Monika Herzig über Frauen im Jazz und New Standards from Europe
- By Julia Baldauf
- 26.03.2026
Foto-Credit: Sarah Slover
Wie hören wir Jazz – und wie stark beeinflusst das, was wir sehen, unser musikalisches Urteil? Im Interview mit Schott Music Lektorin Julia Baldauf spricht Dr. Monika Herzig, Jazz-Pianistin, Bandleaderin und Professorin für Artistic Research am Jam Music Lab in Wien, über tief verankerte Hör- und Sehgewohnheiten, die Sichtbarkeit von Frauen im Jazz und die Bedeutung von Vorbildern in der Jazz Education. Im Mittelpunkt stehen außerdem das europäische Projekt New Standards from Europe, die Förderung von Jazzkomponistinnen sowie die Frage, wie mehr Diversität und Teilhabe die Jazzszene nachhaltig verändern können.
Wie beeinflusst das Sehen unsere Wahrnehmung von Jazz?
Geschlechterbilder und musikalische Bewertung
Liebe Monika, In Kürze erscheint deine neue Studie zur Frage, ob wir Jazzbands je nach Geschlechter-Zusammensetzung unterschiedlich bewerten. Beeinflusst das Sehen unsere Wahrnehmung von musikalischer Qualität?
Ich denke, das kann man so festhalten. In unserer Studie haben wir den Proband:innen dieselbe Musik, kombiniert mit unterschiedlichem Bildmaterial, vorgespielt. Besonders Frauen bewerteten Bands, in denen Frauen zu sehen waren, qualitativ besser. Das Interessante ist, dass es offenbar von der Stilistik abhängt: Je avantgardistischer oder ungewöhnlicher der Jazz, umso besser schneiden reine Frauen- oder gemischte Bands bei beiden Geschlechtern ab. Wenn es um Swing-Ensembles und traditionelleren Jazz geht, ändert sich jedoch die Bewertung und dreht sich um.
Traditionelle Erwartungen im Swing und im Jazz
Das ist erstaunlich. Jazz-Hörer halten sich etwas auf ihre Aufgeschlossenheit zugute. Die Ergebnisse deuten aber auf eine ziemlich traditionelle Erwartungshaltung hin?
In einer Swing-Band gibt es eben klare Erwartungen an die Performance: Der Solist, der in der Jazzgeschichte eigentlich immer männlich war, führt. Auch in den Bigbands waren die Geschlechter klar verteilt und Frauen stets in der Rolle der Sängerin. Meine Theorie ist, hier zeigt sich ein genereller Zustand unserer Gesellschaft. In Randbereichen werden bestimmte Gruppen eher toleriert als in den Kernbereichen, und der Kernbereich ist im Jazz nun einmal der Swing. Man traut Frauen dort offenbar immer noch weniger zu.
Frauen im Jazz: Sichtbarkeit, Vorbilder und Netzwerke
Warum Instrumentalistinnen im Jazz noch immer in der Minderheit sind
Liegt es daran, dass Instrumentalistinnen im Jazz nach wie vor in der Minderheit sind? Auf mich wirkt das ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei.
Junge Frauen beklagen tatsächlich immer noch fehlende Rollenvorbilder im Jazz. Führende Positionen, zum Beispiel in den Rundfunkbigbands oder Lehrstühle für Klavier, Schlagzeug, Trompete oder Saxophon werden oft – mehr oder weniger bewusst – über Netzwerke besetzt. Wenn man die Verantwortlichen jedoch gezielt auf herausragende Frauen außerhalb des Netzwerks aufmerksam macht, öffnen sich plötzlich ganz neue Kreise und es entsteht eine neue Durchmischung. Daher ist es so wichtig, dass wir mit Leuchtturmprojekten eine größere Sichtbarkeit von Frauen erreichen. Angehende Musikerinnen sollten sich jedoch auf keinen Fall abschrecken oder in die Randbereich schieben lassen, sondern mutig in die Mitte reingehen!
New Standards from Europe: Neue Sichtbarkeit für Jazzkomponistinnen
Von Terri Lyne Carringtons „New Standards“ zum europäischen Projekt
Stichwort Leuchtturm: Eines deiner Stücke, Just Another Day At The Office, wurde von Terri Lyne Carrington in ihrer Notenausgabe „New Standards“ veröffentlicht. Welche Auswirkungen hatte das auf deine Arbeit, und welchen Ansporn leitest du daraus für unser gemeinsames Creative-Europe-Projekt „New Standards from Europe“ ab?
Terri hat ein unglaublich großes Netzwerk. Sie hatte einfach beschlossen, ein neues Realbook mit den Stimmen von Jazzkomponistinnen auf den Markt zu bringen, und auf ihre Kontakte und ihr künstlerisches Gespür vertraut. Es sind viele wichtige Frauen aus der Jazzgeschichte darin, aber natürlich auch die aktuelle Szene in den USA. Ich selbst habe tolles Feedback bekommen – mein Stück wurde aufgeführt und ich habe etliche Anfragen bekommen, die sich konkret auf dieses Buch bezogen. Das hat mich sehr gefreut. Wenn Stücke veröffentlicht werden, greifen andere Musiker:innen das auf, und das kann ein weiterer Baustein in der eigenen Karriere sein. Mit den „New Standards from Europe“ wollen wir jetzt die Europäerinnen im Jazz bekannter machen. Der Kontinent ist groß und sehr divers, es gibt vieles zu berücksichtigen. Daher ist es auch keine persönliche Auswahl, sondern sie ist wissenschaftlich gestützt, von einem Team von Expert:innen getragen und stilistisch und regional ausgewogen.
Jazz in Europa und den USA
Förderstrukturen und künstlerische Perspektiven im Vergleich
Bis heute gehen viele europäische Jazz-Musiker:innen für längere Zeit in die USA. Wie siehst du die Entfaltungsmöglichkeiten, hier wie dort?
Ich kann verstehen, dass viele MusikerInnen in die Vereinigten Staaten gehen. Man will schließlich möglichst nah an der Quelle sein. Dort leben allerdings auch die erfolgreichsten von ihnen häufig auf einem shoestring budget, also sehr bescheiden. Hier in Mittel- oder Nordeuropa gibt es dagegen für Jazz unheimlich viel Förderung, hier kann man wirklich tolle Sachen machen! In Südeuropa sind die Mittel längst nicht so üppig und in Osteuropa ist es besonders schwierig. Bei unserem Projekt haben wir darauf geachtet, solche Komponistinnen auszuwählen, die in ihrer Heimatregion, in Europa leben und arbeiten.
Jazz Education und Nachwuchsförderung
Jazz Girls Day: Ein geschützter Raum für junge Musikerinnen
Nun würde ich gerne noch auf deine Arbeit mit dem Nachwuchs zu sprechen kommen. Die Initiative „Jazz Girls Day“ in Hannover ist jetzt für den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie Musikvermittlung und Teilhabe nominiert. Herzlichen Glückwunsch!
Ja, wir freuen uns sehr über diese Nominierung! Das Konzept geht zurück auf die kalifornische Posaunistin und Bandleaderin Sarah Kline. Sie hat festgestellt, dass in der middle school die Quote der Mädchen mit Interesse am Jazz deutlich absinkt: Mitten in der Pubertät wird den selbstbewussten Jungs wie selbstverständlich der Raum zugestanden – sie stellen sich einfach vorne auf dem Bandstand hin und improvisieren, so gut sie eben können. Das schreckt viele Mädchen in einer prägenden Phase ab. Beim JGD schaffen wir einen geschützten Raum, in dem Mädchen erleben können, wie viel Spaß es macht, Jazz zu spielen. Indem wir den Pool vergrößern und die Mädchen ermutigen, erhöhen wir hoffentlich auch die Zahl der aktiven, professionellen Jazzmusikerinnen – und durchbrechen am Ende den Kreislauf.
New Standards from Europe
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