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Werk der Woche – Bernd Alois Zimmermann: Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott

Das Jahr 2018 stand bei vielen Theatern und Orchestern im Zeichen des 100. Geburtstags von Bernd Alois Zimmermann. Zu diesem Anlass zeigt die Volksbühne Berlin am 26. November 2018 zum ersten Mal eine szenische Umsetzung seines Funkoratoriums Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott. Durch die Mitwirkung zahlreicher Ensembles werden 130 Chorsängerinnen und Chorsänger, 50 Musikerinnen und Musiker sowie und 12 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne vertreten sein. Es musizieren die Kammersymphonie Berlin, der Haupt- und Mädchenchors der Sing-Akademie zu Berlin, der Männer des Staats- und Domchors Berlin und des Ensembles PHØNIX16, sowie Mitglieder der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und der Neuen Nachbarschaft Moabit. Regie führt Christian Filips, die musikalische Leitung übernimmt Kai-Uwe Jirka.

Zimmermann komponierte Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott nach Ende des 2. Weltkrieges im ausgebombten Köln. Die Textvorlage dazu bildete Pedro Calderón de la Barcas traditionelles Fronleichnamsspiel Les alimentos del hombre, das von Hubert Rüttger ins Deutsche übertragen wurde. In Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk wurde das Oratorium an Fronleichnam 1952 erstmals im Radio gesendet und danach fast gänzlich vergessen. Im Werk vermischen sich die Genres des Melodrams und der Oper, sowie frühe Versuche zur elektronischen Musik. Außerdem scheinen in ihm Einflüsse der Besatzungsmächte im Nachkriegsdeutschland vereint zu sein: Der Jazz der Amerikaner, französisches Klangfarbenspiel wie bei Debussy und Zitate der Ballets Russes sind Stil-Elemente von Zimmermanns Musik.

Bernd Alois Zimmermann – Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott: ein Funkoratorium


Nachdem Adam gegen das Gebot Gottes verstößt, wird er aus dem Paradies verbannt. Er muss nun als normaler Mensch auf der Erde leben und landwirtschaftliche Arbeit verrichten. Daran findet Adam jedoch keinen Gefallen und auch seine Kameraden Deckmann und Freßmann können ihm nicht weiterhelfen. Wenig später trifft der unzufriedene Adam auf den Teufel, der ihm rät Gott auf Unterhalt zu verklagen. So beginnt ein großer metaphysischer Gerichtsprozess.

Eigenart und Bedeutung dieses Weihespieles zur Verherrlichung der heiligen Eucharistie lassen in ihrer innigen Verbindung von Wort und Musik einzig und allein die Form des Funkoratoriums als entsprechend erscheinen.[…] Ich freue mich sehr auf diese grosse und schöne Aufgabe, vor allem deshalb, weil damit ein bisher fast völlig unbekanntes Werk Calderons der unverdienten Vergessenheit entrissen wird. – Bernd Alois Zimmermann

Im Zuge des Zimmermann-Jahres 2018 werden außerdem am  14. Dezember Zimmermanns Werke Dialoge, Sinfonie in einem Satz und Monologe vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal gespielt. Auch das WDR Sinfonieorchester zeigt in der Kölner Philharmonie an diesem und dem darauffolgenden Abend Musik von Zimmermann, nämlich sein Konzert für Violine und Orchester.

Werk der Woche – Carl Orff: Der Mond

Fast 80 Jahre nach der Uraufführung von Carl Orffs Märchenoper Der Mond hat es das Stück nun auch nach Taiwan geschafft: Das Taipei Symphony Orchestra bietet am 4. August 2017 eine szenische Produktion im National Theater Taipei dar und damit die taiwanesische Erstaufführung.

Vorlage für den Einakter, dessen Libretto Orff selbst schrieb, ist das Märchen Der Mond aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Schon dort erstrecken sich die drei Schauplätze – Himmel, Erde, Unterwelt – über den ganzen Kosmos, für dessen Ordnung der heilige Petrus verantwortlich ist. Dieses Universum lässt Orff aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählen und wählt deswegen für sein Stück die Bezeichnung "kleines Welttheater".

Zu der vertikalen Hierarchie vom Himmel bis zur Unterwelt kommt die horizontale Teilung der Erde. Diese besteht aus zwei spiegelgleichen Ländern, die je eine Hälfte der Bühne einnehmen sollen.

Carl Orffs Der Mond: Ein kleines Welttheater als Parabel für die Ordnung des Kosmos


Von den beiden Hälften der Erde wird zunächst nur jeweils diejenige erhellt, auf der sich der Mond befindet. Die andere Seite hingegen befindet sich nachts in völliger Dunkelheit. Von dort kommen vier Burschen, die auf der hellen Seite den an einen Baum gebundenen Mond entdecken; ohne zu zögern stehlen sie ihn, um ihr eigenes Dorf auf der dunklen Seite der Erde zu erhellen. Als sie Jahre später nacheinander sterben, wird je ein Viertel des Mondes mit ihnen begraben und in die Unterwelt gebracht. Dort zu seinem Ganzen vereint, weckt der Mond mit seinem Licht die Toten aus ihrer Grabesruhe. Diese nehmen ihre alte zügellose Lebensweise wieder auf. Vom Tumult in der Unterwelt alarmiert, steigt Petrus hinab, um für Ordnung zu sorgen. Allerdings verfällt auch er dem Alkohol und feiert mit, bis er schließlich, müde geworden, die Unterweltler wieder zur Vernunft bringt und den Mond mit an den Himmel nimmt, wo er fortan die ganze Welt erleuchtet.

Die Musik setzt sich zusammen aus Modellen des Orff-Schulwerkes für den Mond, aus Klängen wie bei "In Taberna" aus Carmina Burana für die Unterwelt sowie aus Gassenhauern und Tanzmusik, um das Leben der einfachen Leute zu illustrieren. Dazu verwendet er eine große romantische Orchesterbesetzung mit reichlich Schlagwerk.
Diese Erzählung, die ich in den von Wilhelm und Jakob Grimm gesammelten und herausgegebenen 'Kinder- und Hausmärchen' fand, nahm ich als Vorlage für ein Stück, das ein nachdenkliches Gleichnis von der Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, die Weltordnung zu stören und gleichzeitig eine Parabel vom Geborgensein in eben dieser Weltordnung werden sollte. – Carl Orff

An drei aufeinanderfolgenden Tagen, vom 4. bis zum 6. August 2017 ist das Stück in Taipei zu sehen. Ein Tipp für Freunde der Musik von Carl Orff in Mitteleuropa, die nicht so weit reisen wollen: Das Marionettentheater München spielt am 12. August eine Puppenumsetzung von Carmina Burana. Auf der Profilseite von Carl Orff finden Sie weitere Aufführungstermine.

Werk der Woche - György Ligeti: Ramifications

Am 22. September wird György Ligetis Ramifications vom Norwegian Chamber Orchestra unter der Leitung von Per Kristian Skalstad in Oslo zu hören sein. Auch drei Tage später kommt es zu einer Aufführung des Streichorchester-Werks: Pascal Gallois dirigiert das Orchester der Musicales de Quiberon im Palais des congrès Louison Bobet im französischen Quiberon.



Der 1923 als Sohn ungarisch-jüdischer Eltern geborene Ligeti komponierte Anfang der 1960er Jahre Musik mit dichten, fast starren klanglichen Strukturen, wie etwa in seinem Orchesterstück Atmosphères aus dem Jahr 1961. Diese Strukturen lockerten sich später immer mehr auf und wurden beweglicher. Ramifications stellt kompositorisch eine Weiterentwicklung seiner Arbeitsweise mit komplexen musikalischen Netzgebilden dar.

György Ligetis Ramifications – Von „dicht und statisch“ zu „durchbrochen und beweglich“


Obwohl es auch in Ramifications statische Klangfelder gibt, dominieren die feinmaschigen Netzgebilde in der Komposition. Der Titel, auf Deutsch „Verästelungen“, bezieht sich auf die polyphone Technik der Stimmführung: Die Einzelstimmen bewegen sich unterschiedlich, bilden jedoch Bündel, die sich allmählich auflösen. Einzelne Momente, in denen die Stimmen wieder zusammenlaufen, bewirken das Wechselspiel aus Vereinigung und Verästelung in der Musik. Neu für Ligeti ist die hyperchromatische Harmonie: Aufführungstechnisch wird dies ermöglicht, indem die Hälfte der Streicher um einen Viertelton hinaufgestimmt wird. Die resultierende Musik ist jedoch nicht vierteltönig, denn beim Greifen der Saiten entsteht eine Schwankung der Tonhöhen, sodass man fast nie exakte Vierteltonabstände, sondern kleinere oder größere mikrotonale Abweichungen hört.
Ramifications sind gleichsam ein Endpunkt in der Entwicklung von ‚dicht und statisch‘ zu ‚durchbrochen und beweglich‘. Besonders in den Gegenden, in denen das musikalische Gewebe durchsichtig und engmaschig ist, erscheint eine ganz neue Art von ‚unsicherer‘ Harmonik, als ob die Harmonien der gleichmäßigen Temperatur oder gar der Diatonik ‚verdorben‘ wären. Die Harmonien haben einen ‚haut goût‘, Verwesung ist in die Musik eingezogen. Ramifications sind ein Beispiel dekadenter Kunst. – György Ligeti

Auch in Deutschland hat man in dieser Woche die Gelegenheit, die Musik Ligetis zu erleben: Seine Études pour piano werden am 19. September im Rahmen des Beethovenfests Bonn von dem Pianisten Boris Berezowsky gespielt. Am gleichen Tag und auch am Tag darauf führt das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Kirill Petrenko Lontano für großes Orchester im Nationaltheater in München auf. Mysteries of the Macabre für Koloratursopran und Kammerorchester wird gleich drei Mal gespielt: Am 20. September sind das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Michael Hofstetter und die Sopranistin Marie Friederike Schöder zu hören. Die Düsseldorfer Symphoniker, dirigiert von Alexandre Bloch, führen das Stück am 23. und 25. September gemeinsam mit Eir Inderhaug in der Tonhalle in Düsseldorf auf.

Werk der Woche - Hans Werner Henze: Suite "Die Zikaden"

Am 1. Juni 2016 wäre Hans Werner Henze 90 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass wird nun die Suite „Die Zikaden“ aus Orchesterstücken zu einem Hörspiel von Ingeborg Bachmann posthum uraufgeführt. Das Stück wird am 1. Juni im Stadtcasino Basel unter der musikalischen Leitung von Dennis Russel Davies mit dem Symphonieorchester Basel zu hören sein. Eine Wiederholung des Konzerts findet am 2. Juni, ebenfalls im Stadtcasino, und am 3. Juni mit derselben Besetzung im Temple du Bas in Neuchâtel statt.

Dass diese Suite 2014 in Henzes Nachlass gefunden wurde, ist eine kleine Sensation: Denn es hatte kaum Gelegenheiten gegeben, die Musik aufzuführen, da die Partitur nie veröffentlicht wurde. Sie wurde nur ein einziges Mal für die Produktion der Ursendung gespielt und so waren die einzigen Gelegenheiten sie zu hören, wenn Rundfunkanstalten die Aufzeichnung sendeten. Wenige Jahre vor seinem Tod beschäftigte sich Henze jedoch noch einmal mit der Komposition zum Hörspiel und stellte aus dem Material eine Konzertsuite zusammen.

Realitätsflucht und Utopie: Die Zikaden als Suite


Die Künstlerfreundschaft zwischen Henze und Bachmann kann zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Beide hatten sich im Herbst 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt. Durch ihre fruchtbare und innige Beziehung entstanden inden folgenden Jahren mehrere gemeinsame Werke. Das zentrale Thema des Hörspiels „Die Zikaden“ ist die Realitätsflucht. Auf einer nicht genauer benannten Insel im Süden versuchen die Figuren, ihr altes Leben mit all seinen Mühen, Ängsten, Entbehrungen und Schmerzen hinter sich zu lassen. Jedoch müssen sie schnell erkennen, dass diese Utopie trügt und das Leben auf der Insel dasselbe ist, wie überall. Der Gesang der Zikaden steht emblematisch für diese Illusion. Als menschliche Wesen nutzten diese ihren Gesang zur Weltflucht, jedoch um den Preis ihres Menschseins.

In einem Brief an Bachmann aus der Zeit der Entstehung beschreibt Henze seine Musik sowie den Umgang mit dem Hörspiel so:
Das Manuskript von "Die Zikaden" enthält einige Seiten schmerzlichen Wohllauts und zarter Klage, zitternder Ironie unter halbgeschlossenem Augenlid, ungezügelter Ausbruch und nur halb gelungene, wie unter Zwang herbeigeführte, wider Willen bejahte – und doch nicht bejahte – Mäßigung. Kurz: es ist getan, mein devoter Versuch, einen Klang dem Klang beizugeben, mich in die Welt deines Worts einzuleben und einen Widerhall dieser Welt zu tönenden Akten zu binden. – Henze an Ingeborg Bachmann, Brief vom 13.1.1955

In den Wochen um den 90. Geburtstag finden zahlreiche weitere Aufführungen von Henzes Kompositionen statt: So inszeniert inszeniert Dieter Kaegi am 31. Mai die Kinderoper Pollicino im Teatro Regio in Turin und vom 3. bis 5. Juni werden im Rahmen der Tage für neue Gitarrenmusik 2016 verschiedene Stücke des Komponisten an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen zu hören sein. Das große Ballett Undine feiert am 24. Juni im Bolshoi Theater in Moskau Premiere und vom 29. Juni bis zum 1. Juli stehen in den Konzerten der Münchner Philharmoniker die Nachtstücke und Arien nach Gedichten von Ingeborg Bachmann mit der Sopranistin Claudia Barainsky auf dem Programm.

Werk der Woche - Karl Amadeus Hartmann: 1. Symphonie: Versuch eines Requiems

Karl Amadeus Hartmann komponierte seine 1. Symphonie für Alt-Stimme und Orchester im Jahre 1935. Durch seine offen regimekritische Haltung wurde seine Musik als entartet eingestuft und somit musste der Komponist über 10 Jahre warten bis das Werk 1948 endlich zur Uraufführung kam. Inzwischen gehört die Komposition zum Standardrepertoire im Bereich Neue Musik und wird am 27. Mai 2016 in Rotterdam zu hören sein. Arie van Beek dirigiert das Rotterdams Philharmonisch Orkest und den Part der Alt-Solistin übernimmt Kismara Pessatti.

Das Stück trägt den Untertitel "Der Versuch eines Requiems" und war ursprünglich als Kantate Lamento gedacht. Erst nach weiteren Zwischenstufen reifte das Werk 1955 zur 1. Symphonie heran. Als Textgrundlage wählte der Münchner Komponist Gedichte des amerikanischen Freiheitspoeten Walt Whitman, von dem auch Paul Hindemith Texte für sein Requiem "for those we love" vertonte.

Karl Amadeus Hartmanns Versuch eines Requiems: Musik gegen den Krieg


Die Symphonie folgt nicht der klassischen viersätzigen Form, sondern besteht aus fünf Sätzen (Introduktion: Elend, Frühling, Thema in vier Variationen, Tränen sowie Epilog: Bitte), die konzentrisch angelegt sind. Den Mittelpunkt der Komposition bildet ein reiner Instrumentalsatz, ein "Lied ohne Worte", in dem Hartmann ein Thema aus seiner Anti-Kriegsoper Simplicius Simplicissimus in Form eines Variationssatzes verarbeitet. Die 1. Symphonie schrieb Hartmann wie viele seiner Werke unter den Eindrücken des Nazi-Regimes. Seine Motivation und Gefühlslage zum Zeitpunkt der Komposition beschreibt Hartmann so:
Dann kam das Jahr 1933, mit seinem Elend und seiner Hoffnungslosigkeit, mit ihm dasjenige, was sich folgerichtig aus der Idee der Gewaltherrschaft entwickeln musste, das furchtbarste aller Verbrechen – der Krieg. In diesem Jahr erkannte ich, dass es notwendig sei, ein Bekenntnis abzulegen, nicht aus Verzweiflung und Angst vor jener Macht, sondern als Gegenaktion. Ich sagte mir, dass die Freiheit siegt, auch dann, wenn wir vernichtet werden – das glaubte ich jedenfalls damals. Ich schrieb in dieser Zeit mein 1. Streichquartett, das Poème symphonique "Miserae" und meine 1. Symphonie mit den Worten von Walt Whitman: "Ich sitze und schaue aus auf alle Plagen der Welt und auf alle Bedrängnis und Schmach…" – Hartmann

Ein anderes bekenntnishaftes Werk, Hartmanns düsteres Concerto funebre für Solo-Violine und Orchester, ist am 4. Juni bei den Wiener Festwochen mit Patricia Kopatchinskaja als Solistin zu hören;  Bas Wiegers leitet das Klangforum Wien. Am 4. und 5. Juli wird das Konzertwerk vom Studio-Orchester München unter Christoph Adt in der Reaktorhalle München gespielt.