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Um die Mitte der 1930er Jahre hatte der 1901 in Prag geborene Hans, bzw. Hanuš Winterberg seinen Stil gefunden, dem er bis zum Ende seines Lebens treu bleiben würde, der eine einzigartige aber für die tschechische Moderne nicht untypische Symbiose aus unterschiedlichen Einflüssen darstellte: die Zweite Wiener Schule, vermittelt durch seinen Lehrer Alexander Zemlinsky, der französische Impressionismus und, im Laufe der Zeit immer mehr hervortretend, die folkloristisch inspirierte, rhythmisch dominierte Musik Leoš Janáčeks. Viel Zeit, eine Karriere aufzubauen, blieb Winterberg nicht, denn spätestens ab März 1939 nach der Annexion der sogenannten „Resttschechei“ durch Nazideutschland war ihm, als Juden, jegliche berufliche Tätigkeit untersagt. Ab 1941 als Zwangsarbeiter ausgebeutet, entging er der Deportation nach Theresienstadt und dem Tod in Auschwitz wohl nur durch den Schutz durch die Ehe mit der angesehenen „sudetendeutschen“ Pianistin Maria Maschat. Die Handschrift der wenigen in der Zeit des Krieges entstandenen Kompositionen zeugen von der existentiellen Not, in der sie entstanden sind, aber auch von dem ungeheuren geistigen Widerstand ihres Schöpfers. Die hier erstmals herausgegebene Suite für Klarinette und Klavier von 1944 ist nicht nur ein substantieller Beitrag zur Klarinettenliteratur, sondern auch ein einzigartiges Dokument künstlerischer Selbstbehauptung.
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Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
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Hans Winterberg, 1901 als Spross einer seit Jahrhunderten in Prag ansässigen jüdischen Familie geboren, studierte bei Alexander von Zemlinsky und Alois Hába. Bis zur Annexion der Tschechoslowakischen Republik durch Nazideutschland 1939 wirkte er als Dirigent, Pianist und Komponist. Anders als seine Freunde und Kollegen Viktor Ullmann, Hans Krása und Gideon Klein überlebte er die Shoah durch eine Reihe von Wundern. 1945 siedelte er nach München über, wo er eine vielversprechende zweite Karriere begann. Als Vertreter einer gemäßigten Avantgarde sah er sich seit den späten 1960er Jahren mehr und mehr ins Abseits gedrängt. Nach seinem Tod 1991 geriet sein künstlerischer Nachlass in einem deutschen Musikarchiv unter Verschluss und, da zu seinen Lebzeiten kein Werk veröffentlicht worden war, in Vergessenheit. Boosey & Hawkes bringt seit 2023 Winterbergs Kammermusik in einem außergewöhnlichen Editionsprojekt als Erstausgaben heraus in Kooperation mit dem Exilarte Forschungszentrum der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie offenbaren Musik von einzigartigem Reiz, in der Einflüsse Janáčeks, der Zweiten Wiener Schule und des französischen Impressionismus zu einem originellen und aufregenden Personalstil amalgamiert sind.
Im Anschluss an die Kammermusik wird sich das Editionsprojekt den Erstausgaben von Winterbergs Klavierwerken und Liedern widmen.