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Werk der Woche

Werk der Woche - Fazıl Say: Grand Bazaar

Das Real Orquesta Sinfónica de Sevilla begibt sich am 25. Februar 2016 auf orientalisches Terrain. Das Orchester präsentiert an diesem Tag die Uraufführung von Fazıl Says Grand Bazaar. John Axelrod dirigiert das Konzert im Teatro de la Maestranza in Sevilla.

Say bezeichnet das Werk als "Rhapsody for orchestra" - formal ist es am ehesten mit symphonischen Dichtungen der Romantik vergleichbar. Der Große Basar als eines der Wahrzeichen Istanbuls stand Pate für die Komposition. Das jahrhundertealte Gebäude ist ein geschlossener Bereich von orientalischen Läden und Gässchen. Hier werden alle Arten von Kleingewerbe und Geschäften betrieben, die in lebhaften Diskussionen zwischen Händler und Käufer abgeschlossen werden.

Wahrzeichen Istanbuls in Musik gesetzt


Grand Bazaar schildert eben solche Szenen auf dem Basar, die auch in der Partitur programmatisch vermerkt sind. So beschreibt die Musik unter anderem das "Spazieren in den dunklen Gassen des großen Bazaars", das "Feilschen um den Teppichpreis" und eine "Abendstimmung". Die türkischen Farben und Rhythmen werden in moderne Kompositions- und Instrumentationstechniken eingebunden.
Ich selbst bin mehr okzidental aufgewachsen, geprägt durch mein Elternhaus wie auch das Konservatorium in Ankara und mein Leben in Deutschland und den USA. Insofern bin ich ein sehr westlicher Mensch, doch die Kulturen vermischen sich immer mehr, weil auch die Menschen sich immer mehr vermischen. Wir sollten diese Brücken weiter ausbauen und eine größere Aufgeschlossenheit für andere Kulturen entwickeln. – Say

Das Real Orquesta Sinfónica kombiniert Grand Bazaar im Konzertprogramm mit einem weiteren Werk von Say: Sein Violinkonzert 1001 Nacht im Harem kommt ebenfalls zur Aufführung. Die beiden Stücke werden am 26. Februar 2016 ein zweites Mal gespielt.

Foto: Akça Doğan

Werk der Woche - Viktor Ullmann: Der Kaiser von Atlantis

Viktor Ullmanns einaktige Kammeroper Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung feiert am 19. Februar 2016 in Dresden Premiere. Die Regisseurin Christiane Lutz inszeniert das Stück an der Semper Zwei, der zweiten Spielstätte der Semperoper, die musikalische Leitung übernimmt Johannes Wulff-Woesten.

Ein grausamer Herrscher kündigt den Krieg aller gegen alle an. Doch der Tod setzt dem Massenmorden ein Ende, indem er seinen Dienst verweigert: Nun leben alle Menschen ewig. So ist der Kaiser zwar entmachtet, aber die Menschen sehnen sich nach Erlösung vom Schmerz des Lebens. Nur der freiwillige Tod des Kaisers kann dem Tod seine eigentliche Bestimmung zurückgeben.

Ullmann verarbeitet die Grauen des Zweiten Weltkrieges


Ullmann komponierte diese Oper 1943 während seiner Internierung im KZ Theresienstadt. Das Kammerensemble des Lagers sollte das Werk spielen, die Uraufführung wurde jedoch nach der Generalprobe verboten. Ein Jahr später übergab der Komponist sein Autograph und das Textbuch einem Freund, bevor er nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. So konnte Ullmanns Musik gerettet werden.
Ich habe in Theresienstadt ziemlich viel neue Musik geschrieben, meist um den Bedürfnissen und Wünschen von Dirigenten, Regisseuren, Pianisten, Sängern und damit den Bedürfnissen der Freizeitgestaltung des Ghettos zu genügen [...]. Zu betonen ist nur, dass ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war; und ich bin überzeugt davon, dass alle, die bestrebt waren, in Leben und Kunst die Form dem widerstrebenden Stoffe abzuringen, mir Recht geben werden. – Viktor Ullmann

In Dresden wird Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung vom 19. Februar bis zum 6. März 2016 insgesamt neun Mal aufgeführt. Von dieser Kammeroper sind mehrere Fassungen und Manuskripte erhalten, die das Werk in unterschiedlichen Stadien vor und nach der Zensur dokumentieren. Bei Schott ist nun erstmals eine Studienpartitur der Edition Eulenburg (ETP 8067) erschienen, in der alle überlieferten Varianten des Werkes enthalten und einander gegenübergestellt sind.

Foto: Sächsische Staatsoper

Werk der Woche - Thomas Larcher: Ouroboros

Am 11. Februar wird Thomas Larchers neues Cellokonzert Ouroboros im Muziekgebouw aan ’t IJ mit der Amsterdam Sinfonietta uraufgeführt. Es ist dem Cellisten Jean-Guihen Queyras gewidmet und entstand im Auftrag mehrerer Orchester: Die Amsterdam Sinfonietta, das Muziekgebouw aan ’t IJ, das Svenska Kammarorkester, das Orchestre de Chambre de Lausanne, das Norske Kammerorkester, das Münchener Kammerorchester und die Hong Kong Sinfonietta haben sich an dem Auftrag beteiligt.

Das neue Werk ist nach dem antiken griechischen Symbol "Ouroboros" benannt. Larcher stieß darauf, als er sich mit Brahms' Sinfonien beschäftigte. Deren Musik basiert auf der Zirkularität von Ideen: Sich wiederholende Motive entwickeln sich weiter und kehren später in ihre ursprüngliche Form zurück.

Ouroboros als Hommage an die Kammermusik


Das Konzert kann mit oder ohne Dirigent aufgeführt werden, es lebt aus dem Geist der Kammermusik. Die komplexen rhythmischen Texturen verlangen vom Orchester, so aufeinander zu hören und miteinander zu spielen, als sei es ein viel kleineres Ensemble. Der Solist löst dabei Prozesse aus, anstatt ein virtuoses Zentrum zu sein. Der zweite der drei Sätze ist eine ausgedehnte Kadenz für das Solocello mit Klavier.
Ich liebe es, für einzelne Musiker und Sänger zu schreiben. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, die meine Musik spielen werden. Zu wissen, welche Musik sie mögen und was ihre Fähigkeiten sind, hat mich noch nie eingeschränkt – im Gegenteil, es fordert mich heraus, jedem Künstler ein Stück zu schreiben, das seinen Möglichkeiten entspricht. Das gilt auch in einem emotionalen Sinn – wie er die Welt sieht. – Thomas Larcher

Nach der Premiere führt Queyras das Stück mit der Amsterdam Sinfonietta zwischen dem 13. und 19. Februar noch vier Mal auf. Am 4. und 5. April wird Pascal Rophé mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne das Konzert präsentieren. In den folgenden Spielzeiten ist Ouroboros auch in den Programmen der übrigen Auftraggeber zu finden.

Foto: Marco Borggreve

Werk der Woche - Thierry Pécou: Soleil rouge

Soleil rouge heißt das neue Werk von Thierry Pécou, das am 5. Februar 2016 im Auditorium de Radio France in Paris uraufgeführt wird. Das Orchestre Philharmonique de Radio France spielt das Trompetenkonzert unter dem Dirigat von Mikko Franck und mit dem Solisten Håkan Hardenberger (Foto).

Für viele seiner Werke ist Pécous Inspiration außereuropäischen Ursprungs. Begründet ist dies einerseits in seiner persönlichen Verbindung zu den französischen Antillen - von dort wanderten seine Vorfahren einst nach Frankreich aus. Andererseits regen ihn Reisen zu unterschiedlichen Ländern und Völkern immer wieder zu seinen Kompositionen an. So bezieht er sich etwa in seiner großen Symphonie du Jaguar auf die indianische Kultur im präkolumbianischen Amerika, für das Orchesterstück Orquoy ließ er sich von der Musik der alten Zivilisationen in den Anden inspirieren. Die spezielle Verbindung dieser Musikkulturen mit der europäischen Tradition ist eines der Markenzeichen für Pécous Kompositionen.

Soleil rouge: Ein Konzert über Visionen und Träume


Das neue Stück bezieht sich auf die indigenen Kulturen Nordamerikas. Dazu reiste Pécou in die Reservate verschiedener Stämme, wo er die zeremonielle Musik der Eingeborenen kennenlernte. Vor diesem Hintergrund ist sein Konzert für Trompete und Orchester entstanden, wie er selbst beschreibt:
Dieses Konzert entstand während meiner Reise zu den Indianern Nordamerikas. Zwei wichtige Elemente der zeremoniellen Musik dieser Völker, der Gesang und das Pulsieren der Trommel, werden durch die Trompete und die vielfältig gemischten Klangfarben des Orchesters aufgegriffen. Die Trommel begleitet nicht; sie ist die Quelle, das eigentliche Zentrum des Klangs. Auch das Zusammenspiel der Solotrompete mit dem Orchester, dem sie gegenübersteht, ist speziell: Das Orchester ist weder "Verlängerung" des Solisten noch sein "Resonanzkörper", sondern trägt ihn wie ein Energiezentrum, kreiert die Melodien, die Akkorde, die Klangfarben, während die Trompete die Geister beschwört und die Visionen und Träume schildert, die durch die Erweiterung des Bewusstseins hervorgerufen werden. - Thierry Pécou

Hardenberger führt häufig zeitgenössische Trompetenkonzerte aus dem Katalog von Schott Music auf. So hat er schon wiederholt das populäre Konzert Nobody knows de trouble I see von Bernd Alois Zimmermann interpretiert. Dieses Stück spielt er in Kürze auch wieder in Deutschland: Am 27. Februar, 29. Februar und 1. März 2016 präsentiert er es unter der musikalischen Leitung von Andris Nelsons mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Semperoper.

Foto : Marco Borggreve 

Werk der Woche - Toshio Hosokawa: Stilles Meer

Mit seiner neuen Oper Stilles Meer, die am 24. Januar 2016 in der Staatsoper Hamburg uraufgeführt wird, bringt der japanische Komponist die Trauer über die Opfer des Tsunamis von 2011 und der Atomkatastrophe von Fukushima zum Ausdruck. Das Stück wird von Oriza Hirata inszeniert und steht unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano.

In Stilles Meer trauert die Hauptfigur Claudia um ihren geliebten Sohn, der beim Tsunami in Tôhoku ums Leben gekommen ist. Sie verarbeitet ihren Schmerz in Gesängen und buddhistischen Gebeten. Die japanische Zeremonie des Tôrô nagashi ist ein zentrales Element der Handlung: Papierlaternen werden als Sinnbild für die Seelen der Toten aufs Meer gesetzt und der Quelle des Lebens zurückgegeben.

Stilles Meer: Traditionelles Theater mit aktuellem Bezug


Mehrere Einflüsse haben auf das Libretto der Oper eingewirkt: Der Handlung des Stücks liegt das traditionelle japanische Theaterstück Sumidagwa zugrunde. Diesem Stoff ist Hosokawa in Benjamin Brittens Curlew River begenet, der ihn in einen christlichen Kontext stellt. In Stilles Meer liegt der Schwerpunkt nun aber auf dem ursprünglich buddhistischen Charakter der Geschichte. Weitere Inspiration für sein Werk bezieht Hosokawa aus der Erinnerungskultur seines Heimatlandes und dessen Verarbeitung der traumatischen Ereignisse vor fünf Jahren:
Das Tôhoku-Erdbeben und der Tsunami im Jahr 2011 sowie die dadurch ausgelöste Atomkatastrophe ließen mich erneut über Naturgewalten und die menschliche Arroganz nachdenken. Meine Musik entsteht in tiefem Einklang mit der Natur und soll dazu anregen, einmal mehr zu reflektieren, dass die Menschheit die elementare Kraft der Natur gleichermaßen respektiert wie fürchtet, und wie sie bei dem Versuch, die Natur zu kontrollieren und zu dominieren, diese letztendlich zerstört. - Hosokawa

Stilles Meer ist an der Staatsoper Hamburg vom 24. Januar bis zum 13. Februar 2016 insgesamt fünf Mal zu sehen. Eine enge thematische Verknüpfung besteht zu Hosokawas Komposition Klage für Sopran und Orchester. Hier trauert ebenfalls eine Mutter um ihr Kind, das beim Erdbeben in Japan ums Leben gekommen ist.  Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt das Stück am 10. und 11. April 2016 in der Laeiszhalle. Die Mezzosopranistin Mihoko Fujimura, die in Stilles Meer die Rolle der Haruko übernimmt, wirkt auch in diesem Werk als Solistin mit.

Foto: Staatsoper Hamburg
(23.01.2016)

Werk der Woche - Henri Dutilleux: Sur le même accord

Am 22. Januar 2016 wäre der französische Komponist Henri Dutilleux 100 Jahre alt geworden. Diesen Gedenktag nimmt sich das BBC National Orchestra of Wales zum Anlass, sein Nocturne für Violine und Orchester Sur le même accord zu spielen. Unter der musikalischen Leitung von Thomas Søndergård übernimmt die Violinistin Akiko Suwani den Solopart des Stückes, das in der St David’s Hall Cardiff aufgeführt wird.

Ein Stück "über den gleichen Akkord"


Sur le même accord entstand als Auftragswerk für das London Philharmonic Orchestra und ist Anne-Sophie Mutter gewidmet. Im Zentrum steht ein Sechstonakkord, der sowohl in der Solovioline als auch im Orchester immer wieder auftaucht. Dieser Akkord wird zunächst vom Solisten als Sechstonfolge aufgefächert vorgestellt. Daraufhin wird das Motiv in Doppelgriffen wiederholt und ist im Verlauf des Stückes als Akkord in unterschiedlichen Instrumentengruppen und Umkehrungen wiederzufinden. Der Titel Sur le même accord ist einmalig im Schaffen von Dutilleux, der nur hier ein Kompositionsprinzip als Motto formuliert. Doch wie seine Kompositionsweise genau aussieht, beschrieb er einmal so:
Wie ein Werk entsteht? – Das ist ein ewiges Geheimnis.  – Henri Dutilleux

In dem Konzert vom 22. Januar 2016 werden außerdem Debussys Nocturne und Mozarts Requiem gespielt. Das BBC National Orchestra of Wales setzt seinen Dutilleux-Schwerpunkt am 27. Januar 2016 fort, indem es den Orchesterlieder-Zyklus Le temps l’horloge mit der Sopranistin  Elizabeth Atherton zur Aufführung bringt.

(18.01.2016)

Werk der Woche - Giuseppe Verdi: Don Carlo

Am 16. Januar 2016 feiert Giuseppe Verdis Don Carlo an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul in der Inszenierung von Michael Heinicke Premiere. Die musikalische Leitung hat Jan Michael Horstmann inne. Das Theater verwendet das Aufführungsmaterial der revidierten Neuausgabe der Verlagsgruppe Hermann, das in der Reihe "Edition Meisterwerke" erschienen und bei Schott erhältlich ist. Die Ausgabe zeichnet sich durch einen neuen Notensatz, vereinheitlichte Partituren, Stimmen und Klavierauszüge und umfangreiche Korrekturen gegenüber den Erstausgaben aus.

Die Oper Don Carlo zeigt, wie Liebe und Eifersucht die Politik beeinflussen können. Um das Jahr 1560 stehen Spanien und Frankreich kurz vor einem Friedensschluss, der mit der Hochzeit des spanischen Königs Philipp und der französischen Prinzessin Elisabeth besiegelt werden soll. Diese jedoch ist in den Sohn des Königs, Infant Carlos, verliebt. Pflichtbewusst entscheidet sie sich gegen die Liebe und für die Politik – sie heiratet König Philipp. Dies ist der Ausgangspunkt für die Oper. Im Folgenden prägen Eifersucht und Liebeskummer die Beziehungen der Figuren und ihr Handeln.

Verdis Kompositionsstil in Don Carlo


Verdi hinterließ mehrere Fassungen von Don Carlo. Erstmals vertonte er den Stoff 1867 in fünf Akten für die Opéra in Paris. An unterschiedlichen Aufführungsorten wurden einige Änderungen vorgenommen, bis am 10. Januar 1884 eine kürzere Fassung am Teatro alla Scala in Mailand aufgeführt wurde. Die Landesbühnen Sachsen führen nun die spätere, vieraktige Fassung auf. In Don Carlo verabschiedet sich Verdi vom traditionellen Arien-Typus des Belcanto. Stattdessen komponiert er dramatische Soloszenen, wofür unter anderem König Philipps Monolog "Ella giammai m’amo" ("Sie hat mich nie geliebt") ein Beispiel ist. Die dramatische Stimmung einzelner Szenen wird zudem noch durch eine größere Selbstständigkeit des Orchesters verstärkt.
Nun bin ich also ein perfekter Wagnerianer! Hätten die Kritiker nur ein wenig aufgepasst, so hätten sie gemerkt, dass die gleichen Dinge bereits im Terzett des "Ernani", in der Nachtwandel-Szene des "Macbeth"und in manchem anderen meiner früheren Stücke stehen. Die Frage ist auch nicht, ob Don Carlo in einem bestimmten Stil komponiert ist oder nicht, sondern nur, ob die Musik gut oder schlecht ist. (Verdi in einem Brief vom 1. April 1867 an Léon Escudier)

Nach der Premiere am 16. Januar folgen bis zum 24. April 2016 noch fünf weitere Aufführungen von Don Carlo in Radebeul, Eisleben und Bad Elster.

Foto: Landesbühnen Sachsen / Hagen König

Werk der Woche - Rodion Shchedrin: A Christmas Tale

Was könnte besser in diese Zeit passen als die Uraufführung einer neuen Weihnachtsoper? Und so kommt ab dem 26. Dezember 2015 Rodion Shchedrins A Christmas Tale unter der Leitung von Valery Gergiev am Mariinsky Theatre in St. Petersburg auf die Bühne. Der Stoff für das Stück stammt aus dem 19. Jahrhundert und basiert auf dem Märchen "Die zwölf Monate" der tschechischen Autorin Božena Nemcova.

Schon lange hat sich Shchedrin ausgiebig mit diesem Märchen befasst. Die russische Übersetzung nach Nikolai Leskow dient ihm nun als Vorlage für die neue Oper in 2 Akten. A Christmas Tale erzählt die Geschichte einer Mutter mit ihrer Tochter, die das gemeinsame Ziel verfolgen, die viel zu hübsche und gutherzige Stieftochter zu beseitigen. Sie schmieden den Plan, das gehorsame Kind im tiefsten Winter zum Veilchensuchen zu schicken. Auf seiner verzweifelten Suche trifft das Mädchen auf die zwölf Monate, die ihm zur Hilfe kommen.

Shchedrins Kompositionen zeichnen sich nicht zuletzt durch ihre originelle und farbige Instrumentierung aus. Auf die Frage, woher er ein so gutes Ohr für die einzelnen Instrumente habe, antwortete Shchedrin einmal:
Ich glaube, ich komponiere meistens nach Instinkt. In der Musikschule hatte ich einige Freunde, die gleichzeitig mit mir gelernt haben und die alle unterschiedliche Instrumente spielten, wie etwa Kontrabass, Schlagzeug, Klarinette oder Trompete und wir musizierten regelmäßig zusammen. Einer meiner Freunde, ein Trompeter, sagte einmal zu mir: "Ich treffe mich morgen mit einem hübschen Mädchen, könntest du an meiner Stelle die Trompete im kleinen Orchester spielen?" "Ok, diesen Gefallen tue ich dir gerne." Ich konnte nicht wirklich Trompete spielen, aber ich sagte ihm, er solle es mir kurz und knapp erklären und dann würde ich mein Bestes versuchen. Das war zu einer Zeit, in der ich alle Orchesterinstrumente ausprobiert habe und so ein bisschen Geld verdient und gleichzeitig viel gelernt habe. Professionell spielte ich Klavier und machte gleichzeitig meinen Abschluss am Moskauer Konservatorium als Pianist und Komponist. – Rodion Shchedrin

A Christmas Tale wird nach der Uraufführung noch fünf weitere Male bis zum 13. Februar 2016 in St. Petersburg aufgeführt.

 

Werk der Woche - Christian Jost: Death Knocks

 

Am 20. Dezember 2015 wird am Stadttheater Gießen die Premiere der Oper Death Knocks von Christian Jost gefeiert. Martin Spahr steht am Dirigentenpult, Stephanie Kuhlmann führt Regie.

Die 35-minütige Kurzoper für Mezzosopran, Bariton und Kammerensemble basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Woody Allen. In dem Stück bekommt der Textilfabrikant Nat Ackermann ganz unvermittelt Besuch von einer attraktiven Dame. Diese behauptet der Tod zu sein und dass sie gekommen sei, um ihn abzuholen. Zunächst glaubt Nat ihr nicht und möchte nichts von ihrem Auftrag wissen, denn schließlich erfreut er sich bester Gesundheit und ist obendrein noch ein erfolgreicher Geschäftsmann. Als er erkennt, dass er tatsächlich dem Tod ins Gesicht sieht, fordert er sie zu einer Runde Gin Rummy heraus und handelt folgenden Deal aus: Verliert Nat, wird er sich seinem Schicksal beugen, gewinnt er, muss der Tod ihm einen Tag Aufschub gewähren.
Tod: Wann kommst du endlich mit?
Nat: Verzeihung, ich kann’s nicht glauben, du bist der Tod?
Tod: Warum, was erwartest du, Liz Taylor?

Der Doppelabend mit Death Knocks und Gustav Holsts Oper Savitri ist bis zum 19. Februar 2016 in drei weiteren Vorstellungen am Stadttheater Gießen zu erleben. Im März 2016 stehen im Münchner Max-Joseph-Saal und der Evangelischen Akademie in Tutzing konzertante Aufführungen mit Mitgliedern des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks auf dem Programm.

Foto: © Rosa Frank, Hamburgisches Staatstheater (2009) / photo ed

Werk der Woche - Andrew Norman: Split

 

Die Uraufführung des neuen Klavierkonzerts Split von Andrew Norman am 10. Dezember 2015 mit dem New York Philharmonic Orchestra bildet den krönenden Abschluss eines musikalisch intensiven Jahres. Komponiert wurde das Stück für den Klaviervirtuosen Jeffrey Kahane, der das Konzert in der David Geffen Hall unter der Leitung von James Gaffigan zum allerersten Mal zu Gehör bringen wird.

Nach der erfolgreichen Uraufführung von Suspend mit dem Pianisten Emanuel Ax und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Gustavo Dudamel im Mai 2014 zeigt Split Normans eifriges Bemühen um neue Werke für Klavier und Orchester. Split ist eine 25-minütige Tour de Force in einem Satz. Norman ließ sich im Vorfeld der Komposition von "dem Esprit, der Vitalität und dem expressiven Charakter" der Spielweise von Jeffrey Kahane inspirieren. Darüber hinaus nähert sich Norman einer Grundfrage in der Beziehung zwischen Solist und Orchester:
Anfänglich hatte ich die Idee, Jeffrey als lebhaften Gauner darzustellen, der in den verschiedenen Sektionen des Orchesters und deren Umfeld Chaos anrichtet. Mit dem Fortschreiten des Stücks lief es jedoch weniger auf den Schelm als vielmehr auf einen ahnungslosen Protagonisten heraus, der in den vertrackten Ursachen und Wirkungen eines Rube-Goldberg-Labyrinths gefangen ist und mit zunehmender Verzweiflung versucht, einen Ausweg aus dem Wahnsinn zu finden. – Andrew Norman

Norman schrieb Split parallel zu einem anderen groß angelegten Konzert – Switch für Schlagzeug und Orchester –, das im November mit Colin Currie und dem Utah Symphony Orchestra uraufgeführt wurde. Am 11. Dezember 2015 wird Switch zum ersten Mal in Europa zu hören sein. Currie ist in der Londoner Barbican Hall mit dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Sakari Oramo  zu erleben.

Foto: © Timothy Andres / photo ed
(07.12.2015)