Werk der Woche – Anthony Davis: Pancho Rabbit and the Coyote
- By Christopher Peter
- 11.01.2026
Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist weit mehr als eine Linie auf der Landkarte – sie ist ein hochemotionaler Raum, in dem politische Härte auf tiefe kulturelle Verbundenheit trifft. Am 17. Januar 2026 wird dieser Raum im Southwestern College Performing Arts Center in Chula Vista zur Bühne für ein außergewöhnliches Musiktheaterprojekt: Die Uraufführung von Anthony Davis’ Kammeroper Pancho Rabbit and the Coyote. Das Werk übersetzt die oft entmenschlichte Debatte über Migration in die zeitlose Form einer Tierfabel und richtet sich explizit an ein zweisprachiges Publikum auf beiden Seiten der Grenze.
Ein Kaninchen überwindet Grenzen: Von der Bilderbuch-Fabel zur Opernbühne
Die Grundlage für die Oper bildet das preisgekrönte Kinderbuch von Duncan Tonatiuh aus dem Jahr 2013. Tonatiuh, der in Mexiko und den USA zu Hause ist, erzählt darin die Geschichte des jungen Kaninchens Pancho, das sich auf die gefährliche Suche nach seinem Vater macht. Dieser war zwei Jahre zuvor nach Norden aufgebrochen, um auf den Feldern Geld für die Familie zu verdienen. Die Geschichte ist eine komplexe Allegorie auf das Schicksal undokumentierter Migranten: Der "Coyote" ist hier nicht nur ein Tier, sondern auch die Bezeichnung für die zwielichtigen Schleuser, die für ihre Hilfe oft einen grausamen Preis verlangen.
Anthony Davis: Eine Stimme für soziale Gerechtigkeit

Mit Anthony Davis übernimmt einer der profiliertesten Komponisten der Gegenwart den Stoff. Davis, der 2020 für The Central Park Five den Pulitzer-Preis erhielt, hat die Oper in den USA als Medium für politische Analyse und soziale Gerechtigkeit neu definiert. Sein Stil ist eine virtuose Synthese aus klassischer Tradition, Jazz, Blues und Hip-Hop. Für Pancho Rabbit schuf er eine Partitur, die zwischen filmreifer Spannung und lyrischen Arien wechselt. Dabei nutzt er eine hybride Instrumentierung: Marimba und Vibraphon treffen auf Trompeten und Akkordeon, um die Klangwelt der Grenzregion zwischen Norteño-Musik und Rock einzufangen.
Binationale Identität und magischer Realismus
Die Oper ist konsequent bilinguell angelegt. Das Libretto von Allan Havis und die spanischen Texte von Laura Fuentes lassen Englisch, Spanisch und den typischen Grenzjargon fließend ineinander übergehen. Davis selbst beschreibt das Werk als "magisch" und "surreal" – in der Tradition von Prokofjews Peter und der Wolf oder Orwells Farm der Tiere. Besonders eindrücklich ist die visuelle und symbolische Ebene: Ein Kinderchor verkörpert Monarchfalter, die jedes Jahr ohne Rücksicht auf politische Grenzen wandern, während die Hauptfiguren oft Doppelrollen übernehmen, die Naturphänomene wie den "Fluss" oder den gefährlichen "Tunnel" personifizieren.
Das Team der Uraufführung
Hinter der Produktion steht die Organisation Bodhi Tree Concerts, die Musik als Mittel für gesellschaftlichen Wandel begreift. Regie führt der aus Guadalajara stammende Octavio Cardenas, der für seine viszeralen und physischen Inszenierungen bekannt ist. In den Hauptrollen glänzen die mexikanische Sopranistin Mariana Flores Bucio als Pancho und der vielseitige Tenor Victor Ryan Robertson als Coyote – ein Sänger, der bereits in Davis’ Malcolm X an der Met Erfolge feierte. Nach der Premiere in Kalifornien wird das Werk am 31. Januar 2026 in Tijuana gezeigt, was den binationalen Charakter dieses Projekts unterstreicht.
Mehr erfahren:
Pancho Rabbit and the Coyote: Werkseite
Veranstaltungsseite panchorabbit.org
Anthony Davis: Komponistenprofil
Illustration erstellt mithilfe künstlicher Intelligenz; Foto Anthony Davis: Michelle Zousmer