• Qualität seit über 250 Jahren
  • Über 350 Partnerhändler weltweit
  • Sicher einkaufen mit Trusted Shop

Tagged with 'Concertgebouw Amsterdam'

Werk der Woche - Thomas Larcher: Chiasma

Im Rahmen der Festwochen zum Amtsantritt des neuen Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons und dem 275. Geburtstag des Orchesters erwartet uns am 15. März in Leipzig ein ganz besonderes Konzert: Unter der Leitung ihres neuen Dirigenten spielt das Gewandhausorchester die Uraufführung von Thomas Larchers Chiasma.

Das Stück wurde für diesen Anlass vom Gewandhausorchester in Auftrag gegeben. Larcher sollte eine etwa 10-minütige Komposition schreiben, die die Entwicklung einer kompletten Welt beinhaltet. So entstand dieses vom Komponisten selbst als „komprimierte Mikrosymphonie“ beschriebene kurze Orchesterwerk. Larcher zeigt hier die Welt mit ihren mörderischen Amplituden, mit ihrer Zartheit und Schönheit, ihrer Grausamkeit und Sinnlosigkeit.

Thomas Larcher – Chiasma: Die Biologie als Vorbild für eine Kompositionsmethode

Mit dem Titel des Werks bezieht sich Larcher auf das Zeichen in der Form des griechischen Buchstaben X (=Chi). Dieses bezeichnet zum einen die räumlich überkreuzte Anordnung von anatomischen Strukturen, wie zum Beispiel die Sehnervkreuzung. Zum anderen wird der Begriff in der Genetik verwendet, um die Überkreuzung zweier Nicht-Schwesterchromatiden von gepaarten Chromosomen zu bennen. Larcher fühlte sich durch diese Bedeutung an die Urelementen des Komponierens, vor allem der Symphonie, erinnert: Konfrontation, Entwicklung und Synthese. Auch mit dem Aufbau des Werkes Chiasma lehnt sich der Komponist an dieses ursprünglich biologische Prinzip an:
„Das Stück entsteht aus einigen sehr einfachen Motiven, entwickelt sich durch deren Gegenüberstellung und Konfrontation sehr schnell in ganz andere, disparate Richtungen, und gelangt dann zu einem eindeutigen, dramatischen „Doppelgipfelhöhepunkt“, nur um danach in sich zusammenzufallen.“ – Thomas Larcher

Nach den insgesamt zwei Aufführungen in Leipzig werden Nelsons und das Gewandhausorchester das Werk auf ihrer Tour durch Europa präsentieren: In sieben weiteren Aufführungen vom 15. März bis zum 6. Mai ist es in Deutschland auch in der Elbphilarmonie in Hamburg, in Baden-Baden und in Köln, und weiterhin Amsterdam, Brüssel, Paris und Madrid zu hören.

Werk der Woche – Peter Eötvös: Multiversum

Spätestens seit Juri Gagarins Flug ins All 1961 begann fast jedes Kind sich für das Weltall begeistern. So auch der damals jugendliche Peter Eötvös, der das Thema in seinem neuesten Werk Multiversum für Konzertorgel, Hammond-Orgel und Orchester aufgreift.



Bei der Uraufführung am 10. Oktober 2017 in der Elbphilharmonie Hamburg steht der Komponist selbst am Pult. Mit den Solisten Iveta Apkalna und László Fassang ist das Koninklijk Concertgebouworkest zu hören.

Peter Eötvös: Multiversum aus Raum und Klang


Die Faszination von den unendlichen Weiten des Universums bewegte Eötvös dazu, aus Musik einen Raum zu erschaffen, der die Zuhörer umfasst, wie das Weltall die Erde. Durch die raffinierte Aufstellung des Orchesterapparates zielt der Komponist darauf ab, die Zuhörer von allen Seiten mit Klang zu umgeben: Er kreiert einen speziellen Raumklang durch die Positionierung der Streicher links, der Holzbläser rechts und durch die Verteilung der Blechbläser sowie des dreiteiligen Schlagwerks über die volle Breite des Podiums. Die Hammond-Orgel erklingt von hinten, wobei sie vom Podium gespielt wird. Ein Rotationslautsprecher erzeugt einen Doppler-Effekt, der bewirkt, dass der Hammond-Klang im Saal von allen Seiten zu kommen scheint. Den Orgelspieltisch platziert Eötvös ganz vorne, während die Klais-Orgel der Elbphilharmonie selbst im Saal hinter Teilen des Publikums integriert ist. Jeder Aufführungsort ergibt ein anderes Raumkonzept für den Klang des Stückes. Die Anordnung des Publikums in der Elbphilharmonie mit ihrer besonderen Architektur bietet für jeden Zuhörer ein individuelles Hörerlebnis – ganz anders als in "Schuhschachtel"-Konzertsälen wie dem Concertgebouw Amsterdam.
Ich versuche die Welt mit Klängen zu beschreiben, genauso wie die Schriftsteller mit Wörtern, die Maler mit dem Pinsel, die Filmemacher mit der Kamera. Wir beschreiben sehr oft genau dasselbe, nur das Medium ist anders. – Peter Eötvös

Auf einer der Uraufführung nachfolgenden Europa-Tournee dirigiert Eötvös das Werk am 11. Oktober in der Philharmonie Köln, am 12. Oktober im Palais des beaux-arts in Brüssel, am 14. Oktober im Müpa Budapest und am 19. und 20. Oktober im Concertgebouw Amsterdam.

Werk der Woche: Jörg Widmann – Babylon

Am 3. Juni 2017 ist Jörg Widmanns Oper Babylon erstmals nach ihrer Münchner Uraufführungsproduktion zu erleben. Im Concertgebouw Amsterdam wird sie im Rahmen des Holland Festivals konzertant aufgeführt. Es spielen das Radio Filharmonisch Orkest mit den Chören Groot Omreopkoor und Nederlands Kamerkoor unter der Leitung von Markus Stenz.



Mit Babylon schrieb der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk sein erstes und bislang einziges Opernlibretto. Es entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten, der die Idee einer Babylon-Oper schon lange in sich getragen hatte. Die Oper umfasst sieben Bilder, die eine Geschichte rund um Liebe, Zerstörung, Tod und Rettung erzählen. Die Geschichte Babylons wird darin nicht umgeschrieben, Widmann rückt sie dennoch in ein neues Licht. Er wendet sich bewusst ab von der Biblischen Darstellung, nach der die Babylonier das uneingeschränkt Schlechte verkörpern.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen der jüdische Tammu, seine Seele und Inanna, eine babylonische Priesterin der gleichnamigen Göttin des Krieges und der freien Liebe. Tammu, der von Inanna verführt wird, erlebt im Traum die Sintflut Babylons durch den als Figur auftretenden Fluss Euphrat. Im Kontrast zur sinnlichen Liebe der Priesterin steht die Seele, die Tammu zurück zu gewinnen versucht. Um die Götter gewogen zu stimmen, soll ein Menschenopfer dargebracht werden. Die Wahl fällt auf Tammu und dieser wird als Höhepunkt einer wilden, karnevalistischen Neujahrsfeier auf dem babylonischen Turm hingerichtet. In ihrer beider Trauer vereinen sich die Seele und die babylonische Priesterin. Inanna kann Tammu schließlich retten; sie befreit ihn aus der Unterwelt, indem sie ihn beim Verlassen ebenjener nicht aus den Augen verliert: Eine Umdeutung des aus dem Orpheus-Mythos bekannten Motivs, in dem Orpheus sich nicht zu seiner Geliebten Eurydike umdrehen darf. Ein neuer Vertrag wird zwischen den Menschen und Göttern geschlossen, der die Ordnung wieder herstellt und die Zeit nach der noch heute bestehenden Sieben-Tage-Woche strukturiert.

Widmanns Babylon: Zwischen Chaos und Ordnung


Der Gedanke an Babylon ist unmittelbar mit dem Turmbau, dessen Fehlschlag und der Sprachverwirrung als Bestrafung für den Hochmut der Menschen verbunden. Diese Motive spielen im Libretto jedoch eher eine untergeordnete Rolle. Dennoch muss das Publikum – auch bei einer konzertanten Aufführung – nicht darauf verzichten, denn Widmann hat diese Motive in seine Komposition eingebaut. So ist es kein Zufall, dass Babylon nach der babylonischen Zahl aus genau sieben Bildern besteht. Auch innerhalb der Oper taucht diese Zahl als ordnungsstiftendes Element immer wieder auf, sei es durch sieben Planeten, durch ein Affenseptett oder die finale Einführung der Sieben-Tage-Woche. Doch die Zahl Sieben ist nicht das einzig formgebende Element der Oper. Während das erste Bild etwa 45 Minuten dauert, verkürzen sich die Tableaus nach und nach bis zu einer Länge von sieben Minuten. Die Oper ist damit aufgebaut wie ein Zikkurat; mit jedem Bild kommt eine weitere Ebene des Tempelturmes hinzu. Neben all dieser Form und Ordnung herrscht in Babylon im Grunde Chaos. Widmann kommt dem mit großer Orchester- und Chorbesetzung und beachtlicher musikalischer Vielfalt nach. Der Komponist bedient sich aus Elementen unterschiedlichster Stile von alter bis neuer Musik, Tanz- und Marschmusik, verschiedener Formen bis hin zu Szenen, die zeitgleich ablaufen.
Der Turm wird in der Musik gebaut und die Sprachverwirrung findet nicht im Libretto, sondern in der Musik statt. Aus diesen disparaten Elementen nun doch ein stringentes Ganzes zu formen, dem habe ich mich voll und ganz ausgeliefert und das hat mich immer wieder zerrissen, weil es im Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit ist. – Jörg Widmann

Das Concertgebouw Amsterdam bleibt auch in seiner zukünftigen Programmplanung beim Thema: Am 14., 15. und 16. März 2018 spielen Franz Welser-Möst und das Koninklijk Concertgebouworkest die halbstündige Babylon-Suite für großes Orchester, die Widmann aus seiner Oper formte.

 

Foto: © Wilfried Hösl (Inszenierung der Uraufführung in München)