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Werk der Woche: Bohuslav Martinů - Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1

Das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 von Bohuslav Martinů wird vom 17.-19. Dezember vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Krysztof Urbański gespielt. Solist ist Alban Gerhardt. Die ersten beiden Aufführungen finden im Musikverein Wien statt, die letzte im Festspielhaus St. Pölten.

Das erste Cellokonzert lässt sich in Martinůs neoklassizistische Schaffensphase einordnen, die am Ende der 1920er Jahre begann. Nach einer experimentellen Periode unter dem Einfluss der Pariser Moderne begann der Komponist sich intensiv mit Werken des 17. und 18. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Die 1930er Fassung für Violoncello und Kammerorchester steht daher klar unter dem Einfluss der Concerti Grossi von Antonio Vivaldi. 1939 wurde das Konzert jedoch für großes Orchester instrumentiert und hat seitdem einen eher sinfonischen Charakter, der in der endgültigen Fassung von 1955 am besten zur Geltung kommt. Die letzte hat sich als die Beliebteste durchgesetzt und wird auch in Wien und St. Pölten gespielt.

Bohuslav Martinůs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 – Vom Concerto Grosso zum großen Konzert


Ein farbenfrohes Allegro und ein leichtfüßiges Finale umrahmen ein breit angelegtes expressives Andante. Im Gegensatz zu anderen Werken aus dieser Schaffensperiode ist das Cellokonzert dennoch formal freizügiger – weniger “barockisierend“. Moderne Orchestrierung und folkloristische Einflüsse prägen die erfrischend tonale Tonsprache des Konzerts. Das Werk, mit dem sich Martinů so intensiv und lange wie mit keinem anderen befasste, ist dadurch sehr zugänglich.
Der Künstler ist ständig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, seiner selbst und dem der Menschheit, auf der Suche nach Wahrheit. Ein System der Unsicherheit ist in unseren Alltag getreten. Die Zwänge der Automatisierung, der Uniformität, denen er sich unterwirft, fordern unseren Protest heraus, und der Künstler hat ein einziges Mittel, ihn auszudrücken: Die Musik.  - Bohuslav Martinů

Die Starcellistin Sol Gabetta hat das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 in der Fassung von 1955 auf ihrem neuen Album veröffentlicht, das kürzlich bei Sony Classical erschienen ist. Die Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern wurde ebenfalls von Krysztof Urbański dirigiert. Die CD, auf der auch das Cellokonzert von Edward Elgar zu hören ist, eignet sich perfekt als Weihnachtsgeschenk für jeden Celloliebhaber.

 

Werk der Woche: Jean Sibelius — Violin-Konzert d-Moll

Jean Sibelius' Violin-Konzert d-moll, op. 47 gehört heute zum Standardrepertoire seiner Gattung und wird vom 11.12. bis zum 18.12. von vier verschiedenen Orchestern aufgeführt: Am 11. Dezember spielt es das Kodály Philharmonic Debrecen in Budapest, am 11. und 12. das Sinfonieorchester Wuppertal, am 14. das Rotterdam Student Orkest und am 18. die Badische Philharmonie Pforzheim.

Das Werk wird mit einem leisen Klangteppich aus gedämpften Streichertremoli eröffnet. Darüber entfaltet die Solovioline eine geheimnisvollen Melodie, die in ihrem Verlauf an Expressivität gewinnt und nach und nach die Themen des Satzes fassbar macht. Dieser effektvolle Anfang fiel Sibelius 1901 auf einer Italienreise ein; so begann ein äußerst inspirationsreicher Kompositionsprozess. Der Komponist hatte lange von einer Karriere als Geigenvirtuose geträumt. Dabei ging das Konzert wahrscheinlich weit über seine eigenen Fähigkeiten hinaus und stellt Interpreten bis heute vor große technische und musikalische Herausforderungen. Die ausgedehnte Solokadenz im ersten Satz fordert beispielsweise hoch anspruchsvolle Doppelgriffe, und ersetzt gleichzeitig den Durchführungsteil des Kopfsatzes.

Sibelius' Violin-Konzert – Einfallsreichtum oder "Überfluss an Ideen"?


In seiner Satzfolge I. Allegro Moderato, II. Adagio di molto, III. Allegro (ma non tanto) folgt das Konzert tradierten Gattungskonventionen. Das Adagio erweckt die für Sibelius typische melancholisch düsterere Atmosphäre eines skandinavischen Winters, der durch den warmen Klang der Solovioline gemildert wird. Hier wird bereits auch das Thema des Finales angedeutet, ein halsbrecherisch-virtuoses Rondo mit vielen erweiterten Spieltechniken über einem stetig pochenden Dreivierteltakt.
Die Nächte hindurch wacht er[Sibelius], spielt wunderbar schön, kann sich nicht von den verzauberten Tönen losreißen. Er hat so viele Ideen, dass es kaum zu glauben ist. Und alle Motive sind so entwicklungsfähig, so voll von Leben. - Aino Sibelius

Das Konzert wurde am 8. Februar 1904 unter der Leitung des Komponisten in Helsinki uraufgeführt. Willy Burmester, für den Sibelius die Solostimme komponiert hatte, musste bei der Uraufführung vom damals wohl überforderten Victor Nováček ersetzt werden. Das Werk wurde von den Kritikern mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Während einige den Einfallsreichtum des Konzerts lobten, kritisierten andere den "Überfluss an Ideen" sowie die großen technischen Anforderungen. Sibelius überarbeitete das Werk daraufhin zu der heute etablierten Fassung von 1905. Er vereinfachte die Solostimme in den Rahmensätzen und glättete klangliche Schärfen.

Seit Juli 2016 vertritt Schott Music den traditionsreichen Verlag Robert Lienau. So ergänzt das Violin-Konzert, neben weiteren Werken von Jean Sibelius, Carl Maria von Weber und anderen, das Schott-Repertoire. Sowohl die revidierte Fassung, als auch die erst seit 2015 als Aufführungsmaterial erhältliche Frühfassung sind lieferbar.

 

Foto: Santeri Levas

Werk der Woche - Krzysztof Penderecki: Quartetto per archi no. 4

Am 11. Dezember 2016 gelangt in der Londoner Wigmore Hall das Quartetto per archi no. 4 von Krysztof Penderecki zur Uraufführung. Das Stück wurde für das in London von der rumänischen Geigerin Corina Belcea gegründete Belcea Quartet geschrieben. Unter den Auftraggebern finden sich neben der Wigmore Hall Konzerthäuser in Brüssel, Madrid und Warschau mit Unterstützung mehrerer Stiftungen.

Das Komponieren für Streichquartett ist in Pendereckis Werdegang von eigentümlichen Unterbrechungen gekennzeichnet: Die ersten beiden – experimentell-improvisatorischen – Quartette schrieb er kurz hintereinander in den 1960er Jahren. Nummer drei und vier folgten lange Zeit später, aber ebenfalls recht nahe beieinanderliegend 2008 und 2016. So stehen die Quartette paradigmatisch für die zwei großen Schaffensphasen bei Penderecki mit einem Stilwandel, der in der Musikgeschichte seinesgleichen sucht. Wie ein Kommentar dazu erscheint das sehr kurze, nicht nummerierte Streichquartett aus der Mitte der "Quartettpause" 1988 mit dem Titel Der unterbrochene Gedanke. Jedoch lassen sich nahezu alle Werke von Penderecki als "Frühwerke" bezeichnen:
Vor dem Frühstück zu komponieren ist die beste Zeit - man ist dann frisch. Ich stehe normalerweise um 6 Uhr auf, wenn alle noch schlafen, und beginne zu schreiben. Mich auszudrücken in der Musik ist vielleicht die einzige Möglichkeit für mich, mit der Außenwelt Kontakt zu haben. Aber es macht mir vor allem auch Spaß, sonst hätte ich nicht so viel geschrieben. - Krzysztof Penderecki

Wenige Tage nach der Uraufführung folgen Erstaufführungen des Quartetto per archi no. 4 in Spanien (Madrid, 13.12.) und Belgien (Brüssel, 15.12.), ebenfalls mit dem Belcea Quartet.

Werk der Woche: Gerald Barry – Alice’s Adventures Under Ground

Am 28. November 2016 findet in der Londoner Barbican Hall die europäische Erstaufführung von Gerald Barrys neuer Oper Alice’s Adventures Under Ground statt. Die konzertante Aufführung mit der Britten Sinfonia wird von Thomas Adès geleitet. Dieser dirigierte eine Woche zuvor die Uraufführung in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. Die Titelrolle singt Barbara Hannigan.

Barrys vorherige Oper The Importance of Being Earnest (2009-10) nach Oscar Wilde wurde regelmäßig vor ausverkauften Rängen aufgeführt und gilt als Meistwerk der Oper unserer Zeit. Die ähnlich subversiven Literaturklassiker "Alice’s Adventures in Wonderland" und "Alice Through the Looking Glass" von Lewis Carroll waren für Barry eine naheliegende Wahl für sein nächstes Opernsujet.

Alice’s Aventures Under Ground – Folge dem weißen Kaninchen!


Alice’s Aventures Under Ground beginnt wie das Buch mit Alices Sturz in den Kaninchenbau. In der Oper wird dieser Vorfall gesanglich geradezu halsbrecherisch umgesetzt. Virtuose Passagen wie diese wurden vor allem für die bemerkenswert agile Stimme von Barbara Hannigan geschrieben, der Barry bereits mehrfach Werke auf den Leib komponiert hat.
Das Buch ist sehr dramatisch und ein ideales Vehikel für eine Diva, männlich oder weiblich. Es bietet großartiges Material für Angeberei und nimmt das Unglaubliche als gegeben, als selbstverständlich an. – Gerald Barry

Barrys Vokalkompositionen sind oft vom Spiel mit Sprache geprägt. Alice’s Adventure Under Ground ist keine Ausnahme. Der Komponist hat das Libretto selbst geschrieben, nahm den Kern von Carrolls Geschichten und betonte ihre surrealen und witzigen Aspekte. Eine der bekanntesten Passagen Carolls, das Nonsensgedicht "Jabberwocky", wird in nicht weniger als fünf verschiedenen Sprachen vorgetragen. Für Barry reflektiert der fieberhafte Sprachwirbel seines Librettos die Verrücktheit von Carrolls Vorlage. Er entschied sich auch für den Titel der ersten Fassung statt des gebräuchlichen "Alice in Wonderland", um die etwas dunklere Tönung des Wahnsinns seiner Oper zu betonen.
Ich liebe den Orginaltitel, weil er Licht und Dunkelheit verbindet und die dem Werk zugrundeliegende schwarze und weiße Energie klarer zum Ausdruck bringt. Es ist der rasende Wechsel zwischen ekstatischem Unsinn und Gewalt, der diesen Text zeitlos macht und Generation um Generation fesselt. – Gerald Barry

Alice’s Adventures Under Ground wird seine irische Erstaufführung auf dem New Music Dublin Festival am 4. März 2017 erleben.

Werk der Woche: Alexander Goehr - Verschwindendes Wort

Alexander Goehrs Verschwindendes Wort wird am 25. und 26. November zur britischen bzw. deutschen Erstaufführung gebracht. Das Ensemble Modern spielt das Werk in der Londoner Wigmore Hall, und am Folgetag in der Alten Oper Frankfurt. Lucy Schaufer und Christopher Gillet leihen den "Verschwindenden Worten" ihre Stimme.

Verschwindendes Wort ist ein gemischter Zyklus aus Liedern, Duetten und Instrumentalstücken für Mezzosopran, Tenor und Ensemble. Er wurde zuerst 2013 für zwei Stimmen und Klavier komponiert, und 2015 instrumentiert. Verschwindendes Wort beschäftigt sich mit der Mehrdeutigkeit von Worten und der Entfremdung des Menschen von der Natur. Goehr vertont sieben Texte von sechs verschiedenen Autoren, darunter Jakob Böhme, Rainer Maria Rilke und Ingeborg Bachmann, die jeweils eine andere Perspektive auf das Problem von Bedeutung und Verständlichkeit eröffnen. Zwischen den gesungenen Sätzen bieten fünf instrumentale Präludien den Worten Gelegenheit in ihnen zu verschwinden.

Verschwindendes Wort von Alexander Goehr – Von der Bedeutung der Bedeutung


Verschwindendes Wort beginnt mit dem Bild des Sprachbaums, wie ihn sich der deutsche Mystiker Jakob Böhme im 17. Jahrhundert vorstellte: Durch Wachstum und Spaltung wurde die universelle Natursprache in viele schwache Sprachen geteilt. Im zweiten Gesang vertont Goehr die Geschichte, wie Adam von Gott beauftragt wurde jedem Tier einen Namen zu geben. In den folgenden Sätzen reflektieren Gedichte auf unterschiedliche Art und Weise den Umgang mit Worten. Die Texte erregten Goehrs Aufmerksamkeit, als er an dem Bariton-Zyklus TurmMusik arbeitete. Dieses Werk setzt sich mit der Geschichte des Turmbaus zu Babel auseinander, ist thematisch also eng mit Verschwindendes Wort verwandt.

Verschwindendes Wort wurde am 22. Januar 2016 in New York uraufgeführt. Der 35 Minuten lange Zyklus wurde dort für seine Kombination von Mystik und Transparenz gelobt.
Den Eindruck den ich erzeugen will ist einer von Transparenz: Der Hörer sollte, sowohl in sukzessiven als auch in simultanen Dimensionen der Partitur, das Alte unter dem Neuen und das Neue aus dem Alten hervorgehen sehen. – Alexander Goehr

Neben Verschwindendes Wort bringt das Ensemble Modern in den Konzerten in London und Frankfurt auch zwei neue Stücke Goehrs zur Uraufführung, die Manere I von 2008 zu einem Triptychon ergänzen: Auf Manere II für Klarinette und Horn folgt Manere III, in dem die Besetzung von einer Violine zu einem Trio ergänzt wird. Das Wort "Manere" bezeichnet ein bestimmtes Melisma in gregorianischen Chorälen, das bis zum 14. Jahrhundert häufig verwendet wurde und danach weitgehend verschwand.

Werk der Woche: George Gershwin - Porgy and Bess

Am 13. November wird am Teatro alla Scala in Mailand die Premiere der "folk opera" Porgy and Bess von George Gershwin gefeiert. Alan Gilbert, der Chefdirigent der New York Philharmonic, übernimmt die musikalische Leitung von dem im März 2016 verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, dessen Andenken der Premierenabend gewidmet ist. Die Inszenierung stammt von seinem Sohn, Philipp Harnoncourt.

Zum ersten Mal wird an der Mailänder Scala die komplette Orginalversion der Oper gespielt, mit einer Spielzeit von fast 3 Stunden. In vielen Passagen dieser Fassung sind starke Einflüsse der europäischen Avantgarde zu hören. Diese werden oft ausgelassen, verstärken aber den dramatischen Effekt der Oper. Besonders die Begegnung mit Alban Berg gegen Ende der 1920er Jahre hat Gerschwin geprägt. Er bezeichnete Porgy and Bess als "seinen Wozzeck".

Gershwin beweist stilistische Vielseitigkeit: Spätromantische Opernklänge treffen auf Avantgarde-Techniken und schillernde Jazz-Farben der 1930er Jahre. Es gibt wohl keine Oper, die so viele Jazz-Standards hervorgebracht hat: Klassiker wie I Got Plenty O‘ Nuttin‘, I loves you, Porgy und besonders Summertime erfreuen sich sowohl auf der Opernbühne, Galakonzerten als auch in Jazzclubs größter Beliebtheit. Summertime gilt gar als eines der am häufigsten interpretiertesten Musikstücke aller Zeiten.

Porgy and Bess von George Gershwin – And the livin‘ is easy…?


Die beruhigende Melodie von Summertime, mit der Clara am Anfang der Oper ihr Kind in den Schlaf singt, steht in starkem Kontrast zu der gewaltreichen Lebensrealität in der "Catfish Row". In diesem heruntergekommenen, küstennahen Straßenzug in Charleston, South Carolina wohnen einfache Fischersleute neben Drogenabhängigen, Dealern und anderen zwielichtigen Gestalten. Mittendrin verstricken sich der behinderte Bettler Porgy und die schöne, kokainsüchtige Bess in eine aussichtslose Liebesgeschichte. Die Handlung basiert auf dem Roman "Porgy" von DuBose Heyward, der den Stoff für Gershwin auch als Libretto einrichtete.

Die Uraufführung 1935 war ein großer Erfolg. Die Oper wurde jedoch später häufig kritisiert, hauptsächlich wegen des rassenpolitischen Inhalts. Gershwin wollte die Emotionen und Probleme der unterdrückten schwarzen Bevölkerung differenziert zum Ausdruck bringen. Deshalb legte er Wert darauf, dass die Hauptrollen ausschließlich von schwarzen SängerInnen gesungen werden. Sein Ziel war es, dass Porgy and Bess trotz der Einflüsse aus Jazz und Folklore als große durchkomponierte Oper respektiert wird, und nicht als Broadway Musical.
Die einzige Art von Musik, die Bestand hat, ist jene, die im allumfassenden Sinn der Volksmusik Gestalt besitzt. Alles andere geht unter. – George Gershwin

Porgy and Bess wird an der Mailänder Scala bis zum 23. November zu sehen sein. Und ab dem 26. November kann man sich an einem weiteren der größten Opernhäuser der Welt auf das Stück freuen, wenn es in Sydney auf die Bühne kommt.

 

Foto: Lena Obst, Staatstheater Wiesbaden 2013.

Werk der Woche: Karl Amadeus Hartmann - Simplicius Simplicissimus

Am 11. November wird in London Karl Amadeus Hartmanns Oper Simplicius Simplicissimus in einer Inszenierung von Polly Graham zur britischen Erstaufführung gebracht. Die Britten Sinfonia spielt unter der Leitung von Timothy Redmond. Gesungen wird in einer neuen englischen Übersetzung von David Pountney.

Die Oper erzählt in drei Akten die Geschichte des naiven Bauernkinds Simplicius Simplicissimus, dem "Allereinfältigsten", zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Simplicius versteht seinen Ziehvater nicht, wenn er ihn vor dem Bösen warnt und träumt von einem "Lebensbaum", bis ihr Hof komplett zerstört wird. Im zweiten Akt findet er Zuflucht bei einem Einsiedel, der Simplicius die wichtigsten Dinge des Lebens lehrt. Im finalen Akt wird der Junge verschleppt und dem Gouverneur vorgeführt, wo er ausschließlich die Wahrheit sagt, wie er es von dem Einsiedel gelernt hat. Der belustigte Gouverneur lässt Simplicius mit Narrenfreiheit sein Weltbild vortragen. Rückblickend versteht Simplicius seinen Traum als Symbol für gesellschaftliche Ungleichheit.

Karl Amadeus Hartmanns Simplicius Simplicissimus – Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen


Die 1934-1935 komponierte Oper wurde erst 1949 szenisch uraufgeführt, da Hartmanns Werke zur Zeit des Nationalsozialismus nicht gespielt wurden. Er komponierte in einer Art innerer Emigration für die Schublade. Sein Simplicius ist geprägt von den politischen Umständen der Zeit. Die grauenvollen Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges, wie sie im 1668 erschienenen Roman "Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen beschrieben werden, werden von Hartmann in die Gegenwart geholt. Durch die Verbindung von ungleichzeitigen Geschichtsereignissen wird die Oper zu einer Parabel gegen Krieg und Gewaltherrschaft.
Ich machte mich mit dem Buch vertraut; die Zustandsschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg schlugen mich seltsam in Bann. Wie gegenwärtig kam mir das vor: "Die Zeiten sein so wunderlich, daß niemand wissen kann, ob du ohn Verlust deines Lebens wieder herauskommest…‘" Da war der Einzelne hilflos der Verheerung und Verwilderung einer Epoche ausgeliefert, in der unser Volk schon einmal nahe daran gewesen ist, seinen seelischen Kern zu verlieren. Und nirgends war Rettung als nur in dem, was das Gemüt des einfachen Menschen dagegen aufbrauchte. – Karl Amadeus Hartmann

Die Verbindung von ungleichzeitigen Ereignissen wird musikalisch durch Zitate umgesetzt. An zahlreichen Stellen klingen Werke an, die von den Nationalsozialisten als "entartete Musik" klassifiziert wurden. Auch jüdisch geprägte Melodiefragmete mischen sich in die abwechslungsreiche Klangsprache, aus der sich ein komplexes Beziehungs- und Bedeutungsnetzwerk ergibt. Eine wichtige Rolle spielt die seit dem 13. Jahrhundert bekannte Volksweise, die um 1506 mit "oh Welt, ich muss dich lassen" betextet wurde. Der Rückzug aus der Welt ist ein wichtiges Motiv für Hartmanns Werk, gleichzeitig zeigt die Oper aber dessen Unmöglichkeit. Selbst in Simplicius' Fantasie und in Hartmanns Auseinandersetzung mit älterer Geschichte spiegelt sich unvermeidlich die Realität. Auch für die heutige politische Situation ist der Inhalt der Oper relevant.

Simplicius Simplicissimus wird in der Independent Opera at Sadler's Wells bis zum 19. November noch drei weitere Male aufgeführt. Ab dem 28. Januar 2017 ist das Stück auch in Bremen zu sehen.

 

 

Foto: Monika Rittershaus, Oper Frankfurt 2009

Werk der Woche - Heinz Holliger: Konzert "Hommage à Louis Soutter"

Am 5. November 2016 wird Heinz Holligers Violinkonzert "Hommage à Louis Soutter" zum ersten Mal in Portugal aufgeführt. Unter der Leitung des Komponisten spielt das Sinfonieorchester des "Porto Casa da Música". Den Solopart übernimmt Thomas Zehetmair, der das ihm gewidmete Werk seit der Uraufführung 1995 regelmäßig spielt.



Das Konzert ist wie andere konzertante Werke Holligers (Siebengesang, Turm-Musik) von einer Künstlerbiographie inspiriert. Musikalisch zeichnet Holliger das Leben des Malers Louis Soutter nach, von dessen erstem Bild aus dem Jahre 1904 bis zu seinem Tod 1942. Soutters Leben und Kunst waren geprägt von einer psychischen Erkrankung und einem obsessiven Schaffensdrang. Die letzten 20 Jahre verbrachte er in einem Pflegeheim, wo er die meisten seiner Bilder produzierte. Zum Schluss malte er mit den Fingern, teilweise mit dem ganzen Körper. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der "Art Brut".

Holligers „Hommage à Louis Soutter“ – ‘Male wahr. Wahrheit ist schrecklich.‘ (Hermann Hesse)


Die vier Sätze des Konzerts (I Deuil - II Obsession - III Ombres - IV Epilog) sind ohne Pause miteinander verbunden. Der erste Satz Deuil (Trauer) beinhaltet Zitate aus der dritten Sonate von Eugène Ysaÿe, der Soutter, in jungen Jahren selbst ein begnadeter Geiger,  jahrelang Unterricht gab. Soutter spielte im "Orchestre de la Suisse Romande", dessen 75. Geburtstag Anlass für Holligers Komposition war. Das im elegischen ersten Satz angelegte Potential des Wahnsinns wird zur Realität. Der Hörer durchlebt diese Entwicklung in der mitreißenden Rhythmik von Obsession. Der anschließende Satz Ombres (Schatten) zeigt den Zustand, komplett aus dem gewohnten Leben entrissen zu sein. Der spukhafte und kontrastreiche Satz steigert sich, bis die Musik am Ende komplett in sich zusammenfällt.

Der letzte Satz Epilog wurde später hinzugefügt und zum ersten Mal 2002 in Heidelberg aufgeführt. Holliger greift die resignative Atmosphäre von Soutters Bild "Vor dem Massaker" auf. Es ist Musik der Agonie. Die Violine verschmilzt mit gequälten Akkorden, die mit düsteren Klangfarben des Orchesters gezeichnet sind. Wie die schattenhaften und gekrümmten Figuren Soutters hinterlassen sie unmittelbar einen zutiefst beklemmenden Eindruck.
Für mich ist das Anderssein etwas, das zum Leben gehört. Ich suche nicht nach dem Krankhaften in einem Menschen. Ich suche nach Menschen, die keine Grenzen in ihrer Fantasie haben, die hinübergehen können, ob das in die Welt des Wahnsinns ist oder in ein Jenseits, beides ist miteinander verwandt. Solche Leute haben einfach feinere Antennen als andere, sie haben direkteren Zugang zu ihrem Unterbewusstsein. – Heinz Holliger

Das Casa da Música in Porto setzt sich in dieser Woche intensiv mit dem Schweizer Komponisten auseinander. Am 1. November wird dort Holligers Scardanelli-Zyklus gespielt, in dem er Texte aus Friedrich Hölderlins ebenfalls von mentaler Instabilität geprägtem Spätwerk vertont. Am Nachmittag des 5. November werden einige seiner Kompositionen für Soloinstrumente im ganzen Konzerthaus verteilt zu hören sein, um auf die Aufführung am Abend vorzubereiten. Neben dem Violinkonzert stehen Werke von Claude Debussy und Henri Dutilleux auf dem Programm.

Werk der Woche - Stefan Heucke: Baruch ata Adonaj

Am 27. Oktober wird in Bochum das Anneliese Brost Musikforum Ruhr eingeweiht. Zu diesem feierlichen Anlass wird ein neues Werk von Stefan Heucke zur Uraufführung gebracht: Die Auftragskomposition Baruch ata Adonaj (Gesegnet seist du, Herr) ist eine Kantate auf einen hebräischen Segenstext für Bariton, drei Knabenstimmen, Chor und Orchester. An der Aufführung beteiligt sind die Auftragsgeber selbst, die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Steven Sloane, sowie das ChorWerk Ruhr und der Philharmonische Chor Bochum. Solisten sind der Bariton Martijn Cornet und Knaben der Chorakademie Dortmund.



Die Möglichkeiten des neuen Konzertraums werden in der etwa halbstündigen Kantate eindrucksvoll inszeniert. Anfangs ist die Bühne leer. Der Solist und die drei Chorknaben stehen sich auf den Balkonen gegenüber. Der Bariton trägt eine rhapsodische Melodie vor, die von den Knaben antiphonisch beantwortet wird. Diese ist zugleich das Thema des Werks und Grundlage für die acht abwechselnd instrumental und vokal gestalteten Variationen.

Baruch ata Adonaj von Stefan Heucke – Raumgestaltung durch Klang, Klanggestaltung durch Raum


Die acht Sätze reichen von feinen kammermusikartigen Passagen bis hin zu größter Klangfülle. Der Wahl-Bochumer Heucke entwickelt dabei sowohl das musikalische Material, als auch den Aufführungsraum selbst, um ihre Potentiale und Facetten zu beleuchten. Die Tendenz dabei ist, dass sich die anfangs noch leere Bühne mehr und mehr mit Menschen und Klang füllt.
Zur Eröffnung des neuen Musikforums beauftragten mich die Bochumer Symphoniker mit der Komposition eines Werkes, das sowohl den Dank für die Vollendung dieses langgehegten Projektes als auch den Wunsch nach Segen für dessen Zukunft ausdrücken sollte. Dabei betreten nach und nach immer mehr Sänger und Instrumentalisten die Bühne, so dass am Ende, einer strahlenden Amen-Apotheose, der ganze Raum mit Musik und Menschen gefüllt und damit bewohnt und eingeweiht ist. – Stefan Heucke

Der sehr kurze Text Baruch ata Adonaj  ist ein Segensgebet, das einen wichtigen Platz in der jüdischen Tradition hat. Die Formel ist auf vielfältige Situationen anwendbar: Dem Herrn kann so nicht nur für Essen und Trinken, sondern auch etwa für das Hören und Sehen von besonderen Dingen gedankt werden. Ein solches Erlebnis verspricht die Einweihung in Bochum zu werden. Besonderer Dank gebührt den Bürgern der Stadt, die etwa die Hälfte der insgesamt 34 Millionen Euro zum Großprojekt beigetragen haben. Das Konzerthaus soll vor allem die erste eigene Spielstätte für das renommierte städtische Orchester sein, das bisher nur auf Gastkonzerten sein volles Klangpotential entfalten konnte. In der "Heimatlosigkeit" des Orchesters lässt sich auch eine Parallele zur jüdischen Geschichte sehen.

Die Aufführung wird am Folgetag wiederholt. Am 29. und 30. Oktober laden die Bochumer Symphoniker bereits zum nächsten Konzert in ihr neues Zuhause ein. Auf dem Programm steht dann unter anderem Igor Strawinskys beliebte Suite Der Feuervogel.

Werk der Woche – Richard Wagner: Der fliegende Holländer

Am 20. Oktober 2016 feiert an der Vlaamse Opera Antwerpen Tatjana Gürbacas Inszenierung von Richard Wagners Der fliegende Holländer Premiere. Bei insgesamt zehn Vorstellungen dirigieren Cornelius Meister und Philipp Pointner. Die große Besonderheit liegt jedoch auf den Notenpulten der Musiker: Zum ersten Mal wird die Oper mit dem neuen Aufführungsmaterial gespielt, das dem Text der Richard Wagner-Gesamtausgabe entspricht.



Die Urfassung des Fliegenden Holländers wurde 1841 fertiggestellt und ist bereits seit zehn Jahren als Orchestermaterial nach der Gesamtausgabe erhältlich. Ab 1842 begann für die „Romantische Oper in einem Akt und drei Aufzügen" eine permanente Bearbeitungsgeschichte. In der so genannten „Fassung 1842-1880" verlegte Wagner den Schauplatz von Schottland nach Norwegen, veränderte entsprechend die Rollennamen, teilte die Oper in drei Akte und nahm Änderungen am Notentext vor, indem er etwa die Ballade der Senta in eine andere Tonart transponierte. Zunächst in dieser Form gedruckt, erfuhr das Werk in den Folgejahren erneut kleinere und größere Änderungen. Unter anderem komponierte Wagner 1860 einen neuen Schluss des 3. Aktes – den so genannten „Erlösungsschluss".

Wagners Plan, nach den zahlreichen kleinen Retuschen eine abschließende Partitur für die Oper fertigzustellen, blieb bis an sein Lebensende unerfüllt. So kommt es, dass Der fliegende Holländer - wie auch der Tannhäuser - bis heute nicht in einer endgültigen Fassung vorliegt.

Der fliegende Holländer - Ein ewiges "Work in Progress"?


Das Fehlen einer endgültigen Partitur bedeutet Arbeit für die Wagner-Forschung. Die Wagner-Gesamtausgabe hat den Anspruch, sämtliche Stadien der Veränderung so genau wie möglich zu rekonstruieren. Der lange herrschenden Auffassung des Vorrangs der „Fassung letzter Hand" wird dabei nicht gefolgt. Schließlich blieb die Oper, die Wagner innerhalb von sieben Wochen niedergeschrieben haben will, bis zum Ende „problematisch" für den Komponisten. Nichtsdestotrotz ist sie heute eine der populärsten Wagner-Opern.
Wenn ich jedoch auch nur bei Wenigen und Einzelnen vollkommen das erreiche, was ich beabsichtige, so soll dieses Gelungene mich für alles sonst Missglückte reichlich entschädigen;  und herzlich drücke ich den wackeren Künstlern im Voraus die Hand, die es nicht verschmähten, mit mir sich näher und inniger zu befassen und zu befreunden, als dies für gewöhnlich in unsrem heutigen Kunstweltverkehre angetroffen wird. - Richard Wagner

Die Holländer-Partitur der Gesamtausgabe und der zugehörige Klavierauszug auf dem neuesten Stand der Forschung werden bereits von vielen Dirigenten und Sängern geschätzt. Mit dem neuen Orchestermaterial der Fassung 1842-1880 liegen nun auch einheitliche, moderne Stimmen für das Orchester vor. In Antwerpen und Gent wird aus ihnen bis zur Dernière am 22. November gespielt. Ab sofort wird das neue Material von Schott an alle Bühnen geliefert, die diese Fassung von Der fliegende Holländer aufführen.