Werk der Woche – Eduard Resatsch: Premonition
- By Christopher Peter
- 25.01.2026
Es gibt jene raren Momente im Konzertsaal, in denen die Zeit nicht mehr zu fließen scheint, sondern beinahe plastisch im Raum steht – ein Zustand der Antizipation, in dem jeder Atemzug schwer wiegt. Genau dieses Phänomen der „Vorahnung“ bildet das Zentrum von Eduard Resatschs neuestem Orchesterwerk. Am 29. Januar 2026 wird Premonition im Konzerthaus Berlin uraufgeführt, interpretiert vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski.
Zwischen Stillstand und Eruption: Das „Zwischenreich“ des Eduard Resatsch
Eduard Resatsch betrachtet die Welt des Orchesters nicht aus der Distanz des Theoretikers. Sein Zugang ist ein zutiefst physischer: Als langjähriger Cellist der Bamberger Symphoniker ist er mit der Vox humana seines Instruments ebenso vertraut wie mit der komplexen Maschinerie eines Klangkörpers. Diese Verwurzelung in der Praxis verleiht seinen Kompositionen eine besondere haptische Qualität.
In den letzten Jahren trat der gebürtige Ukrainer vermehrt als musikalische Stimme des Gewissens in Erscheinung. Seine Arrangements und Originalkompositionen, oft als Reflexionen auf die Erschütterungen seiner Heimat verstanden, fanden weltweit Gehör. Sie werden beim Verlag M.P. Belaieff verlegt. Doch bei Premonition steht nicht die explizite politische Programmatik im Vordergrund, sondern das existenzielle Ausloten von Klanggrenzen.
Ein Schimmer in der schwebenden Zeit
Das Werk bewegt sich, wie Resatsch es formuliert, in der „Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit“. Es ist eine musikalische Untersuchung jenes Schwellenzustands, in dem die pulsierende Stille plötzlich durch eruptive Kräfte aufgebrochen wird. Man könnte fast in Abwandlung eines philosophischen Klassikers sagen: Hier offenbart sich die Welt als Wille und Vorahnung.
Resatsch lässt Klanglandschaften entstehen, die eine immense innere Dynamik entfalten und die musikalischen Ereignisse an die Schwelle zum Existenziellen treiben. Doch trotz der eruptiven Ausbrüche, die die „gefrorene Zeit“ sprengen, bleibt das Werk optimistisch. Ein „Schimmer der Zuversicht“ durchdringt die Partitur und wirkt wie eine Reflexion über die transformative Natur der Dinge.
Die Widmung des Werkes an Vladimir Jurowski unterstreicht die künstlerische Seelenverwandtschaft zwischen Komponist und Dirigent. Jurowski, dessen Interpretationen oft durch eine fast sezierende Präzision bei gleichzeitiger emotionaler Tiefe bestechen, scheint der ideale Sachwalter für diese Uraufführung zu sein. Flankiert wird das Programm durch Christian Tetzlaff, was den Abend zu einem der profiliertesten Termine der laufenden Saison macht. Wer wissen möchte, wie die Moderne klingt, wenn sie das Intellektuelle mit dem zutiefst Menschlichen versöhnt, wird an diesem Abend im Konzerthaus eine Antwort finden.