Werk der Woche – Lili Boulanger: Faust et Hélène
- By Christopher Peter
- 11.05.2026
Manchmal reicht ein einziges Werk, um Musikgeschichte zu schreiben. Faust et Hélène ist so ein Fall. 1913 brachte es der damals 19‑jährigen Lili Boulanger den Prix de Rome ein – als erste Frau überhaupt. Ein Meilenstein. Und zugleich ein Werk, das weit mehr ist als ein Wettbewerbsbeitrag.
Die knapp halbstündige „lyrische Episode“ nach einem Text von Eugène Adenis greift eine Szene aus Goethes Faust II auf. Im Zentrum steht nicht Gretchen, sondern Helena von Troja – begehrt, beschworen, gefürchtet. Faust verlangt nach dem einen vollkommenen Moment und ist bereit, dafür seine Seele zu verkaufen. Méphistophélès liefert. Doch Hélène ist keine Projektionsfläche. Sie erinnert sich an all die Männer, die ihretwegen gestorben sind – und widersetzt sich. Leidenschaft flammt auf, doch sie trägt bereits das Ende in sich.
Boulangers Musik erzählt diese Geschichte mit großer Sinnlichkeit und erstaunlicher Reife. Die Klangsprache steht spätromantisch aufgeladen zwischen Wagner, Debussy und einem ganz eigenen, dunklen Leuchten. Lange Spannungsbögen, scharf geschnittene Kontraste, eine bemerkenswerte Konzentration auf Text und Szene – nichts wirkt hier dekorativ. Alles drängt, alles spricht.
Ein musikalischer Paukenschlag von 1913 – neu gehört: Faust et Hélène von Lili Boulanger
Dass dieses Werk unter Wettbewerbsbedingungen entstanden ist – vier Wochen Kompositionszeit, ohne Klavier, abgeschottet in einer Villa – hört man ihm nicht an. Im Gegenteil: Faust et Hélène klingt souverän, geschlossen, kompromisslos. Vielleicht auch, weil Lili Boulanger wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Ihre Gesundheit war fragil, ihr Leben sollte nur wenige Jahre später enden. Umso intensiver wirkt jedes ihrer Werke.
Die ursprüngliche Orchesterbesetzung war groß gedacht – ganz im Geist der Zeit. Der Bearbeiter Eberhard Kloke hat das Stück 2023 behutsam für kleines Orchester neu gefasst. Seine Fassung legt den Fokus auf Durchhörbarkeit, Textverständlichkeit und theatrale Zuspitzung. Bläserfarben, Celesta, Harfe und ein schlank eingesetztes Streicherensemble schaffen einen konzentrierten, fast kammermusikalischen Klangraum, der die dramatische Struktur schärft, ohne Boulangers musikalische Handschrift zu verwischen.
Am 15. Mai 2026 wird diese neue Fassung am Deutschen Nationaltheater Weimar erstmals szenisch gezeigt – eingebettet in einen Abend, der Boulangers Kantate mit Werner Schwabs Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm konfrontiert. Die musikalische Leitung übernimmt Daniel Carter, Regie führt Valentin Schwarz, bekannt für seine psychologisch präzisen und bildstarken Lesarten. Für Bühne und Kostüme zeichnen Andrea Cozzi und Otto Krause verantwortlich.
In den Solopartien sind Sayaka Shigeshima als Hélène, Sangmin Jeon als Faust und Ilya Silchuk als Méphistophélès zu erleben. Gemeinsam mit der Staatskapelle Weimar bringen sie ein Werk auf die Bühne, das viel zu lange als historische Randnotiz betrachtet wurde – und sich nun mit Nachdruck als berührendes, modernes Musiktheater behauptet.
Faust et Hélène wirkt heute aktueller denn je. Vielleicht, weil es vom Begehren erzählt – und von der Verantwortung, die daraus folgt. Vielleicht aber auch, weil Lili Boulanger darin eine Stimme gefunden hat, die man nicht mehr vergisst.
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Illustration erstellt mithilfe von künstlicher Intelligenz