Simplicius
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Spätestens seit der Arbeit am „Zigeunerbaron“ verspürte Strauss den Wunsch, eine Oper zu komponieren. War die Idee im Jahr 1885 noch an der Ablehnung seitens des Theaters gescheitert, ließ sich der Operettenkönig bei der Arbeit am „Simplicius“ nicht mehr beirren.
Dem literarisch bemerkenswerten Anti-Kriegs-Libretto von Victor Léon folgend, das seinerseits auf dem barocken Roman von Grimmelshausen basiert, schuf Johann Strauss eine hochromantische Oper. Die spannungsgeladene Musik führt mit ihren zahlreichen Melodramen und so elegischen wie dramatischen Szenen die Zuhörerschaft trotz des einen oder anderen Walzers weitab vom gewohnten Pfad Strauss’scher Operetten.
Die Geschichte des unschuldigen Jünglings, der von einem Tross verwilderter Soldaten grausam aus der Einsamkeit des Waldes entführt wird, bildet die Basis für eine tiefenpsychologisch durchdrungene Handlung. Dabei dienen die nebenherlaufenden Liebesgeschichten und komischen Extempores als notwendiger Kontrast, um die Abgründe des Kriegshandwerks umso deutlicher aufzuzeigen.
Die Friedenssehnsucht des Titelhelden, der in seiner Naivität Soldaten anfänglich noch für Teufel hält, wandelt sich als Folge der Repressionen mit der Übernahme der Charaktereigenschaften seiner Peiniger, wobei Simplicius schließlich seine Vorbilder an Skrupellosigkeit noch übertrifft.
Was könnte aktueller sein als die Demaskierung menschenverachtender Kriegsrhetorik, was könnte uns mehr berühren als exerzierende Kindersoldaten und der Alkoholsucht verfallene Reiterjungen, denen längst jedes Gefühl für die Grenze zwischen Spiel und Realität abhandengekommen ist.
Die aufwühlende Dramatik von Musik und Handlung konnte den Besuchern eines Operettentheaters im Jahr 1887 offenbar noch nicht zugemutet werden, weshalb Strauss und Léon unter dem Druck der Öffentlichkeit mit zwei grundlegenden Umarbeitungen zuerst 1889 und dann nochmals 1894 versucht haben, daraus durch Streichung der meisten dramatischen Szenen doch noch eine Operette zu gestalten. Diese auch in den letzten Jahrzehnten gelegentlich aufgeführte Fassung fokussiert die Geschichte jedoch auf die ursprünglichen Nebenhandlungen und überdeckt damit die massive Kritik an Krieg, Folter und Unterdrückung, aus welcher das Werk ursprünglich entstanden war.
Die Strauss Edition Wien legt das Werk in zwei Bänden vor. Die „Romantische Oper Simplicius“ mit den Fassungen A (Urfassung 1887) und B (Fassung der Uraufführung 1887) wird in Band I publiziert, während Band II die „Operette Simplicius“ mit den Fassungen C (Budapester Aufführung 1889) und D (Wiederaufnahme im Theater an der Wien 1894) enthält.
Von der bereits in der Probenzeit verworfenen Urfassung sind etwa 20 Prozent unwiederbringlich verloren, doch die Fassung der Uraufführung als Romantische Oper kann dank der Wiederentdeckung einer verschollen geglaubten Primärquelle rekonstruiert und vollständig publiziert werden.
Damit steht einer Aufführung dieses seit 1887 nie wieder aufgeführten Werkes, der einzigen vollendeten romantischen Oper von Johann Strauss, bald nichts mehr im Wege.
Editorische Notiz
Zu jenen Werken, die noch nicht im Rahmen der kritischen Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe erschienen sind, werden die Klavierauszüge und Textbücher in einer Reprint-Serie aufgelegt:
Auch wenn das in der Funktion als Ansichtsmaterial gerade noch genügen kann, einen einigermaßen befriedigenden Eindruck vom Inhalt und Gestus des Werkes, vom jeweiligen Umgang mit der Sprache und der Gewichtung zwischen Musik und Dialogen zu vermitteln, stellt es doch einmal mehr die Notwendigkeit einer verlässlichen wissenschaftlich kritischen Ausgabe mit Differenzierung und Darstellung aller Fassungen unter Beweis, wie sie von der Strauss Edition Wien Zug um Zug auch für diese Werke erarbeitet wird.
Zuverlässigkeit:
Alle in der Serie der Reprint-Ausgaben als Ansichtsexemplare publizierten Textbücher erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, Fehlerlosigkeit oder gar wissenschaftlich belastbare Informationen.
Aufführungsmaterial:
Zu den in der Reprint-Serie vorgestellten Bühnenwerken kann bei entsprechender Nachfrage und in einem angemessenen Zeitrahmen auch Aufführungsmaterial angeboten werden.