Zwei Frauen, ein Auftrag: Wie deutsche Weihnachtslieder weltberühmt wurden
- By Julia Gerber
- 11.08.2025
Catherine Winkworth
Im Auftrag der Frauenbildung und der deutschen Kirchenmusik in Großbritannien
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Catherine Winkworth (1827–1878) gilt als eine der bedeutendsten Vermittlerinnen deutscher Kirchenmusik im viktorianischen England. Ihre Übersetzungen wie „From Heaven Above“ (Vom Himmel hoch, Martin Luther) oder „Ah wounded Head! Must Thou“ (O Haupt voll Blut und Wunden, Paul Gerhardt) finden sich bis heute in vielen englischen Gesangbüchern. Winkworth war überzeugt, dass die Musik und Theologie deutscher Choräle eine wertvolle Bereicherung für die englischsprachige Kirche sei und hatte den Mut, dies mit eigenen Übersetzungen zu untermauern. Geboren in London und aufgewachsen in Manchester, erhielt sie als Tochter eines erfolgreichen Kaufmanns eine fundierte Ausbildung – sowohl philosophischen als auch religiösen Inhalts. Bereits in jungen Jahren entwickelte Winkworth ein starkes Interesse an deutscher Sprache und Literatur. Während ihres Auslandjahrs in Dresden richtete sich ihr Augenmerk jedoch bald auf die deutsche Kirchenmusiktradition. Was sie faszinierte, war die spirituelle Tiefe und poetisch-musikalische Kraft dieser Lieder. Diese Kunstform im englischsprachigen Raum zu verbreiten, wurde zu ihrer Lebensaufgabe. 1854 veröffentlichte sie ihre erste Sammlung ausgewählter Kirchenlieder mit singbaren englischen Übersetzungen unter dem Titel Lyra Germanica: Hymns for the Sundays and Chief Festivals of the Christian Year. Das Buch wurde unmittelbar zum Erfolg – weitere sollten folgen. In einer Zeit, in der Frauen im kulturellen Leben oft marginalisiert wurden, war dies durchaus bemerkenswert. |
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Doch Winkworth war nicht nur Übersetzerin. Sie engagierte sich auch für die Förderung der Frauenbildung in Großbritannien. So war sie Geschäftsführerin der Clifton Association for Higher Education for Women und ein Mitglied des Cheltenham Ladies' College. Ebenso war sie Direktorin der Red Maids’ School in Westbury-on-Trym in Bristol.
In beiden Tätigkeitsbereichen spiegelte sich ihr humanistisches Weltbild wider: Bildung, Kultur und Glaube sollten allen zugänglich sein. Sie war Teil einer breiteren Bewegung viktorianischer Frauen, die sich u.a. mit Kirchenmusik(-vermittlung) beschäftigten – häufig unbeachtet, aber dennoch wirkungsvoll.
Natalia Macfarren
Von Lübeck nach London – Wie Natalia Macfarren deutsche Musik in England etablierte
Natalia Macfarren (1826–1916), geboren in Lübeck als Clarina Thalia Andrae und bald darauf mit den Eltern nach England migriert, ist besonders durch ihre Übertragungen deutscher Opernlibretti ins Englische hervorgetreten. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Wagner-Übersetzungen (u.a. Lohengrin und Tannhäuser), die sie erstmals einem englischsprachigen Publikum zugänglich machte. Auch zahlreiche italienische Opern, wie Mozarts Don Giovanni oder Verdis La Traviata erhielten durch ihre Übersetzung einen englischen Text. Ihre Übersetzungen zeichnen sich durch eine präzise sprachliche Anbindung an die Melodie aus – eine Qualität, bei der ihr ihre fundierte Ausbildung als Altistin an der Royal Academy of Music zugutekam.
Neben Operntexten übertrug sie auch Lieder (Brahms, Dvořák) und geistliche Werke, insbesondere Chormusik, ins Englische. Wie Catherine Winkworth trug auch sie maßgeblich dazu bei, dass deutsche Musikliteratur im viktorianischen Großbritannien als integraler Bestandteil der eigenen Kultur Fuß fassen konnte.
Natalia Macfarren blieb bis ins hohe Alter musikalisch aktiv. Ihre Arbeit wurde zu Lebzeiten geschätzt, aber – wie bei vielen Frauen jener Zeit – nie in dem Maße gewürdigt, wie sie es verdient hätte. Heute wird ihr Beitrag zur interkulturellen Musikvermittlung zunehmend wiederentdeckt und anerkannt.
Ein Erbe, das weiterklingt
Diese Pionierinnen haben nicht nur Liedtexte übersetzt – sie haben durch ihre Arbeit Verbindungen geschaffen, die bis heute Bestand haben. In einer Welt, die damals wie heute von Spannungen geprägt ist, wirken ihre Übersetzungen wie kleine Friedensbotschaften.
Genau dieses Vermächtnis greift der erste Band der neuen Reihe VocaTre Merry Christmas für dreistimmigen Chor (SAB) a cappella auf. Er versammelt deutsche und englische Weihnachtslieder, die größtenteils von Winkworth, Macfarren und ihren Zeitgenossen in die andere Sprache übertragen wurden und lädt Chöre ein, musikalische Brücken zwischen Kulturen zu schlagen.
Catherine Winkworth und Natalia Macfarren haben uns gezeigt, wie Musik Grenzen überwinden kann, wenn sie in der jeweiligen Landessprache vorgetragen wird. Ihre Stimmen hallen wider – in zahlreichen Gesangbüchern und in jedem Weihnachtslied, das heute in einer Fremdsprache gesungen wird. Mit Ausgaben wie Merry Christmas setzen wir dieses Erbe in Konzerten und festlichen Gottesdiensten fort: mit einem Wunsch, den alle Sprachen verstehen – Peace on Earth.
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