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Schlaf- und Wiegenlieder in Deutschland und der Welt

Eine Frau beugt sich liebevoll über ein Baby in einer Wiege neben dem Bett in einem sonnendurchfluteten Schlafzimmer.

Ein leises Lied am Bettchen, eine vertraute Stimme, ein schaukelnder Rhythmus – Schlaflieder sind weit mehr als ein Einschlafritual. Seit Jahrhunderten singen Eltern Wiegenlieder, um ihre Kinder zur Ruhe zu bringen, Nähe zu schaffen und das Einschlafen zu erleichtern. Ob in Deutschland, der Türkei oder Japan – die Form mag variieren, doch die Wirkung ist universell: Schlaflieder beruhigen, verbinden und begleiten.

Die Wirkung von Schlafliedern auf Babys und Kleinkinder

Schlaflieder senken nachweislich das Stressniveau bei uns Menschen. Der beruhigende Effekt ist sogar stärker, wenn gesungen und nicht nur gesprochen wird – selbst dann, wenn das Lied in einer fremden Sprache erklingt. Die Musik reguliert die Emotionen des Kindes, fördert die Entwicklung von Selbstberuhigung und stärkt die Bindung zur Bezugsperson.

Der positive Effekt von Musikhören vor dem Einschlafen konnte kürzlich auch in einer Studie mit erwachsenen Frauen, die an Schlaflosigkeit leiden, nachgewiesen werden.

Entstehungsgeschichte deutscher Wiegenlieder

Deutsche Schlaflieder blicken auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Erste schriftliche Zeugnisse finden sich im Spätmittelalter, doch die heute bekannten Klassiker stammen vor allem aus der Zeit der Romantik:

  • „Schlaf, Kindlein, schlaf“ – volkstümlich überliefert, seit dem 18. Jahrhundert belegt

  • „Guten Abend, gut’ Nacht“ – das berühmte Brahms-Wiegenlied von 1868

  • „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ – ursprünglich ein Abendlied, oft als Einschlaflied gesungen

Komponisten wie Johannes Brahms, Franz Schubert oder Engelbert Humperdinck komponierten eigene Kunstlieder im Stil des Wiegenlieds. Gleichzeitig wurden volkstümliche Schlaflieder durch Sammlungen wie Des Knaben Wunderhorn überregional verbreitet.

 


 

Notenseite

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Schlaflieder weltweit: Ein Blick über den Tellerrand

Frankreich – Sanfte Berceuses

In Frankreich heißen Wiegenlieder Berceuses. Genau wie in Deutschland werden sie traditionell von Eltern oder Großeltern vorgesungen, um Kinder in den Schlaf zu wiegen. Französische Schlaflieder betonen meist Sanftheit und Geborgenheit. Ein bekanntes Beispiel ist „Fais dodo, Colas mon petit frère“, in dem dem Kind versprochen wird, dass es etwas Leckeres (Milch, Kuchen etc.) bekommt, wenn es schön schläft. 

Ein typisches französisches Wiegenlied aus der Bretagne ist „Dors mon enfant“ (Schlafe, mein Kind). Die französische Musikkultur kennt auch künstlerische Berceuses: Komponisten wie Gabriel Fauré oder Claude Debussy haben instrumentale Berceuse-Stücke geschrieben, die von der Wiegenlied-Stimmung inspiriert sind. Insgesamt unterscheiden sich französische Wiegenlieder in Funktion und Atmosphäre kaum von den deutschen – Intention und Wirkung sind gleich: dem Kind liebevoll Ruhe schenken.

 

Großbritannien & USA – Zwischen Klassik und Kuriosität

Im englischsprachigen Raum sind Lullabies tief verwurzelt, von traditionellen Nursery Rhymes bis zu modernen Schlafliedern. In Großbritannien gehört „Rock-a-bye Baby“ (ursprünglich Hush-a-bye Baby, 18. Jh.) zu den bekanntesten Wiegenliedern. Trotz seiner beruhigenden Melodie enthält der Text die warnende Bildsprache vom fallenden Baby auf dem Baumwipfel. Solche scheinbar grausamen Bilder stammen aus früheren Jahrhunderten – möglicherweise symbolisierten sie gesellschaftliche Kommentare oder sollten (laut einer alten Anmerkung) „als Warnung für die Stolzen dienen, die zu hoch hinauswollen“. Daneben gibt es im Englischen aber auch vollkommen harmlose Schlaflieder: „Twinkle, Twinkle, Little Star“ (bekannt seit dem 19. Jh.) mit seinem funkelnden Sternenhimmel ist weltweit beliebt.

In den USA entstand eine Reihe eigener Wiegenlieder, teils beeinflusst von europäischen Einwanderern, teils aus afroamerikanischer Tradition. „Hush, Little Baby“ (Appalachian folk, USA) ist ein Lullaby, in dem die Mutter dem Kind nacheinander Geschenke verspricht – vom Mockingbird bis zur Pferdekutsche – solange es ruhig bleibt. Dieser Belohnungsstil steht im Gegensatz zu den Drohungen mancher nordeuropäischen Wiegenlieder. 

 

Türkei – Emotionales Erzählen im Ninni

In der Türkei werden Wiegenlieder Ninni genannt. Sie sind ein wichtiger Teil der mündlichen Tradition und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Türkische Wiegenlieder zeichnen sich durch große inhaltliche Vielfalt aus: Sie thematisieren Wünsche, Lob, Leid, Legenden oder religiöse Gefühle gleichermaßen. So gibt es Ninnis, in denen Eltern dem Kind Glück und Gesundheit wünschen, andere preisen das schöne Baby, wieder andere enthalten traurige Klagen oder greifen auf Motive aus Volkserzählungen zurück. Nicht selten fließen auch Anrufungen Gottes (Allah) oder Segenswünsche ein, was die religiöse Verwurzelung vieler türkischer Familien widerspiegelt.

Ein sehr bekanntes türkisches Wiegenlied ist „Dandini dandini dastana“, das nahezu überall in der Türkei gesungen wird.

 

Japan – Komoriuta mit Melancholie

Japanische Wiegenlieder, Komoriuta genannt, haben eine lange Tradition, die oft an regionale Volkslieder gebunden ist. „Komori“ bedeutet eigentlich „Kinderhüten“ – was darauf hindeutet, dass solche Lieder nicht nur von Müttern, sondern auch von Kindermädchen oder älteren Geschwistern gesungen wurden. Tatsächlich stammt ein berühmtes japanisches Wiegenlied, das „Takeda no Komoriuta“, aus dem Umfeld junger Kindermädchen im ländlichen Japan.

 

Afrika & indigene Kulturen – Gemeinsames Ritual

In den vielfältigen Kulturen Afrikas gibt es unzählige eigene Wiegenlied-Traditionen. Obwohl hier kaum alle Regionen über einen Kamm zu scheren sind, lassen sich einige generelle Beobachtungen machen. In vielen afrikanischen Gemeinschaften werden Wiegenlieder im Kollektiv gepflegt: Das Singen für die Kinder ist oft nicht allein Aufgabe der Mutter. Beispielsweise ist es in manchen ost- und westafrikanischen Stämmen üblich, dass Frauen in Gruppen abends zusammen Wiegenlieder anstimmen.

Schlaflieder sind keine Nebensache. Sie verbinden Generationen, Kulturen und Herzen. Sie helfen beim Einschlafen, beim Abschalten – und beim Zusammenwachsen. Ihre Wirkung ist wissenschaftlich belegt, ihre Geschichte tief verwurzelt. Ob traditionell oder modern, leise gesungen oder gespielt: Ein Schlaflied ist immer ein Akt der Zuneigung – in Deutschland wie überall auf der Welt.

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