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Werk der Woche: Rodion Shchedrin - The Enchanted Wanderer

Die konzertante Oper The Enchanted Wanderer des russischen Komponisten Rodion Shchedrin wird anlässlich seines 85. Geburtstages am 19. und 20. Dezember 2017 in der Philharmonie München unter der Leitung Valery Gergiev aufgeführt. Inspirieren ließ sich Shchedrin von einem klassischen Roman des russischen Literaten Nikolai Leskov.

Außerhalb Russlands ist der Roman mit seiner äußert verzweigten Handlung wenig bekannt: Die Hauptperson Ivan blickt auf ein ereignisreiches und abenteuerliches Leben zurück. Nachdem er als junger Mann einen Mönch getötet hatte, wurde Ivan von dessen Geist verflucht. In seinem qualvollen Leben sollen stets Tod und Heimsuchung auf ihn warten. Ivans Schicksal nimmt seinen Lauf und nach einer Gefangenschaft bei den Tataren und Militärdienst wird er Diener eines Prinzen, dessen Reichtümer er verwaltet. Jedoch verliebt sich Ivan in die Tänzerin Grusha und gibt das ihm anvertraute Geld für sie aus. Als der Prinz dahinter kommt, verlieben sich dieser und Gruhsa prompt ineinander. Ivan bleibt jedoch mit gebrochenen Herzen zurück. Als der Prinz die Lust an ihr verliert, sucht er sich kurzer Hand eine neue, sehr reiche Braut. In ihrer Verzweiflung flieht  Grusha zu hohen Flussklippen, wo sie auf Ivan trifft. Sie bittet ihn darum, sie umzubringen, da sie sich sonst gezwungen sieht, den Prinzen und seine neue Braut zu töten. Als Liebesbeweis stürzt Ivan Grusha die Klippen hinunter und geht ins Kloster, um für seine Sünden zu büßen.

Rodion Shchedrin -  The Enchantred Wanderer: ein schicksalhaftes Drama


Der in München und Moskau lebende Komponist Shchedrin entführt das Publikum in all seinen Opern in die Musik des alten Russlands. In der dramatischen Komposition The Enchantred Wanderer werden traditionelle, mündlich überlieferte Hirtenmelodien, Trinklieder und viele weitere Musiken verarbeitet. Dabei weist er den Soli in klassischer Oratorientradition verschiedenen Rollen zu, weshalb er für das Werk die Gattungsbezeichnung "Opera for the concert stage" wählte.
Manche Menschen finden vielleicht, dass es zu viele Erzählstränge gibt, aber die Gattung Oper erlaubt es mir, die ausschweifende und farbige Geschichte durch scharfe und polemische Kontraste zu erzählen, mehr als es sinfonische Musik könnte. Ich hoffe, dass das Publikum der Geschichte mit unermüdlichen Interesse folgen kann; dass es eingesogen wird von Leskovs Geschichte und schließlich Sympathie und Mitgefühl für die Charaktere und deren Schicksal empfindet. – Rodion Shchedrin

Eine weitere Oper von Shchedrin, A Christmas Tale, ist am 23. Dezember 2017 in St. Petersburg zu erleben. Des Weiteren wird dem Komponisten anlässlich seines runden Geburtstages ein Konzert in der Tchaikovsky Concert Hall in Moskau gewidmet, in dem am 21. Dezember 2017 eine Retrospektive seines Schaffens zu hören sein wird.

Bild: Mariinsky Theater St. Petersburg

Werk der Woche: Aribert Reimann – Die schönen Augen der Frühlingsnacht

In die jetzige Winterzeit zaubert der neue Liederzyklus von Aribert Reimann blumige Frühlingsgefühle. Die schönen Augen der Frühlingsnacht wird am 14. Dezember 2017 im Muziekgebouw aan’t IJ in Amsterdam uraufgeführt.

Die schönen Augen der Frühlingsnacht  ist ein Kompositionsauftrag des Muziekgebouw Amsterdam und von Musik 21 Niedersachsen. Es ist speziell für die Sopranistin Mojca Erdmann und das Kuss Quartett geschrieben. Der Zyklus fußt auf Liedern des romantischen Komponisten Theodor Kirchner nach sechs Gedichten von Heinrich Heine. In ihnen dienen Bilder von keimenden und treibenden Pflanzen im Frühling als idealer lyrischer Ausdruck von Liebesgefühlen. Einen Gegensatz zu den sonnigen Gedanken bilden zwei Gedichte, die an einsame winterliche und kalte Momente in der Schneelandschaft erinnern.

Aribert Reimann – Die schönen Augen der Frühlingsnacht: Verbindung von Romantik und Gegenwart


Die Lieder von Theodor Kirchner wurden nie verlegt und sind deswegen so gut wie unbekannt. Reimann verbindet seine Bearbeitung für Singstimme und Streichquartett mit sieben instrumentalen Zwischen-, Vor- und Nachspielen. Dieses Vorgehen ist für Reimann kein Novum: Bei dem Zyklus „…oder soll es Tod bedeuten“ hatte er zuvor Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy für Stimme und Streichquartett bearbeitet und mit sechs eigenen Intermezzi verbunden. Auch dieser Zyklus wird von Mojca Erdmann und dem Kuss Quartett bei dem Konzert der Uraufführung aufgeführt. Zukünftig werden die instrumentalen Teile aus Die schönen Augen der Frühlingsnacht unter dem Titel 7 Bagatellen auch einen eigenständigen Quartettzyklus bilden.
Beim Komponieren habe ich eine Klangvorstellung im Kopf, die ich in Worten nicht ausdrücken kann, einfach weil es keine Worte dafür gibt. Ich kann natürlich einen Klang beschreiben, aber das ist nicht dasselbe. Für mich ist es das Komplizierteste und Allerwichtigste, diesen Klang, den ich in mir höre, dann zu sortieren und zu organisieren.- Aribert Reimann

Im Rahmen der Konzertreihe Musik 21 im NDR  erlebt der Zyklus Die schönen Augen der Frühlingsnacht am 16. Dezember in Hannover seine deutsche Erstaufführung. Weitere Konzerte mit Mojca Erdmann und dem Kuss Quartett folgen am 18. Dezember in Berlin und am 13. Mai 2018 in Zürich.

 

 

Werk der Woche – Krzysztof Penderecki: 3. Sinfonie

 

Die Passacaglia, der vierte Satz aus der 3. Sinfonie von Krzysztof Penderecki, ist ein musikalischer Bestandteil des neuen Tanzstückes Dürer’s Dog des Choreographen Goyo Montero, das am 9. Dezember 2017 im Staatstheater Nürnberg seine Premiere feiert. Für das Stück ließ sich Montero von Kupferstichen Albrecht Dürers inspirieren und versucht tänzerisch hinter die Rätsel und Geheimnisse zu kommen.

Die Entstehung der 3. Sinfonie des polnischen Komponisten zog sich über mehrere Jahre hin. In den 1980er Jahren hatte Penderecki aus Luzern den Auftrag zu einem sinfonischen Werk erhalten. Dem kam er unverzüglich nach, jedoch stellte er bis zur Uraufführung neben dem jetzigen vierten Satz Passacaglia noch ein Rondo, das später zum zweite Satz wurde, fertig. Die Uraufführung dieser ersten Einzelteile war 1988, bis 1995 die Vollendung von Pendereckis 3. Sinfonie gespielt wurde. Sie steht in der Gattungstradition des 19. Jahrhunderts – die dem klassischen Prinzip folgenden Charakterzüge der fünf Sätze sind durch Themen und Strukturen miteinander verbunden. In München wurde das Werk schließlich unter dem Dirigat des Komponisten erstmals gespielt.

Krzysztof Penderecki – 3. Sinfonie: ein Satz erlangt Berühmtheit


Die in Nürnberg im Ballett zu hörende Passacaglia schrieb ihre ganz persönliche Rezeptionsgeschichte: Ihre unheimlich und bedrohlich wirkende Tonrepetition mit einem harschen Rhythmus auf dem tiefen D eignete sich ideal für die Filmmusik von Martin Scorseses Thriller Shutter Island (2010) mit Leonardo DiCaprio. Dort wurde die Passacaglia zu einem der musikalischen Kernmotive des Films und brannte sich in das Gehör eines Millionenpublikums ein.
Man kann ein paar Bäume nicht einfach pflanzen, das muss eine Form und Ordnung haben. Es ist ähnlich wie in der Musik: Alle meine Werke haben ganz klare Formen; ich bin kein Improvisator. – Krzysztof Penderecki

Weitere Aufführungen des Tanzstückes Dürer’s Dog  sind am 12. und 14. Dezember in Nürnberg zu erleben. Am 14. Dezember wird eine weitere Sinfonie von Penderecki, die 2. Sinfonie (Christmas Symphony) in Budapest gespielt.

 

Werk der Woche – Toshio Hosokawa: Futari Shizuka

Japanische Musiktradition ins Hier und Jetzt holen und mit europäischer Kunstmusik zusammenführen: Das ist ein Markenzeichen des Komponisten Toshio Hosokawa, dessen neue Kammeroper Futari Shizuka  ("Die beiden Shizukas") am 1. Dezember 2017 beim Paris Autumn Festival uraufgeführt wird. Unter der Leitung von Matthias Pintscher spielt das Ensemble Intercontemporain, das die Sopranistin Kerstin Avemo und die Nō- Sängerin und Tänzerin Ryoko Aoki musikalisch begleitet.

Futari Shizuka ist ursprünglich eine aus dem 12. Jahrhundert stammende Geschichte des Nō-Theaters. Dieses ist eine von drei traditionellen japanischen Theaterformen und vereint Tanz, Gesang und Maskenspiel miteinander. In einer sehr schlicht gehaltenen Szenerie werden verschiedene Geschichten erzählt, die bestimmten Erzählmustern folgen. Der japanische Autor Oriza Hirata verfasste ein neues Libretto zu der Geschichte Futari Shizuka. Die schicksalhafte Erzählung über die Tänzerin Shizuka, die mit einem Samurai-Ritter verheiratet war, endet tragisch. Hirata führt Shizukas Geschichte fort: Ihr Geist ergreift Besitz vom Körper und der Seele des jungen Flüchtlingsmädchens Helene, das am Ufer des Mittelmeeres von seinem Schmerz über Krieg, Hass und den Verlust einer geliebten Person singt.

Futari Shizuka von Toshio Hosokawa: Tradition und aktuelles Zeitgeschehen


Hosokawa stellt japanische und englische Gesangsteile gegenüber und verbindet zwei Musikidiome, indem er Helene von einer klassischen Opernsopranistin und Shizuka von einer traditionellen Nō-Künstlerin singen lässt.
Viele Künstler in Japan möchten eine neue Kunst und unterliegen dann den Einflüssen aus Europa und den USA. Und viele japanische Intellektuelle finden es merkwürdig, wenn ich über Japan spreche. Sie sagen, man braucht das nicht, die Welt ist doch eins…Aber die japanische Musiktradition ist wirklich anders – und ich stehe zwischen Japan und Europa – das ist sehr schwer und ich fühle mich ein wenig einsam. – Toshio Hosokawa

Am 3. Dezember, einen Tag nach der Uraufführung, folgt die deutsche Erstaufführung in der Philharmonie Köln. Eine weitere einaktige Kammeroper von Hosokawa, The Raven, wird am 7. und 10. Dezember im Théâtre National Luxembourg gespielt.

 

Werk der Woche – Richard Wagner: Wesendonck-Lieder

Richard Wagner hat sich nicht nur im Bereich der Oper hervorgetan: Die Wesendonck-Lieder für Gesang und Orchester werden in dieser Woche nach der Fassung von Felix Mottl in Luxemburg und nach der Fassung von Hans Werner Henze im Vereinigten Königreich, der Schweiz und Deutschland gespielt.

Im Züricher Exil lernt Wagner die Kaufmannsfamilie Wesendonck kennen, in der er rasch Freunde und Förderer findet. Neben einer intensiven Briefkorrespondenz entsteht im Herbst 1857 bis zum Herbst 1858 eine Liebesbeziehung zwischen dem Komponisten und der Kaufmannsgattin Mathilde Wesendonck. Wagner schreibt für sie eine Klaviersonate und vertont fünf ihrer Gedichte an ihn. Die Liebschaft endet jedoch abrupt als Wagners Ehefrau Minna die Briefe entdeckt.

Richard Wagner und Mathilde Wesendonck: „unsere Lieder“


Der Klavierlieder-Zyklus spiegelt Wagners zwiegespaltenen seelischen Zustand wieder, der zwischen überschwänglicher Euphorie und wahnhafter Bedrücktheit schwankt. Mathilde Wesendonck entlockt jedoch dem großen Opernkomponisten sanfte Töne und so entstehen, ungewöhnlich für sein sonstiges Œuvre, die Fünf Lieder für eine Frauenstimme. Das Fortleben der Wesendonck-Lieder findet in Wagners Handlung in drei Aufzügen Tristan und Isolde statt. So nennt er das dritte und fünfte Lied auch "Studien zu Tristan und Isolde", ihre Harmonien greifen der Oper vor. Zeitgenossen sollen den Liedern nachgesagt haben, ohne Orchesterklang seien sie kein  "echter Wagner" . Folgerichtig arbeitete Wagner an einer Orchestrierung, die in ihrem klanglichen Gewand seinen Musikdramen folgen sollte. Neben der oft aufgeführten vervollständigten Orchesterfassung von Felix Mottl, existiert seit 1976 eine Fassung für Alt und Kammerorchester von Hans Werner Henze. Sie lässt die modernen Züge der Lieder strukturell hervortreten und gewährt dem Gesang eine größere gestalterische Bandbreite. Seine Fassung lässt die Wesendonck-Lieder  weit weniger als eine "Studie" erscheinen als ein unabhängiges Werk.
Besseres, als diese Lieder, habe ich nie gemacht, und nur sehr weniges von meinen Werken wird ihnen zur Seite gestellt werden können. – Wagner in einem Brief an Mathilde

In der Henze-Fassung werden die Lieder zunächst am 20. November in der Stadthalle Braunschweig in mit der Sopranistin Jelena Kordić aufgeführt. Tags drauf, am 21. November, in Genf mit der Altistin Sara Mingardo und zuletzt am 25. November in Greyfriars Kirk Edinburgh mit der Mezzosopranistin Cheryl Forbes. Die Fassung von Felix Mottl aus dem 19. Jahrhundert wird am 21. November in der Philharmonie Luxemburg unter der Leitung Bernard Haitink mit der der Sopranistin Eva Maria Westbroek und dem Chamber Orchestra of Europe zu Gehör gebracht.



Werk der Woche – Hans Werner Henze: Das Floß der Medusa

Mit dem Oratorium Das Floß der Medusa schuf Hans Werner Henze zusammen mit dem Schriftsteller Ernst Schnabel ein Werk über eine tragisch wahre Begebenheit. Die Erzählung über ein Schiffsunglück wird vom SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Peter Eötvös am 15. November im Konzerthaus Freiburg und am 17. November 2017 in der Elbphilharmonie Hamburg gespielt.

1816 – Das Schiff Medusa mit 400 Menschen an Bord erleidet an der Westafrikanischen Küste Schiffbruch. Der Platz auf den Rettungsbooten ist zu knapp, so dass ein Floß gebaut wird, um die übrigen Passagiere an Land zu retten. Doch der Plan scheitert: Nach kurzer Zeit wird die Seilverbindung zwischen den Booten und dem Floß gekappt und die Menschen auf dem Floß ohne Vorräte ihrem Schicksal überlassen. Henze erinnert mit seinem Werk Das Floß der Medusa an das Schiffsunglück und richtet den Blick auf den Zeitpunkt an dem Moral, Gesetze  und gesellschaftliche Unterschiede wegbrechen. Henzes und Schnabels kapitalismuskritisches Werk ist im Angesicht der Flüchtlingskrise unserer Gegenwart und der vielen auf hoher See ums Leben gekommenen Menschen  von verstörender Aktualität.

Die Handlungsebene ist aufgeteilt in zwei Seiten: Leben und Tod. La Mort, also der Tod, wird durch eine Sopranistin dargestellt, die mit ihrem Sirenengesang versucht die Überlebenden auf ihre Seite zu ziehen.  Das Leben hingegen wird durch den Seejungen Jean- Charles verkörpert, der bis zum Ende ums Überleben kämpft, während nach und nach die anderen Menschen auf die Seite des Todes wechseln. Zwischen Leben und Tod vermittelt der Erzähler Charon, angelehnt an den Fährmann der Unterwelt aus der griechischen Mythologie.  Inspirationsquelle für Das Floß der Medusa bildet für Henze das Gemälde Le Radeau de la Méduse aus dem Jahr 1819 des französischen Malers Théodore Géricault, dessen Stimmungen und Figuren er auf die Musik überträgt. So ordnet er den lebenden Figuren Blasinstrumente zu und er setzt deren Atem und Schreie musikalisch um, wohingegen die Toten bei ihrem Übertritt ins Totenreich von Streichinstrumenten begleitet werden.
Le Radeau de la Meduse, das große im Louvre zu bewundernde Gemälde von Théodore Géricault, hatte ich deutlich vor Augen, als ich anfing, mir Gedanken über die Musik zu machen. Die Menschenpyramide auf dem Gemälde, an deren Spitze unser Held, der Mulatte Jean-Charles, erkennbar ist, wie er den roten Fetzen einem in großer Entfernung dahersegelnden Boot zuschwenkt, das poetisch die Hoffnung bedeutet und in der Tat vielleicht sogar die Rettung -  die ist gleich zu Anfang unseres Stücks präsent. – Hans Werner Henze

Im Rahmen des Programms "Elbphilharmonie+" lädt am 16. November ein Streichquartett aus dem SWR Symphonieorchester begleitend zu Das Floß der Medusa zu einem Gesprächskonzert, in welchem neben Musik von Béla Bartók und Emin František Burian Texte von Geflüchteten gelesen werden. Ein Mitschnitt der Aufführung in der Elphilharmonie ist am 26. November auf SWR 2 zu hören. Eine szenische Umsetzung des Oratoriums folgt ab dem 13. März 2018 an der Nationale Opera Amsterdam.

Werk der Woche – Atsuhiko Gondai: Omnia Tempus Habent

Am 30. September 2017 feierte der Komponist Valentin Silvestrov seinen 80. Geburtstag: Zu diesem Anlass wird er mit einem Galakonzert nochmals am 9. November 2017 in der Musashino Civic Cultural Hall in Tokio geehrt. Als Geburtstagsgeschenk wird Omnia Tempus Habent von Atsuhiko Gondai uraufgeführt. Das Stück für Klavier und Streichorchester dirigiert Yuta Shimizu, Solist ist Alexej Ljubmov.



Charakteristikum des Komponisten Gondai ist es einen kulturellen Dialog zwischen Europa und Asien zu schaffen, sowie alte Musikideale mit neuen Kompositionstechniken zu verknüpfen. Er hat langjährige Studien im Bereich der katholischen Kirchenmusik betrieben und in der Zusammenarbeit mit dem buddhistischen Priester Shomyo neue Wege des Austauschs der Musik verschiedener Religionen erforscht.

Atsuhiko Gondai -  Omnia Tempus Habent: einen Moment einfangen


Das Vergängliche, das Verschwinden, das Einfangen des Momentes von Musik bietet Gondai Inspiration für sein neues Werk. Mit dem Werktitel Omnia Tempus Habent ("Ein Jegliches hat seine Zeit") verweist er auf das Gleichnis im Buch Prediger 3,1. Demnach ist alles vergänglich, jede Tätigkeit im Leben, jedes Handeln, jedes Gefühl. Gondai formuliert seine Sicht darauf so:
Musik ist Zeit. Ihrem Wesen nach besitzt sie einen Anfang und ein Ende. Komponieren bedeutet, auf einen Moment und auf das Fortschreiten der Klänge darin zu hören. Anders ausgedrückt: Ich höre den fixierten Moment innerhalb des unumkehrbaren und begrenzten Zeitausschnitts mit dem inneren Ohr des Herzens. Atsuhiko Gondai

Neben der Uraufführung werden im Beisein und unter Mitwirkung des Jubilars Silvestrov Klavier- und Kammermusikwerke gespielt. Wie Silvestrov widmet sich Gondai in seinen Werken regelmäßig elementaren Themen, so verfasste er 2015 das Orchesterwerk Vice Versa, in welchem er die Gegensätzlichkeit in musikalischen Phänomenen erforschte. Dem Werk wurde 2015 ein Artikel unter unserer Rubrik Werk der Woche gewidmet, Sie können ihn über den unten stehenden Link nachlesen.

Werk der Woche – Jörg Widmann: Au cœur de Paris

Der Komponist Jörg Widmann ist in dieser Saison Artist in Residence beim Orchestre de Paris. Zu dessen 50. Jubiläum erhielt er den Auftrag für ein neues Werk. Die Komposition Au cœur de Paris ("Im Herzen von Paris") für großes Orchester wird am 1. November 2017 in der Pariser Philharmonie unter der Leitung von Daniel Harding uraufgeführt. Widmann selbst wird bei dem Festkonzert anwesend sein und seine Fantasie für Klarinette solo spielen.



Paris – die Stadt der Liebe. Verliebte spazieren entlang, von nahem hört man zwei Musiker ein Chanson singen, es liegt ein Duft von gutem Essen in der Luft. In Au cœur de Paris lässt sich Widmann durch zwei Chansons von Edith Piaf inspirieren: zum einen La vie en rose und La ciel de Paris– zwei Chansons über das Verliebtsein. In La vie en rose singt eine Frau über ihre untersterbliche Liebe zu einem Mann, wohingegen La ciel de Paris eine Liebeserklärung an die Stadt ist.

Jörg Widmann -  Au cœur de Paris: ein musikalischer Gruß


Die Melodien der Chansons avancieren schnell zu Ohrwürmern, die den Zuhörer lange begleiten. So ging es vielleicht auch Widmann, der die Melodien zitiert, indem er das Orchester im Tutti die tänzerischen Linien singen lässt. Die Chansons vereinen schwere Gefühle mit musikalischer Leichtigkeit. Genau diese musikalische Vorstellung wollte Widmann für sein neues Werk einfangen.
Bei mir steht immer ein Klang am Anfang. Dieser Klang konkretisiert sich über Wochen, er verdichtet sich – in dieser Zeit schreibe ich noch nicht. Und irgendwann, wie beim Ausbruch einer Krankheit, kann ich gar nicht anders, dann schreibe ich, ich schreibe dann sehr dicht am Stück, bis es fertig ist. -  Jörg Widmann

Am 2. November 2017 wird das Konzert um 20:30 Uhr in Paris wiederholt und auf verschiedenen Portalen live übertragen und für Mediatheken zum späteren Abruf bereitgestellt, zum Beispiel ist es sechs Monate lang bei Arte Conzert zu hören.

Werk der Woche – Bernd Alois Zimmermann: Sinfonie in einem Satz

Zwei Orte, zwei Konzerte, zwei Fassungen. Die Spielzeit 2017/2018 ist bei vielen Orchestern dem 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann im März 2018 gewidmet. Zu diesem Anlass ist  am 29. Oktober 2017 seine Sinfonie in einem Satz gleich zweimal in Deutschland zu hören: In Saarbrücken spielt die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter der Leitung von Peter Hirsch die erste und in Köln das Gürzenich-Orchester Köln mit Hartmut Haenchen die zweite Fassung. Peter Hirsch war es auch, der nach langer Zeit die erste Fassung wieder zur Aufführung gebracht hatte, so dass heutzutage beide auf den Spielplänen zu finden sind.



Ähnlich wie viele andere Komponisten vor ihm, zögerte auch Zimmermann sich an die mächtige Gattung Sinfonie heranzuwagen. Nach langem Überlegen schrieb er im Auftrag des NWDR Köln die erste Fassung seiner Sinfonie in einem Satz. Anders als der Werktitel vermuten lässt, vereint Zimmermann fünf Sätze in einem durchgehenden Teil, reduziert diesen jedoch auf nur 18 Minuten Länge. Zimmermann verlangt in seiner ersten Fassung einen großen Orchesterapparat, den er um zusätzliche Bläser, Schlagwerk, Harfe, Klavier, Orgel und einem chorischen Streichseptett erweitert.

Die erste Fassung der Sinfonie wurde am 1952 in Köln von dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Hans Rosbaud uraufgeführt. Das Stück traf nicht den Geschmack der Zeit und wurde nicht zu einem Erfolg, insbesondere die Verwendung einer Orgel fand keinen Anklang. Zimmermann nahm die öffentliche Kritik und auf Anmerkungen Rosbauds auf und überarbeitete sein Werk gründlich, er strich unter anderem die Orgel und vereinfachte die langen und komplexen Takte. Schon rund ein Jahr später war in Belgien die zweite Fassung des Werkes zu hören, die sich bis zur Wiederbelebung in jüngster Vergangenheit im Konzertbetrieb durchgesetzt hatte.

Bernd Alois Zimmermann -  Sinfonie in einem Satz: Gattung neu gedacht?


Zimmermanns Innovation seiner Sinfonie besteht jedoch nicht allein in der Reduktion der Anzahl der Sätze, sondern darin, aus einer Grundgestalt das Werk erwachsen zu lassen. Es entsteht eine Art musikalischer Sog, der das Publikum ab den ersten Sekunden einnimmt. Die Sinfonie in einem Satz ist durchsetzt von einer unruhigen Anspannung mit unerwarteten Akzenten, die einen überraschenden Ausgang findet.
[D]as sogenannte thematische Material[…] entwickelt sich erst in dem Zusammenwirken verschiedenster Kräfte aus dem amorphen Zustande der musikalischen Keimzelle zum organischen Gefüge des Ganzen, in großen Bögen von apokalyptischer Bedrohung zu meditativer Versenkung schwingend und im Hindurchgang durch alle Stadien des musikalischen Entwicklungsprozesses heftigen dynamischen Evolutionen unterworfen. - Bernd Alois Zimmermann

Die Aufführung der zweiten Fassung wird am 30. und 31. Oktober 2017 vom Gürzenich-Orchester wiederholt. Eine preisgekrönte Aufnahme der ersten Fassung erschien 2016 des Jahres unter der Leitung von Peter Hirsch beim Label WERGO. Die erste Fassung der Sinfonie in einem Satz wird noch am 2. März 2018 im Staatstheater Mainz und am 5. Mai 2018 in der Philharmonie Köln gespielt.

Werk der Woche – Chaya Czernowin: Guardian

In der intensiven Beschäftigung mit den Eigenschaften von Zeit fand Chaya Czernowin die Inspiration für ihr neues Werk Guardian. Am 22. Oktober 2017 wird es vom SWR-Sinfonieorchester im Abschlusskonzert der Donaueschinger Musiktage in der BAAR Sporthalle Donaueschingen uraufgeführt. Pablo Rus Broseta dirigiert das Konzert für Cello und Orchester, mit der Solistin Séverine Ballon, der Czernowin das Werk gewidmet hat.



Im Traum durchlebt der Mensch einen Zeitraum von mehreren Stunden oder Tagen innerhalb weniger Minuten. Das Gehirn erschafft dabei eine grenzenlose andere Welt, in der die Zeit dehnbar und komprimierbar ist. Dabei verarbeiten wir Erlebnisse oder erträumen uns eine zweite Wirklichkeit. Auf diese Weise arbeitet auch Czernowins ich ihrer Komposition Guardian, sodass sie damit eine düstere Traumwelt erschafft, in der die Zeit formbar wirkt. In der Musik entsteht ein Gegenentwurf zur realen Welt.

Chaya Czernowin – Guardian:  Frage nach Zeit und Identität


Czernowin bedient sich den klassischen Elementen des Solokonzerts, mit einer geläufigen Aufteilung von Solo- und Tutti-Passagen und einer Kadenz des Cellos kurz vor Schluss. Die Rollenverteilung unter der Oberfläche ist jedoch eine andere: Immer wieder fusionieren die beiden Klangkörper und lösen sich wieder voneinander. Das Cello entwickelt sich aus dem Orchester heraus, um mit wachsendem Klang dieses wieder in sich aufzunehmen. Umgekehrt lässt Czernowin das Orchester agieren, als sei es ein Cello, indem beispielsweise in den Bläsern mehr Luft als Töne zu hören sind, was an das Spielen auf dem Steg erinnert, oder wenn alle Instrumente clusterartig im dreifachen Pianissimo zu einem Klang verschmelzen.

In einem Moment singt das Cello auf zerbrechliche Weise, im anderen tönt es gewaltig wie ein wildes Tier. Für die extreme dynamische Bandbreite wird das Cello von zwei Lautsprechern unterstützt, damit auch die leisesten Partien noch im ganzen Saal zu hören sind. Czernowin nutzt jede denkbare Möglichkeit der Instrumente, nicht nur Klänge, sondern auch Geräusche zu erzeugen, um Nuancen und Farben zu kreieren, mit denen sie den Hörer in eine andere Welt versetzt.

Guardian ist ein fließendes Wechselspiel aus dem ständigen Verschmelzen und sich voneinander Lösen zweier Klangkörper. Orchester und Soloinstrument agieren als gleichwertige, sich gegenseitig unterstützende Partner.
Die offene Form in der […] visuellen Computerarbeit ermöglicht die multidimensionale Entwicklung von Objekten […], da jederzeit der eine oder andere Parameter der Gestalt in den Vordergrund tritt und die Gesamtform beeinflusst. Auf diese Weise denkt das Konzert. – Chaya Czernowin

Am 17. November folgt die luxemburgische Erstaufführung im Rahmen des Festival rainy days der Philharmonie Luxembourg. Séverine Ballon tritt mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter der Leitung von Roland Kluttig auf.