Werk der Woche - Hans Werner Henze: Pollicino
- 18.02.2015
Henze schrieb Pollicino nach einem Libretto von Giuseppe Di Leva für seine Besucher, genannt "Concentus Politianus". Das Kinderensemble aus Montepulciano in Italien bestritt 1980 auch die Uraufführung in seiner Heimatstadt. Die Handlung erinnert in ihren Grundzügen an Hänsel und Gretel, wird aber durch Elemente der Fabel und des politischen Theaters ergänzt. Rollen für Erwachsene gibt es in der Oper nur wenige: Ein Großteil der Gesangsrollen wird von Kindern verkörpert und auch im Orchestergraben sind sie mit Blockflöten, Gitarren, Violinen und Orff-Schulwerk vertreten. Es ist eine Oper von Kindern für Kinder, doch kann von einer seichten Märchenoper mit austauschbarer Musik keine Rede sein. Die verschiedenen Formen von Arien über Ensembleteile bis hin zu orchestralen Einschüben wie Marsch, Walzer oder Tango verlangen von den Kindern eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Materie. Sie sollen den Umgang mit ihnen unbekannten musikalischen Formen kennenlernen. Henze sieht darin eine entscheidende Lektion für das Musizieren im Erwachsenenalter:
Wenn die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden: Klänge unserer Zeit. Musizierend und singend akzeptieren sie als natürliche Tatsache, was andere als ungewohnte Töne empfinden. Kinder sind sich der Probleme, die Erwachsene in die zeitgenössische Musik hineinprojizieren, nicht bewusst. – Hans Werner Henze
Henze arbeitete während des Kompositionsprozesses eng mit den Kindern zusammen, lotete ihre musikalischen Fähigkeiten aus und ließ sich von ihren eigenen Sorgen und Wünschen inspirieren. Auf diese Weise wurde das Werk zu einem Generationen übergreifenden pädagogischen Projekt, das seine Darsteller ernst nimmt: einer der Hauptgründe für den anhaltenden Erfolg von Pollicino.
Foto: Nationaltheater Weimar / Anke Neugebauer
(18.02.2015)