Werk der Woche – Dobrinka Tabakova: In paradisum
- 30.03.2026
Manchmal erweist sich die Musikgeschichte als geduldiges Metronom. Als Tomás Luis de Victoria 1605 sein berühmtes Requiem für die Kaiserin Maria von Österreich niederschrieb, geschah dies unter beträchtlichem Zeitdruck. Das Resultat war ein Geniestreich, dem jedoch der versöhnliche Ausklang, das In paradisum, verwehrt blieb. Dobrinka Tabakova hat diesen historischen Kreis nun geschlossen. Ihr sechsminütiger Epilog für gemischten Chor ist jedoch weit mehr als eine rein rekonstruktive Geste; es ist eine klangliche Brechung des gregorianischen Chorals, die wie durch ein Prisma wirkt.
Die Komponistin beschreibt die Textur als "Aquarell-Klang": Die Harmonien erscheinen zunächst verschwommen, fast wie eine Fata Morgana, aus der sich allmählich eine friedvolle, überirdische Prozession herausschält. Es ist diese charakteristische Handschrift, die tief in der Tradition wurzelt und zugleich durch irisierende Farben eine zeitlose Modernität entfaltet. Licht wird hier hörbar gemacht, bis der Choral schließlich in einem leuchtenden Echo verhallt.
In paradisum: Leuchtende Perspektive nach dem Requiem
Die Uraufführung am 31. März 2026 in der St Columba's Church in London liegt in den Händen der ORA Singers und ihrer Leiterin Suzi Digby OBE. Das Ensemble ist prädestiniert für diesen Dialog zwischen Renaissance-Polyphonie und zeitgenössischer Reflexion. In paradisum fungiert dabei nicht nur als Abschluss für Victoria, sondern schenkt jedem Requiem-Programm eine lichte, versöhnliche Perspektive.
Wer die faszinierende Klangwelt Tabakovas in den kommenden Wochen weiter erkunden möchte, findet dazu mehrfach Gelegenheit. So bringt das Antwerp Symphony Orchestra am 3. April 2026 in Antwerpen ihr Werk Rewilding (IV from Earth Suite) zur belgischen Erstaufführung, gefolgt von Dawn (from Sun Triptych) vom 9. bis 12. Apri mit dem Mid-Atlantic Symphony Orchestra in Easton (Maryland). Im Juni präsentieren die Bochumer Symphoniker ihr Orchesterwerk Orpheus’ Comet.
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Fotos: Benjamin Ealovega (Porträt Dobrinka Tabakova), Annie Patt (Hintergrund)