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Werk der Woche – Bernd Alois Zimmermann: Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne

2018 ist Bernd-Alois-Zimmermann-Jahr und so widmet sich das Festival „ACHT BRÜCKEN – Musik für Köln“ insbesondere dem Werk des Kölner Komponisten, der im März 100 Jahre alt geworden wäre. Als Abschluss des Schwerpunkts steht Zimmermanns letztes Werk Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne am 10. Mai 2018 in der Kölner Philharmonie auf dem Programm. Es musiziert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Michael Wendeberg zusammen mit dem Bariton Georg Nigl und dem Chor des Bach-Vereins Köln. Die beiden Sprecherparts übernehmen Franz Mazura und Jakob Diehl.

Zimmermann arbeitete über einen längeren Zeitraum hinweg an seiner „Ekklesiastischen Aktion“, wie er die Komposition auch bezeichnete. In den Vorarbeiten zu seinem Requiem für einen jungen Dichter und auch zur Kantate Omnia tempus habent finden sich bereits Skizzen, die als Vorstufen eindeutig zu identifizieren sind. Als sein Freund Hans Zender ihn beauftragte, ein Werk für ein Festkonzert anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel 1972 zu komponieren, nahm Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne seine endgültige Gestalt an. Am 5. August 1970, fünf Tage vor seinem Freitod, vollendete Zimmermann sein letztes Werk. Unter Zenders Dirigat wurde das dramatische Stück vom Philharmonischen Orchester der Stadt Kiel am 2. September 1972 in Kiel uraufgeführt.

Bernd Alois Zimmermann - Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne: Es ist genug


Die Musik der „Ekklesiastischen Aktion“ drückt Zimmermanns Verzweiflung über das ewige Leiden der Menschen und den Machtmissbrauch der katholischen Kirche aus. Als Grundlage dienen zum einen die biblischen Verse aus dem 4. Kapitel des Buches Prediger und zum anderen die Legende vom Großinquisitor aus Fjodor Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. In der Verbindung und Kontrastierung der narrativen und musikalischen Ebene kommt der für Zimmermann typische pluralistische Stil zum Tragen: Er experimentiert mit verschiedenen Arten des stimmlich-sprachlichen Ausdrucks zwischen Singen und Sprechen, was dem Werk einen fast hörspielartigen Charakter verleiht. Die Musik steht im Dienst der Textvermittlung und orientiert sich streng an der Struktur des Textes. Im simultanen Aufeinandertreffen aller Ebenen findet das Werk seinen Höhepunkt. Einziges musikalisches Zitat in dieser Komposition ist der Choralsatz Es ist genug aus der Bach-Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, mit dem das Werk, schlagartig unterbrochen von Posaunen und Pauken, endet. Damit schlägt Zimmermann einen Bogen von seinem letzten Werk zum frühen Violinkonzert, das mit der gleichen Passage schließt und 1950 zu seinem ersten größeren Erfolg werden sollte.
„Es ist genug, Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus“.
- aus Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, Text von Franz Burmeister

Am 2. Juni 2018 spielt das Seattle Philharmonic Orchestra die „Ekklesiastische Aktion“ in der Benaroya Hall in Seattle. Die nächsten Veranstaltungen im Rahmen des Zimmermann-Jahrs sind u.a. am 11. Mai mit Tratto II an der Musikhochschule Lübeck, am 13. Mai mit der Metamorphose im Konzerthaus Berlin und in Köln folgen am 11., 13., 17., 19. und 20. Mai weitere Aufführungen der Oper Die Soldaten.

Werk der Woche - Paul Hindemith: When lilacs last in the door-yard bloom‘d

2019 feiert die Welt den 200. Geburtstag des großen amerikanische Dichters Walt Whitman. Von ihm stammen die Worte für Paul Hindemiths Requiem When lilacmay s last in the door-yard bloom‘d. Das Werk  ist am 18. und 19. Januar 2018 in der Elbphilharmonie Hamburg mit Gerhild Romberger und Matthias Goerne als Soli sowie dem RIAS Kammerchor, dem NDR Chor und dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung  von Christoph Eschenbach zu hören.

Hindemith komponierte das Werk  für Mezzosopran, Bariton, gemischten Chor und Orchester im amerikanischen Exil kurz nach seiner Einbürgerung. Er verneigt sich damit vor dem Land, das ihn so bereitwillig aufnahm. Grundlage bildet Whitmans gleichnamiges Gedicht. Hindemiths Bewunderung für diese Dichtung drückte sich jedoch schon in früheren Kompositionen aus:  Bereits 1919 vertonte er die neunte Strophe in seinen 3 Hymnen von Walt Withman und in einem Lied der 9 English Songs in den frühen 1940er Jahren. Letzteres verwendete er auch in seinem 1946 vollendeten  Requiem, das im gleichen Jahr noch in New York uraufgeführt wurde. Die selbst angefertigte deutsche Fassung  kam erstmals 1948 in Perugia zur Aufführung.

Paul Hindemith: A Requiem ‚for those we love‘ – Gedenken an die Opfer des Krieges


Das Requiem war eine Auftragskomposition zum Tod des Amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, wodurch eine geschichtliche Parallele zu Whitmans Gedicht entsteht: In diesem drückt der Dichter seine Betroffenheit angesichts des Todes Abraham Lincolns aus. Durch Hindemiths zusätzliche Bezeichnung „for those we love“ erlangt das Requiem jedoch über diesen Kontext hinaus größere Bedeutung. So bezieht er den in Whitmans Text thematisierten Frieden und die Verbrüderung der Feinde auf den ausgehenden Krieg und drückt seine Verzweiflung und Anteilnahme über das Schicksal der Juden während der NS-Zeit aus. Hierbei verarbeitet er musikalisch die poetisch-symbolischen Bildmotive Flieder, Vogel und Stern, die für Liebe, Gesang und Persönlichkeit stehen.
In jungen Jahren mag Landschaft, Stimmung, Erziehung und persönliche Verbundenheit zu Dingen und Ereignissen ein wichtiger Stimulus für die künstlerische Arbeit sein. Ich finde aber nun, dass die Geschichte von Personen, Ereignissen und Erlebnissen sowie ihre Interpretation und Gestaltung durch künstlerische Mittel gar nicht so sehr mit diesen Äußerlichkeiten verbunden ist. Es kommt darauf an, wie einer seine Erfahrungen verarbeitet und nicht darauf, immer wieder neue an Ort und Stelle zu sammeln… - Paul Hindemith

Besonders in der Aufnahme mit Cornelia Kallisch, Krister St. Hill, dem Rundfunkchor Berlin und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Lothar Zagrosek kommt Hindemiths Werk zur Geltung. Zu den bevorstehenden 200. Geburtstagen der Dichter Walt Whitman und Herman Melville im Jahr 2019 haben wir in der neuen Ausgabe von Schott Journal Repertoire zum Thema "American Romantics" zusammengestellt. Unten können Sie das Heft als PDF-Datei herunterladen und diese besondere Farbe der Weltliteratur in musikalischer Form entdecken.