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Hans Winterbergs vier Streichquartette entstanden über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten zwischen 1936 und 1961 und reflektieren die vier Etappen seiner bewegten Biografie. Das erste komponierte er in den vermutlich glücklichsten Momenten seines Lebens in seiner Geburtsstadt Prag, das zweite unter größten Entbehrungen im schrecklichen Kriegsjahr 1942, das dritte 1957 in einer Phase großer kompositorischer Erfolge in seiner Wahlheimat München, das vierte in einem Augenblick erneuter Zweifel und Unsicherheit, als sich eine junge Generation von Komponisten in Europa vehement durchsetzte, die mit allen Traditionen brach, weil sie sie für obsolet und durch den Faschismus für korrumpiert hielt. Winterberg, ein Überlebender der Shoah, brach mit der Vergangenheit nicht, versuchte in seinem Komponieren vielmehr die tschechisch-deutsch-jüdische Kultursymbiose nach dem Krieg weiterzuleben. Das vierte Quartett markiert den Beginn einer neuen Schaffensphase, in der es ihm gelang, die höchst unterschiedlichen Einflüsse, die ihn prägten – die böhmisch-mährische, folkloristisch inspirierte Tradition in der Nachfolge Janáčeks und die Errungenschaften der Zweiten Wiener Schule, vermittelt durch seinen Lehrer Alexander Zemlinsky – zu einem homogenen, rhythmisch pointierten und expressiven Spätstil zu amalgamieren.
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Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
Turning Points - Episode 2: Hans Winterberg
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Hans Winterberg, 1901 als Spross einer seit Jahrhunderten in Prag ansässigen jüdischen Familie geboren, studierte bei Alexander von Zemlinsky und Alois Hába. Bis zur Annexion der Tschechoslowakischen Republik durch Nazideutschland 1939 wirkte er als Dirigent, Pianist und Komponist. Anders als seine Freunde und Kollegen Viktor Ullmann, Hans Krása und Gideon Klein überlebte er die Shoah durch eine Reihe von Wundern. 1945 siedelte er nach München über, wo er eine vielversprechende zweite Karriere begann. Als Vertreter einer gemäßigten Avantgarde sah er sich seit den späten 1960er Jahren mehr und mehr ins Abseits gedrängt. Nach seinem Tod 1991 geriet sein künstlerischer Nachlass in einem deutschen Musikarchiv unter Verschluss und, da zu seinen Lebzeiten kein Werk veröffentlicht worden war, in Vergessenheit. Boosey & Hawkes bringt seit 2023 Winterbergs Kammermusik in einem außergewöhnlichen Editionsprojekt als Erstausgaben heraus in Kooperation mit dem Exilarte Forschungszentrum der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie offenbaren Musik von einzigartigem Reiz, in der Einflüsse Janáčeks, der Zweiten Wiener Schule und des französischen Impressionismus zu einem originellen und aufregenden Personalstil amalgamiert sind.
Im Anschluss an die Kammermusik wird sich das Editionsprojekt den Erstausgaben von Winterbergs Klavierwerken und Liedern widmen.