"Die Innere Stimme ist schon da" - Ein Interview mit Martin Jacobsen
- By Patrick Hinsberger
- 22.04.2025
Wie findet man seine eigene Stimme im Jazz? Martin Jacobsen erzählt, wie Kind of Blue seine musikalische Reise ins Rollen brachte, was ihm Fehler auf der Bühne beigebracht haben – und warum eine begrenzte Technik manchmal ein Vorteil sein kann. Im Interview spricht er über autodidaktisches Lernen in Kopenhagen, Jazz als Hörtradition und darüber, was Musiker:innen aus seinen Büchern Let’s Speak Jazz und Let’s Play Jazz mitnehmen können. Eine inspirierende Lektüre über Intuition, Freiheit – und das Vertrauen in den eigenen Weg.
„Ich habe den Old-School-Weg gewählt und mir ein Saxophon-Vorbild gesucht“
Du bist seit vielen Jahren als Saxophonist in der Jazzszene aktiv. Kannst du uns etwas über deinen musikalischen Werdegang erzählen und darüber, wie du den Jazz entdeckt hast?
Ich hatte das Glück, in Kopenhagen aufzuwachsen – eine der bedeutendsten Jazzmetropolen Europas in den 1980er-Jahren. Den Jazz habe ich in meinen Oberstufenjahren entdeckt, als ich Miles Davis’ Jazz-Rock-Bands live und auf Platte hörte. Ich hatte keine musikalische Vorbildung außer ein wenig klassischem Klavierspiel und wusste nichts über Jazz.
Aber mein Interesse an Miles Davis’ Musik führte mich in einige fantastische Jazz-Plattenläden in Kopenhagen, und eines Tages kam ich mit Kind of Blue nach Hause. Ich war fasziniert von John Coltranes und Cannonball Adderleys Spiel auf diesem Album.
Diese frühe Begeisterung für Jazz brachte mich auch ins legendäre Jazzhus Montmartre in Kopenhagen, wo ich Musiker wie Wayne Shorter, Michael Brecker, Bob Berg, Herbie Hancock, Elvin Jones, Tony Williams und viele großartige Musiker der lokalen Szene erleben konnte. Mit 18 Jahren ging ich schließlich in ein Musikgeschäft und mietete mein erstes Saxophon.
Damals gab es in Dänemark noch keine formale Jazz-Ausbildung. Abgesehen von ein paar Privatstunden habe ich den Jazz also gewissermaßen „von der Straße“ gelernt. Aber Kopenhagen war ein Jazz-Universitätscampus für sich – es war einfach, andere, erfahrenere Musiker zu finden, mit denen man spielen und von denen man lernen konnte. Viele Saxophonist:innen waren sehr großzügig darin, ihr Wissen mit mir zu teilen und mich zu begleiten.
Da es keine formale Jazz-Ausbildung in Dänemark gab, habe ich mich an den klassischen Weg gehalten: Ich habe mir ein oder zwei Saxophon-Helden gesucht und versucht, von ihnen zu lernen. Ich hörte und kopierte frühe Aufnahmen von Sonny Rollins und Charlie Parker (soweit das technisch möglich war!) – und ganz besonders Coltrane aus den mittleren 1950er-Jahren. Später wurde Dexter Gordon ein großer Einfluss, der fünfzehn Jahre in Kopenhagen lebte – sein Geist war in der Szene dort noch spürbar.
Die Alben, die mich am stärksten beeinflusst haben, waren vor allem die Aufnahmen des Miles Davis Quintet von 1956 (Cookin’, Workin’, Steamin’, Relaxin’ und ’Round About Midnight), sowie Coltranes Blue Train von 1957 (der Pianist auf diesem Album, Kenny Drew, lebte in Kopenhagen – ich hatte das Glück, ihn zu treffen und mit ihm über Coltrane und Miles Davis zu sprechen). Dazu kamen Coltranes Aufnahmen beim Label Prestige. Später kamen natürlich auch Dexter Gordons Blue-Note-Alben und seine zahlreichen Live-Aufnahmen aus dem Jazzhus Montmartre hinzu – viele davon wurden beim dänischen Label SteepleChase veröffentlicht, das später auch mein erstes Album herausgebracht hat.
„Jazz ist vor allem eine Hörtradition“
Wie würdest du deine persönliche Herangehensweise an Improvisation beschreiben? Was unterscheidet deinen Ansatz von anderen?
Da ich größtenteils Autodidakt bin, basierte mein Ansatz auf Ratschlägen anderer Musiker:innen und dem, was man auf LPs oder in wenigen Jazz-Methodenbüchern finden konnte – besonders hilfreich war Patterns for Jazz von Jerry Coker. Ich habe früh verstanden, dass viele meiner Vorbilder und Kolleg:innen in Kopenhagen auch keine formale Ausbildung hatten und auf ähnliche Weise gelernt hatten. Das fühlte sich damals einfach richtig an.
Wie ich auch in meinem Buch Let’s Speak Jazz erkläre: Jazz ist vor allem eine Hörtradition – wir lernen durch Zuhören und Nachahmen, ähnlich wie beim Spracherwerb. Ich glaube nicht, dass sich mein Ansatz zu dieser Zeit von anderen unterschied.
Von der Theorie zur Praxis: Was steckt in Let’s Speak Jazz und Let’s Play Jazz?
2018 erschien dein erstes Buch bei Schott Music: Let’s Speak Jazz. Was können Saxophonist:innen vom neuen Buch Let’s Play Jazz erwarten? Bauen die beiden Bücher aufeinander auf?
Mein neues Buch ist eine sorgfältig aufgebaute, praxisnahe Methode, die Saxophonist:innen Schritt für Schritt durch die Improvisation führt – einfach und logisch. Es enthält auch Audio-Dateien zum Mitspielen, sodass sich die Übungen direkt anwenden lassen.
Let’s Speak Jazz ist ein Handbuch, das grundlegende Informationen vermittelt, die in vielen Jazz-Methoden fehlen – etwa zu Ton, Timing, Artikulation, Gehörbildung, Transkription oder Übestrategien. Es legt den Fokus auf das wirklich Wesentliche für angehende Jazzsaxophonist:innen.
Die beiden Bücher gehören definitiv zusammen: Let’s Speak Jazz als erklärendes Handbuch mit Beispielen, Let’s Play Jazz als Übungsbuch mit praktischen Übungen und Play-Alongs.
„Technik ist nur ein Mittel zum Zweck – nicht das Ziel“
Improvisation erfordert technisches Können – aber auch emotionale Ausdruckskraft. Wie findest du die Balance zwischen beidem?
Das ist eine Frage von Erfahrung und Geschmack, denke ich. Technik sollte immer nur Mittel zum Zweck sein – niemals Selbstzweck. Früh in meinem Studium war ich beeindruckt von der unglaublichen Technik eines Charlie Parker oder John Coltrane – aber diese Künstler haben ihre Virtuosität nie über die musikalische Aussage gestellt. Das war eine wichtige Lektion für mich.
Technik ist nur ein Werkzeug – und gerade unsere Grenzen können unsere Ausdrucksweise definieren. Weniger Technik zu haben ist nichts Negatives – es führt nur zu anderen Ausdrucksformen. Der junge Miles Davis wollte wie sein Idol spielen, konnte es aber nicht – und wurde dadurch zu Miles Davis!
Ein Blick in deine Übepraxis
Wie sieht deine tägliche Übepraxis aus, um sowohl Technik als auch Kreativität weiterzuentwickeln? Welche Übungen würdest du jungen Musiker:innen empfehlen?
Meistens arbeite ich an Repertoire für bevorstehende Auftritte, aber ich versuche, das mit technischen Herausforderungen am Instrument zu verbinden. Je besser meine Technik ist, desto mehr Freiheiten habe ich im Spiel. Ich verbringe jeden Tag Zeit damit, Ideen in alle Tonarten zu transponieren – das ist nicht nur für die Improvisation wichtig, sondern auch ein gutes Gehirntraining und hilft, das ganze Instrument zu erforschen.
Ich empfehle, täglich Tonleitern und Patterns zu üben – und vor allem langsam zu üben und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die verbessert werden müssen. Fortschritte kann man gut dokumentieren, indem man gelegentlich mit Metronom übt oder Aufnahmen macht. In meinem Buch Let’s Speak Jazz zeige ich, wie man Skalen und Patterns sinnvoll übt und das Üben strukturiert.
Wie gestaltest du deine Improvisation im Ensemble? Gibt es Strategien, um spontan auf andere zu reagieren?
Man kann im Jazz eigentlich keine feste Strategie haben. Ich verlasse mich auf meine Erfahrung, mein Gehör, meine Fähigkeiten – und meine Intuition. Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zuhören und Präsenz im Moment – das sind die wichtigsten Elemente, die man auf die Bühne mitbringen kann.
Was komplexe Harmonien einfacher – und einfache schwerer macht
Viele Musiker:innen tun sich mit komplexen harmonischen Strukturen schwer. Wie gehst du an solche Herausforderungen heran?
Tatsächlich finde ich einfache Harmonien oft schwieriger – weil sie mehr Kreativität erfordern. Komplexe Strukturen bieten dagegen ein klareres Gerüst für Improvisation.
Natürlich braucht man dafür die sogenannte „Instant Recall“ – also die Fähigkeit, sich sofort im harmonischen Raum zurechtzufinden. Das beschreibe ich auch in Let’s Speak Jazz. Man kann dann entweder melodische (horizontale) oder harmonische (vertikale) Linien entwickeln. Ich analysiere die Akkordstruktur dabei nicht nur am Saxophon, sondern auch am Klavier – das hilft mir, sie besser zu verstehen.
„Jazz ist eine universelle Sprache ohne Grenzen“
Du hast in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet. Haben dich kulturelle Unterschiede musikalisch beeinflusst – besonders in der Improvisation?
Ich glaube nicht, dass mich kulturelle Unterschiede oder geografische Orte wirklich beeinflusst haben. Jazz ist eine universelle Sprache ohne Grenzen. Ich spiele mit Musiker:innen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen – und wir sprechen dieselbe Sprache: Jazz. Das ist die Schönheit dieser Kunstform.
Improvisation bedeutet auch, Fehler zu machen. Gab es Momente, in denen ein Fehler dein Spiel in eine überraschende Richtung gelenkt hat?
Auf professioneller Ebene sind Fehler oft keine echten „Fehler“. Ich würde eher von falschen Entscheidungen oder kleinen Unstimmigkeiten sprechen, die meist nur der Solist bemerkt – manchmal auch die anderen Musiker:innen.
Das passiert sehr schnell und kann das Solo für einen Moment in eine neue Richtung führen. Wir sind Menschen – und auch unsere Soli sind nicht perfekt. Ich begrüße solche Momente und verlasse mich auf mein eigenes Vertrauen und das Zusammenspiel mit der Rhythmusgruppe.
Natürlich gibt es auch echte Patzer – wenn man zum Beispiel die Form verliert, die Melodie vergisst oder den Rhythmus verpasst. Dann ist es das Beste, kurz innezuhalten und dem Ohr zu vertrauen, bis man wieder ins Spiel findet.
„Die eigene Stimme ist schon da“
Was würdest du jungen Musiker:innen raten, die ihre eigene Stimme in der Jazzimprovisation finden wollen? Gibt es etwas, das du gern früher gewusst hättest?
Wir sind alle verschieden – und junge Musiker:innen sollten keine Angst haben, ihre eigene Stimme nicht zu finden. Sie ist bereits da. Selbst wenn wir andere imitieren, klingen wir nie gleich – allein schon durch unsere Anatomie (Lippen, Zunge, Kehlkopf etc.).
Ich glaube, ein Grund, warum Saxophonist:innen früher oft so unterschiedlich klangen, ist, dass sie mehr gespielt als gehört haben – weil es damals keinen Zugang zu Aufnahmen, Streaming usw. gab. Art Blakey sagte einmal, dass er keine Platten hörte – und deshalb einfach seinen eigenen Stil entwickelte. Das ergibt Sinn.
Es ist auch wichtig, stilistische Entscheidungen zu treffen – und bewusst zu wählen, welche „Zutaten“ man ins eigene Spiel aufnimmt.
Natürlich gibt es viele Dinge, die ich im Nachhinein gern früher gewusst hätte – etwa durch ein Jazzstudium. Aber wenn man den schwierigen Weg geht, macht man eigene Entdeckungen. Man findet auf diese Weise heraus, was wirklich zählt.
