In memoriam Dr. Peter Hanser-Strecker (1942–2026)
- By Christopher Peter
- 23.01.2026
"Musik kennt keine Grenzen; sie ist die Brücke, die uns über alle kulturellen Unterschiede hinweg verbindet"
Getreu diesem Leitmotiv gestaltete Dr. Peter Hanser-Strecker über ein halbes Jahrhundert hinweg nicht nur die Geschicke des Hauses Schott Music, sondern wirkte als eine der prägendsten Persönlichkeiten der internationalen Musikwelt. Mit seinem Tod am Abend des 22. Januar 2026 im Kreise seiner Familie in Wiesbaden verliert die Kulturwelt einen unermüdlichen Visionär, einen feinsinnigen Kunstmäzen und einen Verleger von altem Schrot und Korn, der den Mut zum Neuen stets mit der Verantwortung für die Tradition zu verbinden wusste.
Geboren am 14. Juli 1942 in München, war Peter Hanser-Streckers früheste Kindheit von den Zäsuren des Zweiten Weltkriegs gezeichnet. Die traumatische Erinnerung an den Ruf des Kuckucks im Radio als Warnsignal für drohende Luftangriffe blieb zeitlebens eine seiner prägenden musikalischen Urerfahrungen. Nach dem frühen Verlust seines Vaters Heinz Hanser im Jahr 1949 fand er im bürgerlichen Humanismus des Wiesbadener Dilthey-Gymnasiums und in der Musik eine feste geistige Verankerung.
Sein akademischer Weg war geprägt von einer seltenen interdisziplinären Doppelleistung: Er studierte Musikwissenschaft sowie Rechtswissenschaft in Mainz, München und Frankfurt. Seine Promotion über „Das Plagiat in der Musik“ im Jahr 1968 legte den Grundstein für sein lebenslanges Engagement für den Schutz des geistigen Eigentums – ein Thema, das in der Ära der Digitalisierung eine neue, existenzielle Relevanz gewinnen sollte.
Architekt der Moderne und technologischer Pionier
Am 1. Oktober 1968 trat er in das Familienunternehmen ein, das er ab 1974 als Geschäftsführender Gesellschafter und ab 1983 als Vorsitzender der Geschäftsführung zu einer global agierenden Mediengruppe transformierte. Er erkannte als einer der Ersten die Zeichen der digitalen Revolution: Unter seiner Ägide wurde Schott zum Pionier des digitalen Notensatzes und etablierte bereits Mitte der 1990er-Jahre eine umfassende Webpräsenz, lange bevor die Branche die Tragweite des Internets in Gänze erfasste.
Sein verlegerisches Profil war geprägt von einer tiefen Neugier auf das Unbekannte. Durch den Erwerb des Labels WERGO und die Zusammenarbeit mit Komponisten-Ikonen wie György Ligeti, Krzysztof Penderecki und Carl Orff sicherte er Schott eine internationale Spitzenposition in der zeitgenössischen Musik. Seine Reisen führten ihn bis nach Japan, China und Russland, wo er neue musikalische Stimmen für den Verlag gewann und so Brücken zwischen den Kulturen schlug. Gleichzeitig wachte er mit wissenschaftlicher Akribie über das Erbe der Klassik, was sich in monumentalen Gesamtausgaben von Richard Wagner, Robert Schumann und Paul Hindemith manifestierte. Nicht zuletzt profilierte er maßgeblich das breite pädagogische Programm des Verlages.
Ein Leben für das Gemeinwohl
Das bürgerschaftliche Engagement von Dr. Hanser-Strecker war weit mehr als eine bloße Pflichtübung; es war Ausdruck eines tiefen humanistischen Ethos. In zahlreichen Ehrenämtern – etwa als Präsident des Deutschen Musikverleger-Verbandes oder als Ehrenmitglied der GEMA – stritt er unermüdlich für die Belange der sogenannten ernsten Musik und deren Urheber.
Besonders am Herzen lag ihm das Stiftungswesen. Mit der Gründung der Pro Musica Viva – Maria Strecker-Daelen Stiftung rehabilitierte er das Schaffen verfemter Komponisten, während die Strecker-Stiftung bis heute die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen fördert. Sein Wirken kannte keine geografischen Grenzen: Als enger Freund von Karlheinz Böhm engagierte er sich über Jahrzehnte für die Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“. Die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes im Jahr 2014 war die folgerichtige Anerkennung für ein Leben, das sich stets am Wohl der Mitmenschen orientierte.
Zwischen Partitur und Pinsel
Jenseits des Schreibtisches war Peter Hanser-Strecker ein Mensch von großer intellektueller Breite. Er war Organist, leidenschaftlicher Fotograf und Maler, ein Kenner asiatischer Kunst und ein begeisterter Sportler, der beim Skifahren und Radfahren die nötige Kraft für seine vielfältigen Aufgaben tankte.
Sein privater Anker war stets seine Familie. Über 50 Jahre war er mit der Lehrerin Ingrid Hanser-Strecker verheiratet. In seinem Haus in Wiesbaden lebte er das Ideal eines Generationenhauses, umgeben von seinen Kindern Saskia, Emanuel und Yara sowie seinen neun Enkelkindern.
Schon zu Lebzeiten sorgte Dr. Peter Hanser-Strecker für die Kontinuität seines Lebenswerkes. Mit dem Übergang der Eigentümerschaft von Schott Music auf die Strecker-Stiftung im Jahr 2024 stellte er sicher, dass der Verlag unabhängig bleibt und sich weiterhin der rückhaltlosen Förderung von Kunst und Wissenschaft widmen kann. Seine Tochter Saskia Osterhold führt dieses Vermächtnis im Stiftungsvorstand fort.
Wir verabschieden uns von einem großen Europäer, dessen Klugheit, Güte und unerschöpflicher Tatendrang uns fehlen werden. Sein Platz am Mainzer Weihergarten bleibt leer, doch in jedem Takt der Musik, die unser Haus in die Welt trägt, wird sein Geist weiterleben.
Schott Music Mainz, im Januar 2026
Foto: Susanna Storch