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Werk der Woche – Peter Eötvös: Multiversum

Spätestens seit Juri Gagarins Flug ins All 1961 begann fast jedes Kind sich für das Weltall begeistern. So auch der damals jugendliche Peter Eötvös, der das Thema in seinem neuesten Werk Multiversum für Konzertorgel, Hammond-Orgel und Orchester aufgreift.



Bei der Uraufführung am 10. Oktober 2017 in der Elbphilharmonie Hamburg steht der Komponist selbst am Pult. Mit den Solisten Iveta Apkalna und László Fassang ist das Koninklijk Concertgebouworkest zu hören.

Peter Eötvös: Multiversum aus Raum und Klang


Die Faszination von den unendlichen Weiten des Universums bewegte Eötvös dazu, aus Musik einen Raum zu erschaffen, der die Zuhörer umfasst, wie das Weltall die Erde. Durch die raffinierte Aufstellung des Orchesterapparates zielt der Komponist darauf ab, die Zuhörer von allen Seiten mit Klang zu umgeben: Er kreiert einen speziellen Raumklang durch die Positionierung der Streicher links, der Holzbläser rechts und durch die Verteilung der Blechbläser sowie des dreiteiligen Schlagwerks über die volle Breite des Podiums. Die Hammond-Orgel erklingt von hinten, wobei sie vom Podium gespielt wird. Ein Rotationslautsprecher erzeugt einen Doppler-Effekt, der bewirkt, dass der Hammond-Klang im Saal von allen Seiten zu kommen scheint. Den Orgelspieltisch platziert Eötvös ganz vorne, während die Klais-Orgel der Elbphilharmonie selbst im Saal hinter Teilen des Publikums integriert ist. Jeder Aufführungsort ergibt ein anderes Raumkonzept für den Klang des Stückes. Die Anordnung des Publikums in der Elbphilharmonie mit ihrer besonderen Architektur bietet für jeden Zuhörer ein individuelles Hörerlebnis – ganz anders als in "Schuhschachtel"-Konzertsälen wie dem Concertgebouw Amsterdam.
Ich versuche die Welt mit Klängen zu beschreiben, genauso wie die Schriftsteller mit Wörtern, die Maler mit dem Pinsel, die Filmemacher mit der Kamera. Wir beschreiben sehr oft genau dasselbe, nur das Medium ist anders. – Peter Eötvös

Auf einer der Uraufführung nachfolgenden Europa-Tournee dirigiert Eötvös das Werk am 11. Oktober in der Philharmonie Köln, am 12. Oktober im Palais des beaux-arts in Brüssel, am 14. Oktober im Müpa Budapest und am 19. und 20. Oktober im Concertgebouw Amsterdam.

Werk der Woche – Aribert Reimann: L’Invisible

Mit seinem neuen Bühnenwerk L’Invisible kreiert Aribert Reimann ein mysteriöse  unerklärliche Atmosphäre von Angst und Bedrohung. Die Uraufführung dieser „Trilogie lyrique“ ist ab dem 8. Oktober an der Deutschen Oper Berlin in der Inszenierung von Vasily Barkhatov zu sehen. Donald Runnicles dirigiert das Werk nach der Vorlage dreier kurzer Stücke von Maurice Maeterlinck, die Reimann auf vielfältige Weise musikalisch und inhaltlich miteinander verflochten hat.



Als Reimann in den achtziger Jahren eine Aufführung von Maeterlincks L’Intruse, Intérieur und Les Aveugles auf der Berliner Schaubühne sah, spürte er  den Drang, eines Tages eine Oper daraus zu formen. Es vergingen aber rund dreißig Jahre, bis aus der Idee Realität wurde. Mit der Wahl von La Mort de Tintagiles als drittes Stück anstelle von Les Aveugles schafft Reimann eine inhaltliche Verbindung der Teile durch einen Jungen, der in allen drei Stücken vorkommt.

Aribert Reimann – L’Invisible: Leben mit dem Tod


In L’Intruse wartet eine Familie auf einen Arzt, der die im Kindbett erkrankte Tochter behandeln soll. Doch bevor dieser ankommt, bemerkt der blinde Großvater als einziger die Anwesenheit des Todes. Das ganze erste Stück wird nur von Streichern begleitet, bis zum Schluss mit dem Einsetzen der Holzbläser der erste Schrei des Kindes erklingt und die Mutter ihren letzten Atemzug tut. Drei Countertenöre verkörpern die – bis kurz vor Schluss – unsichtbaren Todesboten, durch die Reimann das Gefühl des ständig präsenten Todes vermittelt.

Der Komponist beschränkt die Instrumentation in Intérieur auf die Holzbläser. Gemeinsam mit dem Großvater und einem Fremden blickt das Publikum durch ein Fenster auf die Familie. Da berichtet der Fremde, dass er die ertrunkene älteste Tochter aus dem Fluss gezogen hat. Als der Alte der Familie die Nachricht überbringen will, imitieren die beiden Mädchen im Zimmer schon vorausahnend die Melodie, die vorher die Countertenöre gesungen haben. Auf der Bühne verbleibt einzig der kleine Junge, der im dritten Stück zu Tintagiles wird. In La Mort de Tintagiles setzt Reimann erstmals das ganze Orchester ein. Eine alte Königin lässt alle potentiellen Erben umbringen. Aus Angst, sie könnte es auch auf Tintagiles abgesehen haben, versuchen dessen Schwestern vergeblich ihn zu beschützen. Die Countertenöre treten am Ende als Henker der Königin auf die Bühne. Reimann schließt das Werk mit dem Anfang von L‘Intruse, als ob der Kreislauf von vorne begänne.
Seitdem der Mensch lebt, lebt er auch mit dem Tod. Maeterlinck hat das in drei Bilder gefasst. Im dritten wird jemand entführt und umgebracht. Jeden Tag werden Menschen auf irgendeinen Befehl hin ermordet. Jemand fährt in eine Menschenmenge, und wir wissen nicht, wer die Auftraggeber sind. Sie sind unsichtbar, so wie hier. – Aribert Reimann

Reimann schrieb sowohl eine französische als auch eine deutsche Fassung des Librettos. Die Uraufführung findet in französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln statt. Nach der Premiere am 8.10. werden weitere Vorstellungen am 18.10., 22.10., 25.10. und am 31.10. gegeben.


Szenenfoto: Deutsche Oper Berlin / Bernd Uhlig

Werk der Woche – Valentin Silvestrov: Sinfonie Nr. 3

Am 30. September 2017 feiert Valentin Silvestrov seinen 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass wird am 27.09.2017 seine Sinfonie Nr. 3 ("Eschatophonie") zum ersten Mal im Vereinigten Königreich gespielt. Vladimir Jurowski dirigiert das London Philharmonic Orchestra in der Royal Festival Hall in London.



Silvestrov beschäftigte sich erst ab dem Alter von 15 Jahren mit Musik, zunächst autodidaktisch, später durch den Besuch der Abendmusikschule parallel zu einem Ingenieursstudium in seiner Geburtsstadt Kiew. 1967 erhielt der Komponist den Koussevitzky-Preis, wurde aber als führender Vertreter der "Kiewer Avantgarde" kurz darauf aus dem Komponistenverband der UdSSR ausgeschlossen.

Während seiner "avantgardistischen Schaffensperiode", wie Silvestrov diese Zeit selbst nennt, experimentierte er mit starken Kontrasten. So ist die Sinfonie Nr. 3 geprägt von Wechselspielen von rhythmisch hochkomplexer Notation und freier Improvisation. Den Vertretern der konservativen sowjetischen Musik widerstrebte Silvestrovs Kompositionsstil, weshalb seine Werke in seiner Heimat lange Zeit verboten waren. Daher eroberten sie zunächst Europa, bis sie sich durch den wachsenden internationalen Erfolg auch in der UdSSR etablieren konnte.

Die Sinfonie Nr. 3 von Valentin Silvestrov: Musik vom Anbruch einer neuen Welt


Bei dem Untertitel "Eschatophonie" handelt es sich um einen Neologismus, den Silvestrov aus dem Fachbegriff der Lehre vom Ende einer alten und vom Anbruch einer neuen Welt, schuf. Durch das Suffix "-phonie" (griech. phoné ="Klang/Ton") setzt er diese Lehre in einen musikalischen Kontext. Gleichzeitig besitzt sie eine religiöse Dimension:
Seiner Meinung nach ist alles schon da – ist alles schon geschrieben worden. Um das zu verstehen, muss man an den Allmächtigen erinnern. Alles ist schon einmal geschaffen worden, man muss nichts weiter tun als aufmerksam dem zu lauschen, was schon da ist, und das wieder aufrufen. Dann fängt wieder etwas an zu schwingen. Es war eigentlich die ganze Zeit schon da, aber jetzt können auch wir die Schwingungen spüren und das als Musik wahrnehmen. – Sofia Gubaidulina über Silvestrovs Musikanschauung

In der Sinfonie Nr. 3  lässt  Silvestrov bei jeder Aufführung eine neue Welt entstehen, indem er Anweisungen wie "chromatische Cluster unbestimmter Größe" oder "atonale Improvisationen nach graphischem Modell" gibt. Improvisatorische Phrasen ziehen sich durch alle drei Sätze. Insbesondere den Streichern und den vier Schlagzeugern weist der Komponist viele freie Passagen zu.

In zahlreichen Konzerten – von Amerika über Europa nach Russland und Japan – werden der Jubilar und seine Musik gefeiert. Rund um den Geburtstag sind unter anderem folgende Stücke von Silvestrov zu hören:  am 28.9. die Sinfonie Nr. 8 in der Sibelius Hall in Lahti mit John Storgårds und dem Lahti Symphony Orchestra,  am 30.9. und am 1.10. die Serenade für Streichorchester und die Elegie für Streichorchester mit Kirill Karabatis und der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden, am 27.10. Postludium mit Christopher Lyndon-Gee und dem Adelphi Symphony Orchestra im Adelphi University Performing Arts Center Garden City, New York, am 4.11. die Sinfonie Nr. 4 und Postludium mit Dennis Russel Davies und dem NCTS Orchestra in Tokyo und am 11.11. Widmung mit Vladimir Jurowski und dem Svetlanov Orchestra in Moskau.

Die Verlage Belaieff und Schott Music gratulieren Valentin Silvestrov herzlich zu seinem runden Geburtstag!

Werk der Woche – Krzysztof Penderecki: 6. Sinfonie

Die Geschichte der Gattung Sinfonie ist voller kurioser Phänomene, darunter "Unvollendete", "Nullte" und neu oder doppelt nummerierte. In diese Reihe gehört auch Krzysztof Pendereckis 6. Sinfonie, denn seine 7. und 8. sind seit vielen Jahren fertiggestellt und wurden jeweils dutzende Male aufgeführt.



Das neue Werk gelangt nun am 24. September mit dem Guangzhou Symphony Orchestra an dessen Heimspielstätte mit dem Bariton Yuan Chenye unter der Leitung von Long Yu zur Uraufführung.

Krzysztof Penderecki – 6. Sinfonie: Chinesische Lieder als Abschied von der Gattung?


Acht Lieder auf chinesische Texte bilden das Rückgrat der 6. Sinfonie, die Penderecki durch solistische Intermezzi des Streichinstruments Erhu verbunden hat. Wie bei den beiden Vorgängern (oder Nachfolgern?) legte der Komponist auch hier den Schwerpunkt auf das Vokale. Die Besetzung ist jedoch weitaus kleiner und der Charakter intim-kammermusikalischer und bisweilen melancholischer als zuvor. Auch ist das Stück mit rund 25 Minuten Spieldauer weniger als halb so lang wie die Sinfonien 7 und 8.

Die 6. Sinfonie, der Penderecki den Beinamen "Chinesische Lieder" verliehen hat, ist sein erklärter Abschied von der Gattung, auch wenn man bei Sinfonien freilich mit allem rechnen muss...
Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, neue Klänge zu suchen und zu finden. Gleichzeitig habe ich mich mit Formen, Stilen und Harmonien der Vergangenheit auseinandergesetzt. Beiden Prinzipien bin ich treu geblieben… Mein derzeitiges Schaffen ist eine Synthese. – Krzysztof Penderecki

Am 5. und 6. Mai 2018 folgt die Deutsche Erstaufführung im neuen Kulturpalast Dresden. Hier dirigiert Michael Sanderling die Dresdner Philharmonie.

Werk der Woche – Luigi Nono: Il canto sospeso

"...Dein Sohn geht. Er wird die Glocken der Freiheit nicht hören", schrieb Konstantinos Sirbos, ein zum Tode verurteilter Grieche in einem Abschiedsbrief vor seiner Ermordung durch das NS-Regime. Dieses und viele weitere Brieffragmente nahm Luigi Nono als Basis für sein Werk Il canto sospeso ("schwebender Gesang"), das beim Musikfest Berlin vom SWR Symphonieorchester und dem SWR Vokalensemble am 11. September 2017 unter der Leitung von Peter Rundel zu hören sein wird. Solisten sind die Sopranistin Mojca Erdmann, die Mezzosopranistin Jenny Carlstedt und der Tenor Robin Tritschler.



Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es zahlreiche Menschen, die gegen das Unrecht Widerstand leisteten. Vielen von ihnen wurden dafür zum Tode verurteilt. Ihre nur wenige Stunden vor ihrem Tod verfassten Briefe wurden 1954 in einem Dokumentarwerk veröffentlicht, das Nono als Grundlage für sein 9-teiliges Stück heranzog. In diesem verarbeitet er kurze Ausschnitte aus den Briefen der vierzehn- bis vierzigjährigen ermordeten Europäer. Er widmete es all denen, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben ließen.

Luigi Nonos Il canto sospeso: Den Tod durch Musik überwinden


Nono stimmt zu Beginn mit einem schwebenden Orchesterklang auf den ersten Brieftext ein, den der Chor verkündet. "Ich sterbe für die Gerechtigkeit. Unsere Ideen werden siegen", wie ein junger bulgarischer Mann schrieb. Es folgt eine Episode, in der die drei Solisten simultan Brieffragmente dreier griechischer Patrioten vortragen. Den Höhepunkt des Stückes gestaltet Nono mit Zeilen einer Verurteilten, die beschreibt, wie ihre Mörder auf sie zukommen. Der Komponist vertont diese mit einem starken Kontrast von markerschütternden Blechbläser- und Paukenklängen, die sich schließlich über zarte Saitenklänge in Leere auflösen. Den Abschied einer Russin an ihre Mutter lässt der Komponist die Sopranistin alleine vortragen, unterstützt nur vom summenden Frauenchor und hohen Instrumenten. Die Abschiedsworte der zum Tode Verurteilten verbindet Nono durch instrumentale Intermezzi, die den Zuhörer in einer Atmosphäre des Abschieds und der Verzweiflung gefangen nehmen. Das Stück endet mit den Worten: "Ich gehe im Glauben an ein besseres Leben für euch", dargeboten von Chor und Pauken. Zurück bleibt eine Stimmung der Fassungslosigkeit. Il canto sospeso ist keine Textvertonung im traditionellen Sinne: Die Brieffragmente verarbeitet Nono auf eine Weise, die sie nahezu unverständlich macht. Stattdessen nutzt er sie als musikalische Mittel, um die Gesamtaussage zu intensivieren.

Werke des Gedenkens und Erinnerns gewinnen gerade in unserer Zeit zunehmend an Bedeutung. Bei Aufführungen stellen Kompositionen wie Il canto sospeso besondere Aufgaben an die Musikvermittlung und bieten Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen, Institutionen und Vereinen. Über den unten stehenden Link gelangen Sie zu einer Auswahlliste mit weiteren geeigneten Werken. Offensichtlich haben Komponisten zu allen Zeiten daran geglaubt, dass sie mit Musik mahnen, erinnern, aber auch trösten und versöhnen können. Leonard Bernstein hat das so formuliert:
Das wird unsere Antwort auf Gewalt sein: Noch mehr, noch schöner, noch leidenschaftlicher Musik zu machen als jemals zuvor.

Wer Il canto sospeso in diesem Jahr im Konzert hören möchte, hat am 26. November bei der Biennale cresc... im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt eine weitere Gelegenheit.

Werk der Woche – Igor Strawinsky: L'Oiseau de feu

Igor Strawinskys L'Oiseau de feu (Der Feuervogel) ist nun seit über 100 Jahren von den Bühnen der Welt nicht mehr wegzudenken und auch in Form von Orchestersuiten fester Bestandteil des Konzertrepertoires. Auch in dieser Woche wird das Werk in fünf verschiedenen Städten zu hören sein.



Der Direktor des Ballett russe, Sergej Diaghilew, hatte 1909 Alexander Tscherepnin und Anatoli Ljadow mit der Komposition der Ballettmusik zu L'Oiseau de feu beauftragt. Als die Zusammenarbeit mit beiden scheiterte, wandte sich Diaghilew an den damals noch weithin unbekannten 27-jährigen Igor Strawinsky. Dieser fertigte innerhalb weniger Monate die umfangreiche Partitur zu dem Ballett nach der Vorlage zweier russischer Volksmärchen an.

Igor Strawinskys L'Oiseau de feu – Vorbild für moderne Filmmusik


Auf einer Jagd fängt Prinz Ivan Zaréwitsch den auffallend schillernden Feuervogel. Zum Dank für seine Freilassung schenkt das Tier dem Prinzen eine seiner Federn, mit der er in der Not immer Hilfe anfordern könne. Wenig später bemerkt Ivan im Wald 13 Prinzessinnen, Gefangene des unsterblichen Königs Kastschei. Sie haben sich heimlich zum Tanzen aus dem Palast geschlichen und nehmen den Prinzen nach anfänglichem Misstrauen in ihren Reigen auf. Dabei verliebt er sich in die wunderschöne Zarewna. Als die Damen in ihr Gefängnis zurückeilen, folgt Ivan ihnen trotz aller Warnungen. Er wird entdeckt, ruft aber den Feuervogel, bevor ihn der zornige Kastschei in Stein verwandeln kann. Das magische Tier zwingt die königlichen Schergen durch seine Zauberkraft bis zur Erschöpfung zu tanzen. Indessen verrät Kastschei dem Feuervogel versehentlich die Quelle seiner Unsterblichkeit: ein Ei, das in einem Baum verborgen ist. Ivan zerstört das Ei und besiegt damit den Bösewicht. Die Versteinerten im Schloss sind erlöst und Ivan kann Zarewna heiraten.

In der Musik zu L'Oiseau de feu charakterisiert Strawinsky die drei Protagonistengruppen mit eigenen Klangmerkmalen: So verwendet er für Kastschei chromatische Tonfolgen, orientalische Klänge für den Feuervogel und benutzt folkloristische Melodien für die Adelssprösslinge, wobei er russische Volkslieder zitiert.  Später arbeitete Strawinsky die Ballettmusik in unterschiedliche Konzertsuiten um. Die Fassung von 1911 entspricht einer Kürzung der Ballettmusik in der Originalbesetzung, während der Komponist für die Suite von 1919 diese auf 60 Musiker reduzierte, um Orchestern mit kleineren Besetzungen das Stück zugänglich zu machen. In der Fassung von 1945 fügte Strawinsky zu der zweiten Suite fünf weitere Sätze hinzu.
Prägt euch diesen jungen Komponisten ein; es ist ein Mann am Vorabend des Ruhms. Sergej Diaghilew bei einer Probe vor der Uraufführung von L'Oiseau de feu

Die Suite (1919) wird am 6. September in Goiânia, Brasilien vom Orquestra Filarmônica de Goiás zu hören sein und am 9. September spielt sie das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg. Eine originelle Bearbeitung für symphonisches Blasorchester von Randy Earles wird vom Schwäbischen Jugendblasorchester im Allgäu-Schwäbischen Musikbund am 9. September in Nördlingen und am 10. September in Füssen präsentiert. Das Ballett in der kritisch revidierten Ausgabe von Herbert Schneider wird am 7., 8. und 9. September mit dem Gewandhausorchester in Leipzig zu sehen sein.

Werk der Woche – Hans Werner Henze: Der Junge Lord

Zum ersten Mal in seiner Geschichte präsentiert das Opernhaus Hannover Hans Werner Henzes komische Oper Der junge Lord. Das Stück nach dem Libretto von Ingeborg Bachmann wird am 2. September 2017 dort Premiere feiern. Die Inszenierung stammt von Bernd Mottl, Mark Rhode dirigiert das Niedersächsische Staatsorchester.



Den Komponisten und die Librettistin verband jahrelang eine enge Freundschaft und intensive künstlerische Zusammenarbeit, aus der unter anderem die Oper Der Prinz von Homburg und das Mimodram Der Idiot hervorgingen. Der junge Lord ist das letzte der insgesamt sechs gemeinsamen Werke von Henze und Bachmann und wurde von der Deutschen Oper Berlin in Auftrag gegeben. Bachmann nahm sich dafür die Parabel Der Affe als Mensch aus Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven von Wilhelm Hauff zur Vorlage. Sie ergänzte die Handlung noch um das Liebespaar Wilhelm und Luise.

Der junge Lord – Faszination und Verblendung


Sir Edgar zieht Anfang des 19. Jahrhunderts aus London in die spießige deutsche Provinz Hülsdorf-Gotha. Dort interessiert er sich mehr für den Wanderzirkus als für die ortsansässigen Bürger. Diese reagieren darauf beleidigt und beschmieren Sir Edgars Haus mit fremdenfeindlichen Parolen. Bei einem heimlichen Rendezvous werden der Student Wilhelm und seine Geliebte Luise, Tochter der Baronin Grünwiesel, durch laute Schreie erschreckt, die aus Sir Edgars Haus dringen. Dieser rechtfertigt den Lärm damit, dass er seinem Neffen Lord Barrat Deutsch beibringe und ihn bei Fehlern bestrafen müsse. Zum Beweis veranstaltet Sir Edgar zwei Wochen später einen Empfang, wo er den jungen Lord vorstellt. Die Gäste sind von dessen exzentrischem Verhalten fasziniert und imitieren sogar seine Marotten. Als der junge Lord anfängt um Luise zu werben, plant deren Mutter auch schon die Verlobung der beiden. Im Laufe des Abends tanzt der junge Lord immer wilder und reißt sich schließlich die Kleider vom Leib. Plötzlich wird für alle sichtbar, dass er in Wirklichkeit der verkleidete Zirkusaffe Adam ist. Sir Edgar verlässt mit ihm den Raum – zurück bleiben die schockierten Bürger von Hülsdorf-Gotha.

Henze lehnt Der junge Lord formell und musikalisch an die Opera buffa des 18. Jahrhunderts an, mit den für diese Gattung typischen Ensembles und dem weitgehenden Verzicht auf ariose Elemente. Er verwendet traditionelle Formen wie Volks- und Kinderlieder, Menuette und Walzer. Unter dieser Oberfläche treiben Henze und Bachmann mit dem Publikum ein doppeltes Spiel: Die Illusion der leichten Muse dient dazu, die Gesellschaftskritik des Stückes umso eindringlicher zu formulieren. So verwendet Bachmann im Libretto das Goethe-Zitat: „Im Deutschen lügt man… Ein bedeutend ernst Geschick“, um anzudeuten, worauf die Handlung hinausläuft.
Der wesentliche Gegenstand dieses Stücks ist: die Lüge. Sie wird geboren aus unersättlicher Neugier, betrogenen materiellen Hoffnungen, provinzieller Angeberei und beleidigter Eitelkeit. –Hans Werner Henze

Nach der Premiere besteht noch an fünf weiteren Abenden die Möglichkeit, das Stück im Opernhaus Hannover zu sehen: am 9.9., 17.9., 24.9., 4.10. und 19.10.2017 finden weitere Aufführungen statt.

Werk der Woche: Gerald Barry – Canada

Ludwig van Beethoven und Kanada. Wie passt das zusammen? Bei den diesjährigen BBC Proms feiert Gerald Barrys Werk Canada für Singstimme und Orchester am 21. August 2017 in der Royal Albert Hall seine Uraufführung.



Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert das City of Birmingham Symphony Orchestra mit Tenor Allan Clayton als Solisten.

Für Barry ist Beethoven der größte aller Komponisten. Deshalb stehen viele seiner Stücke im Zusammenhang mit dessen Schaffen. Dazu gehören auch Schott and Sons, Mainz für Bass-Solo und gemischten Chor auf Briefe zwischen Beethoven und seinem Verlag und Beethoven für Bass und Ensemble. Darin verarbeitet Barry Ausschnitte aus Beethovens persönlichen Briefen an seine "Unsterbliche Geliebte“.

Gerald Barrys Canada – Eine Hommage an Beethoven


Der Text zu Canada auf Englisch, Deutsch und Französisch enthält die Zeilen "Sprecht leise! Haltet euch zurück! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick" aus Beethovens Oper Fidelio. Barry wurde auf dem Rückweg nach Dublin am Flughafen in Toronto dazu inspiriert. Während er an der Sicherheitskontrolle wartete, dichtete er in Gedanken den berühmten Gefangenenchor aus der Oper um:
"Kanada! Oh welche Lust in freier Luft! / Den Atem leicht zu heben! / Nur hier ist Leben! / Wir sind belauscht mit Ohr und Blick.” – Kanada, der Name und das Land kommen mir seit jeher komisch vor, irgendwie exotisch normal. – Gerald Barry

Barrys nächstes Projekt in der neuen Spielzeit wird ein Orgelkonzert für den Organisten Thomas Trotter sein, das das Birmingham Symphony Orchestra, das London Philharmonic Orchestra und das RTÉ National Symphony Orchestra in Auftrag gegeben haben.

Wenn Sie anlässlich Beethovens 250. Geburtstags in drei Jahren noch Programm-Anregungen suchen, finden Sie Inspirationen dafür im aktuellen Schott Journal.

Werk der Woche – Aribert Reimann: Lear

"Die Oper Lear von Aribert Reimann, als fünfte und letzte Neuinszenierung 2017, handelt vom Irrewerden an der Macht, vom Einsamwerden, vom Verlust jeder menschlichen Bindung, sogar zu den eigenen Kindern“, so Intendant Markus Hinterhäuser über Aribert Reimanns Lear.



Am 20.08.2017 feiert das Meisterwerk Premiere bei den Salzburger Festspielen; Franz Welser‑Möst dirigiert die Wiener Philharmoniker in der Felsenreitschule Salzburg. Die Regie führt Theater- und Filmregisseur Simon Stone.

Ab 1968 legte der berühmte Liedsänger Dietrich Fischer-Dieskau dem Komponisten immer wieder die Tragödie von William Shakespeare als Opernvorlage nahe. Zwar fesselte die Geschichte den Komponisten von Anfang an, er sah sich dem Stoff aber erst vier Jahre später gewachsen. Für das Libretto wandte sich Reimann an Claus H. Henneberg, mit dem er vorher schon erfolgreich zusammengearbeitet hatte, unter anderem bei der Oper Melusine. Reimann selbst nennt drei musikalische Inspirationsquellen für Lear: Anton von Webern, der ihn Präzision lehrte, Alban Berg, dessen Expressivität er sich zum Vorbild nahm, und die Musik Indiens, die ihn rhythmisch beeinflusste. Um genügend Spielraum für seine hochkomplexen Klangflächen zu schaffen, verlangt der Komponist in einem Orchester mit 83 Musikern alleine 48-fach besetzte Streicher.

Aribert Reimanns Lear: Eine Metamorphose als Spiegel unserer Zeit
Ich entdeckte in diesem Stück immer mehr Konstellationen, die mir als Gleichnis unserer Zeit erschienen. Alle diese Dinge, die sich da ereignen, können sich immer ereignen.– Aribert Reimann

König Lear will das Reich unter seinen drei Töchtern verteilen. Diejenige, die ihn am meisten liebt, soll den größten Teil erhalten. Cordelia, die für die Liebe zu ihrem Vater keine Worte findet, wird verbannt und verlässt mit dem König von Frankreich das Land. Kent, der Lears Entscheidung missbilligt, wird geächtet. Die beiden älteren Töchter und ihre Ehemänner teilen sich das Erbe. Am Ende kauert der wahnsinnige und verlassene Lear über Cordelias Leiche und folgt seiner Tochter schließlich ins Jenseits.

"Zweieinhalb Stunden lang wird der Hörer aus dem Orchestergraben heraus gebannt: mit Tontrauben aller Intensitätsgrade, Vierteltonreibungen, minutenlang stehenden und sich drehenden Klangflächen, Blechballungen von monströser Härte, verwirrenden rhythmischen Verschiebungen, lyrischem Innehalten solistischer Stimmen. Diese Klangmittel werden zur scharfen Charakterisierung – von Figuren, Ausdruckshaltungen, Situationen – eingesetzt, nie als bloße Materialdemonstration.“ (Wolfgang Schreiber)

Abgesehen von der Premiere am 20.08.2017 haben Sie noch am 23., 26. und 29.08.2017 die Möglichkeit, die Oper während der Salzburger Festspiele zu sehen.

Werk der Woche – George Gershwin: Concerto in F

Nach seinem großen Erfolg mit Rhapsody in Blue erhielt George Gershwin von der New York Symphony Society den Auftrag zur Komposition eines Klavierkonzertes.



Die Instrumentierung der Rhapsody hatte er noch Ferde Grofé überlassen, weshalb das Concerto in F für den jungen Gershwin zu seinem ersten selbst instrumentierten Orchesterwerk wurde. Sich seiner Unerfahrenheit in diesem Bereich bewusst, mietete er sich während der Kompositionsphase ein Orchester, um seine Instrumentationsideen damit direkt auszuprobieren.

Bei der Uraufführung im Dezember 1925 in der New Yorker Carnegie Hall spielte Gershwin selbst das Klavier. Die Geschichte lehrt uns, dass sich sein Aufwand gelohnt hat: In den Dezembertagen 1925 stieg Gershwin in den Kreis der bedeutendsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts auf.

George Gershwins Concerto in F: Amerikanischer Jazz in klassischem Gewand

Um den Schritt zur absoluten Musik ganz bewusst zu tun, entschied sich Gershwin dazu, den ursprünglich geplanten Namen New York Concerto in den nicht-programmatischen, neutralen Gattungstitel Concerto in F for Piano and Orchestra umzuändern und wählte auch die traditionelle dreisätzige Form schnell – langsam – schnell.

Im 1. Satz, dem vom Charleston-Rhythmus geprägten Allegro (alla breve), exponiert Gershwin im ersten Klaviersolo mit dem ersten Thema einen formalen Eckpunkt und weniger eine zentrale Themengestalt. Die beiden Hauptteile des 2. Satzes (Adagio – Andante con moto) verbindet er durch eine Solo-Kadenz. Dieser Satz wird aufgrund seiner stilistischen Merkmale oft als "Blues-Nocturne“ beschrieben. Den 3. Satz stellt der Komponist ganz ins Zeichen einer "Orgie von Rhythmen“, in der er vielerlei jazzige Themen verarbeitet.

In seinem Concerto formt der Komponist aus Amerikas klanglicher Vielfalt seinen eigenen musikalischen Stil, geprägt durch Jazz, Broadwaysongs, Tanzrhythmen und spätromantische Harmonien.
Viele Leute glaubten, die Rhapsody sei nur ein glücklicher Zufall gewesen. Also machte ich mich daran, ihnen zu zeigen, dass ich noch eine Menge mehr drauf habe als das. Ich entschloss mich, ein Werk der absoluten Musik zu schreiben. Die Rhapsody war, wie aus dem Titel zu schließen, eine Impression über den Blues. Das Concerto sollte aber unabhängig sein von einem Programm.– George Gershwin

Das offizielle Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchesters in der Elbphilharmonie Hamburg am 14.08.2017 mit dem Solisten Tzimon Barto und unter dem Dirigat Christoph Eschenbachs ist leider schon ausverkauft. Wer das Stück trotzdem live hören möchte, dem sei die öffentliche Generalprobe am 13.08.2017 in der ACO Thormannhalle Rendsburg empfohlen. Neben Gershwins Concerto werden auch Ravels La valse und Daphnis et Chloé gespielt.