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Werk der Woche - Anno Schreier: Nils Holgerssons wunderbare Reise

In Nils Holgerssons wunderbare Reise verwandelt Komponist Anno Schreier den Kinderbuch-Klassiker von Selma Lagerlöf in ein Musiktheater für Kinder ab sechs Jahren. Das Werk entstand für das Mitmachprojekt „Singen mit Klasse!“ der Kölner Philharmonie in Kooperation mit KölnMusik und wird am 27. Juni 2019 in Köln uraufgeführt.



Als Strafe für sein freches Verhalten wird der junge Nils Holgersson auf die Größe eines Wichtels geschrumpft. Auf dem Rücken der Hausgans Martin zieht er mit den Wildgänsen nach Norden und erlebt dabei so manches fröhliches Abenteuer, aber auch die eine oder andere brenzlige Situation.
Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, dass er klein und ohnmächtig war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. »Das wirst du schön bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!« rief er. Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser musste mit in die Luft hinauf. - Selma Lagerlöf, Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, übersetzt von Pauline Klaiber

Der 1906 veröffentlichte Roman Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen ist mehr als nur ein Abenteuerroman. Er wurde von der schwedischen Autorin Selma Lagerlöf für Schulkinder geschrieben, die durch die Augen des kleinen Nils ihre Heimat aus der Vogelperspektive erkunden konnten. Außerdem lernt Nils in der Gesellschaft der Tiere Werte wie Freundschaft, Vertrauen und Verantwortung.

Anno Schreier: Nils Holgerssons wunderbare Reise – weltbekanntes Kinderbuch als Musiktheater


In seiner Vertonung bringt Schreier mit seinem Librettisten Alexander Jansen die Geschichte des Romans in die heutige Zeit. Ein Kinderchor erzählt in kurzweiligen und einprägsamen Stücken die wichtigsten Stationen der Reise. Die Rolle des Nils Holgersson und der anderen Figuren übernehmen zwei Schauspieler.

Nils Holgerssons wunderbare Reise ist nicht das erste Musiktheaterwerk für Kinder von Anno Schreier, der mit Werken wie Der Zauberer von Oz und Prinzessin im Eis schon großen Erfolg in diesem Genre feierte. Zusammen mit Opern wie Die Stadt der Blinden und Schade, dass Sie eine Hure war, sowie mit vielen weiteren Werken des Komponisten sind sie seit kurzer Zeit Teil des Verlagsprogrammes von Schott Music. Schreiers Stil zeichnet sich durch einen spannenden Einsatz vieler Stilistiken und musikalischer Zitate aus, die eine eigene, suggestive und oft groteske Klangwirkung entfalten.

Etwa 300 Kinder aus Kölner Grundschulen wirken bei der Uraufführung von Nils Holgerssons wunderbare Reise in der Kölner Philharmonie mit. Sie singen an der Seite des Gürzenich-Orchesters Köln unter der Leitung von Andreas Fellner. Christoph Bertram und Eva Marianne Kraiss verkörpern Nils und die anderen Charaktere der abenteuerlichen Geschichte.

 

 

Werk der Woche - Toru Takemitsu: Rain Coming

In Rain Coming skizziert der japanische Komponist Toru Takemitsu die eigenartige Stimmung, die man wahrnimmt, wenn ein Regenschauer in der Luft liegt, aber noch nicht begonnen hat. Das Werk erlebt am 22. Juni 2019 seine erste Aufführung auf chinesischem Boden in der City Hall von Hong Kong. Ryusuke Numajiri dirigiert die Hong Kong Sinfonietta.



Das Werk ist kammermusikalisch besetzt, erreicht jedoch immer wieder eine orchestrale Klangfülle. Dabei streift es die verschiedensten musikalischen Stile, ohne sich dabei endgültig festzulegen – mal erinnert es an weichen Jazz, mal an die Klangsprache von Claude Debussy, mal ist es expressiv atonal. Dennoch tritt Rain Coming als geschlossenes Ganzes auf und schließt in einem warmen Schlussakkord.

Das musikalische Geschehen wird von einer übermäßigen Dreiklangsbrechung beherrscht, die mit ihrem offenen, schwebenden Charakter das Stück prägt. Sie erscheint anfangs in der Altflöte, wandert durch die Stimmen und wird vielfältig variiert. Eng verschränkte Klangflächen stehen dabei klaren und durchsichtigen Passagen gegenüber.

Toru Takemitsu: Rain Coming – Teil des Zyklus Waterscape


Dem 1996 verstorbenen Komponisten Takemitsu gelang es auf besondere Weise, Geschehnisse aus der Natur in seine Musik zu übersetzen und das Konzept des Impressionismus in seine Zeit zu führen. In seinem Werk nimmt die musikalische Beschreibung des Wassers einen großen Raum ein, unter anderem in dem Zyklus Waterscape (Wasserlandschaft). Zusammen mit Werken wie Garden Rain, Rain Tree und Rain Spell ist Rain Coming ein Teil davon.
Auf seinem Weg in das Meer der Tonalität unternimmt das Stück Metamorphosen, ganz wie die Zirkulation des Wassers im Universum. – Toru Takemitsu über Rain Coming

Nach der Aufführung in Hong Kong erlebt Rain Coming am 11. Juli 2019 eine weitere Aufführung im britischen Snape. Andere Werke Takemitsus mit Aufführungen in diesen Tagen sind A Way a Lone am 20. Juni 2019 in Aldeburgh, And then I knew 'twas Wind am gleichen Abend in London und Twill by Twilight am 23. Juni 2019 in Saratoga Springs in den USA.

 

Werk der Woche – Noriko Koide: Oyster Lullaby

Die japanische Stadt Hiroshima war eigentlich schon immer bekannt für ihre Austern, die im Meer vor der Stadt gezüchtet werden. Die Austernbänke werden in Noriko Koides neuem Werk Oyster Lullaby zum Symbol der Erinnerung an das traurige Schicksal der Stadt. Das Orchesterstück, das von den Veranstaltern der Konzertreihe "Hiroshima Happy New Ear" in Auftrag gegeben wurde, wird am 14. Juni 2019 uraufgeführt. Seitaro Ishikawa dirigiert dazu das Hiroshima Symphony Orchestra.

Bei einer Reise nach Hiroshima besichtige Koide die Austernbänke und war fasziniert, wie sich die eng aneinandergereihten Muscheln in den Wellen wiegten, fast so als ob sie leise atmend schlafen würden. Diese Bild brachte die japanische Komponistin in Verbindung mit der Geschichte Hiroshimas, das im August 1945 fast vollständig zerstört wurde und sehr viele Todesopfer zu beklagen hatte.
Unerkannt von den Menschen haben die Austern traurige Erinnerungen aufgenommen, gereinigt und ausgeatmet und beruhigen mit jedem Atem das Meer seit dem Kriegsende bis zum heutigen Tag. – Noriko Koide

Diese Beruhigung durch das Atmen setzt Koide in Oyster Lullaby auf besondere Weise in der Musik um: Die Holzbläser sind aufgefordert, ihren Atem hörbar zu machen, indem sie mit dem Mundstück oder mit Glasflaschen Klänge mit einem hörbaren Luftanteil erzeugen oder ganz ohne Instrumente laut atmen. Die Streicher hingegen setzen vermehrt Flageoletts, Glissandi und Kombinationen daraus ein. Ein vielfältiger Schlagzeugapparat komplettiert das Klangbild, unter anderem durch den Einsatz von Regenmachern, Talking Shaker und leeren Austernschalen.

Noriko Koide: Oyster Lullaby – Austern als Symbol der Erinnerung und Reinigung


Durch diese Instrumente und Spielweisen schafft Koide eine zarte und zerbrechliche Atmosphäre, die den Klängen des Atems freien Raum lässt und dennoch eine spannende Dichte schafft. Bewegte Passagen und Melodien schaffen dazu einen Kontrast, doch am Ende herrscht wieder Zartheit vor.

Die Konzerte der "Hiroshima Happy New Ear"-Konzertreihe werden von dem Komponisten Toshio Hosokawa als musikalischem Direktor betreut. Sein Werk Voyage V ist im Konzert am 14. Juni 2019 zu hören. Neben Oyster Lullaby von Noriko Koide erklingt außerdem noch Two Souls von Federico Gardella in einer neuen Version für kleines Orchester.

 

Werk der Woche - Alexander Goehr: Vision of the Soldier Er

Alexander Goehr ließ sich nach seinem vierten Streichquartett fast 30 Jahre Zeit, bis er wieder ein Werk dieser Gattung komponierte. Nun wird am 7. Juni 2019 mit Vision of the Soldier Er sein fünftes Streichquartett uraufgeführt. Es spielt das Villiers Quartet im Rahmen des idyllischen Swaledale Festivals in Nordengland.



Das neue Quartett ist inspiriert von dem Mythos von Er, der am Ende von Platons einflussreichem Traktat Politeia steht. Der Soldat Er beschreibt in dem Mythos eine Vision der Planeten, die die Erde in gigantischen Bewegungen umkreisen. Diese Vision inspirierte Goehr zur Klangwelt seines neuen Quartetts.

Alexander Goehr: Vision of the Soldier Er – Eine sechssätzige Reise nach dem Tod


Goehrs Werk besteht aus sechs Sätzen, die den Soldaten Er auf seiner Reise begleiten, nachdem er im Kampf gefallen ist. Nach zwölf Tagen im Reich der Seelen betritt er wieder die Welt der Lebenden und berichtet von seinen Erlebnissen. Die Sätze zwei und fünf sind nach einem Gedicht über die Vision des Er betitelt, das der Dichter Gabriel Levin verfasst hat. Dessen Texte vertonte Goehr bereits in seinem Werk To These Dark Steps.

Ursprünglich war ich gebannt von dem Bild der Planeten, die die Erde umkreisen und dabei alle einen einzelnen Sirenenton von sich geben. Ich versuchte mir den Klang vorzustellen, wenn alle Planeten gleichzeitig ertönen. Im vierten Satz des Quartetts „I beheld light beams fastened like a ship´s under girders“ (=Ich erblickte ein leichtes Gebälk, das wie die unteren Träger eines Schiffes befestigt war), versuchte ich dieses ewige Bild (im Mikrokosmos!) zu porträtieren, indem ich einen 6-stimmigen Kanon von Messiaen als Ausgangspunkt nahm.

Nach der Uraufführung am 7. Juni 2019 spielt das Villiers Quartet eine zweite Aufführung von Vision of the Soldier Er  am 8. Juni 2019 als Teil eines Festivals der Oxford University, das sich in diesem Jahr der Musik von Goehr und seinem Schüler Martyn Harry widmet. Hier werden noch weitere Werke von Goehr aufgeführt: Nonomiya und …in real time, gespielt von dem Pianisten Jonathan Powell, und das Quintet for clarinet and strings mit dem Villiers Quartet und Ib Haussman.

Werk der Woche – Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt

Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt wird am 28. Mai 2019 zum ersten Mal am Teatro alla Scala in Mailand aufgeführt. Die beiden Hauptrollen der psychologisch tiefgründigen Oper sind mit Asmik Grigorian als Marietta und Klaus Florian Vogt als Paul prominent besetzt. Die musikalische Leitung liegt bei Alan Gilbert, die Inszenierung stammt von Graham Vick.



Die Oper ist an den Roman Bruges-la-morte von Georges Rodenbach angelehnt und von Hans Müller, Korngolds Vater Julius Korngold und dem Komponisten selbst für die Opernbühne bearbeitet. Nach vierjähriger Kompositionsarbeit erlebte Die tote Stadt am Abend des 4. Dezember 1920 ihre Uraufführung, zeitgleich an den Opernhäusern in Hamburg und Köln. Für den gerade einmal 23-jährigen Komponisten wurde das Werk zu einem überwältigenden Erfolg. Unmittelbar nach der Uraufführung wurde es an vielen weiteren Opernhäusern aufgeführt, unter anderem 1921 an der Metropolitan Opera in New York als erste deutschsprachige Oper nach dem Ersten Weltkrieg. Nachdem das Stück von den Nationalsozialisten von den Spielplänen entfernt wurde, geriet es in Vergessenheit; seit den 1960er Jahren wurde die Oper wieder vermehrt aufgeführt.

Die Handlung porträtiert Paul, der in seiner Trauer um seine früh verstorbene Ehefrau Marie immer mehr den Bezug zur Realität verliert. Er flüchtet sich in die Erinnerung an Marie und hat in seiner Wohnung in Brügge dazu sogar einen Schrein mit Erinnerungsstücken errichtet. Als er die Tänzerin Marietta kennenlernt, verliebt er sich in sie, meint er doch, in ihr seine verstorbene Ehefrau wiederzuentdecken. Pauls Trauer wird immer obsessiver und führt in scheinbar unausweichlich in die Katastrophe.

Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt – Opernerfolg der 1920er Jahre


Die Oper arbeitet mit außergewöhnlichen theatralen Mitteln. So gibt es eine „Oper in der Oper“, in der Marietta in einem Ballett aus Robert le Diable von Giacomo Meyerbeer tanzt. Außerdem verschwimmen in einer Traumsequenz Fiktion und Realität ineinander, was der Oper eine weitere Ebene hinzufügt. All dies verarbeitet Korngold in einer Musik, die die Grenzen der spätromantischen Tonsprache ausreizt. Darin lotet der Komponist die psychischen Abgründe seines Protagonisten aus und hat gleichzeitig Raum für strahlende Melodien wie bei den unsterblichen Nummern „Glück, das mir verblieb“ oder „Mein Sehnen, mein Wähnen“.
Wenn man bedenkt, dass Korngolds Schaffen nach seinem Tod lange Zeit auf sein eindrucksvolles Wirken im Bereich der Filmmusik reduziert wurde, muss man feststellen, dass sich dieselbe kompositorische Meisterschaft, dieselbe meisterhafte Orchestrationskunst und dasselbe theatrale Gespür, das seine Filmmusik kennzeichnet, nicht erst in Hollywood zur Blüte reifte, sondern bereits in seinen Musiktheaterwerken zu finden ist [...]. – Maximilian Hagemeyer in einem Einführungstext zu Die tote Stadt

 Aktuell steht Die tote Stadt am Theater Bremen auf dem Spielplan, Vorstellungen gibt es unter anderem am 29. Mai und am 2. Juni 2019. Ab 31. Mai 2019 wird die Oper an der Semperoper in Dresden wieder aufgenommen und am 16. Juni 2019 feiert eine Neuinszenierung in Wuppertal Premiere. Und auch in der kommenden Saison wird Korngolds Oper mehrfach aufgeführt, feiert im Oktober 2019 in Helsinki und im November 2019 an der Bayerischen Staatsoper Premiere. Ein weiteres Highlight ist die Aufführung am 18. August 2019 im Bundesstaat New York im Rahmen des Bard Music Festival, das sich unter dem Motto "Korngold and His World“ dem Schaffen Erich Wolfgang Korngolds widmet und die Amerikanische Erstaufführung seiner Oper Das Wunder der Heliane auf die Bühne bringt.

 

 

Foto: Teatro alla Scala / Marco Brescia & Rudy Amisano

Werk der Woche – Peter Iljitsch Tschaikowsky: Pique Dame

Um die drei Karten, mit denen man jedes Spiel gewinnt, dreht sich Peter Iljitsch Tschaikowskys Pique Dame. Doch dem Offizier Hermann bringen jene „tri karty“ nicht das erhoffte Glück, sondern sie führen ihn in eine Katastrophe. Am 25. Mai 2019 feiert die Oper in einer Inszenierung der amerikanischen Regisseurin Lydia Steier Premiere an der Deutschen Oper am Rhein im Opernhaus Düsseldorf. Kapellmeister Aziz Shokhakimov obliegt die musikalische Leitung.

Grundlage der Produktion ist das Aufführungsmaterial der „Edition Meisterwerke – comprehensive & selected“ der Verlagsgruppe Hermann, Wien. Dabei werden alle Fassungen einer Oper in einer einzigen kritischen Neuausgabe gegenübergestellt und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Fassungen aufgezeigt. Bei Pique Dame gibt es vier verschiedene Fassungen: Die Fassung A ist die Erstfassung der Oper aus Tschaikowskys Autograph, B ist die Fassung der Uraufführung vom 19. Dezember 1890 im St. Petersburger Mariinski Theater und die Fassungen C und Cossia beziehen sich auf die Erstpublikation der Oper.

Pique Dame ist eines der am meisten verwendeten Aufführungsmateriale aus der „Edition Meisterwerke“ und kam in den letzten Jahren unter anderem an der Nationale Oper Amsterdam, dem Opernhaus Zürich, dem Mahen Theatre Brno und bei den Salzburger Festspielen zum Einsatz. Die außergewöhnliche Gegenüberstellung ermöglicht Wissenschaftlern, Künstlern und Opernhäusern den Vergleich der unterschiedlichen Fassungen oder sogar die Zusammenstellung einer neuen, individuellen Aufführungsversion der Oper.

Peter Iljitsch Tschaikowsky: Pique Dame – Spielsucht führt in die Tragödie


 Um seiner Geliebten Lisa eine Zukunft bieten zu können, braucht der mittellose Offizier Hermann dringend Geld. Das versucht er im Glücksspiel zu gewinnen. Doch dafür muss er erst der alten Gräfin, Lisas Großmutter, das Geheimnis um die „tri karty“ entlocken. Getrieben von der Spielsucht und der Gier nach Geld und Anerkennung löst Hermann eine Tragödie aus und muss am Ende alles auf eine Karte zu setzten: die Pique Dame

Das Libretto der Oper schrieb Modest Tschaikowsky, der Bruder des Komponisten, nach der gleichnamigen Erzählung von Alexander S. Puschkin aus dem Jahr 1834. Die Handlung der Oper ist jedoch etwas früher angesiedelt, im späten 18. Jahrhundert. Diese Zeit greift Peter Tschaikowsky in seiner Musik auf, indem er den Stil dieser Zeit kopiert und musikalische Zitate in seine Oper einarbeitet. Demgegenüber steht Tschaikowskys eigene expressive und tief emotionale Klangsprache.
Entweder ich befinde mich in einem schrecklichen Irrtum, oder Pique Dame ist wirklich die Krönung meines Lebenswerkes! - Peter Iljitsch Tschaikowsky

Nach der Premiere ist die Inszenierung von Pique Dame der Deutschen Oper am Rhein in dieser Spielzeit noch acht Mal in Düsseldorf zu sehen. Ab September wird sie dann an der zweiten Spielstätte in Duisburg aufgeführt. Eine weitere Inszenierung der Oper feiert am 12. Oktober 2019 am Aalto Theater Essen Premiere.

 

 

Foto: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Werk der Woche - György Ligeti: Konzert für Klavier und Orchester

Als sein „ästhetisches Credo“, frei von äußeren und stilistischen Zwängen, bezeichnete György Ligeti sein Konzert für Klavier und Orchester. Die fünf Sätze des Konzertes verbinden sich zu einer etwa 25-minütigen Tour de Force voller pianistischer Entdeckungen, die heute zum Repertoire vieler Pianisten zählt. Gleich zwei Orchester führen das Konzert in diesen Tagen auf: Am 9., 10. und 11. Mai 2019 spielt Pierre-Laurent Aimard mit der San Francisco Symphony, Sébastien Vichard tritt an der Seite des Ensemble intercontemporain am 10. Mai 2019 in Paris und am 11. Mai 2019 in Zürich auf.

Etwa zeitgleich zum Klavierkonzert nahm Ligeti in den 1980er Jahren die Arbeit an den Études pour piano auf, die die klanglichen und technischen Möglichkeiten des Klaviers neu erkunden. So sind in beiden Werken ähnliche Spiel- und Kompositionstechniken zu finden. Eine davon ist das Aneinanderreihen vieler kurzer Einzelnoten in einem schnellen Tempo, die dann ein stehendes, fast schwebendes Klanggewebe bilden. Im Klavierkonzert prägt diese Technik besonders die lebendigen und quirligen Rahmensätze.

Daneben arbeitet Ligeti in den Instrumentalstimmen einen vielschichtigen Klangreichtum heraus, etwa wenn die Streicher ein geräuschhaftes Pizzicato spielen, die Bläser mit Dämpfer metallische Farben erzeugen oder Naturtöne spielen. Ungewöhnliche Instrumente erweitern den Klangraum zusätzlich: So treten zu Beginn des zweiten Satz Alt-Okarina und Lotosflöte in ein sehnsuchtsvolles Gespräch mit Piccolo und Fagott.

György Ligeti: Konzert für Klavier und Orchester – Pianistisches Standardrepertoire aus dem 20. Jahrhundert


Seinen Tonvorrat sucht Ligeti in unterschiedlichen Modi wie der Ganztonleiter oder der Pentatonik und verwendet zudem oft mehrere Tonarten gleichzeitig. Dies prägt im Zusammenwirken ganz ungewöhnliche Charaktere aus, die zusammen mit den komplexen Rhythmen und der harmonischen Ausgestaltung in Mixturen zu illusionistischen Klanggestalten werden. Dabei ergeben sich Verbindungen zwischen den Motiven in den verschiedenen Instrumenten, die kaum in den Noten auszumachen sind und nur durch die Wahrnehmung des Zusammenklanges entstehen.
Die mir so wichtigen musikalischen Illusionen sind kein Selbstzweck, vielmehr Grundlage meiner ästhetischen Haltung. Ich bevorzuge musikalische Formen, die weniger prozesshaft, eher objektartig beschaffen sind: Musik als gefrorene Zeit, als Gegenstand im imaginären, in unserer Vorstellung evozierten Raum, als ein Gebilde, das sich zwar real in der verfließenden Zeit entfaltet, doch imaginär in der Gleichzeitigkeit in all seinen Momenten gegenwärtig ist. Die Zeit zu bannen, ihr Vergehen aufzuheben, sie ins Jetzt des Augenblicks einzuschließen, ist primäres Ziel meines Komponierens. - György Ligeti

Neben dem Konzert für Klavier und Orchester werden in Paris am 10. Mai 2019 auch Ligetis Konzert für Violine und Orchester sowie sein Hamburgisches Konzert für Horn und Kammerorchester aufgeführt. Außerdem spielt das City of Birmingham Symphony Orchestra am 9. Mai 2019 das Concert Românesc und am 10. Mai 2019 feiert Ligetis Oper Le Grand Macabre Premiere in der Elbphilharmonie Hamburg.

 

 

Werk der Woche - Ludger Vollmer: The Circle

Dave Eggers‘ Roman The Circle aus dem Jahr 2013, der von einem übermächtigen Internetkonzern handelt, avancierte schnell zu einem Weltbestseller. Ludger Vollmer hat den Roman nun als Oper vertont: The Circle wird am 4. Mai 2019 am Deutschen Nationaltheater in Weimar uraufgeführt. Regie bei der Produktion des dystopischen Musiktheaterwerks führt Andrea Moses, Kirill Karabits hat die musikalische Leitung.

In Vollmers Schaffen nimmt die Gattung der Oper eine zentrale Rolle ein, da sie für ihn alle Bereiche des Lebens anspricht und berührt. Folglich befassen sich seine Opern immer wieder mit dringenden gesellschaftlichen Themen unserer Zeit und suchen gezielt ihre Vorlagen: Gegen die Wand und die Lola rennt basieren auf Filmen von Fatih Akin und Tom Tykwer, Border dagegen adaptiert eine antike Tragödie von Euripides und Schillers Räuber orientiert sich an dem bekannten Drama von Friedrich Schiller, Tschick an dem gleichnamigen Roadmovie-Roman von Wolfgang Herrndorf. Stets sucht Vollmer darin Bezüge zu unserer Lebenswirklichkeit und will mit den Themen aufrütteln. The Circle soll in dieser Weise auf die Gefahren aufmerksam machen, denen unsere freiheitliche Demokratie durch den Verlust der Privatsphäre im Internet gegenübersteht.
Meine große Oper The Circle soll mit ihrer Fähigkeit, durch die Musik eine mächtige Dimension der Emotionalität aufzuspannen, den Plot von Eggers neu beleuchten und somit eine hoch brisante gesellschaftliche Entwicklung reflektieren. Nimmt die Vitalität einer Demokratie proportional zur Fähigkeit ihrer Bürger, äußeren Normativen Widerstand zu leisten (oder leisten zu wollen) ab? – Ludger Vollmer

Die Geschichte der Oper The Circle ist nah an das dystopische Szenario der Romanvorlage angelehnt. Im Zentrum steht der namensgebende gigantische Internetkonzern „The Circle“, der sich zum Ziel gesetzt hat, immer tiefer in das Leben aller Menschen einzudringen und ihnen jegliche Privatsphäre zu nehmen. Die Protagonistin Mae beginnt als einfache Mitarbeiterin bei dem Konzern und steigt schnell in der Hierarchie auf, da sie sich dem freiheitsraubenden System vollkommen unterwirft und ihr ganzes Leben sowie das ihres Umfelds preisgibt.

Ludger Vollmer – The Circle: Weltbestseller auf der Opernbühne


In musikalischer Hinsicht bezieht Vollmer Inspiration unter anderem aus außereuropäischer und Alter Musik. Er kennzeichnet verschiedene Figuren und Situationen mit unterschiedlichen Modi und überlagert diese. Auch Einflüsse der Populären Musik fließen in die Oper ein und zeigen sich in Spielanweisungen wie Spiritual oder Soul und daran angelehnte Rhythmen und Satztechniken.

Nach der Premiere finden in Weimar in diesem Jahr noch neun weitere Aufführungen von The Circle statt. Sayaka Shigeshima singt die Rolle der Protagonistin Mae. In weiteren Rollen sind unter anderem Heike Porstein, Oleksandr Pushniak, Jörn Eichler und Ray Chenez zu sehen. Ab 8. Juni 2019 kommt am Pfalztheater Kaiserslautern Vollmers Oper Border in einer neuen Inszenierung heraus.

 

 

Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz

Werk der Woche – Nahasdzáán in the Glittering World

Der heutige Zustand unseres Planeten, der durch die Menschheit immer mehr zerstört wird, ist Gegenstand von Thierry Pécous neuer Kammeroper. Dazu wählt der Komponist den Blickwinkel der nordamerikanischen Navajo-Indianer, die eine besondere Verbundenheit zur Erde und zur Natur pflegen. Am 23. April 2019 wird Nahasdzáán in the Glittering World an der Opéra de Rouen in der Normandie uraufgeführt. Pécou selbst dirigiert die Uraufführung, für Regie und Choreographie ist Luc Petton verantwortlich.

Die geistige Versenkung in indigene Kulturen ist prägend für das kompositorisches Schaffen Pécous, der schon einige Zeit in Kanada, Russland, Spanien und Lateinamerika lebte. So setzte sich Pécou in seiner Symphonie du Jaguar und in seiner Kantate Passeurs d´eau mit der Musik und den Traditionen nordamerikanischer Indianerstämme auseinander. Für Nahasdzáán verwendet er nun Texte der Navajo-Dichterin Laura Tohe, die sich mit dem Schöpfungsmythos der Navajo befassen und gleichzeitig den Bezug zur heutigen Zeit suchen.
Mit unserer Lesart der heiligen Geschichten und Heilungs-Zeremonien der Navajo-Indianer wollten wir die dramatischen Wunden offenlegen, die der Mensch auf „Nahasdzáán“ (=Mutter Erde) verursacht hat und gleichzeitig die Kraft des Navajo-Konzepts „Hozho“ zeigen, das Harmonie, Gesundheit und Schönheit in sich vereint. Am Ende des Rituals, das mythologische Figuren der Navajo heraufbeschwört, sind die Tiere besorgt: Welche neuen Welten werden die Menschen erschaffen, um die Erde zu retten und der Katastrophe zu entkommen - Thierry Pécou

Die Schöpfungsgeschichte der Navajo erzählt von vier aufeinanderfolgenden Welten. Die erste, schwarze Welt war eine Art Unterwelt, in der verschiedene Gottheiten und Geister lebten. Auch die blaue zweite und die gelbe dritte Welt wurden nur von übernatürlichen Wesen bewohnt, während die vierte, weiße Welt von Menschen bevölkert ist. Die vier Welten spiegeln sich in den vier Teilen der Oper Nahasdzáán wider. Eine wichtige Rolle in allen Welten spielen zudem Tiere, denen die Navajo-Kultur eine hohe Wertschätzung entgegenbringt. So obliegt das Finale der Oper den Tierfiguren, die den Zustand der Welt kommentieren und ihre Hoffnung auf Besserung zum Ausdruck bringen. Dazu kommen in der Inszenierung auch lebendige Tiere auf die Bühne.

Thierry Pécou – Nahasdzáán in the Glittering World: Kammeroper über indianische Traditionen


In seiner musikalischen Ausgestaltung setzt Pécou den Inhalt der Textvorlage ins Zentrum, indem er die vier Vokalpartien nah an Sprachrhythmus und -melodie anlehnt. Lange Haltenoten und expressive Klangfiguren prägen die Instrumentalstimmen des Kammerensembles, die immer wieder in einen spannenden Dialog untereinander und mit den Gesangsstimmen treten.

Nach der Uraufführung findet in Rouen am 25. April 2019 eine weitere Aufführung von Nahasdzáán in the Glittering World statt, am 2. Mai 2019 ist das Stück in Caen zu sehen. Auch in Deutschland wird die Musik von Pécou zunehmend entdeckt, so wie am 12. Mai 2019 in Saarbrücken. Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern präsentiert an diesem Tag die deutsche Erstaufführung des Klavierkonzerts L´Oiseau innumérable – mit dem Komponisten am Klavier und unter der Leitung von Jonathan Stockhammer.

Werk der Woche - Sir Michael Tippett: The Rose Lake

Das letzte Orchesterwerk, das Sir Michael Tippett vor seinem Tod fertigstellen konnte, ist The Rose Lake aus den Jahren 1991 bis 1993. Am 17. April 2019 bringt es das BBC Symphony Orchestra im Barbican Center in London zur Aufführung. Die Leitung übernimmt Dirigent Sir Andrew Davis.

Inspiration für The Rose Lake bezog Tippett von dem Lac Rose im Senegal, den er auf einer Reise im Jahr 1990 besucht hatte. Der See ist bekannt für seine auffallende rosa Färbung – verantwortlich dafür sind Algen im Wasser, die ein Licht absorbierendes Pigment produzieren. Der See hinterließ einen tiefen Eindruck bei Tippett, der unmittelbar nach der Reise mit der Komposition von The Rose Lake begann.

Sir Michael Tippett: The Rose Lake – Ein Lied ohne Wort für Orchester


Tippetts Komposition weist eher Parallelen zu Debussys La Mer auf als zu Symphonischen Dichtungen. Insbesondere geht es bei beiden um den Ausdruck des eigenen Erlebens und nicht um eine Darstellung der Natur. Oliver Soden, dessen neue Tippett-Biografie in diesem Monat veröffentlicht wird, beschreibt das Werk als den Versuch des Komponisten, die Wirkung des funkelnden Zusammenspiels von Wasser, Licht und Farbe einzufangen und die Stimmung im Tagesverlauf von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu kartografieren.
Mittags ist die Einstrahlung der Sonne so, dass sich das weißliche Grün des Sees in ein helles Pink verwandelt. […] Es ergab sich, dass wir den Lac Rose in der Mittagszeit erreichten, gerade pünktlich um zu sehen, wie er eine fantastische, durchscheinende hellrote Farbe annahm. Dieser Anblick löste eine tiefe Unruhe in mir aus: diese Art der Unruhe, die mir sagt, dass ein neues Orchesterwerk beginnt. - Michael Tippett

Nach der Aufführung von The Rose Lake wird Sir Andrew Davis am 25. April 2019 Tippetts Piano Concerto (1953-55) mit dem Pianisten Steven Osborne und dem BBC Philharmonic Orchestra dirigieren. Weitere Werke Tippetts, die in nächster Zeit aufgeführt werden, sind das Oratorium A Child of Our Time mit dem Philharmonia Orchestra (26. Mai 2019), Five Spirituals beim Aldeburgh Festival (17. Juni 2019) und das Concerto for Double String Orchestra (19. und 20. Juni 2019) mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter der Leitung von Edward Gardner.

 

 

Foto: "Lac rose au Sénégal" von Abrahami auf Wikimedia Commons unter der Lizenz CC BY-SA 4.0, Original wurde vor Nutzung bearbeitet