Rodion Shchedrin (1932 – 2025)
- By Christopher Peter
- 29.08.2025
„Ich wünsche mir, dass mein Werk als ein Tagebuch meiner Gefühle aufgenommen wird“
Zum Tod des Komponisten Rodion Shchedrin
Der große russische Komponist und Pianist Rodion Shchedrin ist im Alter von 92 Jahren in München gestorben.
Geboren am 16. Dezember 1932 in Moskau hatte Shchedrin als Kind noch die Wirren des 2. Weltkrieges am eigenen Leib erfahren müssen, als seine Familie aus Moskau evakuiert wurde. Er begann seine Arbeit als Komponist unter den nicht immer einfachen Bedingungen in der UdSSR und verschaffte sich bald über Russland hinaus internationale Anerkennung. Mit seiner Heimat, besonders der russischen Kultur und Literatur fühlte er sich lebenslang stark verbunden.
Dass er Musiker wurde, verdankte Shchedrin der Förderung der staatlichen Chorschule, wo Ende der 1930er Jahre seine musikalische Laufbahn begann. Seine späteren Chorkompositionen geben von dieser Verwurzelung Zeugnis und offenbaren darüber hinaus auch eine innige Beziehung zur russisch-orthodoxen Liturgie, die in seiner Familie weitergegeben wurde. 1950 kam der junge Shchedrin ans Moskauer Konservatorium, wo er Komposition bei Jurij Schaporin und Klavier bei Jakow Flier studierte. Er wurde ein herausragender Pianist und schrieb eine große Zahl an Werken für sein Instrument, die er oft selbst uraufführte und später auch auf CD einspielte.
Im Laufe seines Lebens fand Shchedrin viele Freunde und Bewunderer unter den großen Dirigenten und Interpreten. Leonard Bernstein hatte bereits 1968 sein 2. Orchesterkonzert in New York uraufgeführt, später waren es Lorin Maazel und Valery Gergjev, die seine Werke aufführten und neue Stücke bei ihm in Auftrag gaben. Für den Pianisten Olli Mustonen, den Cellisten Mstislaw Rostropovich, den Geiger Maxim Vengarov und den Klarinettisten Jörg Widmann schrieb er virtuose Solokonzerte und filigrane Kammermusik. Insgesamt umfasst seine Werkliste sechs Klavierkonzerte, je ein Konzert für Violine, Viola, Violoncello, Trompete und Oboe sowie mehrere für kombinierte Besetzungen.
Rodion Shchedrin hinterlässt der Nachwelt auch eine Reihe von faszinierenden Opern. Mit Die toten Seelen (1976), Lolita (1992), The Enchanted Wanderer (2002) und Levsha (2012/13) brachte er große Literatur, vor allem aber anrührende menschliche Schicksale auf die Bühne. „Nach meiner Vorstellung sollte die Körpertemperatur eines Opernbesuchers im Verlauf der Vorstellung höher als normal sein – etwa 39,7° Celsius!“ war sein Credo. Seine Stoffe entnahm Shchedrin gerne der klassischen russischen Literatur – Tschechow, Gogol, Tolstoi waren die Dichter, die er bewunderte. Überhaupt hatte er ein Gespür für literarische Texte: »Ich hatte immer eine ehrfürchtige Beziehung zur Poesie. Sie hat mich verzaubert, aufgewühlt, berührt«.
Verzaubert hatte ihn auch eine Frau, die er bei der Arbeit zu seiner ersten Ballettkomposition kennengelernt hatte. 1958 heiratete Rodion Shchedrin die legendäre Primaballerina des Moskauer Bolschoi Theaters Maya Plisetskaya, für die er insgesamt fünf Ballette schrieb. Carmen-Suite (1967), Anna Karenina (1985) und Dame mit Hündchen (1985) sind Zeugnisse der wunderbaren Verbindung dieser beiden Ausnahmekünstler. Noch im hohen Alter bekundete Shchedrin in rührender Weise öffentlich seine Liebe zu Maya.
Als Virtuose der Orchesterbehandlung schuf Shchedrin neben drei Sinfonien auch sechs Konzerte für Orchester, die programmatische Titel tragen, sowie mehrere kleinere Werke für Kammer- und großes Orchester. Shchedrin verwendete gern den Begriff „Musikmalerei“ und gab seinen Variationen für Orchester (1984) sogar den Titel Selbstporträt. In seinem Orchesterwerk Dialoge mit Schostakowitsch (2001), in denen die Monogramme der beiden Komponistennamen (DSCH und SHCHED) als Tonfiguren erscheinen, setzte er seiner Freundschaft mit dem großen Komponisten ein Denkmal.
1973 war Shchedrin auf Bitten Schostakowitschs hin dessen Nachfolger als Vorsitzender des russischen Komponistenverbandes geworden – erstaunlich, war er doch nie in die Kommunistische Partei eingetreten. „Das Leben in der Sowjetunion bedeutete immer, dass man Kompromisse machen musste. Ständig, bei Kleinigkeiten, manchmal auch bei wichtigeren Angelegenheiten. Aber was mein künstlerisches Schaffen angeht, da gab es für mich nie Kompromisse“. Nicht nur, dass er unbeirrt seine Werke schuf, Shchedrin eckte durchaus auch politisch an. 1963 rehabilitierte er durch einen Artikel in der Zeitung Prawda Dimitrij Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk, die 27 Jahre zuvor durch den berüchtigten Artikel „Chaos statt Musik“ in der gleichen Zeitung verunglimpft und in der Folge von der Bühne verbannt worden war. Als 1968 sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten, weigerte sich Shchedrin, einen offenen Brief zu unterzeichnen, der diese Aktion rechtfertigen sollte.
Nach der Perestroika lebte Shchedrin abwechselnd in München und Moskau. Seit 1993 verband ihn eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Schott Music. In dieser Periode entstanden über 60 Werke. In seiner Autobiographie „Was geschrieben ist, ist unantastbar“, in der er auf Jahrzehnte seines erfüllten Lebens als Komponist zurückblickt, erweist sich Rodion Shchedrin auch als prägnanter Erzähler. Als Komponist wollte Shchedrin stets den Kontakt zu einem größeren Publikum behalten und die Menschen mit seiner Musik direkt berühren. Dies ist ihm in seiner russischen Heimat und auf der ganzen Welt immer wieder gelungen. Sein Freund Lorin Maazel wusste den Grund: „Die kunstfertige Raffinesse seiner Tonsprache führt uns in die Tiefen seiner funkelnden Musik, die von Scharfsinn, Ironie, Humor, Lebensfreude und echter Komik erfüllt ist“.
Rodion Shchedrin starb am 29.08.2025 in München. Mit ihm verliert die Musikwelt eine ihrer interessantesten Stimmen, in der sich russische Tradition und westliche gemäßigte Avantgarde auf reizvolle Weise miteinander verbanden. Wir gedenken Rodion ebenso wie Maja in Bewunderung; beide haben uns unvergessliche Kunsterlebnisse ermöglicht und uns mit ihrer Freundschaft beschenkt.
Foto: Peter Andersen