• Qualität seit über 250 Jahren
  • Über 350 Partnerhändler weltweit
  • Sicher einkaufen mit Trusted Shop

Blog

Werk der Woche – Bohuslav Martinů: Koncert

Am 2. Juni 2018 feiert Bohuslav Martinůs Koncert pro klavír a komorní orchestr è. 1 an der Semperoper Dresden in szenischer Form Premiere. Es liefert die Musik zu Justin Pecks Ballett Heatscape und ist Teil des dreiteiligen Ballettabends „100°C“. Das Semperoper Ballett wird Heatscape zusammen mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Eva Ollikainen erstmals auf eine europäische Bühne bringen. Die Kostüme stammen von Reid Bartelme und Harriet Jung, das Bühnenbild von Shepard Fairey / ObeyGiant.com.

Justin Peck begann 2007 am New Yorker Ballett zu tanzen und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem gefragten Tänzer und Choreographen. Nach der Uraufführung von Heatscape mit dem Miami City Ballet im Jahr 2015 zog er besondere Aufmerksamkeit auf sich. Die New York Times bezeichnete ihn sogar als den „bedeutendsten Ballettchoreografen der USA“.

Bohuslav Martinů – Koncert: Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen


Peck versetzt Martinůs Koncert aus dem Jahr 1925 an die Atlantikküste Südfloridas. Das wiederkehrende Thema: Was kann man sehen und was nicht? Entlang der einzelnen Sätze des Koncerts zeichnet Peck verschiedene Szenarien junger Paare nach und verdeutlicht die Vergänglichkeit von Beziehungen inmitten einer großen jungen Gemeinschaft. Das Verhältnis von Solisten und Ensemble entspricht dabei ganz dem von Klavier und Orchester. Mit einem Reichtum an Schritten und höchster Musikalität verwandelt Peck in Heatscape das Klavierkonzert in poetische und fesselnde Bilder.
 „Das Werk selbst bewegt sich zwischen Abstraktem und Narration und fordert das Publikum zum Interpretieren auf.“ – Justin Peck

Weitere Vorstellungen der Produktion folgen am 6., 10. und 15. Juni sowie am 1. und 5. Juli 2018. Die Wiederaufnahme des Ballettabends an der Semperoper Dresden ist am 9. September 2018.

[embed]https://www.youtube.com/watch?v=U0UCiaT-20s[/embed]

 

Foto: Miami City Ballet / Daniel Azoulay

Werk der Woche – Jörg Widmann: Tanz auf dem Vulkan

Jörg Widmann hat sich als Klarinettist, Komponist und zunehmend auch als Dirigent einen großen Namen im internationalen Musikbetrieb gemacht. Am 27. Mai wird sein Tanz auf dem Vulkan als Teil der Reihe „Tapas“ von den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle uraufgeführt. Das Werk ist ein Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker zum Abschied des scheidenden Chefdirigenten des Orchesters.

Zu diesem Anlass beginnt Widmann seinen Tanz auf dem Vulkan mit einer Finesse: Der Schlagzeuger hält die Trommelstöcke über den Kopf und zählt wie im Jazz mit den Sticks ein. Die ersten Töne erklingen, aber wo ist der Dirigent? – Dieser befindet sich noch hinter der Bühne und tritt erst während der ersten elf Takte an sein Pult.

Jörg Widmann – Tanz auf dem Vulkan: Liebe zur Musik der Vergangenheit


Zwischen Tradition und Fortschritt in der Musik sieht Widmann keinen Widerspruch. Im Gegenteil: Er bezieht sich explizit in seinen Werken auf musikalische Traditionen und schafft in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit etwas ganz Neues.
„Ich bin in den letzten Jahren den Berliner Philharmonikern in intensiver künstlerischer Zusammenarbeit verbunden und bin deshalb der Bitte um ein kurzes Abschiedsstück für Sir Simon gern nachgekommen. Es ist ein drängend-explosives Stück geworden. Die Stellenbeschreibung eines Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ist in vier Worten, wie ich finde, recht treffend beschrieben: Tanz auf dem Vulkan.“
 - Jörg Widmann

Am 31. Mai erklingt der Tanz auf dem Vulkan außerdem in der Royal Festival Hall in London. Am 2. Juni ist das Werk im Musikverein Wien, am 6. Juni in der Philharmonie Köln zu hören. Die spanische Erstaufführung folgt am 7. Juni in Madrid.

Werk der Woche – Kurt Weill: Die sieben Todsünden

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht, Neid  - in seinem Ballet Chanté Die sieben Todsünden gibt Kurt Weill mit der Figur der Anna den Sünden eine neue Lesart. Das Werk feiert am 20. Mai in einer Inszenierung von David Pountney an der Opéra national du Rhin in Strasbourg Premiere. Es spielt das Orchestre symphonique de Mulhouse unter der Leitung von Roland Kluttig. Beate Vollack übernimmt die Choreographie, Marie-Jeanne Lecca das Bühnenbild.

Weill komponierte sein Ballett mit Gesang in sieben Bildern im Pariser Exil 1933. Dort hatte sich die Pariser Truppe „Les Ballets 1933“ unter dem Choreografen Georges Balanchine neu gegründet und suchte nach Werken für einen mehrteiligen Ballettabend. Auch einen Finanzier gab es bereits: den reichen Engländer Edward James, Mäzen der Truppe und Ehemann der Solotänzerin Tilly Losch. Dieser beauftragte Weill, ein Tanzstück für den Abend zu komponieren. Weill willigte ein, stellte aber eine Bedingung: Er wolle kein „gewöhnliches“ Ballett schreiben, sondern eines mit Gesang.

Als Texter hatte Weill ursprünglich den Schriftsteller Jean Cocteau vorgesehen. Dieser sagte jedoch aus Zeitgründen ab, sodass Weill sich an seinen alten Partner Bertolt Brecht wandte. Brecht und Weill waren ein erfahrenes Künstlergespann und hatten mit der Dreigroschenoper und dem Mahagonny Songspiel bereits bahnbrechende Theaterleistungen erbracht. In Paris kamen sie erstmalig nach ihrer Emigration wieder zusammen und arbeiteten zum letzten Mal gemeinsam an einem Werk. Innerhalb von zwei Wochen war das Ballett Die sieben Todsünden geschrieben. Am 7. Juni 1933 wurde es in der Choreographie von Georges Balanchine am Théâtre des Champs-Élysées uraufgeführt. Obwohl von den Kritikern in der Premiere gespalten aufgenommen, wurde es zu einem der bekanntesten Werke von Weill.

Kurt Weill – Die sieben Todsünden: zwei Seelen in einem Wesen


Anna wird von ihrer Familie auf eine siebenjährige Reise durch Nordamerika geschickt, um Geld für „ein kleines Haus am Mississippi“ zu verdienen. Die Figur der Anna ist zweigeteilt: Die Persönlichkeit spaltet sich in eine meist pragmatisch handelnde Anna I und eine emotionale Anna II. Auf ihrer Reise durch sieben amerikanische Städte begegnen den Annas die Versuchungen der sieben biblischen Todsünden und werden zu ihren Leidensstationen. Nach und nach geben sie ihre Träume und Ideale auf und kehren zuletzt desillusioniert zu ihrer Familie nach Louisiana zurück – die sitzt schon im neu erworbenen Eigenheim.

Musikalisch kommentiert Weill die Handlung in populären amerikanischen Musikstilen der 1920er Jahre wie Tango, Foxtrott, Polka oder Barbershop-Anklängen und bringt die Komik des Textes zum Vorschein. Besonders humoristisch wirkt ein Männerquartett, das als spießbürgerlich-kommentierendes Sprachrohr von Annas Familie fungiert. So ironisieren Weill und Brecht treffend die kleinbürgerliche Doppelmoral jeder Gesellschaft, die bereit ist, für Wohlstand ihre Werte und ihre Persönlichkeit zu opfern.
 „Es ist das übliche Durcheinander. Natürlich hat sich unter den Anhängern des alten Russenballetts eine kleine Partei gebildet, die unser Ballett als zu wenig „Ballett“ findet und nicht genug „reine Choreographie“. Dadurch hat es in den letzten Tagen große Kräche gegeben […] Balanchine steht zwar zwischen den Parteien, hat aber ausgezeichnet gearbeitet und tatsächlich einen Darstellungsstil gefunden, der zwar sehr tänzerisch, aber doch sehr real ist.“
- Kurt Weill in einem Bericht  über die Probenarbeiten an Bertolt Brecht

Das 35-minütige Werk wird bis zum 28. Mai an vier weiteren Abenden in Strasbourg aufgeführt. Außerdem präsentiert das Théâtre municipal die Produktion in Colmar  am 5. Juni, ebenso wie La Sinne in Mulhouse am 13. und 15. Juni. Am 22. Juni ist Die sieben Todsünden darüber hinaus zum letzten Mal in dieser Spielzeit am Staatstheater Braunschweig zu sehen.

[embed]https://www.youtube.com/watch?v=WbZXBogKaPI[/embed]

 

Foto: Staatstheater Braunschweig / Thomas M. Jauk

Werk der Woche – Bernd Alois Zimmermann: Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne

2018 ist Bernd-Alois-Zimmermann-Jahr und so widmet sich das Festival „ACHT BRÜCKEN – Musik für Köln“ insbesondere dem Werk des Kölner Komponisten, der im März 100 Jahre alt geworden wäre. Als Abschluss des Schwerpunkts steht Zimmermanns letztes Werk Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne am 10. Mai 2018 in der Kölner Philharmonie auf dem Programm. Es musiziert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Michael Wendeberg zusammen mit dem Bariton Georg Nigl und dem Chor des Bach-Vereins Köln. Die beiden Sprecherparts übernehmen Franz Mazura und Jakob Diehl.

Zimmermann arbeitete über einen längeren Zeitraum hinweg an seiner „Ekklesiastischen Aktion“, wie er die Komposition auch bezeichnete. In den Vorarbeiten zu seinem Requiem für einen jungen Dichter und auch zur Kantate Omnia tempus habent finden sich bereits Skizzen, die als Vorstufen eindeutig zu identifizieren sind. Als sein Freund Hans Zender ihn beauftragte, ein Werk für ein Festkonzert anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel 1972 zu komponieren, nahm Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne seine endgültige Gestalt an. Am 5. August 1970, fünf Tage vor seinem Freitod, vollendete Zimmermann sein letztes Werk. Unter Zenders Dirigat wurde das dramatische Stück vom Philharmonischen Orchester der Stadt Kiel am 2. September 1972 in Kiel uraufgeführt.

Bernd Alois Zimmermann - Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne: Es ist genug


Die Musik der „Ekklesiastischen Aktion“ drückt Zimmermanns Verzweiflung über das ewige Leiden der Menschen und den Machtmissbrauch der katholischen Kirche aus. Als Grundlage dienen zum einen die biblischen Verse aus dem 4. Kapitel des Buches Prediger und zum anderen die Legende vom Großinquisitor aus Fjodor Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. In der Verbindung und Kontrastierung der narrativen und musikalischen Ebene kommt der für Zimmermann typische pluralistische Stil zum Tragen: Er experimentiert mit verschiedenen Arten des stimmlich-sprachlichen Ausdrucks zwischen Singen und Sprechen, was dem Werk einen fast hörspielartigen Charakter verleiht. Die Musik steht im Dienst der Textvermittlung und orientiert sich streng an der Struktur des Textes. Im simultanen Aufeinandertreffen aller Ebenen findet das Werk seinen Höhepunkt. Einziges musikalisches Zitat in dieser Komposition ist der Choralsatz Es ist genug aus der Bach-Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, mit dem das Werk, schlagartig unterbrochen von Posaunen und Pauken, endet. Damit schlägt Zimmermann einen Bogen von seinem letzten Werk zum frühen Violinkonzert, das mit der gleichen Passage schließt und 1950 zu seinem ersten größeren Erfolg werden sollte.
„Es ist genug, Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus“.
- aus Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, Text von Franz Burmeister

Am 2. Juni 2018 spielt das Seattle Philharmonic Orchestra die „Ekklesiastische Aktion“ in der Benaroya Hall in Seattle. Die nächsten Veranstaltungen im Rahmen des Zimmermann-Jahrs sind u.a. am 11. Mai mit Tratto II an der Musikhochschule Lübeck, am 13. Mai mit der Metamorphose im Konzerthaus Berlin und in Köln folgen am 11., 13., 17., 19. und 20. Mai weitere Aufführungen der Oper Die Soldaten.

Werk der Woche - Julien-François Zbinden: Divertissement

Am 6. Mai 2018 spielt das Orchestre de Chambre de Lausanne unter dem Dirigat von Marzena Diakun zusammen mit dem Solisten Sebastian Schick das Divertissement für Kontrabass und Orchester von Julien-François Zbinden im Salle Métropole in Lausanne. Damit erfährt das Werk des schweizerischen Komponisten seine nationale Erstaufführung in der Stadt, in der Zbinden selbst jahrelang als Pianist und musikalischer Aufnahmeleiter des Radios Lausanne wirkte.

Zbinden, der im November des letzten Jahres seinen 100. Geburtstag feierte, komponierte sein Divertissement zwischen 1948 und 1949 in enger Zusammenarbeit mit Hans Fryba, dem damaligen Solo-Kontrabassisten des Orchestre de la Suisse Romande. Als versierter Virtuose brachte Fryba, dem Zbinden das Werk als Anerkennung seiner wertvollen Mitarbeit widmete, das Divertissement am 27. Februar 1951 zusammen mit dem Nordwestdeutschen Rundfunkorchester unter Walter Schüchter in Köln zur Uraufführung. Nachträglich erstellte Zbinden außerdem eine Celloversion des Stücks, die Siegfried Palm in Begleitung des Norddeutschen Rundfunkorchesters unter der Leitung von Franz-Paul Decker am 31. Oktober 1961 aufführte.

Julien-François Zbinden – Divertissement: Neuklassiker und Lyriker zugleich


Das etwa 14-minütige Werk besteht aus mehreren Episoden. Gleich zu Beginn wird ein wichtiges Motiv durch das Orchester vorgestellt, gefolgt von einem Adagio von nostalgisch-romantischem Charakter, in dem der Kontrabass seinen ersten Auftritt hat. Pizzicati in den Streichern zeigen dann den Beginn eines verspielten Allegros, zu dem der Kontrabass mit ebenso leichtem Spiel dazu stößt. Ein Lento greift die Elemente des Allegros auf und dient als Überleitung zur folgenden Romanze, deren Thema zunächst vom Kontrabass vorgestellt und anschließend von der Oboe aufgegriffen wird. Begleitet von Fagotten, Hörnern und Posaunen legt der Kontrabass virtuose Variationen unter das Thema der Oboe. Die Streicher führen das ursprüngliche Allegro mit bekannten Motiven wieder ein und nach einem kurzen Fugenabschnitt schließt das Orchester im Fortissimo. Es folgt die Kadenz des Solo-Instruments, nach der das Werk mit einer kurzen Coda endet.
Manche sagen, ich sei ein Neuklassiker, andere ein Lyriker. Ich glaube, beides zu sein. Die beiden Koordinaten meiner kompositorischen Arbeit sind die Klarheit der Elemente, die ich benutze und die Planmäßigkeit der musikalischen Ausarbeitung [...] Zugleich bemühe ich mich, heitere (ich sage nicht: komische) Musik zu schreiben, wie Mozart es in seinen Divertimenti und zahlreichen Finales der Symphonien tat. Denn die Traurigkeit wie die Strenge und die Kompliziertheit sind gewiss keine Beweise für Genie.  - Julien-François Zbinden

Werk der Woche – Luigi Dallapiccola: Il prigioniero

In seiner Kurzoper Il prigioniero von 1949 stellt Luigi Dallapiccola Fragen nach Glaube, Liebe, Hoffnung und Freiheit – Themen, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Am Opernhaus Stuttgart feiert der Einakter des italienischen Komponisten nun am 26. April 2018 Premiere. Regie führt Andrea Breth, das Bühnenbild stammt von Martin Zehetgruber und es spielt das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Franck Ollu. Die Inszenierung ist in Koproduktion mit dem Theater La Monnaie/De Munt in Brüssel entstanden und war dort im Januar dieses Jahres zu sehen.

Am Hof des spanischen Königshauses zur Zeit der Inquisition im 16. Jahrhundert: Ein politischer Gefangener verbringt die letzte Nacht vor seiner Hinrichtung, als der Kerkermeister ihn mit „Fratello“ („Bruder“) anspricht und ihn auf Befreiung und Überleben hoffen lässt. Der Kerkermeister lässt sogar die Zelle des Gefangenen offen und ermöglicht ihm so die Flucht. Doch führt der Gang durch den Kerker nicht in die Freiheit, sondern in die Arme des Kerkermeisters, der in Wahrheit der Großinquisitor selbst ist. Im frühlingshaften Gefängnisgarten empfängt ihn dieser ebenso mit „Fratello“ und der Gefangene versteht, dass ihn der Scheiterhaufen erwartet und dass die Illusion von Freiheit und Hoffnung seine letzte Folter war.

Luigi Dallapiccola – Il prigioniero: Die Hoffnung als letzte Folter


Als Reaktion auf den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg begann Dallapiccola 1944 die Arbeit an seiner zweiten Oper Il prigioniero und verwendete als Grundlage dazu drei Zwölftonreihen, die er mit den Begriffen „Gebet“, „Hoffnung“ und „Freiheit“ assoziiert. Er war der erste italienische Komponist überhaupt, der sich Arnold Schönbergs Zwölftontechnik selbstständig aneignete. Gleichzeitig ermöglichen tonale Anklänge und liedhafte Momente der Komposition eine gesangliche Expressivität. Für das Libretto griff Dallapiccola auf La torture par l’espérance („Folter durch Hoffnung“) des französischen Autors Philippe-Auguste Villiers de L’Isle Adam und La légende d’Ulenspiegel e Lamme Goedzak („Die Legende von Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak“) von Charles de Coster zurück.

Mit den Mitteln der Zweiten Wiener Schule schuf Dallapiccola ein Fanal gegen Krieg, Gewalt und Totalitarismus. Il prigioniero gilt als eine der wichtigsten italienischen Opern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, deren zeitlose Thematik es auch heutzutage zu einem vielgespielten Werk macht.
„Hoffe, mein Bruder, hoffe voll tiefer Inbrunst;
hoffe so lange, bis du vergehst in Schmerzen;
hoffe zu jeglicher Stunde des Tages…
leben musst du für diese Hoffnung…“
- Der Kerkermeister, 2. Szene

Weitere Aufführungen des Musikdramas folgen am 29.4., 21.5., 26.5., 9.6., 16.6. und 25.6. in Stuttgart. Il prigioniero läuft außerdem ab dem 30. Juni 2018 an der Semperoper Dresden.

[embed]https://youtu.be/QAidX2qjOq0[/embed]

 

Foto: Oper Köln / Paul Leclaire

Werk der Woche – Paul Hindemith: Cardillac

In den 1920er Jahren zählte sie zu den beliebtesten Opern und wurde das erfolgreichste Bühnenwerk von Paul Hindemith – die Oper Cardillac. Am 21. April 2018 feiert seine erste abendfüllende Oper in einer Neuinszenierung am Landestheater Salzburg Premiere. Dabei spielt das Mozarteumorchester unter der Leitung von Robin Davis, die Inszenierung stammt von Amélie Niemeyer und das Bühnenbild von Stefanie Seitz.

Hindemith war lange Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Operntext gewesen, bis er auf die Novelle Das Fräulein von Scudéri von E.T.A. Hoffmann stieß. In Ferdinand Lion fand er einen kongenialen Librettisten. Dieser verknappte Hoffmanns Novelle stark und schuf ein expressionistisches Textbuch. Die Musik der Oper erweckt durch ihre überraschende Eigenständigkeit oftmals einen kühl-distanzierten Eindruck. Dennoch gelingt es Hindemith, die Musik auf subtile und vielschichtige Weise mit dem Text zu verbinden. Er interpretiert das Wort-Ton-Verhältnis völlig neu, sachlich und objektiv, weshalb Cardillac auch als ein Hauptwerk der Neuen Sachlichkeit gilt. Eine weitere Besonderheit der Komposition ist der Rückgriff auf barocke Formen, wie Fuge oder Passacaglia.

Paul Hindemith – Cardillac: Ein Mörder geht um


Hindemith war die Titelfigur seiner Oper sofort sympathisch: Der geniale Goldschmied Cardillac lebt 1680 in Paris und kann sich nicht von den von ihm geschaffenen Schmuckstücken trennen. Er begeht Morde, um seine Werke von den Käufern wieder zurück zu erlangen.  In der Psychologie gilt das nach Hoffmanns Novelle benannte Cardillac-Syndrom inzwischen als anerkannte psychische Störung. Es beschreibt die krankhafte Unfähigkeit eines Künstlers, sich von seinen Werken, in die er viel von seiner Persönlichkeit und seiner künstlerischen Stimme gelegt hat, trennen zu können. Künstler empfinden den Verlust eines Werkes als Verlust eines Teils ihrer Identität. Zwar gesteht Cardillac zum Ende seine Taten, jedoch ohne jegliche Reue und wird vom Volk gelyncht. Selbst im Sterben gilt sein letzter Gedanke einer Kette, er greift nach ihr und küsst sie.
„Dies getan fühlte ich eine Ruhe, eine Zufriedenheit in meiner Seele, wie sonst niemals. Das Gespenst war verschwunden, die Stimme des Satans schwieg. Nun wusste ich, was mein böser Stern wollte, ich musste ihm nachgeben oder untergehen!“
- Cardillacs Bekenntnis

Die 90-minütige Oper wird vom 29. April bis 15. Mai an fünf weiteren Abenden am Landestheater Salzburg aufgeführt. Außerdem präsentiert die Opera di Firenze vom 5. bis 15. Mai eine weitere Produktion der Oper unter der Leitung von Fabio Luisi. In Schwerin bringt das Mecklenburgische Staatstheater vom 4. bis 30. Mai unter der Leitung von Gabriel Venzago eine weitere Oper von Hindemith auf die Bühne: die lustige Oper Neues vom Tage.

 

Foto: Theater Pforzheim / Sabine Haymann

Werk der Woche – Viktor Ullmann: Der zerbrochene Krug

In dieser Woche sind wir auf die Uraufführung der Kammerfassung von Viktor Ullmanns bekannter Oper Der zerbrochene Krug gespannt: Am 13. April 2018 ist das Werk in der neuen Fassung am Cuvilliés-Theater in München zu erleben. Die Inszenierung stammt von Andreas Weirich, es spielt das Münchner Kammerorchester unter der Leitung von Karsten Januschke.

Ullmanns Vertonung von Heinrich von Kleists berühmter Komödie entstand 1942 zwischen seinem Bühnenweihfestspiel Der Sturz des Antichrist (1936) und der Kammeroper Der Kaiser von Atlantis (1943). Die Partitur stellte der Komponist nur wenige Wochen vor seiner Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt fertig. Sie galt bis zu ihrer Entdeckung durch den Dirigenten Israel Yinon im Musikarchiv der Universität Prag als verschollen. Erst 54 Jahre nach seiner Entstehung fand das Werk  den Weg auf die Bühne: 1996 wurde die Originalfassung bei den Dresdner Musikfestspielen unter Yinons musikalischer Leitung uraufgeführt. Richard Whilds, Solo-Repetitor an der Bayerischen Staatsoper, fertigte 2017 für die Produktion der Bayerischen Staatsoper am Münchner Cuvilliés-Theater eine kleinere neue Fassung des Stücks an. Durch diese reduzierte Orchesterbesetzung kann die Oper nun auch in kleineren Spielstätten aufgeführt werden.

Viktor Ullmann – Der zerbrochene Krug: Eine versteckte Anklage auf das NS-Regime


Vordergründig folgt Ullmann mit seinem Libretto wortgetreu Kleists Text und bedient sich dabei der Vorlage eines von den Nationalsozialisten gefeierten deutschen Dichters. Aus der heutigen Perspektive heraus lässt sich Ullmanns Wahl dieses deutschen Lustspielklassikers als Grundlage für seine Oper als Kommentar auf das nationalsozialistische System begreifen. Denn der Komponist nimmt geschickt zuspitzende Kürzungen des Komödientextes vor, sodass die Handlung auf das Wesentliche reduziert ist: Das einaktige Werk thematisiert in der Geschichte des Dorfrichters Adam die Frage nach Recht und Schuld. Dieser muss wissentlich über sein eigenes Vergehen – den zerbrochenen Krug der Frau Marthe – urteilen und entlarvt sich dabei schließlich selbst als Täter. Besonders Ullmanns hinzugefügte Schlussmoral und der Ruf nach Gerechtigkeit ist als Kommentar zum Unrechtssystem des Nationalsozialismus zu betrachten:
„Fiat justitia,

damals wie ebenda:

Richter soll keiner sein,

ist nicht sein Herze rein.”

- Der zerbrochene Krug (Ullmann)

Die 50-minütige Kammeroper wird in der Münchner Produktion zusammen mit Ernst Kreneks tragischer Oper Der Diktator aufgeführt. Nach der Premiere am 13. April folgen vier weitere Aufführungen am 15., 25., 27. und 29. April. In der kommenden Ausgabe des Schott Journals (Mai – August 2018) stellen wir weitere Bühnenwerke vor, die speziell für kleinere Spielstätten oder reduzierte Besetzungen konzipiert sind.

Werk der Woche – Fazil Say: Never give up

Ein musikalisch-politisches Statement erwartet uns in dieser Woche mit der Uraufführung des Cellkonzerts Never give up von Fazil Say. Die junge Cellistin Camille Thomas spielt das Stück mit Orchestre de Chambre de Paris unter der Leitung von Douglas Boyd am 3. April im Théâtre des Champs-Elysées in Paris.

Nach der Gezi Park-Werktrilogie ist das Cellokonzert nun Says nächstes Werk, mit dem er auf aktuelle politische Ereignisse Bezug nimmt. Say, der viele Jahre im Ausland lebte und dort mit seiner Musik bis heute erfolgreich ist, fühlt sich tief mit seinem Heimatland Türkei verwurzelt. Obwohl er mit der gesellschaftlichen Entwicklungen im Land unzufrieden war, zog er wieder dorthin zurück und betätigt sich politisch durch seine Musik. Mit dem Cellokonzert, das nach seinen eigenen Worten, ein „Aufschrei nach Freiheit und Frieden“ ist, drückt er seinen Protest gegen Gewalt und Terror aus.

Fazil Say: Never give up – Ein Klangbild des Terrors


Besonders im zweiten Satz des Werkes, dem Adagio, ist dieses Thema konkret verarbeitet: Harte Tonrepetitionen im Schlagzeug alternieren mit schreienden Glissandi der Holzbläser. In den Spielanweisungen der Partitur beschreibt Say diese Passage, die klanglich Gewehrschüsse und menschlichen Schreie nachzeichnet, mit „Kalaschnikov“ und „like a scream“ und verweist damit auf die jüngsten Anschläge in Paris und Istanbul. Das Stück soll nach Says eigenen Kommentaren dadurch sowohl die erschütternden Terrorattacken in der Türkei und ganz Europa, als auch die Wirkung dieser auf das Leben und die Kunst widerspiegeln. Doch Says Musik endet optimistisch: Durch den türkischen Rhythmus, der von friedlichen Vogelgesängen und Wellengeräuschen in den Streichern begleitet wird, zeichnet der Komponist zum Schluss seines Stückes ein Klangbild des Friedens in seinem Heimatland.

Bei dem Konzert am 3. April wird der Komponist mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll selbst als Pianist auftreten. Seine 4. Symphonie mit dem Titel "Hope" wird am 25. August 2018 im Kulturpalast Dresden mit der Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Michael Sanderling seine Uraufführung erleben.

Werk der Woche – Jörg Widmann: Partita

Das neue Orchesterwerk Partita von Jörg Widmann erlebt in vier Konzerten vom 29. März bis 4. April seine amerikanische Erstaufführung in der Boston Symphony Hall. Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra, nachdem er das Stück erst kürzlich mit dem Gewandhausorchester in Leipzig zur Uraufführung gebracht hatte.

Partita entstand als Auftragswerk des Gewandhausorchesters Leipzig und des Boston Symphony Orchestra. In seiner Funktion als "Gewandhauskomponist" der aktuellen Spielzeit komponierte Widmann das Stück eigens für das Festkonzert zum 275. Jubiläum des Gewandhausorchesters und zur Amtseinführung des neuen Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons. Am 8. März wurde es in Leipzig uraufgeführt. In dem groß besetzten Werk, das unter anderem auch Wagnertuben erfordert, zeigt sich die Instrumentationskunst und stilistische Bandbreite des Komponisten.

Jörg Widmann – Partita: Fünf Reminiszenzen für das Gewandhausorchester Leipzig


Die fünf Sätze - Reminiszenzen genannt - besitzen dabei, wie typisch für eine Partita, ganz unterschiedliche Charaktere: Dem gewichtigen, zweiteiligen Kopfsatz folgt ein wehmütiges Andante und ein musikalisch humorvolles Divertimento. Die Sarabande und die abschließende Chaconne stehen mit ihren Bezeichnungen als Tanzsätze in der formalen Tradition von Partiten und barocken Orchestersuiten, deren prachtvoller Ouvertüre verschiedenartige Tanzstücke folgen. Auch bedient sich Widmann vieler musikalischer Zitate aus diversen Epochen. Damit soll sich die Komposition ästhetisch an die Historie des Gewandhausorchesters und die Stadt Leipzig anlehnen. Im zweiten Satz sind so etwa Elemente aus Mendelssohns Es-Dur Klarinettensonate zu hören, während im letzten Satz Anklänge an das Crucifixus aus Johann Sebastian Bachs h-moll-Messe durch die musikalische Textur hindurchschimmern, aber es gibt darin noch sehr viel mehr zu entdecken:
„‚Fünf Reminiszenzen für großes Orchester‘ heißt die Partita mit Nachnamen. Diese Reminiszenzen lassen Epochen der Geschichte des Gewandhausorchesters aus einem breiten Assoziationsstrom hervorblitzen: Mal bringt sich da harmonisch ein Tannhäuser in Stellung, mal loten unendlich lange unendlich schöne Holzbläser-Linien das weite Feld zwischen Dvořák, Tschaikowski und Rachmaninoff aus. - Leipziger Volkszeitung, 9.3.2018

In nächster Zeit werden weitere Werke des Gewandhauskomponisten in Leipzig zu hören sein: Am 12. und 13. April spielt das Gewandhausorchester Widmanns Kinderreime und Nonsensverse und am 19. und 20. April seine Komposition Trauermarsch.