Werk der Woche – Gustav Mahler / Yoel Gamzou: Symphonie Nr. 10
- 08.02.2026
Es gibt Momente in der Musikgeschichte, die sich wie eine Grenzüberschreitung anfühlen. Gustav Mahlers Zehnte Symphonie ist ein solcher Moment. Als Mahler am 5. September 1910 zum letzten Mal die Feder beiseite legte, hinterließ er ein Tor, das weit ins Ungewisse aufstieß. Es war ein Tor aus Schmerz, Liebe und einer fast beängstigenden Modernität. Dass genau ein Jahrhundert später, am 5. September 2010, ein erst 23-jähriger Dirigent namens Yoel Gamzou dieses Manuskript in einer völlig neuen, erschütternden Fassung wieder zum Leben erwecken würde, mutet fast wie eine schicksalhafte Fügung an.
Das Vermächtnis des Unvollendeten: Mahlers Zehnte
Mahler schrieb diese Musik im Schatten einer tiefen persönlichen Krise und im Angesicht des eigenen Endes. Wer die Skizzen betrachtet, liest dort Verzweiflungsschreie: „Der Teufel tanzt es mit mir“ steht über dem vierten Satz geschrieben. Es ist eine Seelenlandschaft, die nackt und abgründig vor uns liegt. Lange galt die Zehnte als ein unantastbares Fragment, ein Sakrileg für jeden, der versuchte, die Leerstellen zu füllen. Doch Yoel Gamzou, der sich bereits als Siebenjähriger in Mahlers Welt verlor, sah in den Skizzen kein abgeschlossenes Heiligtum, sondern eine drängende Notwendigkeit.
Gamzou, der heute als einer der „radikalsten und kompromisslosesten“ Köpfe der Klassikwelt gilt, hat keine bloße Vervollständigung vorgelegt. Seine Fassung ist eine „Weiterentwicklung“, eine intensive Auseinandersetzung, die den Geist Mahlers nicht konserviert, sondern in die Gegenwart katapultiert. Die Uraufführung 2010 in der Berliner Synagoge Rykestraße war mehr als ein Konzert; es war die Geburtsstunde einer Lesart, die vor der Intensität des Schmerzes nicht zurückschreckt.
Mailand: Die nächste Station einer Obsession
Am 13. Februar 2026 erreicht diese Reise das Auditorio in Mailand. Unter der Leitung des Rekonstrukteurs selbst wird das Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi die italienische Erstaufführung dieser monumentalen Fassung gestalten. Es ist eine Begegnung zweier Welten: Die orchestrale Wucht eines Mailänder Traditionsensembles trifft auf die visionäre Besessenheit eines Dirigenten, der Mahler nicht bloß interpretiert, sondern ihn atmet.
Das Publikum darf ein Werk erwarten, das in seinen fünf Sätzen – vom tief schürfenden Adagio bis zum erschütternden Finale – die Zeit aus den Angeln hebt. Wer sich auf diesen Abend einlässt, begegnet nicht dem Mahler der Postkartenidylle, sondern einem Komponisten, der bereits mit einem Fuß im Jenseits stand, und einem Dirigenten, der diese Erfahrung für uns übersetzt. Es ist Musik, vor deren Intensität man erschrecken mag – und der man sich doch nicht entziehen kann.
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Veranstaltungsseite Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi