Wenn Noten tanzen und Rätsel sprechen - Illustratorin Maren Blaschke im Interview
- By Patrick Hinsberger
- 03.06.2025
Der Weg zur Kinderbuchillustration
Wie bringt man Musik aufs Papier – und zwar so, dass Kinder sie sehen, fühlen und verstehen können? Die Illustratorin Maren Blaschke widmet sich genau dieser Aufgabe: mit Witz, Feingefühl und einem klaren pädagogischen Gespür. In ihren Bildern tanzen Noten, Rätsel sprechen und musikalische Tiere erobern die Seiten. „Ich mochte schon damals, wenn Bilder Geschichten erzählen oder Dinge sichtbar machen, die man sonst nur fühlt“, erzählt sie im Interview.
Wir haben mit Maren Blaschke über ihren Weg zur Kinderbuchillustration, ihre Arbeit mit dem Schott Verlag und den kreativen Balanceakt zwischen Fantasie und Musikpädagogik gesprochen. Was sie antreibt, wie ihre Illustrationen entstehen – und welches Herzensprojekt sie sich für die Zukunft wünscht –, erfahren Sie in diesem Gespräch.
Frau Blaschke, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie wussten: Ich möchte Illustratorin werden? Was hat Sie auf diesen Weg geführt?
Einen bestimmten Schlüsselmoment gab es nicht – es war eher ein Entwicklungsprozess. Ich weiß aber noch, dass ich gegen Ende meiner Schulzeit gesagt habe: „Ich werde mal Illustratorin!“ – vermutlich, weil ich Bilderbücher schon immer geliebt habe. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Meine Lieblingsillustrator:innen aus Kindertagen waren Elisabeth Shaw, Manfred Bofinger – und ich habe die Ottifanten heiß und innig geliebt! Die habe ich als Kind auf Schulhefte, Tischdecken (Entschuldigung, Mama!) und alles gezeichnet, was irgendwie leer aussah. Ich mochte schon damals, wenn Bilder Geschichten erzählen oder Dinge sichtbar machen, die man sonst nur fühlt.
Während meines Studiums in Kommunikationsdesign habe ich mich neben Grafikdesign auf Illustration spezialisiert. Daraus entstand später meine Leidenschaft für visuelle Wissensvermittlung – besonders für Kinder und junggebliebene Erwachsene. Mein Weg zur Illustratorin war also kein gerader Strich, sondern eher eine liebevoll gezeichnete Linie mit vielen bunten Abzweigungen und überraschenden Wegweisern.
Von der Skizze zum fertigen Bild – ein kreativer Prozess
Wie würden Sie selbst Ihre Bildsprache beschreiben – und was inspiriert Sie bei der Arbeit?
Meine Bildsprache ist verspielt, humorvoll – und dabei trotzdem präzise. Ich liebe es, wenn eine Illustration zum Lachen bringt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Inspiration finde ich überall: in Gesprächen auf dem Spielplatz, im Supermarkt, auf der Straße, in Kinderfragen, in Musik oder auch in wissenschaftlichen Artikeln. Ich bin eine leidenschaftliche Alltagsbeobachterin – allerdings mit Skizzenbuch statt Kamera.
Bei Schott haben Sie unter anderem die beliebten Rätselblöcke illustriert. Wie kam der erste Kontakt mit dem Verlag zustande – und wie hat sich die Zusammenarbeit über die Jahre entwickelt?
Der erste Kontakt liegt mittlerweile über zwanzig Jahre zurück und kam über Ihre Lektorin Frau Heinrich zustande. Damals gestaltete ich gemeinsam mit der Autorin Christine Mellich die Kinderseiten im Magazin der Berliner Philharmoniker. Aus diesen liebevoll konzipierten Beiträgen über Komponist:innen und musikalische Themen entstanden später zwei Bilderbücher: Charlottes musikalische Abenteuer und Charlottes musikalische Kreuzfahrt.
Die Zusammenarbeit mit Frau Heinrich und vielen anderen wunderbaren Kolleg:innen entwickelte sich zu einer vertrauensvollen, kreativen Partnerschaft, die ich bis heute sehr schätze. Schott nimmt Kinder in seinen musikpädagogischen Angeboten ernst – und gleichzeitig spielerisch. Das passt hervorragend zu meiner Arbeitsweise. Die Rätselblöcke sind für mich wie ein kleines Festival der Fantasie – mit klarem Konzept.
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Wie entsteht eigentlich eine Illustration für ein Notenheft? Können Sie uns Schritt für Schritt mitnehmen – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt?
Am Anfang steht meist ein Briefing vom Verlag – mit Thema, Altersgruppe und Manuskript. Dann folgen erste Skizzen: locker, frei, mit viel Bleistift und noch mehr Kaffee. Oft entwickle ich parallel zur Illustration auch gleich das Layout – ein kleines „Gestaltungs-Paket“. Dabei frage ich mich: Was macht das Thema für Kinder greifbar? Was weckt ihre Neugier? Anschließend folgen die Reinzeichnungen, meist digital am Tablet und PC – wobei ich immer wieder ins Analoge zurückflüchte, um z. B. Strukturen oder Pinselstriche einzuscannen. Es ist ein kreatives Wechselspiel. Wenn alles steht – Skizzen, Abstimmungen, Reinzeichnungen – wird die Illustration eingebettet und das Produkt für den Druck vorbereitet. Was ich an Schott besonders schätze: Die Bücher werden sehr genau und liebevoll lektoriert. Da gibt es schon mal ein paar Korrekturschleifen – aber genau das macht die Qualität aus. Und sobald ein Projekt abgeschlossen ist, freue ich mich aufs nächste – und darauf, dabei wieder selbst etwas über Musik zu lernen.
Musik visuell vermitteln – ein besonderes Aufgabenfeld
Musik und Illustration – das ist eine besondere Kombination. Wie nähern Sie sich einem musikalischen Thema, das Sie bebildern sollen?
Ich höre zuerst rein – auch wenn es „nur“ Kinderlieder oder Übungsstücke sind. Musik erzeugt Bilder im Kopf – und genau dort beginne ich. Ich überlege: Welche Figur könnte das Stück begleiten? Wie lässt sich Rhythmus sichtbar machen? Welche Stimmung erzeugt die Musik?
Musik ist Bewegung – und meine Illustrationen sollen diese Bewegung spürbar machen. Oft tanzen die Noten bei mir regelrecht vom Papier. Oder ein Takt wird zur Rutschbahn, auf der Tiere, musikalische Monster oder Notenfiguren unterwegs sind. Diese Frage fand ich übrigens so spannend, dass ich ihr einen eigenen Beitrag auf meinem LinkedIn-Profil gewidmet habe. Ich freue mich, wenn Sie dort mal vorbeischauen.
Haben Sie eine Lieblingsillustration, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Eine spezielle Illustration fällt mir da gar nicht ein – meistens liebe ich die, an der ich gerade arbeite. Aber doch, jetzt kommt mir eine in den Sinn: ein Wimmelbild mit Feuerwerk, einem Pferdekutschenstau und fein herausgeputzten Damen und Herren mit Perücken – entstanden für einen Komponisten-Rätselblock. Es stecken viele kleine, spontane Gags darin, die sich während des Zeichnens ergeben haben.
Ich mag es, wenn aus einer Skizze etwas Lebendiges entsteht, das nicht nur Kinder zum Schmunzeln bringt – und gleichzeitig pädagogisch funktioniert. Herz und Hirn dürfen ruhig gemeinsam Freude haben. Und ich freue mich, dass Schott diese kleinen Späße mitträgt.
Digital oder analog: Wie arbeiten Sie am liebsten? Und welche Werkzeuge und Techniken kommen bei Ihnen zum Einsatz?
Ich arbeite hybrid. Die ersten Ideen entstehen fast immer analog – als Skizzen, Scribbles oder Farbtests. Aber das digitale Arbeiten liebe ich auch, weil es mir Flexibilität gibt: Ich kann Elemente verschieben, Details feilen oder, mit Ebenen spielen.
Mein Hauptwerkzeug ist das iPad, ergänzt durch ein Zeichen-Tablet und verschiedene Zeichenprogramme. Gleichzeitig schlägt mein Herz für Buntstift und Aquarell. Oft kombiniere ich beides: Ich erzeuge analoge Strukturen und verarbeite sie anschließend digital.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Arbeit an Musikpublikationen für Kinder – und was macht Ihnen am meisten Freude?
Die größte Herausforderung ist es, die Balance zu halten: zwischen Information und Spiel, zwischen Pädagogik und Fantasie. Kinder sollen sich ernst genommen fühlen – und gleichzeitig eingeladen sein, zu entdecken, zu lachen und spielerisch zu lernen.
Manchmal fällt es mir schwer, mich von liebgewonnenen Ideen zu trennen. „Kill your darlings“ sagen Schriftsteller:innen dazu – und das gilt auch für Bilder. Oft sprühe ich zu Beginn nur so vor Einfällen. Dann heißt es: sortieren, klären, reduzieren. Und dabei darf es trotzdem bunt und lebendig bleiben. Ein gutes Lektorat an der Seite ist dabei Gold wert.
Die größte Freude? Wenn ich spüre, dass eine Figur oder Szene bei Kindern „ankommt“, dass sie durch ein Bild einen Zugang zur Musik finden – und wenn begeistertes Feedback von Eltern oder Pädagog:innen kommt. Dann weiß ich: Es hat sich gelohnt.
Zum Schluss eine kleine Vorschau: Gibt es aktuelle oder kommende Projekte, auf die wir uns freuen dürfen?
Oh ja! Ich arbeite gerade an einem „Best-of“ aller bisher erschienenen Musikrätselblöcke. Mein (dickes) Mega-Musik-Rätselbuch soll im Herbst erscheinen. Außerdem entsteht gerade ein Mitmachheft für Kinder zum Blockflöte lernen.
Und ich denke nebenbei darüber nach, wie man musikalisches Lernen noch stärker mit anderen Themen verbinden kann – zum Beispiel mit Natur, Sprache oder kleinen Alltagsabenteuern. Es bleibt also spannend – und ein bisschen rätselhaft.
Ein Traumprojekt von mir wäre übrigens ein illustrierter Opernführer für kleine und große Opern-Fans – am liebsten mit Schott zusammen! Die Oper bietet so viele Geschichten, die ich gern bebildern würde – natürlich mit ein paar humorvollen Anpassungen und dem ein oder anderen zeitgemäßen, feministischen, inklusiven und diversen Happy End.
Credits:
- Foto: Katja Hentschel
- Illustrationen: Maren Blaschke