Werk der Woche – Harald Weiss: Darkness Project
- 15.06.2026
Mit dem Darkness Project bündelt Harald Weiss ein zentrales Motiv seines kompositorischen Denkens: die Auseinandersetzung mit Dunkelheit, Stille und existenziellen Übergangszuständen. Über einen Zeitraum von rund fünfzehn Jahren entstanden, ist das Projekt weniger als einzelnes Werk denn als offener Werkzusammenhang zu verstehen – ein musikalischer Denkraum, in dem sich Nacht und Licht, Verstummen und Klang, Endlichkeit und Hoffnung gegenseitig durchdringen.
Der Anlass des aktuellen Werks der Woche ist die Uraufführung des Darkness Project am 21. Juni 2026 in der Kulturkirche St. Stephani in Bremen mit der Bremer Kantorei. Unter der Leitung von Tim Günther wird das Projekt erstmals in einer neuen Zusammenstellung präsentiert, ergänzt durch das Orgelwerk Gebet, ein Fragment aus dem Streichquartett Stille Mauern. Der Aufführungsort ist dabei mehr als ein Rahmen: Die Weite des Kirchenraums, sein Nachhall und seine historisch aufgeladene Stille bilden einen Resonanzkörper, den Weiss von Beginn an mitkomponiert hat.
Im Zentrum des Darkness Project steht keine narrative Dramaturgie im herkömmlichen Sinn. Vielmehr entfaltet sich eine Folge musikalischer Zustände, die das Hören selbst in den Fokus rücken. Langsame Tempi, reduzierte Dynamik und ein bewusster Umgang mit Pausen und Verklingen prägen die Klangsprache. Weiss arbeitet mit dem Moment des Übergangs: zwischen Klang und Stille, Wahrnehmung und innerem Nachhören, Präsenz und Erinnerung. Dunkelheit erscheint dabei nicht als Bedrohung, sondern als Voraussetzung für Sensibilisierung – als Raum, in dem sich Wahrnehmung vertieft und Zeit dehnt.
Zwischen Klang und Verklingen
Die einzelnen Werke, die dem Darkness Project zugeordnet sind, entstanden für sehr unterschiedliche Besetzungen: von kammermusikalischen Formaten wie Stille Mauern über das fragmentarische Gebet bis hin zu groß angelegten Chor‑ und Ensemblewerken. Trotz dieser Vielfalt verbindet sie eine gemeinsame ästhetische Haltung. Weiss vermeidet vordergründige Effekte und setzt stattdessen auf das genaue Hinhören. Klang wird nicht entwickelt, um sich zu entfalten, sondern um sich wieder zurückzunehmen. Gerade in den leisen, fast unbewegten Passagen entsteht eine besondere Intensität, die den Raum selbst zum Mitspieler macht.
Das im Konzert zusätzlich erklingende Gebet verdeutlicht diesen Ansatz exemplarisch. Als Fragment aus dem Streichquartett Stille Mauern herausgelöst und später für Orgel erweitert, verdichtet es die Grundidee des Projekts: langsames Fortschreiten, leise Dynamik, Konzentration auf einen schwebenden Klangzustand. Die Musik sucht keinen Höhepunkt, sondern eine Haltung des Innehaltens. In der kirchlichen Akustik wird dieses Prinzip nicht verstärkt, sondern vertieft – der Nachhall wird Teil der musikalischen Aussage.
Im Gesamtwerk von Harald Weiss markiert das Darkness Project eine Phase der bewussten Reduktion und Rückbindung. Nach frühen experimentellen Arbeiten und großformatigen Musiktheaterprojekten wendet sich Weiss hier einer Klangsprache zu, die Tradition nicht zitiert, sondern vorsichtig freilegt. Die Beschäftigung mit existenziellen Themen – Tod, Loslassen, Stille – ist dabei nie illustrativ, sondern stets klanglich gedacht. Texte, wo sie vorkommen, werden nicht kommentiert, sondern in Schwingung übersetzt.
Gerade in der heutigen Gegenwart gewinnt dieses Projekt neue Relevanz. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung und Beschleunigung setzt das Darkness Project einen bewussten Gegenakzent. Es fordert keine Aufmerksamkeit ein, sondern lädt zur Konzentration ein. Die Uraufführung in Bremen macht deutlich, dass dieses Werk nicht abgeschlossen ist, sondern sich immer wieder neu formiert – im Raum, im Moment, im Hören.
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Aufführungsseite (Uraufführung, Kulturkirche St. Stephani Bremen)
Werkseite Darkness Project mit Online-Partitur
Komponistenprofil Harald Weiss
Illustration: Joachim Giesel (Foto Harald Weiss), Hintergrund erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz