Anton Bruckner, österreichischer Komponist, bedeutender Sinfoniker der Spätromantik.
Leben: stammte aus ländlich-engen Verhältnissen und fand nach dem Tod des Vaters, eines Schulmeisters, 1837 als Singknabe Aufnahme im Stift Sankt Florian. 1840 ging er zur Vorbereitung auf den Lehrerberuf nach Linz und nahm Unterricht in Harmonielehre. Als Schulgehilfe in Windhaag bei Freistadt (Mühlviertel), in Kronstorf bei Steyr und als Hilfslehrer in Sankt Florian bildete er sich zunächst im Orgel- und Klavierspiel, dann auch in der Kompositionslehre weiter und war 185055 Organist in Sankt Florian. 1855 übernahm er die Stelle des Domorganisten in Linz. Bis 1861 nahm Bruckner von hier aus Theorieunterricht bei Simon Sechter in Wien und beschäftigte sich danach mit Formenlehre und Instrumentation bei Otto Kitzler (*1834, 1915) in Linz, durch den er auch die Werke Wagners kennen lernte, den er später wiederholt in Bayreuth aufsuchte. 1868 wurde Bruckner Professor für Generalbass, Kontrapunkt und Orgel am Konservatorium in Wien. Konzertreisen nach Nancy, Paris und London (Weltausstellung 1871) und in die Schweiz verbreiteten seinen Ruhm als Orgelvirtuose und Improvisator. 1875 übernahm er ein Lektorat für Harmonielehre und Kontrapunkt an der Wiener Universität und 1878 das Amt des Hoforganisten; 1891 wurde er zum Ehrendoktor der Universität ernannt. Wegen seiner Verehrung für Wagner, dem er seine 3.Sinfonie widmete, wurde Bruckner in den Streit der Parteien der »Traditionalisten« und der »Neudeutschen« gezogen, was sein Verhältnis zu Brahms stark belastete, obwohl sich beide jeder Polemik enthielten.
Werk: Bruckners Schaffen konzentrierte sich gleicherweise auf die Kirchenmusik wie auf die Sinfonik. Verhältnismäßig spät, mit der Messe d-Moll (1864), gelang ihm der Durchbruch zu stilistisch eigenständigem Schaffen (alle früher entstandenen Werke hat er selbst später nicht mehr anerkannt). Die allgemeine Anerkennung als Komponist wurde ihm jedoch erst nach der Aufführung seiner 7.Sinfonie (1884 unter Arthur Nikisch) zuteil (die 6. und die 9.Sinfonie wurden erst nach seinem Tod uraufgeführt).
In der tektonischen Anlage seiner Sinfonien geht Bruckner von der klassischen Viersätzigkeit aus und folgt hierin, wie auch in der Thematik und motivischen Arbeit, dem Beispiel Beethovens, während Harmonik und Instrumentation vom intensiven Studium der Opern Wagners bestimmt sind. Andere Einflüsse gingen von Schubert und auch der geistlichen Musik des 16. und 17.Jh. aus. Die chorisch blockhafte Behandlung des Orchesters, der »Registerwechsel«, ist am Orgelspiel orientiert. Seine drei großen Messen sind Bekenntniswerke in der Nachfolge von Beethovens »Missa solemnis«; im »Te Deum« erreicht Bruckner höchste Steigerung mit elementaren musikalischen Mitteln. Aus der gleichen inneren Einstellung komponierte er seine durch geistige Einheitlichkeit und monumentale Ausweitung gekennzeichneten Sinfonien (mit drei Themen in den Hauptsätzen und zusätzlichem Bläserchoral, von der fünften an v.a. im Finale). Allen Werken eignen harmonische Kühnheiten, große Steigerungswellen und eine rhythmische Energie, die u.a. in den oft vom oberösterreichischen Volkstanz beeinflussten Scherzi hervortritt, ebenso die kontrapunktische Verarbeitung der Themen, am weitesten geführt in der Doppelfuge des Finales der 5.Sinfonie. Durch die von einem prägnanten Motiv ausgehende Themenerfindung und -verarbeitung erhalten auch Exposition und Reprise den Charakter von Durchführungen. Einen stärkeren Zusammenhalt innerhalb der Sinfonien strebte er durch thematische Verknüpfung im ersten und vierten Satz an. Das Adagio erhielt eine eigene Ausprägung (besonders bekannt geworden das der 7.Sinfonie mit der Trauermusik auf Wagners Tod). Bruckner hat seine Werke immer wieder umgearbeitet, einerseits um sie zu vervollkommnen, andererseits um sie aufführbar zu machen, wobei er stets den Änderungsvorschlägen der Dirigenten nachgab (seit der zweiten waren seine Sinfonien für unspielbar erklärt worden). Der Wiederherstellung der ursprünglichen Fassungen, die Bruckner ausdrücklich für spätere Zeiten bewahrt wissen wollte, ist die von der Bruckner-Gesellschaft herausgegebene Gesamtausgabe gewidmet.
Werke:
Instrumentalwerke: Sinfonie f-Moll (1863); Sinfonie Nr.0 d-Moll (1863/64, Neufassung 1869); Sinfonien Nr.1 c-Moll (1865/66, Neufassung 1877, 1884, 1889/90 und 1890/91), Nr.2 c-Moll (1871/72, Neufassung 1875/76, 1877 und nach 1891), Nr.3 d-Moll (1873, Neufassung 1874, 1876/77, 1888/89 und 1890), Nr.4 Es-Dur (1874, Neufassung 1877/78, 187880 und 1887/88), Nr.5 B-Dur (1875/76, Neufassung 187678), Nr.6 A-Dur (187981), Nr.7 E-Dur (188183), Nr.8 c-Moll (188487, Neufassung 1889/90) und Nr.9 d-Moll (188796, unvollendet); Streichquintett F-Dur (1879).
Vokalwerke: Messe C-Dur (1842); Choralmesse für den Gründonnerstag (1844); Requiem d-Moll (1848/49); Magnificat (1852); Missa solemnis b-Moll (1854); Messe Nr.1 d-Moll (1864, Neufassung 1876); Messe Nr.2 e-Moll (1866, Neufassung 1882); Messe Nr.3 f-Moll (1867/68, Neufassung 1877, 1881 und 189093); Te Deum (188184).
Motetten: Locus iste (um 1869), Os justi (1879), Christus factus est (1884 oder 1869), Ecce sacerdos (1885), Virga Jesse (1885), Vexilla regis (1892), 150.Psalm (1892).