Werk der Woche – Anno Schreier: Peter van Pels
- 14.09.2026
Wer war Peter van Pels? In das kulturelle Gedächtnis ging er vor allem als Peter van Daan ein, jener stille Jugendliche, von dem Anne Frank in ihrem Tagebuch erzählt. Die neue Oper von Anno Schreier und seinem Librettisten Joscha Schaback stellt seinen wirklichen Namen in den Titel und macht damit sichtbar, dass hinter der literarisch überlieferten Figur ein eigenständiges Leben stand.
Peter van Pels wurde 1926 in Osnabrück geboren. Wie die Familie Frank floh auch seine Familie vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam. Von 1942 an lebten beide Familien gemeinsam im Versteck im Hinterhaus an der Prinsengracht. Dort entwickelten Anne Frank und Peter van Pels eine enge Beziehung. Die Oper zeichnet seinen Weg von der Kindheit in Osnabrück über die Zeit im Versteck bis zur Deportation und zu seinem Tod im Jahr 1945 nach. Er wurde nur 18 Jahre alt.
Ein Leben jenseits des Tagebuchs
Der Perspektivwechsel ist entscheidend: Peter van Pels erzählt nicht allein eine bekannte Geschichte aus einem anderen Blickwinkel, sondern richtet die Aufmerksamkeit auf einen Menschen, dessen Wahrnehmung vielfach durch die Aufzeichnungen einer anderen Person geprägt wurde. Sein Name, seine Herkunft und sein Lebensweg treten aus dem Schatten der historischen Überlieferung hervor.
Zugleich bewahrt die Oper den Zusammenhang, in dem Peter van Pels heute erinnert wird. Die erzwungene Enge des Verstecks, die ständige Gefahr der Entdeckung und die vorsichtige Annäherung zweier Jugendlicher stehen neben Verfolgung, Deportation und Vernichtung. Der Stoff verlangt deshalb eine Form, die individuelle Erfahrung und historisches Wissen miteinander verbindet, ohne das eine durch das andere zu verdecken.
Die Oper ist in drei Teile gegliedert und für vier solistische Partien, Chor und Orchester komponiert. Neben Peter van Pels treten Anne Frank, Auguste van Pels und Otto Frank auf. Das rund 80-minütige Werk entstand 2024 und 2025 als Auftrag der Städtischen Bühnen Osnabrück.
Erinnerung aus eigener Perspektive
Anno Schreier hat sich in mehreren musiktheatralischen Werken mit literarischen Stoffen und historischen Persönlichkeiten auseinandergesetzt. Seine Oper Turing widmete sich dem Leben von Alan Turing; andere Bühnenwerke greifen Texte von Christa Wolf, William Shakespeare oder José Saramago auf. Charakteristisch für Schreiers Musiktheater ist die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen sowie mit dem Verhältnis von Ernst und Unterhaltung, Komik und Tragik.
Die Entscheidung, Peter van Pels selbst ins Zentrum zu stellen, verbindet biografische Erinnerung mit einer Frage, die über den konkreten historischen Fall hinausweist: Wie lässt sich von einem Menschen erzählen, dessen eigene Stimme nur in wenigen Spuren erhalten ist? Das Musiktheater kann keine fehlenden Zeugnisse ersetzen. Es kann jedoch einen Raum schaffen, in dem historische Fakten, überlieferte Wahrnehmungen und gegenwärtige Erinnerung aufeinandertreffen.
Am 19. September 2026 wird Peter van Pels in Osnabrück, der Geburtsstadt der Titelfigur, uraufgeführt. Benjamin Huth übernimmt die musikalische Leitung, Ulrich Mokrusch die Inszenierung. Für Bühne und Kostüme zeichnen Timo Dentler und Okarina Peter verantwortlich. In den Hauptrollen sind Florian Wugk als Peter van Pels, Susanna Edelmann als Anne Frank, Susann Vent-Wunderlich als Auguste van Pels und Jan Friedrich Eggers als Otto Frank angekündigt. Es wirken außerdem der Opernchor des Theaters Osnabrück und das Osnabrücker Symphonieorchester mit.
Die Uraufführung findet wenige Wochen vor dem 100. Geburtstag von Peter van Pels am 8. November 2026 statt. Dass die Oper in Osnabrück zur Bühne kommt, stellt eine unmittelbare Beziehung zwischen historischer Biografie, lokaler Erinnerung und gegenwärtigem Musiktheater her. Weitere Vorstellungen sind für den 23. September, den 1., 6., 16. und 18. Oktober, den 8. und 26. November sowie den 4. und 18. Dezember 2026 angekündigt.
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Anno Schreier – Komponistenprofil
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Illustration: Felix Grünschloß (Foto Anno Schreier), Hintergrund KI-generiert