Werk der Woche - Julian Anderson: In lieblicher Bläue
- 09.03.2015
In lieblicher Bläue basiert auf dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Hölderlin, auf das Anderson zufällig vor über dreißig Jahren während seiner Schulzeit stieß. Der Untertitel seiner neuen Komposition lautet daher "Gedicht für Violine und Orchester" und nicht etwa "Konzert für Violine und Orchester". Anderson bevorzugt diese Lesart, um dem nachdenklichen und sphärischen Charakter der Musik gerecht zu werden. Außerdem orientiert sich die Struktur des Werks vor allem an Stimmungen und weniger an etablierten Formen. Mit dieser Schwerpunktverschiebung will es der Komponist der Solistin ermöglichen, ihre eigene Persönlichkeit und die ihrer Geige ohne Einschränkungen zum Ausdruck zu bringen.
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Anderson stellt die traditionelle Beziehung zwischen Solist und Orchester in Frage, indem er die klassische Aufstellung durch eine eigene Variante ersetzt. Die Violinistin spielt zu Beginn hinter der Bühne, erscheint dann am Rand des Orchesters und nimmt anschließend ihren angestammten Solistenplatz ein. Im letzten Satz kehrt sie dem Publikum den Rücken zu – eine Anspielung auf die Isolation Hölderlins in seinen letzten Jahren. Anderson erklärt dazu:
Ich will nicht allzu programmatisch denken, aber die Violine repräsentiert den Dichter mit seinen diversen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das Orchester kann den Kontext für diese Gedanken liefern – ein Kontext, der strahlend hell und unterstützend, aber auch gleichgültig, verwundert, skeptisch oder sogar feindselig sein kann. – Julian Anderson
In lieblicher Bläue ist ein Gemeinschaftsauftrag des London Philharmonic Orchestra, des Seattle Symphony Orchestra und des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Nach der Uraufführung in London ist das Werk vom 11. bis zum 14. Juni 2015 als Teil einer Veranstaltungsreihe des Seattle Symphony Orchestra unter der Leitung von Ludovic Morlot zu hören. Die deutsche Erstaufführung in Berlin ist für 2016 geplant.
(09.03.2015)