In Memoriam: Bernard Rands (1934-2026)
- 06.03.2026
Bernard Rands, der angesehene Komponist britischer Herkunft, ist am 4. März 2026 im Alter von 92 Jahren verstorben. Seit vielen Jahren lebte er in den Vereinigten Staaten, zuletzt in Chicago, wo er im Beisein seiner Frau, der ebenfalls renommierten Komponistin Augusta Read Thomas, starb. Er hinterlässt ein Œuvre von fast 100 Werken, die vielfach aufgeführt und aufgenommen wurden und sämtlich bei Schott Music erschienen sind, sowie eine enorme und vielfältige Schar von Schüler:innen.
Rands lange musikalische und persönliche Reise begann am 2. März 1934 in Sheffield Nordengland. (Viele Jahre lang wurde Rands Geburtsjahr häufig mit 1935 angegeben. Eine Verwechslung, die dadurch entstand, dass ein Konzert zu seinem 35. Geburtstag fälschlicherweise als Feier seiner Geburt im Jahr 1935 interpretiert wurde.) Während des Zweiten Weltkriegs zog Rands’ Familie – er selbst noch ein Kind – in den äußersten Norden Englands. Als junger Erwachsener war er sich zunächst unsicher, ob er in der der Literatur oder in der Musik eine Karriere anstreben sollte, weil er sich beiden Kunstformen verbunden fühlte. Letztendlich gewann die Musik, aber seine Sensibilität und sein Bewusstsein für die Nuancen der Poesie sollten sich in vielen seiner Werke manifestieren, sogar und vielleicht gerade besonders in denen ohne Gesangsstimme.
Nachdem er in Bangor im Norden von Wales studiert hatte, ging er zunächst nach Italien, um bei Roman Vlad und später bei Luigi Dallapiccola, dem vielleicht bedeutendsten Pädagogen seiner Zeit und herausragenden Komponisten der Zwölftontradition, zu studieren. Bald fand er sich in den Kreisen von Luciano Berio (ebenfalls ein Schüler Dallapiccolas), Pierre Boulez und Bruno Maderna wieder, den führenden Vertretern der europäischen Avantgarde. Mit Ende 20 unterzeichnete er einen Vertrag bei der Universal Edition (an Schott Music wurde der Katalog nach seinem Umzug in die USA übertragen). Nach zwei prägenden Jahren in den USA mit einem Harkness-Stipendium, erfuhr Rands Karriere durch mehrere hochkarätige Kompositionsaufträge in Großbritannien einen Aufschwung. Dazu gehörten die kantatenartige Metalepsis II (dirigiert von Berio) und das Klavierkonzert Mésalliance für Roger Woodward (dirigiert von Boulez), Werke von kompromissloser, bisweilen aggressiver Komplexität. In dieser Zeit begann er mit seiner Memo-Werkreihe, die vor allem virtuose Solostücke umfasste und deren jüngstes Werk für Cello aus dem Jahr 2023 stammt.
Zwischen Strenge und Resonanz: Die lyrische Wende
Sein musikalischer Stil entwickelte sich zunehmend in die Richtung dessen, was rückblickend als Postmoderne bezeichnet werden könnte, wobei er Inspiration aus früherem Material schöpfte. Während andere Komponisten nach der Krise der seriellen Musik unterschiedliche Auswege fanden – sei es über Aleatorik, konzeptuelle Ansätze, Elektronik, Minimalismus oder Neoromantik – blieb Rands den modernistischen Grundprinzipien von handwerklicher Präzision und strenger Gestaltung treu, schliff jedoch die Kanten seiner Musik und ließ vermehrt lyrische Züge einfließen. Ein herausragendes Beispiel hierfür sind die fünf Madrigali für Kammerorchester, die sowohl auf Claudio Monteverdi als auch auf Luciano Berio's Bearbeitungen von Monteverdi zurückgreifen – eine geschlossene und charmante Verschmelzung verschiedener Jahrhunderte und Stile. In ähnlicher Weise setzte er sein Schaffen in der Canti-Trilogie für Sopran, Tenor bzw. Bass fort, wobei der mittlere Teil, Canti del Sole für Tenor, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In diesen durchkomponierten Werken, die sowohl in Kammer- als auch in Orchesterbesetzung vorliegen und Texte in einer atemberaubenden Vielzahl von Sprachen enthalten, verschwimmen die Grenzen zwischen Symphonie, Vokalsymphonie, Kantate und Liederzyklus.
Später nahm Rands’ Musik introspektive, teils melancholische Züge an, wie in den Orchesterwerken Body and Shadow und Symphony sowie im deutlich späteren Konzert für Englischhorn (für Robert Walters) zu erkennen ist. Sein Cellokonzert (für Mstislav Rostropovich) ist hingegen ein unverfälschtes Tribut an den cantablen Klang seines Widmungsträgers. Reichhaltige Harmonien, eine breite, dabei aber stets zurückhaltend kontrollierte Dynamik sowie eine sinnliche Klanglichkeit kennzeichnen seinen ausgereiften Stil ebenso wie ein Gefühl statischer Ruhe und ernster Zielgerichtetheit. Diese Eigenschaften beruhten auf bewusst gewählten ästhetischen Entscheidungen, die von manchen Kritikern – letztlich nicht zu Recht – als altmodisch deklariert wurden.
Ensemble der Sprachen: Der transatlantische Mentor
Seine Oper Vincent, eine künstlerische Zusammenfassung der letzten Lebensjahre des Malers Vincent van Gogh nach einem Libretto von J. D. McClatchy, erlebte 2011 nach jahrzehntelanger, intermittierender Arbeit ihre Uraufführung. Die Skizzen reichen bis in die 1970er Jahre zurück, und zwei Orchester-Suiten, darunter Le Tambourin, waren bereits in den 1980er Jahren aufgeführt worden. Darüber hinaus komponierte er ein Klavierkonzert für Jonathan Biss und eine umfangreiche Reihe von Präludien für Robert Levin. Noch weit in seinen achtziger Jahren entstand eine beeindruckende, mitunter auch vehemente Orchesterserie aus den Stücken Dream, Symphonic Fantasy, Aura und Chant, wobei das letzte bisher noch nicht aufgeführt wurde.
An seine Lehrtätigkeit in Bangor anschließend, nahm Rands eine Stelle in York an. Hier gehörten Jonty Harrison, Vic Hoyland, Roger Marsh, Dominic Muldowney, George Nicholson und Vivienne Olive zu seinen Schülern. Mitte der 1970er Jahre begann seine Anstellung an der University of California in San Diego, wo er das Ensemble für Neue Musik Sonor leitete und unter anderem Lam Bun-Ching und Jeffrey Mumford unterrichtete. Dabei entschied er sich, die US-Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nach Gastprofessuren an der Boston University, der Juilliard School und der Yale University wurde er Walter Bigelow Rosen Professor of Music an der Harvard University, wo er bis zu seiner Pensionierung unterrichtete. Zu seinen Schüler:innen dort zählten Lei Liang, Christoph Neidhöfer, Kurt Stallmann und Ken Ueno. Durch seine langjährige Teilnahme am Aspen Festival in Colorado prägte er unzählige Studierende und war später auch regelmäßig in Tanglewood in Massachusetts zu Gast. Als Lehrer leitete er seine Schüler:innen oft auch in außermusikalischen Bereichen an und vermittelte ihnen die Liebe zur italienischen Küche und die Leidenschaft für Poesie in mehreren Sprachen, während er sie mit Anekdoten unterhielt, die er mit seinem charakteristischen Witz erzählte.
Neben seiner Frau, allgemein bekannt als “Gusty”, hinterlässt er zwei Söhne aus erster Ehe – Siôn Philip Rands und Stephen Jon Rands – seine zweite Frau Susan und seine frühere Partnerin Nele, vier Enkelkinder und vier Urenkelkinder sowie seinen Bruder John Rands. Eine Trauerfeier wird es nicht geben.
Norman Ryan, Senior Vice President von Schott Music:
Mit tiefer Trauer nehmen wir Abschied von Bernard Rands, einem großartigen Künstler, Humanisten und Freund. Bernard, der im Laufe seines langen Lebens als Musiker mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt wurde, schenkte uns Musik, die eine Linie von Debussy und Sibelius bis hin zu Berio nachzeichnet, wobei seine einzigartige Stimme durch faszinierende Instrumentalfarben und melodische Erfindungsgabe gekennzeichnet war. Seine Liebe zur Musik und zu denen, die sie schufen, kannte keine Grenzen. Er war stets ein vollendeter Gentleman – elegant, würdevoll und gebildet. Es war ein großes Privileg, sein Verleger zu sein. Bernards Geist und seine grenzenlose Kreativität werden in seiner Musik weiterleben.
James M. Kendrick, President von Schott/EAMDC und Partner der Kanzlei Alter, Kendrick & Baron:
Als ich im Herbst 1977 zu European American Music kam, wusste ich bereits, dass Bernard Rands einer der führenden britischen Komponisten seiner Generation war. Ich wusste auch, dass er kürzlich in die USA gezogen war. Dies aber war nur der Anfang einer langen und erfolgreichen Karriere, denn Bernard festigte schnell seine Position als einer der weltweit führenden Komponisten und einer der einflussreichsten Kompositionslehrer seiner Zeit. Es war mir eine Freude und Ehre, ihn und Gusty kennenzulernen, und ich trauere gemeinsam mit der Musikwelt um den Tod eines Großen.
Nachruf Schott Music Group vom 5 März 2026, Foto von Grittani Creative LTD
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