Werk der Woche – Chaya Czernowin: NO!
- By Christopher Peter
- 15.02.2026
Es gibt Momente, in denen ein einziges Wort die Last einer ganzen Epoche tragen muss. „NO!“ – ein kurzes, hartes Wort, das wie ein Stoppschild in der Brandung steht. Wenn dieses Wort zum Titel eines Werks von Chaya Czernowin wird, darf man keine gefällige Abendunterhaltung erwarten. Vielmehr ist es eine klangliche Grenzerfahrung, die am 20. Februar 2026 im Auditorium des Maison de la Radio et de la Musique in Paris ihre französische Erstaufführung feiert. Unter der musikalischen Leitung von Alan Gilbert wird das Orchestre Philharmonique de Radio France gemeinsam mit den Sopranistinnen Keren Motseri und Sofia Jernberg versuchen, das Unaussprechliche in Töne zu fassen.
Die Wurzeln dieses Werks reichen zurück in die Zeit des ersten Trump-Regimes und der schmerzhaften Bilder von Kindern, die an der US-Grenze von ihren Eltern getrennt wurden. Doch die endgültige Gestalt fand NO! erst unter dem Eindruck der jüngsten Eskalationen im Nahen Osten. Für die in Israel geborene Komponistin ist dieses Stück kein abstrakter politischer Kommentar. Es ist ein tief empfundener Protest gegen die Gewalt an Unschuldigen, gegen das Leid von Kindern in Gaza, die Gliedmaßen, Eltern oder ihr Leben verloren haben. Czernowin selbst beschreibt den Entstehungsprozess als eine Wandlung: Was als gewaltiger Schrei geplant war, sickerte während des Schreibens in die Form einer Klage – ein Lamento für die Gegenwart.
Zwischen Protest und Gebet: Wenn die Stille schreit
In Paris gelangt die Version II zur Aufführung – eine monumentale Besetzung für zwei Sopranistinnen und zwei Orchester mit jeweils 24 Musiker:innen. Diese räumliche Aufteilung verleiht dem Protest eine physische Unausweichlichkeit. Demgegenüber steht die Version I für eine Sopranistin und ein Orchester (24 Musiker:innen), die im April in Witten Premiere feiert. In dieser kompakteren Fassung tritt die Live-Aufführung in einen Dialog mit einer vorab erstellten Aufnahme von Stimme und Orchester, die über Lautsprecher zugespielt wird – eine klangliche Spiegelung, die das Motiv des Verlusts technisch meisterhaft übersetzt.
Musikalisch ist NO! eine Tour de Force. Bei der vielbeachteten Uraufführung in Los Angeles im Frühjahr 2025 (ein Moment, der das Publikum zunächst in fassungsloses Schweigen stürzte ) offenbarte sich die archaische Kraft der Komposition. Das Stück arbeitet mit zwei Orchestern, die sich wie zwei Pole gegenüberstehen. Alles beginnt mit einer einzigen, gehaltenen Note, die sich langsam zu einem gewaltigen Cluster aufbaut und schließlich in eine rasende, orchestrale Energie umschlägt. Die Stimmen der Solistinnen agieren dabei jenseits klassischer Melodik. Zunächst wortlos, fast so, als hätte der Horror ihnen die Sprache geraubt, mündet ihr Gesang in schweres Atmen und schließlich in den verzweifelten Ruf nach dem Kind: „Don't take my child away“.
Nach Paris wird dieses eindringliche Werk auch den Wiener Musikverein (27. März 2026) und die Wittener Tage für neue Kammermusik erreichen. Es ist Musik, die wehtut, weil sie wahrhaftig ist. Ein Abend für alle, die glauben, dass Kunst dort eine Stimme finden muss, wo die Welt verstummt.
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Foto Chaya Czernowin: Julia Wesely, Hintergrund erstellt mit künstlicher Intelligenz