starren klanglichen Strukturen, wie etwa in seinem Orchesterstück Atmosphères aus dem Jahr 1961. Diese Strukturen lockerten sich später immer mehr auf und wurden beweglicher. Ramifications stellt kompositorisch eine Weiterentwicklung seiner Arbeitsweise mit komplexen musikalischen Netzgebilden dar.

György Ligetis Ramifications – Von „dicht und statisch“ zu „durchbrochen und beweglich“


Obwohl es auch in Ramifications statische Klangfelder gibt, dominieren die feinmaschigen Netzgebilde in der Komposition. Der Titel, auf Deutsch „Verästelungen“, bezieht sich auf die polyphone Technik der Stimmführung: Die Einzelstimmen bewegen sich unterschiedlich, bilden jedoch Bündel, die sich allmählich auflösen. Einzelne Momente, in denen die Stimmen wieder zusammenlaufen, bewirken das Wechselspiel aus Vereinigung und Verästelung in der Musik. Neu für Ligeti ist die hyperchromatische Harmonie: Aufführungstechnisch wird dies ermöglicht, indem die Hälfte der Streicher um einen Viertelton hinaufgestimmt wird. Die resultierende Musik ist jedoch nicht vierteltönig, denn beim Greifen der Saiten entsteht eine Schwankung der Tonhöhen, sodass man fast nie exakte Vierteltonabstände, sondern kleinere oder größere mikrotonale Abweichungen hört.
Ramifications sind gleichsam ein Endpunkt in der Entwicklung von ‚dicht und statisch‘ zu ‚durchbrochen und beweglich‘. Besonders in den Gegenden, in denen das musikalische Gewebe durchsichtig und engmaschig ist, erscheint eine ganz neue Art von ‚unsicherer‘ Harmonik, als ob die Harmonien der gleichmäßigen Temperatur oder gar der Diatonik ‚verdorben‘ wären. Die Harmonien haben einen ‚haut goût‘, Verwesung ist in die Musik eingezogen. Ramifications sind ein Beispiel dekadenter Kunst. – György Ligeti

Auch in Deutschland hat man in dieser Woche die Gelegenheit, die Musik Ligetis zu erleben: Seine Études pour piano werden am 19. September im Rahmen des Beethovenfests Bonn von dem Pianisten Boris Berezowsky gespielt. Am gleichen Tag und auch am Tag darauf führt das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Kirill Petrenko Lontano für großes Orchester im Nationaltheater in München auf. Mysteries of the Macabre für Koloratursopran und Kammerorchester wird gleich drei Mal gespielt: Am 20. September sind das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Michael Hofstetter und die Sopranistin Marie Friederike Schöder zu hören. Die Düsseldorfer Symphoniker, dirigiert von Alexandre Bloch, führen das Stück am 23. und 25. September gemeinsam mit Eir Inderhaug in der Tonhalle in Düsseldorf auf.

Werk der Woche – Toru Takemitsu: Nostalghia

Im Konzert „Auf Dunkelheit folgt Licht“ mit dem Geiger Ilya Gringolts wird am 13. und 14. September Toru Takemitsus Nostalghia zu hören sein: Unter der Leitung von Gevorg Gharabekyan spielt das Kammerorchester I Tempi gemeinsam mit Gringolts das Stück für Violine und Streichorchester in der Martinskirche in Basel und in der Kirche St. Peter in Zürich.



In Nostalghia, das 1987 als Auftragswerk für Yehudi Menuhin entstand, bezieht sich Takemitsu auf den gleichnamigen, vier Jahre zuvor gedrehten Film von Andrei Tarkowskij. Der Titel greift vor allem das Heimweh-Gefühl, das in der Handlung des sowjetisch-italienischen Films eine zentrale Rolle spielt, auf. Im Gegensatz zu der Bedeutung des deutschen Worts „Nostalgie“ lehnen das russische und auch das italienische Wort nicht an das Verlangen nach einer vergangenen Zeit sondern nach einem Ort oder einer Person an.

Toru Takemitsus Nostalghia – „In Memory of Andrei Tarkowskij”


Tarkowskijs autobiographischer Film zog Takemitsu wegen seiner ruhigen Kameraführung, den langen ungeschnittenen Szenen und dem sehr sparsamen Gebrauch von Musik an. 1987 schrieb er dem sowjetischen Filmemacher, der ein Jahr zuvor in Paris verstarb, eine posthume Filmmusik. Nach einer kurzen Einleitung beherrscht eine einfache, pathetische Melodie der Solovioline die ganze Komposition. Ein unterteiltes Streichorchester lässt stellenweise ein Gefühl von Wasser und Nebel aufkommen – beständige Merkmale sowohl im Werk Takemitsus als auch in Tarkowskijs Filmen. Gefühle von Todessehnsucht und Heimweh transportiert Tarkowskij mit seinem Film „Nostalghia“ und auch das Hauptmotiv in Takemitsus Komposition kreist um das Verlorene und die Erinnerung. Am Ende kehrt das Stück zurück zu seinem Anfang, während sich die Orchestergruppen nochmals zur Vielstimmigkeit aufteilen und die Solo-Violine in höchsten Höhen verharrt.
Ich würde mich am liebsten gleichzeitig zu zwei Richtungen hin entwickeln: zur japanischen Tradition und zu westlicher Erneuerung. Tief im Innern wünschte ich, zwei musikalische Stile aufrechterhalten zu können, da beide das Recht auf eine eigene Form besitzen. Sich dieser beiden, im Grunde unvereinbaren Elemente als Kern vieler kompositorischer Arbeitsvorgänge zu bedienen, ist meiner Meinung nach nur der erste Schritt. Ich will den fruchtbaren Widerspruch nicht lösen - im Gegenteil: Ich will, dass die beiden Blöcke sich bekämpfen. So vermeide ich es, mich von der Tradition zu entfernen, während ich mit jedem neuen Werk auf die Zukunft zugehe. Ich möchte einen Klang erreichen, der so intensiv ist wie die Stille. – Toru Takemitsu

Im gleichen Konzert wird auch Karl Amadeus Hartmanns Concerto funebre für Solo-Violine und Streichorchester zu hören sein. Am 14. und 15. September geht es in der Suntory Hall in Tokyo mit Takemitsus A Way Lone II in einer Fassung für Streichquartett und How Slow the Wind für Orchester  weiter. Es spielt das NHK Symphony Orchestra, dirigiert von Paavo Järvi. In der Supporo Concert Hall Kitara in Hokkaido wird am 15. September Rain Coming für Kammerorchester von der Tokyo Sinfonietta unter der Leitung von Yasuaki Itakura aufgeführt. Auch in Deutschland darf man sich diese Woche auf Musik von Takemitsu freuen: Am 16. September spielt Pirmin Grehl Itinerant für Flöte bei der Schumann Festwoche in Leipzig. Einen Tag später führt das Philharmonische Staatsorchester Mainz im Rahmen des Theaterfests Mainz Night Signal unter der Leitung von Hermann Bäumer auf.

Werk der Woche – Pēteris Vasks: Gloria & Mein Herr und mein Gott

In dieser Woche lohnt es sich, einen genaueren Blick auf gleich zwei Werke zu werfen: Pēteris  Vasks‘ Gloria und Mein Herr und mein Gott werden am 8. September gemeinsam im Dom zu Rīga uraufgeführt. Unter der Leitung von Māris Sirmais wird das Latvian National Symphony Orchestra zusammen mit dem Latvian State Academic Choir zu hören sein.



Vasks wurde 1946 als Sohn eines in Lettland bekannten baptistischen Pastors geboren. Während er zur Sowjetzeit aufgrund seines Glaubens und seiner künstlerischen Überzeugungen den russischen Zwangsmaßnahmen ausgesetzt war, haben die Werke des lettischen Komponisten in den vergangenen Jahren große Anerkennung gefunden. Eine zentrale Rolle in Vasks‘ Schaffen spielt die Chormusik.

Pēteris  Vasks‘ Gloria & Mein Herr und mein Gott – Von Meditation bis Klanggewalt


In seinem Gloria, das ursprünglich für Chor und Orgel komponiert war, vertont Vasks nicht den Text der lateinischen Messe, sondern drückt den Lobpreis Gottes allein durch die Musik aus. Chor und Orchester agieren in einem kontrastierenden Wechselspiel: Drei majestätische Orchesterpassagen in lautem d-Moll beantwortet der Chor jeweils mit einem meditativen Gesang auf lediglich drei Buchstaben M, U und  A. Durch die Tempoangabe „meno mosso“  grenzen sich die Chorpassagen zusätzlich von den Instrumentalteilen ab. Nach einem letzten Orchesterzwischenspiel ertönt ein feierlicher Alleluja-Gesang in strahlendem D-Dur. Mit zunehmender Dynamik setzen die Instrumente nach und nach in den Gesang ein, um im ekstatischen Finale schließlich gemeinsam das Forte-Fortissimo zu erreichen.

Nur wenige Kompositionen Vasks‘ schließen mit solch extremer Dynamik. Meist erhebt sich seine Musik aus der Stille und endet wieder in ihr – so auch in Mein Herr und mein Gott. In diesem Stück für Chor und Streichorchester vertont Vasks ein Gebet des Schweizer Asketen und Mystikers Niklaus von Flüe. In drei Zeilen, jeweils durch die Anrede „Mein Herr und mein Gott“ eingeleitet, ringt der Betende um die Nähe zum Schöpfer. Während die äußeren Verse im meditativen Pianissimo gehalten sind, steigert sich die Musik während der mittleren Zeile („gib alles mir, was mich befördert zu Dir!“) zu einem dynamischen Höhepunkt. Nach einer Generalpause und erneutem Pianissimo schließt das musikalische Gebet mit den Worten „nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir“ in einem lange ausgehaltenen, friedvollen C-Dur.
Der Gesang ist in meiner Musik das Ideal, ist aber meistens ein instrumentaler Gesang. In kommunistischen Zeiten war alles sehr streng kontrolliert, doch es ist unmöglich, instrumentale Musik zu kontrollieren. Komponieren war meine Freiheit. Alle Poeten und Künstler waren in dieser schrecklichen Zeit Kämpfer gegen diese Macht. Das war normal, und in der Musik war es einfacher, geschah es in Symbolen - aber die Leute haben es verstanden. – Pēteris  Vasks

Im gleichen Konzert werden auch Vasks‘ beliebtes Pater noster in der Fassung für gemischten Chor und Streichorchester, Missa für gemischten Chor und Streichorchester und Credo für Orchester zu hören sein. Vasks' Concerto für Viola und Streichorchester feiert am selben Tag mit dem Turku Philharmonic Orchestra, Maxim Rysanov an der Viola und Risto Joost als Dirigenten seine finnische Erstaufführung in Turku. Wer schon vorher einem Vasks-Werk lauschen möchte, darf am 6. September in Stockholm sein Viatore für Streichorchester kennenlernen. Die Hommage an Arvo Pärt wird hier vom O/Modernt Kammerorchester unter der Leitung von Hugo Ticciati gespielt. Am 10. September geht es in Jena weiter: Die Jenaer Philharmonie spielt an diesem Abend mit der Violinistin Donata Sailer unter der Leitung von Marc Tardue Vasks‘ Konzert "Tâlâ gaisma"/ "Fernes Licht"/ "Distant Light" für Violine und Streichorchester.

Werk der Woche – Julian Anderson: Incantesimi

Unter der Leitung von Sir Simon Rattle finden diese Woche in gleich zwei Ländern Erstaufführungen von Julian Andersons Incantesimi statt: Am Mittwoch, den 31. August, spielen die Berliner Philharmoniker beim Lucerne Festival das erst kürzlich in Berlin uraufgeführte Orchesterwerk. Drei Tage später präsentieren sie es in der Royal Albert Hall in London im Rahmen der BBC Proms.



In dem von den Berliner Philharmonikern in Auftrag gegebenen Werk gelingt es Anderson in bloß acht Minuten fünf musikalische Gedanken, die sich in unterschiedlichen Konstellationen umkreisen, unterzubringen. Er komponierte Incantesimi ganz im Sinne der besonderen Fähigkeit dieses Orchesters, langsame Musik farbenreich zu gestalten.

Julian Andersons Incantesimi – Ein Zauber in acht Minuten


Die fünf musikalischen Gedanken in Incantesimi erscheinen zunächst im Hintergrund und gewinnen im nächsten Moment an Präsenz. Mit seinen wiederkehrenden Soli spielt vor allem das Englischhorn eine besondere Rolle in dem Stück. Streicher in langen Bögen und tiefe Akkorde kombiniert mit Glockendreiklängen im Mittelteil und Flöten in hohen Lagen versetzen in einen „fast hypnotischen Zustand“, so der Komponist. Auch der Titel Incantesimi, was übersetzt "die Zauber" oder "Zaubersprüche" bedeutet, lehnt daran an. Zum Ende des Orchesterwerks zieht das Tempo rapide an und mündet in einen dramatischen Klangausbruch - nur um schließlich wieder in die Ruhe des Beginns zurückzukehren.
Als Sir Simon Rattle mich um eine neue Komposition für die Berliner Philharmoniker bat, entschied ich mich für ein Werk mit sich langsam entfaltenden Klangfarben. Ich bewunderte stets die Fähigkeit Rattles und der Berliner Philharmoniker, lange fließende musikalische Linien in einmaliger Klangschönheit darzubieten. – Julian Anderson

Mit der Erstaufführung in den USA setzt Incantesimi seine Reise durch die Konzertsäle der Welt fort: Das Orchesterwerk, das gemeinsam von den Berliner Philharmonikern mit der Royal Philharmonic Society und dem Boston Symphony Orchestra in Auftrag gegeben wurde, wird vom 26. bis 28. Januar 2017 vom Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Christoph von Dohnányi in Boston aufgeführt.

Werk der Woche – Thomas Larcher: Symphony No. 2

Am 28. August findet die britische Erstaufführung von Thomas Lachers Symphony No. 2 ‚Kenotaph’ im Rahmen der BBC Proms in der Royal Albert Hall in London statt. Es spielt das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Semyon Bychkov. Ihm widmete Larcher das Werk, das erst vor wenigen Monaten unter Bychkovs Leitung in Wien uraufgeführt wurde.



Obwohl seine früheren Kompositionen vor allem von seinen Erfahrungen als Kammermusiker geprägt sind, setzt sich Larcher zunehmend mit dem Komponieren von größeren Orchesterwerken auseinander. Er begann damit in Red and Green (2010), das Larcher als kreative Grundlage für seine erste Symphonie Alle Tage für Bariton und Orchester (2015) diente.

Thomas Larchers Symphony No. 2 – „Ein Grab für verlorene und vergessene Seelen“


Symphony No. 2 war ursprünglich als Konzert für Orchester geplant, nahm dann aber die Gestalt einer klassischen Symphonie an. Das  Klangspektrum reicht von der Intimität eines Kammerensembles bis hin zu der Vielfalt eines vollen Orchesters, in dem vor allem die Schlaginstrumente herausstechen. So behält Larcher in seinen vier Sätzen Elemente der anfänglichen Idee bei, stellt jedoch Tonalität und klassische Strukturen den heutigen musikalischen Entwicklungen experimentell gegenüber. Mit dem Untertitel der Symphonie ‚Kenotaph‘ möchte Larcher den im Krieg Getöteten gedenken oder, um es in den Worten des Komponisten auszudrücken, „Gräber für verlorene und vergessene Seelen“ in Musik setzen. In seinem Werk lässt er seine Besorgnis und Emotionen in Bezug auf die andauernde Migrantenkrise einfließen.
Tausende und Abertausende von Menschen ertranken im Mittelmeer, während ganz Europa untätig am Rand stand, diese Tragödie beobachtete oder sogar wegschaute. [Die Symphonie] ist ein Symbol für das, was inmitten Europas geschehen ist und auch gerade noch geschieht. – Thomas Larcher

In den nächsten Wochen werden auch andere Werke Larchers zu hören sein, darunter Ouroboros für Cello und Kammerorchester am 13. September mit dem Norwegischen Kammerorchester und dem Cellisten Jean-Guihen Queyras unter der Leitung von Per Kristian Skalstad. Das gleiche Stück spielt die BBC Philharmonic mit dem Dirigenten Ben Gernonin und dem Cellisten Matthew Barley am 13. Oktober in Salford. Der Tenor Mark Padmore wird am 6. Oktober in A Padmore Cycle zu hören sein, begleitet vom Bergen Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Edward Gardner. Vom 7. bis 10. Oktober spielt das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich Red and Green in Wien, Grafenegg und St. Pölten, dirigiert von Yutaka Sado.

Werk der Woche – Christian Jost: An die Hoffnung

Zur seiner Eröffnung präsentiert das 10. Grafenegg Festival die Uraufführung des neuen Orchesterlieds An die Hoffnung von Christian Jost (Bild, links). Das Auftragswerk des Festivals kommt am 19. August mit dem Solisten Klaus Florian Vogt (Bild, rechts) und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Yutaka Sado zur Aufführung. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, den Heldentenor Vogt mit einer zeitgenössischen Komposition zu erleben. Zu seinem Durchbruch verhalf ihm vor allem sein Rollendebüt als Lohengrin am Theater Erfurt im Jahr 2002 - bis heute eine seiner Paradepartien.

Nach Krzysztof Penderecki (2007), Heinz Holliger (2008) und Jörg Widmann (2014) hat nun auch Jost seinen Platz als Composer in Residence beim Grafenegg Festival eingenommen. In dieser Position stellt Jost nicht nur eigene Kompositionen vor, sondern dirigiert auch das Tonkünstler-Orchester und leitet zudem den Composer-Conductor-Workshop INK STILL WET, der seit 2011 jährlich und in diesem Jahr vom 1. bis zum 5. September stattfindet.

Christian Josts An die Hoffnung – Ein moderner Rekurs auf Beethoven


Beethoven vertonte 1804 das Gedicht An die Hoffnung aus Christoph August Tiedges Urania als sein Opus 32. Neun Jahre später überarbeitete und erweiterte er diese Liedkomposition und ein neues Werk mit gleichem Titel unter der Opusnummer 94 entstand. Diese Fassung aus Beethovens späterer Schaffensperiode bildet nun den Ausgangspunkt von Josts gleichnamigem Orchesterwerk. Im Mittelteil des Stücks behält Jost die Gesangsstimme des Originals bei, ebenso Teile des harmonischen Materials. Eingebaut ist Beethovens Lied jedoch in einen komplett neu komponierten Orchestersatz, dessen Instrumentation identisch mit der der 9. Symphonie Beethovens ist. Letztere findet auch einen Platz im Eröffnungsprogramm des Grafenegg Festivals.
Es ist eine aus Moll-Terzen entstehende orchestrale Landschaft, eine aufgewühlte, rhythmisch drängende Komposition, die eine gewisse Brüchigkeit der Beethoven’schen „Hoffnung“ orchestral ausweitet. Sie mündet in einen fragenden Schleier aus zarten Clustern, eingewebt in Tiedges letzte Zeilen: „ob dort oben ein Engel wartend meine Tränen zählt“. – Christian Jost

Neben der Uraufführung von An die Hoffnung stellt Jost zu Konzertbeginn am 19. August seine Fanfare für neun Blechbläser vor. Sie ist ebenfalls ein Auftragswerks des Grafenegg Festivals und feiert an diesem Abend ihre Uraufführung. Im weiteren Programm des Grafenegg Festivals wird Jost am 25. August seine CocoonSymphonie dirigieren. Am 28. August spielt Georgy Goryunov Josts lautlos für Violoncello solo; Portrait für Violine solo wird am 10. September zu hören sein, dargeboten von Sophie Kolarz-Lakenbacher.

Werk der Woche – Arnold Schönberg: A Survivor from Warsaw

Alljährlich finden zwischen Juli und September die BBC Proms in London statt. Im Rahmen dieser Sommerkonzertreihe wird am 8. August Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw for narrator, men’s chorus and orchestra in der Royal Albert Hall aufgeführt. Esa Pekka Salonen dirigiert das Philharmonia Orchestra und den Philharmonia Voices Chor, Simon Russel Beale übernimmt die Rolle des Erzählers.



1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme, emigrierte Schönberg, der Sohn eines jüdischen Kaufmanns, über Paris in die USA und erhielt acht Jahre später die amerikanische Staatsbürgerschaft. Wie kein anderer Komponist seiner Zeit realisierte Schönberg mit seinen atonalen Werken und der von ihm geschaffenen Zwölftontechnik radikal den Umbruch zur Neuen Musik. Durch den Holocaust und die Nazi-Diktatur wurde die musikalische Darstellung menschlicher Leidenserfahrung in Schönbergs Kompositionen intensiviert – so auch in A Survivor from Warsaw von 1947.

Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw – Ein monumentales Werk der Zwölftontechnik


Mit nur 99 Takten schafft es Schönberg, das Leiden und die Unterdrückung eines ganzen Volkes darzustellen. Die Erzählung, die der österreichische Komponist selbst verfasste, beschreibt den Terror des NS-Regimes anhand eines typischen Szenarios im Warschauer Ghetto. Im Vordergrund steht der enge Bezug der Musik zum Text bei der bildhaften Schilderung eines Appells. Schönberg schrieb den Text dreisprachig: Der Erzähler spricht englisch, zitiert die Kommandorufe des Feldwebels aber auf Deutsch. Für den Schlussteil des Männerchors greift Schönberg auf das jüdische Glaubensbekenntnis „Shema Yisroel“ in hebräischer Sprache zurück.
Now, what the text of the Survivor means to me: it means at first a warning to all Jews, never to forget what has been done to us, never to forget that even people who did not do it themselves, agreed with them and many of them found it necessary to treat us this way. We should never forget this even such things have not been done in the manner in which I describe in the Survivor. This does not matter. The main thing is that I saw it in my imagination. – Arnold Schönberg

Neben Schönbergs A Survivor from Warsaw finden diese Woche auch andere Schott-Werke ihren Platz bei den BBC Proms: Im gleichen Konzert am 8. August ist auch Henri Dutilleux’s The Shadows of Time für Orchester mit 3 Kinderstimmen zu hören. Peter Maxwell Davies‘ Orchesterwerk Sir Charles his Pavan wird am 9. August unter der Leitung von Juanjo Mena vom BBC Philharmonic Orchestra gespielt und am 12. August feiert Huw Watkins‘ Cello Concerto seine Uraufführung mit dem BBC National Orchestra of Wales und Paul Watkins am Cello, dirigiert von Thomas Søndergård.