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Valentin Silvestrov

Valentin Silvestrov

Herkunftsland: Ukraine
Geburtstag: 30. September 1937

in Kürze

Hymne - 2001
Hymne - 2001
Dirigent: Marcelo Lehninger
Orchester: Štátna filharmónia Košice
9. Februar 2023 | Košice (Slowakei) — Nationale Erstaufführung
Klavierwerke
Klavierwerke
10. Februar 2023 | Tallahassee, FL (Vereinigte Staaten von Amerika) , University of Florida

Über Valentin Silvestrov

Die Musik muss so durchsichtig sein, dass man bis auf den Grund sehen kann und dass durch diese Durchsichtigkeit ein Gedicht hindurchschimmert. (Valentin Silvestrov)

Valentin Silvestrov wurde am 30. September 1937 in Kiew geboren. Relativ spät, im Alter von 15 Jahren, fand er zur Musik und eignete sich seine Kenntnisse vor allem autodidaktisch an. Von 1955 bis 1958, während einer Ausbildung zum Bauingenieur, besuchte er eine Kiewer Abendschule für Musik. Von 1958 bis 1964 studierte er am Konservatorium seiner Heimatstadt Komposition und Kontrapunkt bei Boris Ljatoschinski und Lew Rewuzki. Anschließend unterrichtete er einige Jahre in einem Kiewer Musikstudio. Von 1970 bis 2022 lebte Silvestrov als freischaffender Komponist in Kiew, floh dann aus der Ukraine nach Deutschland und lebt zurzeit in Berlin.  

Silvestrov gilt als einer der führenden Vertreter der "Kiewer Avantgarde", die um 1960 an die Öffentlichkeit trat und von den Verfechtern der konservativen sowjetischen Musikästhetik heftig kritisiert wurde. Seine Musik war in den 1960er und 70er Jahren in seiner Heimatstadt kaum zu hören; wenn es damals überhaupt einige Uraufführungen gab, so fanden sie in russischen Städten, vor allem in Leningrad (heute St. Petersburg) oder im Westen statt. So wurden 1965 seine Spektren für Kammerorchester mit spektakulärem Erfolg mit den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von Igor Blashkov uraufgeführt. 1968 dirigierte Blashkov auch die Uraufführung von Silvestrovs Sinfonie Nr. 2.

1967 wurden die Werke des jungen Komponisten, insbesondere seine Sinfonie Nr. 3, mit dem Koussevitzky Preis ausgezeichnet; 1970 erhielt seine Hymne für sechs Orchestergruppen einen Ehrentitel beim Gaudeamus-Wettbewerb und -Festival in Utrecht.

Trotz erfolgreicher Aufführungen im Westen, zu denen der Komponist nicht ausreisen durfte, fand seine Musik im eigenen Land offiziell keine Resonanz – inoffiziell hingegen sehr, weshalb sie sogar zeitweise verboten war. Nur dank des Enthusiasmus einiger Interpreten wurden seine Werke wenigstens ab und zu gespielt.

Die Situation änderte sich mit Silvestrovs wachsender internationaler Anerkennung. Einer seiner frühesten Anhänger war der amerikanische Pianist und Dirigent Virko Baley, Liebhaber und langjähriger Verfechter der zeitgenössischen ukrainischen Musik im Allgemeinen und der Werke Silvestrovs im Besonderen. Es war Baley, der 1985 die Uraufführung von Postludium für Klavier und Orchester und 1988 der Sinfonie für Bariton und Orchester Exegi monumentum in Las Vegas sowie ein Konzert anlässlich Silvestrovs 50. Geburtstag in New York initiierte. Silvestrov wurde Visiting Composer beim Almeida Music Festival in London (1989), bei Gidon Kremers Lockenhaus Festival in Österreich (1990) und bei verschiedenen Festivals in Dänemark, Finnland und Holland. Später war er "Composer in residence" in Ungarn (2007 Pannohalma), Polen (2009 Nostalgia Festival, Poznán), Österreich (2013 Klangspuren, Schwaz), der Schweiz (2016 Davos-Festival "Young artists in concert"), den Niederlanden (2017 Den Haag, Unheard Music Festival) und in Deutschland (2017/18 Staatskapelle Weimar).

Seit Ende der 1980er Jahre nahm die Zahl der Aufführungen seiner Werke stetig zu, sogar in Russland und der Ukraine. 1989 nahm Silvestrov am Moskauer Festival für Neue Musik "Alternativa" teil und 1992 bei den in Jekaterinburg veranstalteten "Fünf Abenden mit Musik von Valentin Silvestrov". 1994 war er beim St. Petersburger Festival "Sofia Gubaidulina und Freunde" vertreten und ein Jahr später in Moskau bei einer Sofia Gubaidulina, Arvo Pärt und ihm selber gewidmeten Veranstaltung. Anlässlich seines 60. Geburtstages fand 1998 in Kiew ein Silvestrov-Festival mit mehreren Konzerten und einer wissenschaftlichen Konferenz in der Nationalen Tschaikowsky Musikakademie der Ukraine, dem ehemaligen Kiewer Konservatorium, statt.

Während der 1990er Jahre war Silvestrov nicht nur in vielen europäischen Konzertsälen zu hören, sondern auch in Japan und den USA. 1998-99 lebte und arbeitete er im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms als Stipendiat des DAAD in Berlin, wo im Übrigen drei bedeutende Werke uraufgeführt wurden: Metamusik (März 1993), Widmung für Violine und Orchester (November 1993) und Sinfonie Nr. 6 (August 2002).

Zu Silvestrovs 80. Geburtstag finden von Amerika über Europa nach Russland, die Ukraine und Japan zahlreiche Konzerte statt: Gidon Kremer spielt Widmung, Vladimir Jurowski dirigiert die 3. Sinfonie, Roman Kofman die 5. und 7. Sinfonie, John Storgårds die 8. Sinfonie; in Weimar wird am 14. Januar 2018 das Violinkonzert (2016) mit dem Stargeiger Valeriy Sokolov uraufgeführt. Namhafte Pianisten, Kammermusiker und Chöre sowie eine Konferenz in Moskau schließen sich dem Reigen der Jubiläumsfeierlichkeiten an.

Sowohl in seiner frühen avantgardistischen Schaffensperiode als auch nach seiner stilistischen Kehrtwende in den 70er Jahren hat Silvestrov seine Eigenständigkeit bewahrt. In den letzten Jahrzehnten verzichtete er auf die konventionellen Kompositionstechniken der Avantgarde und fand zu einem mit dem westlichen "Postmodernismus" vergleichbaren Stil, den er "Meta-Musik" bzw. "metaphorische Musik" nennt.

Von allen Übersetzungsmöglichkeiten des griechischen Präfixes meta (nach/post-, über/supra-, hinter/ultra-, außer/extra-, etc.) bevorzugt Silvestrov "über" oder "hinter". Er betrachtet Metamusik als "einen semantischen Oberton über der Musik". In gewisser Weise steht Metamusik auch für einen universellen Stil (ein Begriff, den Silvestrov seit langem verwendet) und eine universelle Sprache. Er versteht sie als "ein allgemeines 'Wörterbuch', das niemandem gehört, aber das jeder auf seine Weise benutzen kann."

Sein Oeuvre weist eine Affinität zum Fin-de-siècle auf, insbesondere zu Gustav Mahler, mit dem Silvestrov oftmals verglichen wird. Der Unterschied zu damals besteht darin, dass der Wortschatz heutiger Tonkünstler unbegrenzt ist. Diese Grenzenlosigkeit zwingt die Komponisten, nach der verloren gegangenen ontologischen Bedeutung von Musik als Kunst zu suchen. Für Silvestrov ist die Melodie eine wesentliche Voraussetzung für das Überleben von Musik – eine Ansicht, die ungeachtet seiner jeweiligen Schaffensperiode die lyrische Basis seiner Kunst unterstreicht. Dass er die Melodie in einem umfassenderen Sinn betrachtet, zeigt sich in Silvestrovs Vokalmusik, die eine besondere Rolle in seinem Schaffen spielt. Silvestrov hat zwei große und viele kleinere Liederzyklen nebst einzelnen Vokalstücken und Kantaten, meist auf Texte klassischer Dichter, komponiert. Seine Haltung zur Poesie ist geprägt von dem Gedanken, die ihr innewohnende Musikalität nicht zu stören und sich ihr so weit wie möglich unterzuordnen.

"Poesie … ist die Rettung des Wichtigsten, nämlich der Melodie als einem ganzheitlichen und unentbehrlichen Organismus. Entweder es gibt diesen Organismus oder es gibt ihn nicht. Ich glaube, dass Musik – auch wenn sie nicht 'gesungen' werden kann – dennoch Gesang ist; keine Philosophie, kein Weltbild, sondern Gesang der Welt über sich selbst und ein musikalisches Zeugnis des Seins." Genau dieser Ansatz bestimmt auch Silvestrovs Instrumentalmusik, die immer von großer logischer und melodischer Spannung durchdrungen ist.

Seit 2001/02 beschäftigt sich Silvestrov erneut mit kleinen Formen und "reinen" Melodien. Es entstanden zahllose Zyklen ("Familien", "Kolonien") für verschiedene, kleine Besetzungen (allein bis 2021 über 320 Zyklen für Klavier): Walzer, Wiegenlieder, Postludien, Nocturnes, Barkarolen, Pastoralen, Serenaden. Die kurzen Stücke bezeichnet Silvestrov als "Bagatellen", in deren Mittelpunkt allein die Melodie steht und in denen er den "melodischen Augenblick", aufblitzende Intonationen, Rufe, Motive einzufangen und festzuhalten versucht, ohne diese thematischer Arbeit zu unterziehen.

Seit 2005 widmete sich Silvestrov nach längerer Pause auch wieder vermehrt der Chormusik, insbesondere der geistlichen, die jedoch nicht für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt ist.

Während der politischen Unruhen in der Ukraine hat Silvestrov mit "musikalischen Mitteln" für sein Land gekämpft und zahlreiche Chöre, "Majdan-Hymnen" und "Gebete für die Ukraine" komponiert.

In den pandemie-bedingten Lockdown-Zeiten hat Silvestrov zahlreiche neue Super-Zyklen aus seinen früheren „Bagatellen-Familien“ sowie aus Vokal- und Instrumentalkompositionen zusammengestellt, darunter mehrere „Kantaten“ für Sopran, Klavier, Harfe und Streicher sowie einen Komplex „Lieder ohne Worte“ – frühere Lieder, in denen nun Violine oder Violoncello die Gesangsstimme übernehmen.

Auch pandemie-bedingt konnte die Welturaufführung seiner fünfsätzigen 9. Sinfonie (2019) erst im Juli 2022 in Jerewan stattfinden.

Auf Druck seiner Familie und mit Hilfe von Freunden ist Silvestrov im März 2022, nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, mit seiner Tochter und Enkelin nach Berlin geflohen, wo er zurzeit lebt.

Werkliste

Chronologie

1937
Geboren am 30. September in Kiew
1942
Beginn seiner Beschäftigung mit Musik (autodidaktisch)
1955-58
Besuch einer Abendmusikschule, erste Kompositionen, gleichzeitig Studium am Kiewer Institut für Ingenieur- und Bauwesen
1958-64
Studium am Kiewer Konservatorium, Komposition bei Boris Ljatoschinski und Kontrapunkt bei Lew Rewuzki
Ende 50er/Anfang 60er Jahre
Führender Vertreter der "Kiewer Avantgarde"
seit 1963
Einige Jahre Lehrer an einem Kiewer Musikstudio
1967
Preis der Koussevitzky Music Foundation u.a. für seine 3. Sinfonie "Eschatophonie"
Ende der 60er Jahre
Ausschluss aus dem Komponistenverband der UdSSR
1970
Ehrentitel beim internationalen Gaudeamus-Wettbewerb für sein Werk "Hymne" (1967)
seit 1970
Freischaffender Komponist
1989
Volkskünstler der Ukrainischen SSR
1995
Shevchenko-Staatspreis der Ukraine
1996
Der Tod seiner Frau Larissa führt zu deutlichem Einschnitt in seinem kompositorischen Schaffen.
1997
Verleihung des ukrainischen Verdienstordens 3. Klasse
1998-99
Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD
2004
Erwerb von seinen Manuskripten und einem Teil seines Archivs durch die Paul Sacher Stiftung
2004
Orden "Für intellektuelle Tapferkeit"
seit 2005
Erneute Zuwendung zur Chormusik
2008
Film "Dialoge" von Dorian Suspin über den Komponisten Valentin Silvestrov (Minor Film in Koproduktion mit ZDF und arte)
2011
Ehrendoktortitel der Nationalen Universität Kiew-Mohlya-Akademie
2022

Flucht aus der Ukraine und Exil in Berlin

2022

Cremona Music Award

2022

OPUS Klassik für das Lebenswerk

2022

Schostakowitsch-Preis der Internationalen Schostakowitsch Tage in Gohrisch

________

Composer in residence: Lockenhaus (Deutschland, 1990), Staatskapelle Weimar (Deutschland, Spielzeit 2017/18), Pannohalma (Ungarn, 2007), Nostalgia Festiwal Poznán (Polen, 2009), Klangspuren Schwaz (Österreich, 2013), Davos-Festival young artists in concert (Schweiz, 2016), Unheard Music Festival Den Haag (Niederlande, 2017)

Einteilung von Schaffensperioden nach Silvestrov: 1960-1963 „dodekaphonische“ Periode, 1964-1969 „avantgardistische“ Periode, 1970-1973 verschiedene stilistische Systeme je nach „Wesenseinheit“, 1974-1989 „metaphorischer“ Stil, seit 1990 Vorstellung einer „Metamusik“, Suche nach einem „universalen Stil“, seit 2001/02 Konzentration auf kleine, verschieden besetzte Gattungen sowie Chormusik a cappella

Artikel

Aufführungen

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    Der Bote – 1996
    12. Februar 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
  • Gebet für die Ukraine
    Gebet für die Ukraine
    Dirigent: Jerzy Dybał
    Orchester: Słobożańska Młodzieżowa Akademicka Orkiestra Symfoniczna
    23. Februar 2023 | Warszawa (Polen) , Teatr Wielki Opera Narodowa
  • Gebet für die Ukraine
    Gebet für die Ukraine
    Dirigent: Andrzej Kosendiak
    Orchester: NFM Filharmonia Wrocławska
    24. Februar 2023 | Wrocław (Polen) , Narodowe Forum Muzyki im. Witolda Lutosławskiego
  • Elegie
    Elegie
    Dirigent: Juha Kangas
    Orchester: Keski-Pohjanmaan Kamariorkesteri (Ostrobothnian Chamber Orchestra)
    24. Februar 2023 | Kokkola (Finnland) , Kirkko
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    Klavierwerke
    1. März 2023 | Montreal (Kanada) , Chapelle historique de Bon Pasteur
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    4. März 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
  • Gebet für die Ukraine
    Gebet für die Ukraine
    Dirigent: Dieter Baran
    Orchester: Concertino Offenburg
    5. März 2023 | Offenburg (Deutschland)
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    10. März 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
  • Gebet für die Ukraine
    Gebet für die Ukraine
    Dirigent: Joanna Korzinek
    Orchester: Reigate Grammar School
    15. März 2023 | London (Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland) , Queen Elizabeth Hall
  • Stille Musik
    Stille Musik
    Dirigent: Daniel Hope
    Orchester: Zürcher Kammerorchester
    21. März 2023 | New Brunswick, NJ (Vereinigte Staaten von Amerika) , State Theatre New Jersey
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    Dirigent: Alexander Liebreich
    Orchester: Filharmonie Brno
    23. März 2023 | Brno (Tschechische Republik) , Besední dům
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    Dirigent: Alexander Liebreich
    Orchester: Filharmonie Brno
    24. März 2023 | Brno (Tschechische Republik) , Besední dům
  • Stille Musik
    Stille Musik
    Dirigent: Jürgen Bruns
    Orchester: Kammersymphonie Berlin
    27. März 2023 | Berlin (Deutschland) , Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal
  • Stille Musik
    Stille Musik
    Dirigent: Daniel Hope
    Orchester: Zürcher Kammerorchester
    31. März 2023 | Troy, MI (Vereinigte Staaten von Amerika) , Savings Bank Music Hall
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    4. April 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    6. April 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
  • Der Bote – 1996
    Der Bote – 1996
    3. Mai 2023 | Oldenburg (Deutschland) , Staatstheater, Großes Haus
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