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Werk der Woche – Hans Werner Henze: El Cimarrón

Abstraktes Banner mit porträtartiger Darstellung einer Person (Hans Werner Henze) im Vordergrund. Im Hintergrund grafische Strukturen in Blau- und Ockertönen sowie eine gebrochene Kette als zentrales Gestaltungselement.

Dieses Werk ist ein Bekenntnis. El Cimarrón gehört zu den Stücken, in denen Hans Werner Henze Musik, Politik und Biografie untrennbar miteinander verbunden hat. Entstanden 1969/70 nach einer Reise nach Kuba, erzählt es die Lebensgeschichte des entlaufenen Sklaven Esteban Montejo – und zugleich von Henzes Überzeugung, dass Musik Haltung zeigen muss.

Der Begriff Cimarrón bezeichnete im kolonialen Kuba einen geflohenen Sklaven. Montejos Erinnerungen – aufgezeichnet vom Ethnologen Miguel Barnet und von Hans Magnus Enzensberger für Henze eingerichtet – folgen keinem heroischen Freiheitsnarrativ. Sie berichten von Gewalt, Einsamkeit, Ausgrenzung und einem Misstrauen gegenüber jeder Form vermeintlicher Befreiung. Freiheit erscheint hier nicht als Ziel, sondern als offene, fragile Erfahrung.

Musikalisch ist El Cimarrón als "Rezital für vier Musiker" angelegt: Bariton, Flöte, Gitarre und Schlagzeug bilden ein gleichberechtigtes Ensemble. Der Sänger ist Erzähler, Kommentator und Zeitzeuge zugleich; die Instrumentalist*innen agieren nicht begleitend, sondern dialogisch. Sprache, Geräusch, Gesang, Ritual und Improvisation greifen ineinander. Henze sprengt bewusst die Grenze zwischen Konzert und Musiktheater.

Henze zwischen Kunst und Widerstand – ein Werk von ungebrochener Aktualität

El Cimarrón steht exemplarisch für Henzes politischstes Schaffen. Wie im Floß der Medusa, in Das verratene Meer oder Die Weiden geht es nicht um ideologische Parolen, sondern um individuelle Erfahrungen von Unterdrückung, Macht und Entfremdung. Henze verstand Musik als moralische Praxis – eine Kunst, die Fragen stellt, statt Antworten vorzugeben.

Gerade im Kontext seines 100. Geburtstags am 1. Juli 2026, der weltweit mit Konzerten, Produktionen und Symposien begangen wird, zeigt sich die anhaltende Relevanz dieses Werks. Themen wie strukturelle Gewalt, koloniale Geschichte, politische Versprechen und persönliche Freiheit sind heute nicht weniger dringlich als zur Entstehungszeit. El Cimarrón verweigert Vereinfachung – und gewinnt gerade dadurch seine Kraft.

Anlass für diese Würdigung ist die Premiere einer Neuproduktion am Teatro Nazionale in Rom, inszeniert von Michael Kerstan, Vorsitzender der Henze Foundation. In der Besetzung wirken Robert Koller (Bariton), Camilla Hoitenga (Flöte), Ivan Mancinelli (Schlagzeug) und Christina Schorn‑Mancinelli (Gitarre) mit. Die Produktion ist eingebettet in das römische Henze‑Jubiläumsprogramm und rückt das Werk als musiktheatralisches Zeitdokument neu ins Zentrum.

Weitere Aufführungen von El Cimarrón sind bereits angekündigt: Am 01.07.2026 im Theater Gütersloh, ab dem 18.07.2026 im Théâtre du Jeu de Paume in Aix‑en‑Provence und ab dem 23.01.2027 in der Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper. 

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Illustration: Ilse Buhs (Foto Hans Werner Henze), Hintergrund erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz

 

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