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Werk der Woche - Julian Anderson: In lieblicher Bläue

"Spielend verbindet sie Leidenschaft und Subtilität, erlaubt sich äußerste Zurückhaltung ebenso wie robustes Zupacken", hieß es in der Jury-Begründung, als die Ausnahmegeigerin Carolin Widmann 2014 den Schneider-Schott-Musikpreis erhielt. Die genannten Tugenden stellt sie vor allem in den Dienst zeitgenössischer Musik – so auch am 14. März 2015, wenn sie gemeinsam mit dem London Philharmonic Orchestra das Werk In lieblicher Bläue von Julian Anderson aus der Taufe hebt. Vladimir Jurowski dirigiert die Uraufführung in der Royal Festival Hall in London.

In lieblicher Bläue basiert auf dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Hölderlin, auf das Anderson zufällig vor über dreißig Jahren während seiner Schulzeit stieß. Der Untertitel seiner neuen Komposition lautet daher "Gedicht für Violine und Orchester" und nicht etwa "Konzert für Violine und Orchester". Anderson bevorzugt diese Lesart, um dem nachdenklichen und sphärischen Charakter der Musik gerecht zu werden. Außerdem orientiert sich die Struktur des Werks vor allem an Stimmungen und weniger an etablierten Formen. Mit dieser Schwerpunktverschiebung will es der Komponist der Solistin ermöglichen, ihre eigene Persönlichkeit und die ihrer Geige ohne Einschränkungen zum Ausdruck zu bringen.

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Anderson stellt die traditionelle Beziehung zwischen Solist und Orchester in Frage, indem er die klassische Aufstellung durch eine eigene Variante ersetzt. Die Violinistin spielt zu Beginn hinter der Bühne, erscheint dann am Rand des Orchesters und nimmt anschließend ihren angestammten Solistenplatz ein. Im letzten Satz kehrt sie dem Publikum den Rücken zu – eine Anspielung auf die Isolation Hölderlins in seinen letzten Jahren. Anderson erklärt dazu:
Ich will nicht allzu programmatisch denken, aber die Violine repräsentiert den Dichter mit seinen diversen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das Orchester kann den Kontext für diese Gedanken liefern – ein Kontext, der strahlend hell und unterstützend, aber auch gleichgültig, verwundert, skeptisch oder sogar feindselig sein kann. – Julian Anderson

In lieblicher Bläue ist ein Gemeinschaftsauftrag des London Philharmonic Orchestra, des Seattle Symphony Orchestra und des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Nach der Uraufführung in London ist das Werk vom 11. bis zum 14. Juni 2015 als Teil einer Veranstaltungsreihe des Seattle Symphony Orchestra unter der Leitung von Ludovic Morlot zu hören. Die deutsche Erstaufführung in Berlin ist für 2016 geplant.

(09.03.2015)

Werk der Woche - Christian Jost: Rote Laterne

Starke Frauen spielen eine tragende Rolle in Christian Josts Opernschaffen – jüngstes Beispiel ist die Rote Laterne. Das Werk bildet zusammen mit Die arabische Nacht und Rumor eine Operntrilogie und wird am 8. März 2015 im Opernhaus Zürich uraufgeführt. Für die Inszenierung ist Nadja Loschky verantwortlich, die musikalische Leitung übernimmt Alain Altinoglu.

Das Libretto der Oper hat Jost selbst verfasst. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman des chinesischen Schriftstellers Su Tong aus dem Jahr 1990, der kurz nach seinem Erscheinen von Zhang Yimou verfilmt und so weltweit bekannt wurde. Das Thema Asien zieht sich wie ein roter Faden durch Josts Komponistenkarriere. Er baute schon früh Kontakte zu chinesischen Orchestern auf und war in der Saison 2012/13 Composer in Residence in Taipeh. In seiner Musik treffen westlich geprägte Musikausbildung und die Liebe zu östlichen Musiktraditionen zuweilen aufeinander – so auch in Rote Laterne.

Im Mittelpunkt der Oper steht Song-Lian, die als vierte Ehefrau in eine traditionsbewusste chinesische Familie einheiratet. Die Gunst des Master Chen ist das höchste Gut in dieser abgeschotteten Welt und die titelgebende rote Laterne ist ihr Gradmesser: Wer sie erhält, darf den Abend in Gesellschaft des Hausherrn verbringen. Je öfter die rote Laterne vor dem Zimmer einer Ehefrau leuchtet, desto höher steigt sie in der Rangordnung des Hauses. Die Protagonistin will das Warten auf die Laterne jedoch nicht als einzigen Lebensinhalt akzeptieren:
Song-Lian will mehr als sich dem feingesponnenen Netz aus Intrigen und Leidenschaften lustvoll hinzugeben. Das Jahr, das sie bei Master Chen verbringt, folgt der Logik eines Albtraums, in dem die Jahreszeiten willkürlich wechseln, Lust und Missgunst die Stunden bestimmen. Wie in einem Traum gibt sie sich den Ereignissen hin, durch die sie erkennt, dass in den Tiefen eines Brunnens das Geheimnis liegt, das sie in dieser Welt festhält. – Christian Jost

Schon zwei Wochen nach Rote Laterne ist die nächste Uraufführung eines Werks von Christian Jost zu erleben: Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt bringt das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Iván Fischer am 20. und 21. März 2015 die BerlinSymphonie zu Gehör.

Foto: Opernhaus Zürich / Monika Rittershaus

(02.03.2015)

Werk der Woche - Hans Werner Henze: Pollicino

Alles begann mit dem überraschenden Besuch einer Kinderschar, die nur „Guten Tag“ sagen und einmal ins Schwimmbecken springen wollte. Auf dem spontan folgenden Fest inspirierten die Kinder Hans Werner Henze mit ihrer Energie und ihrem Witz zu der Kinderoper Pollicino, die ab dem 24. Februar 2015 in Florenz zu sehen sein wird. Das Orchestra del Conservatorio L. Cherubini di Firenze und der Coro di voci bianche Associazione Landini bringen das Werk unter der Leitung von Alessandro Cadario im Teatro Goldoni auf die Bühne.

Henze schrieb Pollicino nach einem Libretto von Giuseppe Di Leva für seine Besucher, genannt "Concentus Politianus". Das Kinderensemble aus Montepulciano in Italien bestritt 1980 auch die Uraufführung in seiner Heimatstadt. Die Handlung erinnert in ihren Grundzügen an Hänsel und Gretel, wird aber durch Elemente der Fabel und des politischen Theaters ergänzt. Rollen für Erwachsene gibt es in der Oper nur wenige: Ein Großteil der Gesangsrollen wird von Kindern verkörpert und auch im Orchestergraben sind sie mit Blockflöten, Gitarren, Violinen und Orff-Schulwerk vertreten. Es ist eine Oper von Kindern für Kinder, doch kann von einer seichten Märchenoper mit austauschbarer Musik keine Rede sein. Die verschiedenen Formen von Arien über Ensembleteile bis hin zu orchestralen Einschüben wie Marsch, Walzer oder Tango verlangen von den Kindern eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Materie. Sie sollen den Umgang mit ihnen unbekannten musikalischen Formen kennenlernen. Henze sieht darin eine entscheidende Lektion für das Musizieren im Erwachsenenalter:
Wenn die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden: Klänge unserer Zeit. Musizierend und singend akzeptieren sie als natürliche Tatsache, was andere als ungewohnte Töne empfinden. Kinder sind sich der Probleme, die Erwachsene in die zeitgenössische Musik hineinprojizieren, nicht bewusst. – Hans Werner Henze

Henze arbeitete während des Kompositionsprozesses eng mit den Kindern zusammen, lotete ihre musikalischen Fähigkeiten aus und ließ sich von ihren eigenen Sorgen und Wünschen inspirieren. Auf diese Weise wurde das Werk zu einem Generationen übergreifenden pädagogischen Projekt, das seine Darsteller ernst nimmt: einer der Hauptgründe für den anhaltenden Erfolg von Pollicino.

Foto: Nationaltheater Weimar / Anke Neugebauer

(18.02.2015)

Werk der Woche - Peter Eötvös: Angels in America

Ab dem 19. Februar 2015 wird die Oper Angels in America von Peter Eötvös in vier Vorstellungen in Boston zu erleben sein. Das University Theatre nimmt sich unter der Leitung von William Lumpkin des Zweiakters an und bringt ihn in einer Inszenierung von Jim Petosa auf die Bühne.

Angels in America basiert auf dem gleichnamigen Drama von Tony Kushner, das 1993 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Kushners monumentales Theaterstück ist zum einen eine Abrechnung mit dem Amerika unter Ronald Reagan und zum anderen eine Aufarbeitung der AIDS-Hysterie Mitte der 1980er Jahre. Eötvös' Oper feierte ihre Uraufführung 2004 in Paris, knapp zwanzig Jahre nach der Zeit der Handlung. Im Opernlibretto tritt die politische Dimension der Vorlage in den Hintergrund, während den Gemütszuständen der Protagonisten mehr Raum gegeben wird. Schließlich waren es die in Kushners Stück allgegenwärtigen Visionen und Halluzinationen, die Eötvös an dem Stoff besonders reizten.

Auf der Suche nach der geeigneten musikalischen Umsetzung besuchte er gemeinsam mit seiner Frau Mari Mezei, die das Libretto für Angels in America schrieb, eine Woche lang Musicalvorstellungen am Broadway. Diese Recherchen nahmen entscheidend Einfluss auf den Klang der Oper. Die musikalischen Verweise auf die Showbühne ergänzt Eötvös durch Jazz- und Rockelemente, Anleihen aus der jüdischen Musik sowie Aufnahmen von Alltagsgeräuschen. Als Gegenpol zur Dramatik des Librettos vereinfacht seine Musik den Zugang zur thematischen Schwere des Stoffs:
Das alles wäre eine schwer verdauliche Angelegenheit, wenn Eötvös nicht diese intelligent gebaute Mischform aus Musical und Oper gefunden hätte. Natürlich kann man sich diesen illusionslosen Existentialismus als abgrundstarrendes Bühnenstück mit entsprechender Musik vorstellen. Aber je länger die Sache geht, desto erfreulicher wirkt die kluge, ironische Art, die spielt und tändelt, anstatt mit der Faust auf den Tisch zu hauen. – Hans-Jürgen Linke (Frankfurter Rundschau)

Ab dem 21. März 2015 ist Eötvös auch wieder in Deutschland zu hören: Das Theater Chemnitz unter der Leitung von Frank Beermann bringt die Oper Paradise reloaded (Lilith) erstmals auf einer deutschen Bühne zur Aufführung.

Foto: Oper Frankfurt / Monika Rittershaus

(17.02.2015)

Werk der Woche - György Ligeti: Le Grand Macabre

Am 14. Februar 2015 feiert eine Neuproduktion von György Ligetis Le Grand Macabre im Aalto-Musiktheater in Essen Premiere. Die Inszenierung stammt von Mariame Clément, am Pult steht Dima Slobodeniouk.

Ligeti selbst bezeichnete das Werk, das 1978 in Stockholm uraufgeführt wurde, als "Anti-Anti-Oper". Er verweist damit auf das Spiel mit den Konventionen, die er zwar bedient, aber auch auf den Kopf stellt. So beugt er sich einerseits den Anforderungen einer Oper. Der Text solle klar zu verstehen sein, während die Handlung in ein szenisches Korsett eingeschnürt werden müsse. Andererseits entwarf Ligeti ein Konzept für einen Bruch mit der Operntradition:
Mir schwebte ein stark schematisierendes, comicartiges Bühnengeschehen vor, und auch die Musik sollte unmittelbar, comicartig, übertrieben, farbig und verrückt sein. Die Neuartigkeit dieses Musiktheaters sollte sich nicht in Äußerlichkeiten der Aufführung, sondern im Inneren der Musik, durch die Musik manifestieren. – György Ligeti

Ligeti verschwendet bei der Umsetzung dieser Vision keine Zeit: Bereits das Vorspiel mit der Besetzung von zwölf Autohupen lässt das Publikum erahnen, was für eine Art musikalischer Exzesse in Le Grand Macabre gefeiert werden. Die Musik begleitet und forciert das Geschehen auf der Bühne, den Rausch der Sinne, der in der Fantasiewelt Breughelland zelebriert wird. Die Anarchie im Orchestergraben ist jedoch kein Mittel zum Zweck. Ligeti verliert die vordergründige Handlung der Oper, den Weltuntergang mit Ankündigung, nie aus den Augen und verleiht dem Werk eine ganz eigene Grundstimmung:
Es ist die kühl berechnende Artistik, die den Grand Macabre mit all diesen bunt durcheinandergewürfelten Ingredienzien als Ganzes im Zaum hält. Durch das bewusste Eingliedern und Zurechtrücken des Details in die Koordination des Gesamtplans entsteht Transparenz, es öffnen sich Durchblicke auf den bemerkenswerten, makabren Ernst der Situation, der in all der heiter ausgebreiteten Doppelbödigkeit dieser Oper steckt. Was dann bleibt, ist neben der Freude ein zutiefst mulmiges Gefühl. – Ulrich Dibelius

Nach der Premiere wird Le Grand Macabre noch bis zum 20. März an acht Abenden in Essen zu sehen sein.

Weitere Informationen zum Werk und auch zu anderen Schwergewichten des Opernbetriebs finden Sie in der aktuellen Ausgabe von schott aktuell: Giants of 20th Century Opera (PDF).

Foto: Oper Graz / Dimo Dimov

(06.02.2015)

Werk der Woche - Stewart Wallace: Harvey Milk

Am 7. und 8. Februar 2015 ist die Oper Harvey Milk von Stewart Wallace erstmals in Australien zu hören: Der Melbourne Gay and Lesbian Chorus unter der Leitung von Kathleen McGuire führt die Oper in der St Kilda Town Hall in Melbourne, Victoria auf. Die Aufführung ist Teil des Midsumma Festivals, das seit 1989 jedes Jahr für drei Wochen schwul-lesbische Kultur in den Mittelpunkt stellt.

Die Oper wurde von der Houston Grand Opera, der New York City Opera und der San Francisco Opera in Auftrag gegeben und 1995 in Houston, Texas uraufgeführt. Sie zeichnet das Leben des Titelhelden Harvey Milk nach, der 1977 trotz seiner offen gelebten Homosexualität in den Stadtrat von San Francisco gewählt wurde – ein Meilenstein in der Politikhistorie. Für sein Engagement gegen Diskriminierung zahlte Milk schließlich mit dem Leben. Posthum wurde er vielfach geehrt: Plätze und Schulen wurden nach ihm benannt, Sean Penn setzte ihm 2008 in "Milk" ein oscarprämiertes filmisches Denkmal.

Stewart Wallace befasste sich bereits vor der Jahrtausendwende mit dem Stoff. Zu dem Libretto von Michael Korie schrieb er eine Musik, die eng mit dem Zeitgeschehen verbunden ist: Jazz, Rock, Broadway und verwandte Stile sind in Harvey Milk zu hören. Wallace schreckte auch vor harschen Dissonanzen nicht zurück. Sie sollen wachrütteln, den Blick für ein Thema schärfen, das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. Diese Risikobereitschaft zahlte sich aus:
Harvey Milk zeigt Momente, die bewegend, irrsinnig komisch und zeitgemäß sind, und das auf eine Art und Weise, die man selten in der Oper zu sehen bekommt. Wenn sie ihren tragischen Höhepunkt erreicht, ist die Oper plötzlich herzzerreißender Schmerz und heroische Politik in einem. In diesen Momenten scheint Harvey Milk Möglichkeiten für lebendiges, risikofreudiges Musiktheater zu eröffnen, frei von Unterdrückung durch Tradition, guten Geschmack und Meisterwerk-Puritanismus. – David Schiff (New York Times)

Werk der Woche - Gerald Barry: Day

Am 28. Januar 2015 wird Day von Gerald Barry im BBC Philharmonic Studio in Salford zum ersten Mal in einer überarbeiteten Fassung für Orchester zu hören sein. Das Porträt-Konzert findet im Rahmen eines zweitägigen Festivals mit dem Titel "Before the Road: The Music of Gerald Barry" statt, einer Veranstaltung des Royal Northern College of Music und dem BBC Philharmonic Orchestra zu Ehren des irischen Komponisten. Die BBC Philharmonic, die Day unter der Leitung von Clark Rundell aufführen wird, bestritt 2006 mit John Storgårds am Dirigentenpult bereits die Uraufführung der Originalversion für Streicher.
Day ist Musik in der Landschaft. Beobachten, Lauschen, Stillstehen, ganz Ohr für jede Stille und jedes Geräusch. Die Bläser haben dieselbe Tierfunktion wie das Orchester in Kitty Lie Over Across From The Wall: eine riesige Kreatur, die plötzlich erscheint. – Gerald Barry

Das erwähnte Werk Kitty Lie Over Across From The Wall für Klavier und Orchester zählt zu Barrys Frühwerken und steht gemeinsam mit La Jalousie Taciturne, From the Intelligence Park und Wiener Blut ebenfalls auf dem Programm, das die ganze Bandbreite von Barrys orchestralem Schaffen zeigt. Das Angebot des Festivals wird durch ein Ensemble-Konzert und ein Podiumsgespräch mit Barry am Abend des 27. Januar sowie zwei Lunchkonzerte am 27. und 28. Januar ergänzt. Bei letzteren stehen Werke für Soloinstrumente im Mittelpunkt.

Die Vielfalt des Festivalprogramms spiegelt nicht nur die Bandbreite von Barrys Gesamtwerk wider, sondern auch die unerwarteten Wendungen, die sein kompositorisches Schaffen prägen. Denn seine Musik ist alles andere als berechenbar:
Barrys Welt besteht aus scharfen Kanten, aus exakt definierten, aber absolut unberechenbaren musikalischen Einheiten. Seine Musik ist einzigartig mit ihrer diamant-artigen Härte, ihrem Humor, und manchmal auch ihrer Gewalt. – Tom Service (The Guardian)

Werk der Woche - Toshio Hosokawa: Blossoming II

Das Orchesterwerk Blossoming II von Toshio Hosokawa wird in dieser Woche von gleich zwei Orchestern in insgesamt vier Städten aufgeführt. Das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Robin Ticciati nimmt das Stück mit auf eine kleine Tour von der österreichischen Erstaufführung in Wien am 22. Januar über Linz am 23. Januar bis nach London am 25. Januar. Jun Märkl und das Detroit Symphony Orchestra präsentieren das Werk ebenfalls dreimal: Am 22., 24. und 25. Januar 2015 ist es in der Orchestra Hall in Detroit zu hören.

Hosokawas Streichquartett Blossoming bildet den Grundstock des Werks. Allerdings ist Blossoming II kein bloßes Arrangement für Orchester, sondern eine Entwicklung des musikalischen Materials, verbunden mit neuen Ideen. Lauscht man den Klängen von Blossoming II, fällt es nicht schwer, sich eine Lotosblume vorzustellen, die langsam erblüht und sich der Sonne entgegenstreckt. Die einzelne Note, die sich am Anfang langsam aus der Stille schält und immer lauter wird, symbolisiert die Oberfläche eines Teichs, aus dem die Blüte erwächst. Alle Töne, die unter dieser Note liegen, stehen für die Welt unter Wasser, alle höheren für die Welt darüber. So entwickelt sich langsam eine Melodie, die aus der Tiefe heraus immer höher strebt. Zu diesem Bild wurde Hosokawa von einem Buch über Buddhismus und die Entfaltung der Lotosblume inspiriert. Kein Zufall, ist sie doch ein wichtiger Teil der japanischen Kultur:
Die tiefe Verwurzelung von Blumen in der japanischen Ästhetik und Spiritualität haben mich beeinflusst, sie zum Thema meines Werks zu machen. Die Blume und ich sind Eins; ihr Erblühen symbolisiert mein eigenes Bewusstwerden, die Entdeckung meines Ichs. – Toshio Hosokawa

Blossoming II hat jedoch noch eine zweite Bedeutung. Hosokawa kritisiert das übersteigerte Interesse der japanischen Gesellschaft an westlicher Kultur, das eigene uralte Traditionen zusehends verdränge. Dieser Entwicklung möchte Hosokawa mit seiner Musik entgegenwirken und traditionelle japanische Ästhetik und Musikformen fester in der Kulturwahrnehmung seines Heimatlandes verankern.

(13.01.2015)


Foto: www.gdefon.ru

Werk der Woche - Ryan Wigglesworth: Études-Tableaux

Am 16. und 17. Januar 2015 ist Études-Tableaux, das neue Orchesterwerk von Ryan Wigglesworth, in der Severance Hall in Cleveland zu hören. Mahlers 6. Sinfonie vervollständigt das Programm des Cleveland Orchestra unter der Leitung von Franz Welser-Möst, bei dem Wigglesworth als Composer in Residence tätig ist.

"Ein Akt der Interpretation" – so beschreibt er sein neues Werk, denn es geht auf unveröffentlichtes Material von 2009 zurück. Wigglesworth entschied sich damals gegen eine Vervollständigung der Skizzen, wollte sie aber auch nicht dem Papierkorb überlassen. Überarbeitet und weiterentwickelt präsentiert er diese Fragmente nun in Études-Tableaux, dessen Abschnitte jeweils einen eigenen Charakter aufweisen. Dennoch sind die melodischen und harmonischen Ideen nicht an einen bestimmten Teil gebunden, sondern wandern – mitunter in Variationen – durch das gesamte Stück. Auch der Hauptteil des Werks besteht aus kleinen schnellen Episoden, deren Grenzen zusehends verschwimmen. Er wird eingerahmt von choralähnlichen Abschnitten, einem Klarinetten-Solo sowie Teilstücken, in denen langsame und schnelle Tempi einander gegenübergestellt werden. Trotz dieser Bandbreite an Zutaten verlor Wigglesworth das große Ganze jedoch nie aus den Augen:
Ich wollte aus diesen verschiedenen Elementen eine einzige gewölbeartige Figur formen, in der alle Abschnitte (manchmal mit Überleitung, manchmal ohne) lückenlos ineinander übergehen sollten. – Ryan Wigglesworth

Die Zusammenarbeit mit dem Cleveland Orchestra, das das neue Werk in Auftrag gegeben hat, kam dank des Young Composers Endowment Fund zustande, der bereits Jörg Widmann in der Saison 2010/2011 unterstützte. Am 6. Februar 2015 wird Études-Tableaux als Britische Erstaufführung mit dem BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Wigglesworth im Barbican in London aufgeführt.

(12.01.2015)

Werk der Woche - Erich Wolfgang Korngold: Straussiana

Die Neujahrskonzerte der Staatsoperette Dresden, die am 1., 3., 4., 8. und 9. Januar 2015 stattfinden, stehen unter dem Motto "Straussiana". Dieser Titel und die Idee einer Hommage an Johann Strauss leitet sich vom Hauptwerk des Abends ab: Straussiana von Erich Wolfgang Korngold. Das Orchester der Staatsoperette Dresden unter der Leitung von Andreas Schüller wird auch andere Strauss-Bearbeitungen Korngolds, sowie selbstverständlich einige Originale des Walzerkönigs zum Besten geben.

Korngold, der 1934 nach Hollywood emigrieren musste, versuchte nach dem zweiten Weltkrieg wieder in Europa Fuß zu fassen. 1949-1951 hielt er sich in seiner Heimat Österreich auf, konnte aber nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen und kehrte schließlich nach Amerika zurück. Dort schrieb der Komponist 1953 mit Straussiana sein letztes Orchesterwerk – eine Referenz an Johann Strauss. Für die drei Sätze "Polka – Mazurka – Waltz" verarbeitete Korngold Melodien aus eher unbekannten Werken wie "Fürstin Ninetta", "Cagliostro in Wien" und "Ritter Pasman" zu einem abwechslungsreichen, glänzend instrumentierten Potpourri. Schon in den 1920er Jahren hatte er sich intensiv für die Operetten von Johann Strauss eingesetzt und einigen durch seine Bearbeitungen zur Wiederaufführung verholfen. Auch das Klavierwerk Geschichten von Strauss op. 21 entstand zu dieser Zeit. Über Korngolds Begeisterung für den Operettenkomponisten berichtet sein Vater, der Kritiker Julius Korngold:
Als ihm ein Zufall vor die Aufgabe stellte, eine Strauss-Operette einzustudieren und zu leiten, erwachte in ihm das Herzensbedürfnis, für reizvolle, aus dem Repertoire verdrängte Strauss-Musik neue Empfänglichkeit zu wecken. So gab Erichs Vorgehen den Anstoß zu einer Art Strauss-Renaissance. – Julius Korngold

Nach den Erfahrungen von Krieg und Exil mag der inzwischen entwurzelte Komponist mit der erneuten Hommage Straussiana sicher auch wehmütige Erinnerungen an bessere Zeiten und an seine Heimatstadt Wien verbunden haben. Er starb nur vier Jahre später 60-jährig in Hollywood.

(01.01.2015)