Toshio Hosokawa – 70 Jahre Musik zwischen Japan und Europa
- By Andreas Krause
- 23.10.2025
Am 23. Oktober 2025 feiert Toshio Hosokawa, einer der weltweit meistgespielten Komponisten der Gegenwart, seinen 70. Geburtstag. Anlass genug, um auf das außergewöhnliche Schaffen eines Künstlers zu blicken, der wie kaum ein anderer japanische Tradition mit westlicher Avantgarde verbindet – und dessen Werke regelmäßig auf internationalen Bühnen gefeiert werden.
Bereits im Vorfeld des Jubiläumsjahres prägten drei besondere Ereignisse den musikalischen Kalender: die Neuinszenierung seiner Oper Matsukaze an der Bayerischen Staatsoper München, die Verleihung des renommierten „Frontiers of Knowledge Award“ der spanischen BBVA-Stiftung in Bilbao sowie die Uraufführung seiner neuesten Oper Natasha am New National Theatre Tokyo (NNTT). Alle drei Ereignisse verdeutlichen die anhaltende Strahlkraft des Komponisten – in Japan, Europa und weit darüber hinaus.
Zwischen Nō-Theater und Moderne: Matsukaze in München
Ein Höhepunkt der jüngsten Saison war Hosokawas Oper Matsukaze, die im Rahmen des Festivals „Ja, Mai“ der Bayerischen Staatsoper gezeigt wurde. Das Festival stellte zeitgenössische Opern in den Mittelpunkt und präsentierte neben Hosokawas Werk auch Das Jagdgewehr des österreichischen Komponisten Thomas Larcher – ebenfalls ein Schott-Komponist.
Die beiden Opern, die auf Stoffen des traditionellen japanischen Nō-Theaters beruhen, wurden eine Woche lang im Wechsel aufgeführt und bildeten einen spannenden Kontrast: Während Larchers Das Jagdgewehr im historischen Cuvilliés-Theater farbenreich und expressiv inszeniert war, zeigte sich Matsukaze in der Alten Reithalle des neuen Utopia-Kulturzentrums als karge, meditative Gegenwelt.
Das Publikum nahm auf schwarzen Sitzkissen Platz und bewegte sich frei zwischen Objekten, Orchester und Tänzern – ein immersives Erlebnis, das an rituelle Schamanenperformances erinnerte. Diese ungewöhnliche Form des Musiktheaters löste teils kontroverse, aber überwiegend begeisterte Reaktionen aus.
Der „Frontiers of Knowledge Award“ für Toshio Hosokawa
Im Juni 2025 wurde Toshio Hosokawa in Bilbao mit dem internationalen „Frontiers of Knowledge Award“ in der Kategorie Music and Opera ausgezeichnet. Der Preis der BBVA-Stiftung gilt in der Fachwelt als eines der bedeutendsten kulturellen Ehren weltweit – vergleichbar mit dem Nobelpreis.
Die Jury würdigte Hosokawa „für die außergewöhnliche Reichweite seiner Musik, die eine Brücke zwischen der japanischen Tradition und der zeitgenössischen westlichen Ästhetik schlägt.“
Bereits 2020 hatte der ungarische Schott-Komponist Peter Eötvös diese Auszeichnung erhalten. Hosokawa reiht sich damit in eine exklusive Gruppe herausragender Komponistinnen und Komponisten ein.
Beim feierlichen Galakonzert erklang sein Violinkonzert Genesis – eindrucksvoll interpretiert von der japanischen Geigerin Akiko Suwanai. Rund 1000 Gäste feierten den Preisträger, dessen Werke weltweit zunehmend als Brückenschlag zwischen Kontemplation und moderner Klangsprache verstanden werden.
Bilbao war im Juni geschmückt mit großformatigen Plakaten der Preisträger – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Hosokawas Musik längst globale Beachtung gefunden hat.
Natasha: Die neue Oper von Toshio Hosokawa
Der Höhepunkt des Jubiläumsjahres war die Uraufführung der Oper Natasha am 11. August 2025 im New National Theatre Tokyo. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit der in Berlin lebenden japanischen Autorin Yoko Tawada, die das Libretto schrieb.
Die Handlung führt das Publikum durch die sieben Höllen unserer Zeit – ein Motiv, das von Goethes Faust, Dantes Göttlicher Komödie und Mozarts Zauberflöte inspiriert ist. Das junge Liebespaar Natasha und Arato begegnet Mephistos Enkel, der sie durch Feuer, Krieg, Konsum und Umweltzerstörung führt. Doch am Ende entsteht Hoffnung: die Vision einer heilbaren Welt.
Musikalisch zeigt sich Hosokawa hier experimentierfreudig wie nie: Zwischen meditativen Klangflächen und eruptiver Rockmusik mit E-Gitarre und Saxophon entfaltet sich ein breites stilistisches Spektrum. Besonders eindrucksvoll ist Natashas barock anmutende Klagearie „Wozu der Mensch?“ in c-Moll.
Erstmals mussten für die Notenproduktion bei Schott Mainz japanische Schriftzeichen in die Partituren integriert werden – ein aufwendiger Prozess, bei dem Korrekturen zwischen Schott Japan und Mainz digital ausgetauscht wurden. Die Premiere, dirigiert von Kazushi Ono, war restlos ausverkauft und wurde vom Publikum begeistert gefeiert.
Zwischen Natur, Stille und Zeit: Hosokawas musikalisches Denken
Toshio Hosokawa zählt zu den einflussreichsten Vertretern der zeitgenössischen Musik Asiens. Geboren 1955 in Hiroshima, studierte er zunächst Klavier und Komposition in Tokio, bevor er 1976 nach Berlin kam, um bei Isang Yun an der Hochschule der Künste zu studieren. Anschließend setzte er seine Ausbildung in Freiburg bei Klaus Huber fort.
Früh prägten ihn die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, wo seine Werke aufgeführt und diskutiert wurden. Später kehrte er regelmäßig als Dozent dorthin zurück und wurde zu einer zentralen Figur der internationalen Avantgarde.
Hosokawas Musik ist tief im Denken des Zen-Buddhismus verwurzelt. Klang und Stille stehen nicht im Gegensatz, sondern bilden eine Einheit – ein Prinzip, das sich in Werken wie In die Tiefe der Zeit (1994) oder Circulating Ocean (2005) widerspiegelt. Jeder Ton besitzt Bedeutung, jeder Klang entsteht aus der Stille.
Seine Musik verbindet westliche Formen – von Bach bis Webern – mit der Ästhetik traditioneller japanischer Instrumente. Dadurch entsteht eine Klangsprache, die zeitlos wirkt und zugleich in der Gegenwart verankert bleibt.
Bedeutende Werke und internationale Erfolge
Toshio Hosokawas Werkverzeichnis umfasst Orchester-, Kammer- und Vokalwerke, Opern, Oratorien und Kompositionen für traditionelle japanische Instrumente. Viele dieser Werke wurden von international renommierten Dirigenten uraufgeführt, darunter Kent Nagano, Sir Simon Rattle, Kazushi Ono und Robin Ticciati.
Einige zentrale Kompositionen:
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Voiceless Voice in Hiroshima (1989/2000) – ein Oratorium über den Atombombenabwurf auf Hosokawas Geburtsstadt, das sich musikalisch zwischen Schmerz, Erinnerung und Stille bewegt.
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Circulating Ocean (2005) – entstanden für die Salzburger Festspiele; ein sinfonisches Werk, das die Bewegungen des Meeres klanglich darstellt.
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Lotus under the Moonlight (2006) – ein Klavierkonzert als Hommage an Mozart, uraufgeführt vom NDR Sinfonieorchester unter Seiji Ozawa.
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Horn Concerto – Moment of Blossoming (2011) – geschrieben für den Hornisten Stefan Dohr und die Berliner Philharmoniker.
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Woven Dreams (2010) – uraufgeführt beim Lucerne Festival, ausgezeichnet mit dem British Composer Award 2013.
In seiner Oper Stilles Meer (2016) verarbeitet Hosokawa die Katastrophe von Fukushima – eine eindringliche Meditation über Verlust und Hoffnung.
Hosokawas Opern zwischen Ost und West
Mit der Oper Visions of Lear (1998) trat Toshio Hosokawa erstmals als Musikdramatiker hervor. Die Shakespeare-Adaption verband europäisches Musiktheater mit Elementen des japanischen Nō-Theaters – ein Konzept, das er in späteren Werken weiterentwickelte.
2004 folgte Hanjo, uraufgeführt beim Festival d’Aix-en-Provence, 2011 schließlich Matsukaze an der Brüsseler Oper La Monnaie in einer legendären Inszenierung von Sasha Waltz. Diese Werke etablierten Hosokawa endgültig als bedeutenden Opernkomponisten des 21. Jahrhunderts.
Mit Natasha schließt sich nun ein Kreis: Wieder greift der Komponist auf mythische und spirituelle Themen zurück – doch in einer globalen, vielsprachigen Form, die die Gegenwart direkt anspricht.
Internationale Anerkennung und Auszeichnungen
Toshio Hosokawa wurde mehrfach international ausgezeichnet:
Er erhielt unter anderem den Irino Preis (1982), den Arion Musikpreis (1984), den Kyoto Musikpreis (1988), den Rheingau Musikpreis (1998), den Duisburger Musikpreis (1998) und den Japan Prize der University of California Berkeley (2023).
Von 1998 bis 2007 war er Composer in Residence beim Tokyo Symphony Orchestra und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Er wirkte bei renommierten Festivals wie der Biennale di Venezia, dem Lucerne Festival und musica viva München.
Als künstlerischer Leiter des Takefu International Music Festival prägt er bis heute die zeitgenössische Musikszene Japans. Seit 2004 ist er ständiger Gastprofessor am Tokyo College of Music.
Hosokawa lebt in Nagano (Japan) und Mainz (Deutschland) – ein weiteres Symbol seiner kulturellen Doppeltätigkeit zwischen Ost und West.
Zwischen Tokio und Mainz: Eindrücke eines Jubiläumsjahres
Mein Aufenthalt in Tokio im August 2025 bot Gelegenheit, Hosokawa persönlich zu treffen und die Aufführung von Natasha aus nächster Nähe zu erleben. Neben Proben und Meetings mit Kolleginnen von Schott Japan – Yuki Yukota und Yuki Shindo – besuchte ich Aufführungen des Hiroshima Symphony Orchestra unter Christian Arming mit Solist Daniil Trifonov sowie ein Konzert der jungen Komponistin Noriko Koide in der Muza Kawasaki Symphony Hall.
Den Abschluss bildete ein inspirierendes Treffen mit Atsuhiko Gondai und Masato Suzuki, dem Co-Leiter des renommierten Bach Collegium Japan – eine mögliche Zusammenarbeit für ein neues Opernprojekt im Jahr 2026 ist bereits in Planung.
Zwischen Ost und West: Warum Toshio Hosokawa heute so wichtig ist
Der 70. Geburtstag von Toshio Hosokawa ist mehr als ein persönliches Jubiläum. Er erinnert daran, welche Bedeutung kulturelle Brücken in der Musik haben.
Während sich die internationale Aufmerksamkeit zunehmend auf den chinesischen Musikmarkt richtet, bleiben die deutsch-japanischen Beziehungen in der Musik von unschätzbarem Wert – nicht zuletzt dank der engen Zusammenarbeit zwischen Schott Music und Schott Japan, gegründet in den 1970er Jahren von Peter Hanser-Strecker.
Hosokawas Werk zeigt, wie tief verwurzelte kulturelle Traditionen in einen modernen Kontext überführt werden können – ohne ihre Spiritualität zu verlieren. Seine Musik öffnet Räume der Stille in einer lauten Welt – und verbindet Zuhörerinnen und Zuhörer über Kontinente hinweg.
Zum 70. Geburtstag würdigt die Musikwelt Toshio Hosokawa als Komponisten, der die westliche Avantgarde mit östlicher Philosophie vereint. Seine Musik ist meditativ und zugleich von dramatischer Kraft.
Ob in Matsukaze, Stilles Meer oder Natasha: Hosokawa schafft Klangwelten, die die Grenzen von Sprache, Raum und Zeit überschreiten. Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seiner anhaltenden Faszination – in einer Musik, die aus der Stille kommt und in die Stille zurückkehrt.
