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Werk der Woche – Christian Jost: Dichterliebe

Am 8. August 2018 erlebt Christian Josts Liederzyklus Dichterliebe  für Tenor und 9 Instrumentalisten im Königlichen Theater Kopenhagen seine dänische Erstaufführung. Es handelt sich dabei um eine Neukomposition von Robert Schumanns Dichterliebe op. 48 nach Texten von Heinrich Heine. Der Komponist selbst dirigiert das Horenstein Ensemble Berlin mit Peter Lodahl als Tenor. Für die mediale Szenographie ist Tabea Rothfuchs verantwortlich.   

Dichterliebe ist ein Auftragswerk des Konzerthauses Berlin und des Kopenhagen Opernfestivals und wurde am 21. Oktober 2017 im Konzerthaus Berlin uraufgeführt. In seiner Komposition verbindet Jost das romantische Kunstlied mit modernen Anklängen. Dazu verändert und vergrößert er die Besetzung und verdoppelt die Länge des Zyklus'. Die Musik wird durch Videosequenzen ergänzt, die eine visuelle Umsetzung der Themen bieten. Diese Art der Inszenierung zielt darauf ab, in allen Arten von Räumlichkeiten Aufführungen zu erlauben.

Christian Jost - Dichterliebe: das Prinzip des Weiterdenkens


Die 16 Lieder Schumanns handeln von einem Menschen, der eine vergangene Liebe besingt. Seine Gefühle wechseln von Schmerz zu Glück, von Trauer zu Leichtigkeit und wandeln zwischen Traum und Realität. In Heines Texten steht der Rhein als Symbol für diesen Emotionsfluss. Auch Jost verwendet das Fließende in seinen Liedern: Er komponiert eine Begleitung aus dichten wellenförmigen Legato-Passagen, während die Tenorstimme immer wieder aus den Ostinati der Instrumente aufzutauchen scheint. Jost webt die ursprünglichen Melodien und das harmonische Gerüst in seine Komposition ein und denkt sie weiter. Im gesamten Zyklus erweitert er knappe Motive aus Schumanns Klavierbegleitung und gibt ihnen eine zusätzliche Tiefe.
„Das Prinzip des inhaltlichen und harmonischen Weiterdenkens zieht sich sowohl durch den gesamten Zyklus als auch durch die Verbindungen der einzelnen Lieder. Die neu komponierten Übergänge, die es im Original nicht gibt, da jedes einzelne Lied für sich geschlossen ist, bilden somit das harmonische Meer, auf dem sich die Lieder wie Inseln ausbreiten können in einer komplex erweiternden Fortschreitung der Schumannschen Anlage.“ – Christian Jost

Die Aufführung wird einen Tag später im Königlichen Theater Kopenhagen wiederholt. In der neuen Spielzeit präsentiert das Staatstheater Braunschweig eine Neuinszenierung der Baritonfassung von Josts Dichterliebe. Sie wird dort insgesamt zehnmal zu sehen sein. Für 2019 ist auch eine polnische Erstaufführung des Liederzyklus' geplant.

 

©Foto: Tabea Rothfuchs

 

 

Werk der Woche - Huw Watkins: Four Fables

Am 31. Juli 2018 spielen Klarinettist Robert Plane und das Gould Piano Trio erstmals das neue Kammermusikstück Four Fables  für Klarinette und Klaviertrio von Huw Watkins beim Three Choirs Festival in Hereford.

Zur Feier seines 20-jährigen Bestehens beauftragte das Corbridge Chamber Music Festival Huw Watkins mit dem neuen Stück. Weitere Auftraggeber sind das Swansea International Festival, das Three Choirs Festival und die Wigmore Hall. Watkins komponierte Four Fables für Robert Plane, den Soloklarinettisten des BBC National Orchestra of Wales, bei dem unser Komponist Composer-in-Association ist.

Huw Watkins – Four Fables: Phantastischer Charakter


Wie der Titel vermuten lässt, besteht Four Fables aus vier Sätzen. Dabei umschließen langsame Lento-Sätze ein schnelleres Allegro im zweiten Satz. Die außergewöhnliche Besetzung von Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier wurde durch Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du Temps berühmt, obwohl sich Watkins tatsächlich am meisten vom phantasievollen Charakter der Märchenerzählungen für Klarinette, Viola und Klavier von Robert Schumann inspiriert fühlte:
„Als ich begann, mein neues Stück zu komponieren, hatte ich Schumanns Märchenerzählungen (für Klarinette, Viola und Klavier) im Hinterkopf. Schumann interessierte sich für das „Malerische und Fantastische“, bezog sich aber auf kein bestimmtes Märchen. Das war ein ähnlicher Ausgangspunkt für mich, als ich diese vier verschiedenen Fabeln geschrieben habe.“ – Huw Watkins

Nach der Uraufführung reisen Robert Plane und das Gould Piano Trio mit Four Fables durch Großbritannien und treten dabei am 5. August beim Corbridge Chamber Music Festival, am 6. August beim Church Stretton Festival und am 30. September beim Swansea International Festival auf. Weitere Aufführungen sind in 2019 geplant.

 

©Foto: Benjamin Ealovega

Werk der Woche - Lei Liang: Lakescape VI

Am 25 Juli 2018 wird Lei Liangs Lakescape VI für Holzbläserquintett bei der Bennington Chamber Music Conference uraufgeführt. Das Stück ist ein Auftragswerk der Chamber Music Conference und dem Composers‘ Forum of the East.

Unser amerikanischer Komponist Liang beschreibt die Inspiration für seine Reihe von „Lakescape“-Werken folgendermaßen:

„Da ich mich schon einige Jahre für den Mahayana Buddhismus interessiert habe, ging ich 1999 zu einem Buddhistenkloster im upstate New York, um Meditation zu studieren. Eines Abends, während ich alleine am Ufer des Sees entlanglief, sah ich, wie eine „V“-Kontur auf der Wasseroberfläche schwebte und sich vergrößerte. Es war ein Bieber, der im Mondlicht schwamm. Dieses Bild gab mir Einsicht in meine Beziehung zur Stille: Unterhalb der Musik herrscht eine tiefe Stille, auf der ich mit meinem charakteristischen Klang eine Signatur hinterlasse. Dieser Gedanke diente als Ausgangspunkt einer Reihe von Werken.“

Lei Liang – Lakescape VI: Bilder in Musik


Liangs Idee,  starke bildliche Erlebnisse mit Musik zu beschreiben, ist in seinem Schaffen nicht neu. Im letzten April wurde sein Orchesterwerk A Thousand Mountains, A Million Streams vom Boston Modern Orchestra Project unter der Leitung von Gil Rose, uraufgeführt. Inspiriert von den Schriften und Gemälden von Huang Binhong (1865-1955) verfolgt das Stück die Arbeit des Künstlers anhand  eines prächtigen Landschaftsgemäldes:
„Eine Landschaft entsteht aus der Dunkelheit, erleuchtet von der Vision eines Künstlers; Ferne Konturen, Formen, Andeutungen von Farben und Leere. Wenn der Betrachter die Landschaft genauer anschaut, beginnen Linien und menschliche Präsenz zu entstehen und Klänge nachzuhallen, bis wir eins werden mit jedem Pinselstrich und Tintenspritzer, mit jedem Atemzug. Die Berge atmen, singen und brüllen. Die Landschaft vibriert, pulsiert und tanzt; sie  ergreift die Flucht; rührt, schwillt, wächst, mahlt, strömt, dehnt sich und erblüht; zitternd und bricht bebend in Stücke. Regentropfen heilen die zerstörte Landschaft. Ein Gebet, eine Erweckung, der Regen bringt das Leben zurück in die Landschaften und erneuert ihre sanften Herzschläge. A Thousand Mountains, A Million Streams ist eine musikalische Landschaft, die ich mit einem klanglichen Pinsel gemalt habe.“ - Lei Liang

Ein weiteres Werk Liangs, vis-à-vis, wird am 14. August 2018 vom Flux Quartet in der Conrad Prebys Concert Hall im Zuge des La Jolla Music Society SummerFest uraufgeführt. Am 9. August wird dasselbe Ensemble Liangs Serashi Fragments in La Jolla aufführen. Unser Komponist ist Composer-in-residence bei der Valencia International Performance Academy & Festival vom 10.-20. Juli in Spanien, der Bennington Chamber Music Conference vom 22.-28. Juli und der Kneisel Hall Chamber Music School and Festival, die vom 29. Juli bis zum 3. August stattfindet.

 

©Foto: Howard Lipin


 

Werk der Woche - Dieter Schnebel: Utopien

Das musikalische Kammertheater Utopien von Dieter Schnebel wird am 17. Juli 2018 in Schwäbisch Gmünd aufgeführt. Für die Inszenierung ist Matthias Rebstock verantwortlich, Bühnenbild und Kostüme stammen von Sabine Hilscher. Die sechs Partien sind dabei prominent besetzt: Die neuen Vocalsolisten Stuttgart, bestehend aus Sarah Maria Sun, Susanne Leitz-Lorey (Sopran), Truike van der Poel (Mezzosopran), Martin Nagy (Tenor), Guillermo Anzorena (Bariton) und Andreas Fischer (Bass).

Schnebel bestimmte die Musikgeschichte über Jahrzehnte hinweg mit: Als Komponist, Pädagoge und  Theoretiker. Seine Überlegungen setzten bei der Emanzipation der Stimme an. Im Zuge dessen bezog Schnebel vielfältige Äußerungsformen der menschlichen Stimme in seine Werke mit ein und befreite sie von Konventionen des Kunstgesangs. Zusätzlich spielt die Gestik der Interpreten eine große Rolle: Musiker bewegen sich im Raum des Theaters und überschreiten die frontale Konzertsituation, die Grenzen zwischen Musik und Theater werden zunehmend aufgehoben. Utopien ist das letzte Musiktheaterwerk des im Mai 2018 verstorbenen Schnebel, der es als „opus summum“ bezeichnete.  Es wurde am 17. Mai 2014 innerhalb der 14. Münchener Biennale uraufgeführt. Zusammen mit dem Dramaturgen Roland Quitt erarbeitete Schnebel das Konzept der Trias Glaube, Hoffnung, Liebe, mit ihren negativen Gegensätzen Unglaube und Hoffnungslosigkeit, während die Liebe in sich eine ambivalente Rolle einnimmt.

Dieter Schnebel – Utopien: Die Körperlichkeit der Musik


Utopien ist in 5 Haupteile, die „Gänge“ I-V, gegliedert. Darin werden verschiedene Utopien  „ergangen“: Zuerst die des Glaubens, danach die des Zweifel, als drittes die der absoluten Resignation, gefolgt von der Hoffnung und schließlich die Utopie der Liebe. Mit „Gängen“ sind Wege der Protagonisten als Gruppe, aber auch von Einzelnen gemeint. Sie bewegen sich im Spannungsverhältnis von Individuum und Kollektiv. Im Sinne der Körperlichkeit von Musik bleibt es jedoch nicht beim einfachen Gehen. Zusätzlich wird gehüpft, gerannt, gerobbt, aber auch qualvoll gekrochen. Neben dem Humor, mit dem Schnebel die verschiedenen Bewegungsarten einsetzt, dienen sie auch dem Versuch einer Befreiung von einem depressiven Status Quo. In die fünf Teile sind vier Zwischenstücke eingefügt, in denen die „Gänge“ reflektiert und kommentiert werden. Dazu verwenden Schnebel und Quitt Elemente aus Texten unter anderem von René Descartes, Sebastian Brant und Thomas Morus. Die Musik bedient sich stilistisch von archaischen über romantische bis hin zu avantgardistisch experimentellen Klängen.
„Bei all ihrer humorvollen Leichtigkeit bleiben Schnebels Utopien geradezu bekenntnishaft geprägt. Vieles in ihnen, wenn man diesen Blick sucht, erklärt sich vor dem Lebensweg einer Person, die als Achtundsechziger wie gleichzeitig als engagierter Christ nicht erst heute quer zu ihrer Zeit steht, quer stand zu Achtundsechzig, quer immer auch zu ihrer Kirche.“ – Roland Quitt, im Programmheft der Uraufführung vom 17. Mai 2014

Utopien wird zusätzlich am 19. Juli 2018 in der Stuttgarter Hospitalkirche in derselben Besetzung  zu hören sein. Dort wird das Musiktheaterwerk innerhalb der Veranstaltungen des „Sommer in Stuttgart“ aufgeführt.

 

©Foto: Adrienne Meister

Werk der Woche – Krzysztof Penderecki: Lukas-Passion

Die Lukas-Passion von Krzysztof Penderecki gehört zu den bedeutendsten geistlichen Chorwerken des 20. Jahrhunderts. Am 14. Juli 2018 wird sie im Amphitheatre de Lanaudière Joliette im Zuge des Festival de Lanaudière aufgeführt. Kent Nagano dirigiert das Orchestre Symphonique de Montréal und den Chór Filharmonii Krakowskiej, Soli sind Sarah Wegener (Sopran), Lucas Meachem (Bariton) und Matthew Rose (Bass). Mit derselben Besetzung wird die Lukas-Passion anschließend am 18. Juli im Sala audytoryjna in Krakau und am 20. Juli beim Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele aufgeführt.

Die Lukas-Passion schrieb Penderecki im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks in den Jahren 1965 und 1966. Am 30. März 1966 gelangte das Werk mit dem vollständigen Titel "Passio Et Mors Domini Nostri Jesu Christi Secundum Lucam" in Münster zur Uraufführung. Auch wenn in einem Gotteshaus wie der alten Münsteraner Domkirche eine derart avantgardistische Musiksprache mit ihren grellen Dissonanzen, ihren Clustern und ihren seriellen Strukturen nie zuvor zu hören war, stellt Penderecki sich doch in den Dienst des Bibelworts: Das Gerüst des Werks bildet der lateinische Bericht des Lukas-Evangeliums, dazu kommen Verse aus dem Johannes-Evangelium, Klagelieder des Jeremias und Psalmen Davids. Neben Leiden und Tod Christi ist die Lukas-Passion aber auch Ausdruck der Tragödie des zweiten Weltkriegs. Immer wieder widmete Penderecki seine Werke den Leidenden der Gegenwart: So widmete er etwa 1960 Threnos den Opfern des Nuklearwaffeneinsatzes in Hiroshima und das Klavierkonzert Resurrection denen der Anschläge am 11. September 2001.

Krzysztof Penderecki – Lukas-Passion: Eine Hommage an Bach


Musikalisch bezieht sich Penderecki auf die Passionen, ohne die er nach eigener Aussage die Lukas-Passion nicht hätte schreiben können. Schon im Eingangschor klingt das B-A-C-H-Motiv an, und zieht sich in vielfältigen Wendungen durch die gesamte Komposition. Auch die Folge der wie seufzend fallenden Sekunden im Terzabstand bildet ein Motiv des Schmerzes. Anders als der affektgetragenen Ausdrucksweise Bachs stehen Pendereckis Musik aber expressiv-psychologisierende Mittel zur Verfügung. So verwendet er in der dramatischen Abschlussszene des ersten Teils "Jesus vor Pilatus" eine als Klangfarbenmelodie gestaltete Clusterstudie, in der anfangs Tonbündel in den höchsten Registern bis in die Bassregion fallen. Wildes Durcheinandersprechen des Chores bildet das Verhör, geräuschhafte Staccato und "col legno" der Instrumentengruppe die Peitschenschläge. Neu ist auch die Verbindung der Passion mit einer Stabat Mater-Komposition, die Penderecki 1962 als eigenständiges Werk geschrieben hatte. Diesen Teil kennzeichnet eine nahtlose Verbindung von Techniken geistlicher Werke aller Epochen: Bruchlos lässt der Komponist hier Gregorianischen Choral in zwölftönige Passagen und Clustern übergehen.

Die Verbindung von Altem und Neuem, das Traditionsbewusstsein und der kompromisslose Wille zum Ausdruck bei uneingeschränkter Bejahung des Glaubens ließen die Lukas-Passion schlagartig zu einem geachteten Meisterwerk und Penderecki damit zu einem Meister des 20. Jahrhunderts werden. Schon kurz nach der Uraufführung las man:
 „Diese Passionsmusik Pendereckis wird man zu den bedeutendsten Kompositionen innerhalb der Neuen Musik zählen. Die bestechende Klarheit der revolutionären Partitur, die Logik des Werkaufbaus und die eindringliche Wirkung, die von der Musik ausgeht, stehen weit über dem, was selbst von prominenten Komponisten in den letzten Jahren an Chormusik angeboten wurde.“ – Heinz Joseph Herbort, Die Zeit, zur Uraufführung 1966

In Salzburg wird kurz nach der Lukas-Passion Pendereckis stilistisch vergleichbares und selten gespieltes Intermezzo für 24 Solostreicher zu hören sein. Es ist Finalstück des Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award und wird am 4. August von der Camerata Salzburg im Mozarteum gespielt.

Werk der Woche – Paul Hindemith: Mörder, Hoffnung der Frauen

Mit seinen Operneinaktern Mörder, Hoffnung der Frauen, Das Nusch–Nuschi und Sancta Susanna stellte Paul Hindemith in den frühen 20er Jahren dem Publikum skandalträchtige Experimente auf die Bühne. Das Grafenegg Festival zeigt am 8. Juli 2018 zwei dieser Opern. Die musikalische Leitung bei den beiden Halbstündern Mörder, Hoffnung der Frauen und Sancta Susanna hat Dirigent Leon Botstein. Werner Hanakl ist sowohl für die Inszenierung als auch für Kostüme und Bühnenbild verantwortlich. 

Die Uraufführung von Hindemiths allererstem Bühnenwerk Mörder, Hoffnung der Frauen, zusammen mit Das Nusch–Nuschi, am 4. Juni 1921 an der Oper in Stuttgart erregte die Gemüter: Es wurde von großem Unverständnis, Irritation und Protest ebenso berichtet wie von Begeisterung und überschwänglichem Lob. Das expressionistische Libretto von Oskar Kokoschka nach seinem eigenen Drama von 1907 ist voll von Darstellungen wilder Sexualtriebe und eines erbitterten Geschlechterkampfes zwischen Frauen und Männern. Nur neun Monate später ging Hindemith mit Sancta Susanna noch einen Schritt weiter, indem er darin das sinnliche Bedürfnis und den religiösen Gehorsam der Nonne Susanna provokant vereint.

Paul Hindemith – Mörder, Hoffnung der Frauen: Kampf der Geschlechter


Die Handlung der Oper Mörder, Hoffnung der Frauen ist ort- und zeitlos. Eine Schar Krieger stürmt widerwillig, aber befehlstreu eine Festung der Frauen. Auch der Anführer der Männer ringt mit der Anführerin der Frauen und wird dabei schwer verletzt und gefangen genommen, während sich seine Krieger mit den anderen Frauen vergnügen. Die Anführerin ist von wilder Lust erfüllt und nähert sich dem Gefangenen, doch ihre Berührung lässt den Mann erstarken, bis er sie schließlich besiegt und sich befreit. Mit einer Berührung tötet der Anführer seine Widersacherin, aber auch alle anderen werden von ihm "wie Mücken" erschlagen.

Der expressionistische Gestus des Werks muss das Publikum seinerzeit mit einer ebensolchen Wucht getroffen haben wie das provokante Sujet Kokoschkas. Logische Handlungen fehlen in den Szenen des Einakters, die Auseinandersetzungen erscheinen konfus. Keine der Personen trägt einen Namen, jegliche Form von Identifizierung wird vermieden. Das Werk zeigt gestenreiche Aktionen und schematisierte Gestaltungsabläufe anstelle eines sprachlichen Diskurses. Den Konflikt überformt Hindemith zudem mithilfe des musikalischen Konflikts des Sonatensatzes und greift auf verschiedenste Ausdrucksformen der musikalischen Tradition zurück. Fast 100 Jahre später wirkt diese Arbeitsweise beinahe wie aus der postmodernen Gegenwart gegriffen. Und so tut sich ein Rezensent der Uraufführung mit Begriffen wie "ultramodern", "im allermodernsten Sinne", "neu, zeitgemäß" erkennbar schwer in der stilistischen Einordnung von Mörder, Hoffnung der Frauen:
Zu den Verfechtern ultramoderner Anschauungen gehört auch Paul Hindemith, ein noch junger Frankfurter Musiker, der als tüchtiger Geiger seine künstlerische Laufbahn begonnen, in den letzten Jahren jedoch sich mehr und mehr der Komposition zugewandt hat und auf einige bemerkenswerte Erfolge zurückblicken kann. Auch als Opernkomponist hat er sich vorgenommen, ganze Arbeit im allermodernsten Sinne zu tun und ohne Zugeständnisse an Tradition und Publikum seine Vorstellung des neuen, zeitgemäßen Musikdramas zu verwirklichen. – Dr. Hugo Leichtentritt (Kritik der Uraufführung in "Die deutsche Opernbühne", Frühjahr 1921)

Zwei Stücke von Paul Hindemith hat auch das Bundesjugendorchester auf seiner Sommer-Tournee durch Deutschland, Südtirol und Rumänien im Gepäck: Vom 20. Juli bis zum 4. August ist es mit der Symphonie "Mathis der Maler" und den Symphonischen Metamorphosen in Dortmund, Toblach, Bozen, Dresden, Bukarest, Sinaia und Berlin zu Gast.

 

Foto: © Theater Bonn / Thilo Beu

Werk der Woche – Toshio Hosokawa: Erdbeben. Träume

Am 1. Juli 2018 feiert die neue Oper Erdbeben. Träume von Toshio Hosokawa in einer Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito ihre Uraufführung an der Oper Stuttgart. Die musikalische Leitung hat Sylvain Cambreling, Bühne und Kostüme stammen von Anna Viebrock. Die neue abendfüllende Oper entstand als Auftragswerk der Oper Stuttgart und ist die letzte Neuproduktion in der Intendanz von Jossi Wieler, bevor Viktor Schoner die Leitung des Opernhauses zur nächsten Spielzeit übernimmt.  

Seit dem großen Tōhoku-Erdbeben im Jahr 2011 hat Hosokawa eine Reihe von Stücken komponiert, die dem Andenken an die Opfer der Katastrophe gewidmet sind, darunter die beiden letzten Bühnenwerke Stilles Meer und Futari Shizuka. In Erdbeben. Träume richtet Hosokawa erstmals wieder stärker den Blick in die Zukunft: Ein Kind lernt die Gegenwart anzunehmen und die Vergangenheit loszulassen.

Toshio Hosokawa – Erdbeben. Träume: Wer bin ich?


Inspiriert von Heinrich von Kleists „Das Erdbeben von Chili“ (1806) schrieb der Büchner-Preisträger Marcel Beyer das präzise und hochmusikalische Libretto zu Erdbeben. Träume. Stumme Hauptperson der Oper ist der Junge Philipp, dessen Eltern ermordet wurden. Als er erfährt, dass er adoptiert wurde, begibt er sich auf die Suche nach seinen wahren Eltern. „Wo sind meine Eltern?“, „Wer bin ich?“ sind die existentiellen Fragen, die sich der Junge auf seinem Weg stellt. Die Geschichte seiner Herkunft und seiner Eltern wird in Rückblenden als Traumsequenz entfaltet.
„Die Reise, mit der er sich auf das Erwachsenwerden vorbereitet, ist alles andere als sicher: Es erwarten ihn die grausame Gewalt der Natur (Erdbeben und Tsunami) und die furchterregende, unbewusste Gewalt, die im Herzen von Menschen verborgen ist. Doch unterwegs entdeckt er auch Solidarität, die Schönheit der Natur und die Liebesgeschichte seiner Eltern.“ – Toshio Hosokawa

In dieser Spielzeit sind fünf weitere Vorstellungen von Erdbeben. Träume in Stuttgart zu sehen.

 

Foto: © Anna Viebrock

Werk der Woche – Hans Werner Henze: Pollicino

Die Märchenoper Pollicino von Hans Werner Henze ist seit ihrer Uraufführung mit Inszenierungen in Theatern und Schulen weltweit zum Klassiker geworden. Am 23. Juni feiert das Werk an der Oper Köln Premiere. Auf der Bühne im Staatenhaus stehen Schülerinnen und Schüler des Humboldt-Gymnasiums und der Rheinischen Musikschule Köln sowie Solistinnen und Solisten der Oper Köln. Die Inszenierung stammt von Saskia Kuhlmann, musikalischer Leiter ist Rainer Mühlbach. Tobias Flemming verantwortet das Bühnenbild, Hedda Ladwig die Kostüme.

Nach dem Däumlings-Märchen von Carlo Collodi komponierte Henze Pollicino 1979 bis 1980 in seiner Wahlheimat Italien. Er schrieb das Stück für die Kinder von Montepulciano – dem Ort in der Toskana, wo er  1967 ein Festival für zeitgenössische Musik ins Leben gerufen hatte. Während des Kompositionsprozesses arbeitete Henze eng mit den Kindern zusammen. Er lotete ihre musikalischen Fähigkeiten aus und ließ sich von ihren Sorgen und Wünschen inspirieren. So entstand ein echtes Werk von Kindern für Kinder. Denn bis auf wenige Rollen (Elternpaar, Menschenfresserpaar, Wolf) werden alle Partien von Kindern gesungen und gespielt - gleiches gilt für das Orchester. Auf diese Weise wurde das Werk zu einem generationsübergreifenden pädagogischen Projekt.

Hans Werner Henze – Pollicino: mehr als ein naives Märchen


In der Oper geht es um Leben und Tod, um schwierige Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, um Armut und Hunger, um Festhalten und Befreiung aus menschenunwürdigen Verhältnissen. Der kleine Held Pollicino (ital.: Däumling) wird mit seinen Brüdern von den Eltern im Wald zurückgelassen. Unterschlupf finden sie ausgerechnet im Haus des Menschenfressers. Die Brüder verbünden sich mit den Töchtern des Hausherrn und fliehen heimlich. In ihrer Not stehen den Kindern die Tiere des Waldes zur Seite.

Henze weist den Instrumenten in Pollicino klare musikpsychologische Funktionen zu: Die irisierend-schwebenden Klänge der Blockflöten symbolisieren die Seelen der Kinder, die konzertante Violine steht für die erzählende Großmutter, die Gitarre versinnbildlicht Naturempfinden und Ursprünglichkeit, das Harmonium verkörpert die verlogene Welt der Erwachsenen. Durch die Einbeziehung sozialkritischer und satirischer Elemente lassen Henze und sein Librettist Giuseppe Di Leva Pollicino zu mehr als einer naiven Märchenoper werden. So wird beispielsweise das Elend von Pollicinos Familie deutlich als Ergebnis sozialer Ungerechtigkeit gezeigt, und der Menschenfresser ist mit seinen Menschenfresser-Kollegen gewerkschaftlich organisiert und diskutiert am Telefon die nächsten Aktionen gegen die Regierung. Auch die verschiedenen Formen von Arien über Ensembles bis hin zu orchestralen Charakterstücken wie Marsch, Walzer oder Tango erfordern eine tiefgreifende Auseinandersetzung der Kinder mit der Materie: Sie sollen den Umgang mit ihnen unbekannten musikalischen Formen kennenlernen.
„Wenn die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden, in Konzertsälen, hoffentlich auch in Opernhäusern: Klänge unserer Zeit. Musizierend und singend akzeptieren sie, was andere als ungewohnte Töne empfinden, als eine natürliche Tatsache, als einen Teil unserer Realität.” - Hans Werner Henze

Die Produktion in Köln kommt bis zum 30. Juni noch fünf weitere Male auf die Bühne.

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Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Werk der Woche – Andrew Norman: Spiral

Andrew Norman gehört zu den erfolgreichsten Komponisten seiner Generation und erhält regelmäßig Kompositionsaufträge der großen internationalen Orchester. Für die Abschiedssaison von Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker schrieb er sein neues Werk Spiral. Das Stück wird am 14. Juni in der Berliner Philharmonie uraufgeführt und ist Teil der Reihe „Tapas“, bei der kurze aber gehaltvolle Werke den Appetit auf zeitgenössische Musik anregen sollen.

Zuletzt komponierte Norman im vergangenen Jahr seine Kinderoper A Trip to the Moon (mit deutschem Titel Zum Mond und zurück) für das "Vokalhelden"-Projekt der Berliner Philharmoniker. Einen besonderen Erfolg feierte er 2017 mit dem Orchesterstück Play, für das er den Grawemeyer Award erhielt, zudem war er im gleichen Jahr "Composer of the Year" bei Musical America.

Andrew Norman – Spiral: ein musikalischer Sog


Spiral zeichnet die Veränderungen einer kleinen Anzahl an Instrumentalgesten nach, die sich in immer enger werdenden Kreisen umschlingen. Die Streicher spielen divisi, setzen subsequent wie Roboter hintereinander ein und bilden so eine musikalische Spirale nach.
„Die Idee zu einem „spiralförmigen“ Orchesterstück hatte ich seit einer Weile. Einige der musikalischen Ideen und Gesten waren definitiv von meinen Erfahrungen mit Simon und den Berliner Philharmonikern inspiriert (nämlich von ihrer einzigartigen physischen Energie und Präzision).“ – Andrew Norman

Weitere Aufführungen von Spiral in Berlin folgen am 15. und 16. Juni. Die britische Erstaufführung findet am 23. Juli beim Ko-Auftraggeber, den BBC Proms, mit dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Karina Canellakis statt.

Werk der Woche – Modest Mussorgskij: Boris Godunov

Russland trifft auf Frankreich, oder anders: Modest Mussorgskij auf die Opéra Bastille in Paris. Denn dort feiert seine Oper Boris Godunov in der Erstfassung am 7. Juni 2018 Premiere. Am Pult steht Vladimir Jurowski, Ildar Abdrazakov wird an diesem Abend als Titelheld auftreten. Die Inszenierung übernimmt Ivo Van Hove, das Bühnenbild stammt von Jan Versweyveld und die Kostüme von An D’Huys.

1869 schrieb Mussorgksij die erste, später „Ur-Boris“ genannte Fassung basierend auf der „dramatischen Chronik“ von Alexander Puschkin. Als er diese beim Musiktheaterkomitee der Kaiserlichen Theater einreichte, stieß er jedoch auf völlige Ablehnung. Das Komitee bemängelte vor allem das Fehlen einer repräsentativen Frauenrolle. Drei Jahre lang bearbeitete und erweiterte Mussorgskij das Werk substantiell. Doch auch der daraus entstandene „Original-Boris“ scheiterte bei der Uraufführung 1874 in St. Petersburg und wurde 1882 aus staatspolitischen Erwägungen von der Zensurbehörde abgesetzt. Weitere mehrfache Bearbeitungen von Mussorgskij selbst, später auch Neuorchestrierungen von Nikolaj Rimskij-Korsakow und zuletzt von Dmitrij Schostakowitsch trugen lange dazu bei, den Blick auf die ursprüngliche dramaturgische und musikalische Gestalt von Boris Godunov zu verstellen. Erst die kritische Werkausgabe von Pawel Lamm von 1928, auf der die Schott-Ausgabe beruht, ermöglichte es, die Oper über die historische Figur des Boris Godunov (1552–1605) in der von allen späteren Ergänzungen befreiten Form so zu spielen, wie es den ursprünglichen Intentionen des Komponisten entsprach.

Modest Mussorgskij – Boris Godunov: ein musikalisches Volksdrama


Boris Godunov hat den Thronfolger Dmitrij ermorden lassen und herrscht nun selbst über das russische Reich. Es sind unruhige Zeiten, Jahre vergehen, doch trotz seiner ehrlichen Anstrengungen, die Lage des hungernden Volkes zu verbessern, liebt es ihn nicht. Zudem quälen ihn Gewissensbisse, was seine Gegner auszunutzen wissen: Psychisch unter Druck gesetzt wird er wahnsinnig – am Ende wartet nur der Tod auf ihn. Die eigentliche Hauptrolle in Boris Godunov  übernimmt allerdings nicht die Titelfigur, sondern das russische Volk, umgesetzt durch beeindruckende Massenszenen.
„Die feinen Züge der menschlichen Natur und der menschlichen Masse aufzufinden, ein eigensinniges Bohren in diesen unerforschten Regionen und ihre Eroberung – das ist die Mission des echten Künstlers. Zu neuen Ufern!“ – Modest Mussorgskij

In Paris wird Mussorgskijs Hauptwerk in der Urfassung noch an elf weiteren Abenden bis zum 12. Juli 2018 zu erleben sein.

 

Foto: Théâtre du Capitole de Toulouse / Patrice Nin