Werk der Woche – Chaya Czernowin: The Divine Thawing of the Core
- By Christopher Peter
- 27.07.2025
Am 1. August 2025 wird bei den Darmstädter Ferienkursen ein außergewöhnliches Werk uraufgeführt: The Divine Thawing of the Core ("Das göttliche Auftauen des Kerns") von Chaya Czernowin. Das Stück für Bassflöte und Ensemble ist von großer persönlicher, politischer und musikalischer Wucht – eine künstlerische Reaktion auf eine zutiefst erschütterte Welt.
Ustwolskaja, Claire Chase und die Kraft der Form
Entstanden ist das Werk in engem Bezug zur 2. Sinfonie von Galina Ustwolskaja, deren kompromisslose Klangsprache Czernowin tief geprägt hat. Besonders die Direktheit und formale Klarheit dieser Musik hat sie zu einer eigenen Antwort inspiriert – einer Antwort, die ausdrücklich nicht auf musikalischen Zitaten beruht, sondern auf innerer Verwandtschaft in Besetzung und Geist.
Claire Chase, der das Werk gewidmet ist, wird die Uraufführung mit der Kontrabassflöte gestalten – einem Instrument von urtümlicher Tiefe. Sie wird dabei von einem auf das Wesentliche reduzierten Orchester begleitet: sechs Flöten, sechs Oboen, sechs Trompeten, Posaune, Tuba, Klavier, Schlagzeug und drei Celli. Gemeinsam erzeugen sie eine klangliche Topographie zwischen Fragilität und roher Gewalt.
Ein Werk als Riss im Innersten
Doch Czernowins Komposition ist mehr als ein rein musikalischer Kommentar. Entstanden in einer Zeit politischer Erschütterungen, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklungen in ihrem Heimatland Israel, ist das Werk Ausdruck einer inneren Zerreißprobe. Die Komponistin spricht vom "göttlichen Auftauen des Kerns" – einer langsamen, quälenden Transformation, die sie musikalisch als unregelmäßigen Prozess mit Brüchen, Reibungen und Zersetzungen beschreibt. Ein dämonischer Walzer bricht hervor, die Musik taumelt zwischen ironischer Verzerrung und ritueller Klarheit.
Architektur als akustisches Prinzip
Die Struktur des Stücks, das während eines Aufenthalts in Barcelona entstand, ist von der monumentalen Basilika Sagrada Familia inspiriert. Czernowin beschreibt das Werk als "unperiodisch zyklisch" – mit wiederkehrenden Motiven, die wie Gänge und Gewölbe durch ein unbekanntes Bauwerk führen. Höhlenartige Echos und temporale Verschiebungen schaffen eine musikalische Architektur voller Ambivalenz und innerer Spannung.
Eine Einladung zum Hören, nicht zum Urteilen
The Divine Thawing of the Core ist keine politische Stellungnahme. Es ist eine Suche nach Ausdruck für das Unaussprechliche, ein Akt des Verarbeitens, eine künstlerische Geste gegen das Verstummen. Wer dieses Werk hört, wird sich einer Musik gegenübersehen, die keine einfachen Antworten gibt – aber viele Fragen stellt.
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Chaya Czernowin: Profilseite der Komponistin
The Divine Thawing of the Core: Werkseite mit Partitur-Vorschau
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Foto Chaya Czernowin: Christopher McIntosh